Unruhe an der Hertie School: Designierter Präsident sagt ab, BDS-Streit bringt Studierendenvertretung in Bedrängnis

Ab April hätte Jan-Werner Müller übernehmen sollen, doch er sagte „last minute“ ab. Noch-Präsidentin Cornelia Woll soll offenbar nicht einspringen – und muss in ihren letzten Amtstagen mit einer BDS-Resolution der Studierendenvertretung umgehen.

11. März 2026
Absage an die Hertie School „aus persönlichen Umständen“: Jan-Werner Müller, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Princeton. (Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin)
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Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller wird doch nicht Präsident der Hertie School. Der Princeton-Professor, der als personeller Neustart an der Hochschule gehandelt wurde, hat aus persönlichen Gründen abgesagt. Das geht aus einer internen Nachricht von Helge Braun hervor, der die Findungskommission für die Präsidentschaftswahl an der Hochschule leitet. Wörtlich heißt es in der Mail, die bereits am 5. März an einen internen Hertie School-Verteiler verschickt wurde: „Anfang dieser Woche erhielten wir die Nachricht, dass unser gewählter Präsident, Professor Jan-Werner Müller, aufgrund persönlicher Umstände sein Amt nicht antreten wird.“

Damit steht die Berliner Hochschule erneut vor einer offenen Führungsfrage – und vor der Aufgabe, einen bereits zuvor konfliktreichen Auswahlprozess neu zu starten. Offen räumt Braun deshalb in der Mail ein, dass das Ergebnis „nach einem langwierigen Auswahlverfahren und dem Engagement der Hertie-Gemeinschaft eine Enttäuschung“ sei. Aus Hochschulkreisen erfuhr Table.Briefings, dass Jan-Werner Müller als Grund ein Dual-Career-Problem angegeben hat. Seine Frau, ebenfalls Princeton-Professorin, hat demnach keine adäquate Position in Deutschland gefunden. Eine offizielle Anfrage von Table.Briefings beantwortete Müller bislang nicht.

Helge Braun kündigte an, dass das Findungskomitee bereits zusammengetreten sei und in den kommenden Wochen einen neuen Vorschlag unterbreiten werde. Man sei zuversichtlich, dass man dem Akademischen Senat einen starken Kandidaten oder eine starke Kandidatin vorstellen könne. Noch im Herbst hatte sich der Akademische Senat der Hochschule für Müller als neuen Präsidenten ausgesprochen. Brisant an der Absage ist, dass die Hertie School schon in der nächsten Woche ohne Führung dastehen könnte.

Der Vertrag der amtierenden Präsidentin Cornelia Woll läuft in dieser Woche aus – nach vierjähriger Amtszeit. Nach Informationen aus Hochschulkreisen lehnte die Trägerin der Hochschule, die gemeinnützige Hertie-Stiftung, eine Vertragsverlängerung mit Woll jedoch ab – auch nach der Absage von Müller. Die Hertie School bestätigte auf Anfrage von Table.Briefings das Aus von Müller und auch das Ende der Amtszeit von Woll zum 14. März. „Die mit der Organisation der Präsidentenwahl beauftragte Findungskommission wird dem Akademischen Senat eine neue Kandidatin oder Kandidaten zur Wahl vorschlagen“, heißt es in der Mitteilung weiter.

Woll wollte sich zu ihrer aktuellen vertraglichen Situation nicht äußern. „Meine Bereitschaft, die Interimszeit zu übernehmen, habe ich fortweg in allen Gremien bestätigt und diese Haltung habe ich auch nicht geändert“, teilt die amtierende Präsidentin der Hertie School mit. Die Findungskommission hatte sie im ursprünglichen Auswahlverfahren nicht für die finale Kandidatenliste nominiert. Begründet wurde dies damals mit internen Konflikten, während Teile der Hochschulgemeinschaft die Entscheidung als schwer nachvollziehbar kritisierten.

Da die Präsidentschaft aber in den Händen der Hochschulgremien ist, müssen nun Findungskommission und akademischer Senat unter Zeitdruck eine neue – vielleicht auch zunächst interimistische – Lösung finden. Gleichzeitig müssen sie auf eine längerfristige Lösung hinarbeiten und den Auswahlprozess zügig über die Bühne bringen. Bereits am 16. März sollen nach Informationen von Table.Briefings Hertie School-Aufsichtsrat und -Kuratorium zusammenkommen. Für die Hertie School bedeutet die neuerliche Präsidentensuche nicht nur eine personelle Lücke, sondern auch die Fortsetzung einer Debatte über Governance und Transparenz bei der Auswahl ihrer Führung.

Parallel zur Absage Müllers steht die Hertie School nun wohl auch vor einer Neubesetzung ihrer Studierendenvertretung. Binnen einer Woche hat sich die Kontroverse um eine Pro-BDS-Resolution der Hertie Student Representation (HSR) derart verschärft, dass derzeit infolge eines Misstrauensantrags über die Abwahl der HSR-Vertreter abgestimmt wird. Ende dieser Woche wird sich zeigen, ob das Gremium neu gewählt werden muss. Derweil ist die 16-köpfige HSR bereits geschrumpft: Am Dienstag traten die vier Doktoranden-Vertreter, die bei der Abstimmung nicht dabei gewesen waren, aus Protest aus. Kurz danach gab es weitere Rücktritte.

Die von der HSR beschlossene Resolution unterstützt die Kampagne Boycott, Divest and Sanction (BDS), die dazu aufruft, den jüdischen Staat Israel akademisch, kulturell und wirtschaftlich zu boykottieren. In der Resolution fordert die HSR Desinvestition von Hertie-Studierendenfonds aus Organisationen, „die sich an Menschenrechtsverletzungen in den besetzten palästinensischen Gebieten mitschuldig machen“.

Die Hochschulleitung verwahrte sich umgehend gegen die am 5. März veröffentlichte Resolution. „Als Hochschule stehen wir in keiner Verbindung zur BDS und distanzieren uns aufs Entschiedenste von jeglichen antisemitischen Positionen, die mit dieser Bewegung in Verbindung stehen“, erklärte Woll. Sie kritisierte überdies, dass darüber elf gewählte Vertreter im Namen von 850 Studierenden abgestimmt hatten (in der Sitzung waren zwölf HSR-Mitglieder anwesend, eine Person enthielt sich).

Auch unter den Studierenden ist die Resolution umstritten, manche fühlen sich vereinnahmt. Die neu formierte Gruppe „Hertie Students for an Open University“ initiierte das Misstrauensvotum. Bei einer Vollversammlung am gestrigen Mittwoch hat man sich nun hochschulintern ausgesprochen. Wie Table.Briefings erfuhr, erkannte die HSR an, dass die Studierendenschaft bei dem Thema gespalten sei und kündigte an, aus dem Geschehenen lernen zu wollen. Betont wurde jedoch auch: „Die Hertie-Stiftung sollte absolut kein Mitspracherecht in Bezug auf die Position einer Studierendenvertretung haben.“

Unabhängig vom Inhalt der Resolution ist für Beobachter in diesem Fall der Umgang mit der akademischen Selbstverwaltung ein Thema. Als kritikwürdig gilt etwa, wie sich die Hertie-Stiftung in den Vorgang eingeschaltet hat. In einem via Linkedin veröffentlichten Statement erklärte die Vorstandsvorsitzende Annette Schavan der Trägerstiftung, der Aufruf der studentischen Vertretung stelle einen „eklatanten Mandatsmissbrauch“ dar.

Schavan forderte die Einberufung einer Vollversammlung und „die Klärung der Frage, wieso ein studentisches Vertretungsgremium ohne entsprechende Beratungen und Abstimmungen mit den derzeit rund 850 Studierenden einen Aufruf veröffentlichen kann, der die Solidarität mit einer Organisation fordert, die vom Verfassungsschutz als extremistischer Verdachtsfall eingestuft ist“.

Auch die Aufforderung der Hochschulleitung, die Resolution zurückzunehmen und sicherzustellen, dass sie aus Veröffentlichungen entfernt wird, stößt auf Kritik. Der HSR empfindet das als Versuch, die akademische Freiheit und die studentische Autonomie einzuschränken, und verweist auf das Hochschulrahmengesetz. Fakt ist jedoch auch, dass die Wahlbeteiligung, wie ein Sprecher der Hertie School mitteilt, bei der Wahl der HSR im Jahr 2025 bei nur 18 Prozent lag.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026