Interne Konflikte an der Hertie School: Warum Präsidentin Cornelia Woll nicht zur Wiederwahl antreten darf

Die Hertie School belässt es bei einer Amtszeit der aktuellen Präsidentin Cornelia Woll. Eine Findungskommission unter Leitung von Helge Braun ließ sie nicht zur Wiederwahl zu. Unter anderem, weil der Gemeinschaftsgeist abhandengekommen sei. Wer nun zur Wahl steht.

29. Oktober 2025
Cornelia Woll hätte sich gern für eine zweite Amtszeit als Präsidentin der Hertie School in Berlin beworben, wurde aber von der Findungskommission aus dem Rennen genommen.
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An der Berliner Hertie School bahnt sich ein ungewöhnlicher Führungswechsel an. Nach Informationen von Table.Briefings wird Präsidentin Cornelia Woll nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren dürfen. Eine Findungskommission unter Leitung des Kuratoriumsvorsitzenden Helge Braun, Präsident der Universität Lübeck, hat offenbar entschieden, sie nicht zu den Presidential Senate Hearings am 5. November einzuladen. Damit ist ihre Wiederwahl faktisch ausgeschlossen.

Wer die beiden verbleibenden Kandidaten sind, teilte Braun am Mittwochnachmittag in einer E-Mail an die Community der Hertie School mit. Demnach sind in der Endrunde um das Präsidentenamt zum einen Andrea Römmele, derzeit Dekanin und Professorin für Kommunikation in Politik und Zivilgesellschaft an der Hertie School, zum anderen der externe Bewerber Jan-Werner Müller, der an der Princeton University in den USA Politische Theorie und Ideengeschichte lehrt.

Anhaltende Konflikte. In dem Schreiben, das Table.Briefings vorliegt, heißt es, die Findungskommission habe die aktuelle Situation der Hertie School sorgfältig untersucht. Braun benennt die Verdienste der amtierenden Präsidentin und dankt ihr für den leidenschaftlichen Einsatz. Doch er erwähnt auch, dass es „anhaltende Konflikte zwischen verschiedenen Interessengruppen innerhalb der Hertie School“ gebe. Diese verhinderten, dass die Schule ihr volles Potenzial ausschöpfen kann, es bedürfe einer positiven Lösung. „Und viele in der Hertie-Gemeinschaft vermissen den Gemeinschaftsgeist, für den unsere Institution so bekannt ist und der für unseren Erfolg von zentraler Bedeutung ist.“

Cornelia Woll hatte sich für eine zweite Amtszeit beworben, wie sie Table.Briefings bestätigt. „Die Entscheidung setzt meinem Wahlkampf ein brutales Ende.“ Sie sei überrascht, ihre Bilanz nicht hochschulweit verteidigen zu können, wo doch die Jahre ihrer Amtszeit unter vielen Aspekten als die erfolgreichsten der Hertie School gelten, sagt Woll. Als Begründung habe man ihr mitgeteilt, dass sie „nicht konsensfähig sei" und man ihr nicht zutraue, die Konflikte im Hause befrieden zu können, sagt Woll.

Dass diese Einschätzung zu einer amtierenden Präsidentin nicht den Hochschulgremien überlassen wird, bedauere sie sehr. Ihr Mandat endet im März 2026.

Dass die amtierende Präsidentin gar keine Chance bekommt, für ihre Wiederwahl zu werben, ist ungewöhnlich. Formell ist das Vorgehen aus Sicht der privaten Hochschule rechtmäßig. Erst in der Amtszeit von Cornelia Woll waren die Statuten dahingehend geändert worden, dass die Stelle nach jeder Amtszeit neu ausgeschrieben wird. Politisch und institutionell ist das Vorgehen bemerkenswert.

Die Hertie School will sich nicht zu dem laufenden Verfahren äußern. Ein Sprecher der Hochschule teilt lediglich mit: „Wir befinden uns momentan im Auswahlverfahren, das voraussichtlich bis Ende November abgeschlossen sein sollte, wenn alle relevanten Gremien der Hertie School abgestimmt haben und ein(e) Präsident/in offiziell gewählt ist. Während des Verfahrens kommunizieren wir weder Namen noch Zwischenstände, um das Verfahren nicht zu beeinflussen.“

Im Hintergrund ist in der Community von Spannungen mit Teilen der Fakultät die Rede. Woll habe in den vergangenen Jahren teils unpopuläre Konsolidierungsmaßnahmen umgesetzt, darunter Kürzungen bei Postdoc- und Promotionsstellen. Sie habe die Hochschule durch eine schwierige finanzielle Phase geführt, aber dabei möglicherweise nicht alle mitgenommen, heißt es. Auch von Unzufriedenheit mit der Kommunikation und Führungskultur ist zu hören.

Konfliktlinie mit der Stiftung. Zugleich könnte auch das Verhältnis zur Hertie-Stiftung, dem Hauptfinanzierer der Hochschule, ein ausschlaggebender Punkt sein. Unter Wolls Präsidentschaft wurden die jährlichen Zuwendungen neu verhandelt und teilweise reduziert. Insidern zufolge gab es unterschiedliche Vorstellungen über die künftige strategische Ausrichtung der Hertie School.

Ein Vertreter der Stiftung sitzt als beratendes, aber nicht stimmberechtigtes Mitglied in der Findungskommission. Ob von dort Signale ausgingen, die Entscheidung gegen Woll zu treffen, ist unklar.

Ein Faktor könnte auch die öffentliche Figur Cornelia Woll sein. Die amtierende Präsidentin hatte sich mal bewusst, mal unbewusst in aktuelle (forschungs-)politische Debatten eingemischt. Mit dem Vorschlag zu einem Meitner-Einstein-Programm für von Trump bedrohte US-Wissenschaftler erzeugte sie innerhalb der Community viel Zu- aber auch Widerspruch. Kritisiert wurde sie auch für eine Rede vor Absolventen. Dort hatte sie zum Gedenken an die Gaza-Opfer aufgerufen und den Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und damit die israelischen Opfer unerwähnt gelassen. Woll hatte sich dafür aber öffentlich entschuldigt.

Unter Wolls Führung hat die Hertie School in fast allen zentralen Kennzahlen zugelegt: Die Zahl der Studierenden stieg, das Volumen eingeworbener Drittmittel erreichte Rekordwerte, internationale Kooperationen wurden ausgebaut. Die Hochschule gewann an Sichtbarkeit in der internationalen Forschung – auch dank Wolls Kontakten zu renommierten Institutionen wie der Columbia University, der University of California in Berkeley oder europäischen Hochschulen und Wissenschaftsinstitutionen.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026