Kritik am Auswahlprozess der Hertie School: Was Studierende und Beschäftigte kritisieren

Nach dem Ausschluss der amtierenden Hertie School-Präsidentin Cornelia Woll von der aktuellen Präsidentschaftswahl kritisieren Studierende und Beschäftigte die Entscheidung. Die Hertie-Stiftung stellt sich derweil hinter den Findungskommissionsleiter Helge Braun.

03. November 2025
Helge Braun
Der Leiter der Findungskommission, die die amtierende Präsidentin der Hertie School, Cornelia Woll, nicht zur Wahl zugelassen hat: Helge Braun. (Tobias Koch)
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An der Hertie School regt sich Widerstand gegen den Ausschluss der amtierenden Präsidentin Cornelia Woll (Table.Briefings berichtete) von der möglichen Wiederwahl in ihr Amt. In zwei offenen Briefen an die Hochschulgemeinschaft, die Table.Briefings vorliegen, äußern sich Mitglieder der Hochschulgemeinschaft besorgt über die Transparenz und Integrität des laufenden Auswahlverfahrens.

Verwaltungsvertretung wirft Verantwortlichen Bruch von Versprechen vor. In einem Schreiben, das von Vertreterinnen und Vertretern der Verwaltung im Akademischen Senat initiiert wurde, heißt es, die Nichtberücksichtigung Wolls stehe „im Widerspruch zu früheren Zusagen“, wonach alle internen Kandidatinnen und Kandidaten in die engere Auswahl einbezogen werden sollten. Die Autoren des Briefs rufen die Findungskommission auf, die Entscheidung zu überdenken und Wolls Name in die Shortlist aufzunehmen.

Auch die Studierendenvertretung (HSR) kritisiert das Verfahren und weist auf ein strukturell tieferliegendes Problem hin: Den Studierenden sei kein Sitz in der Findungskommission eingeräumt worden. HSR-Vorsitzender Andrew Hastings schreibt, das Vertrauen in die institutionelle Integrität sei „bereits zuvor erodiert“, da Studierende in zentralen Entscheidungsprozessen keine Mitsprache hätten. Neben der Forderung nach mehr Transparenz plädiert er für Reformen der Hochschulstatuten, um studentische Mitbestimmung verbindlich zu verankern. Hastings ruft seine Kommilitonen dazu auf, zu den öffentlichen Vorträgen der Präsidentschaftsbewerber am 5. November zu kommen, um dort ihre „Stimme hörbar zu machen“.

Helge Braun, Vorsitzender der Findungskommission, weist die Kritik der Intransparenz auf Anfrage von Table.Briefings zurück. „Die Hertie School hat sich zu Beginn des Verfahrens für einen offenen Suchprozess ausgesprochen“, erklärte er. „Das bedeutete, dass auch interne Kandidaten, selbst wenn sie der aktuellen Hochschulleitung angehören, sich dem gleichen Auswahlprozess nach den gleichen Kriterien wie andere – zum Beispiel externe – Kandidaten stellen mussten.“

Die Hertie-Stiftung will sich nicht zur Situation äußern, stellt sich aber hinter Braun. Auf Anfrage von Table.Briefings schreibt eine Sprecherin, dass die Hochschule trotz der Finanzierung „eine unabhängige Institution mit eigenständigen Organen und Gremien ist, zu deren Interna die Hertie-Stiftung sich nicht öffentlich äußert“. Die Suche nach einer Nachfolge für die amtierende Präsidentin Cornelia Woll sei eine verantwortungsvolle Aufgabe, „für die die Findungskommission und Herr Dr. Helge Braun als deren Vorsitzender das volle Vertrauen des Vorstandes der Hertie-Stiftung hat“.

Sowohl Braun als auch die Stiftung lassen die Frage nach den genauen Konfliktlinien offen. In einer E-Mail an die Community begründete Helge Braun die Entscheidung für zwei neue Kandidaten mit „anhaltenden Konflikten zwischen verschiedenen Interessengruppen innerhalb der Hertie School“. Nach Gesprächen mit Personen, die mit der Situation vertraut sind, entsteht das Bild, dass Cornelia Woll als Akademische Geschäftsführerin und Axel Baisch als Administrativer Geschäftsführer unterschiedliche Vorstellungen über die Führung und Ausrichtung der Hertie School hatten.

Aus Teilen der Professorenschaft regt sich Widerstand. Der Soziologe und Hertie School-Professor Klaus Hurrelmann hatte dem Tagesspiegel gesagt, dass die Entscheidung, Woll nicht aufzustellen, „überhaupt nicht nachvollziehbar“ sei. Natürlich gebe es gerade an einer politikwissenschaftlichen Einrichtung wie der Hertie School immer Gegenwind bei Entscheidungen, das sei aber normal. Woll habe das aber „ausgezeichnet gemacht.“ Dass sie nun wegen atmosphärischer – und nicht inhaltlicher – Fragen ausgebootet werde, irritiere ihn sehr. Tim Gabel

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026