Abhängigkeiten sorgen für Umdenken im China-Geschäft

Über Jahre hinweg galt China als einer der bevorzugten Partner der deutschen Politik und Wirtschaft. Die Volksrepublik war Garant für deutsches Wachstum und ist längst zu Deutschlands größtem Handelspartner aufgestiegen. Auto- und Maschinenbauer machen in der Volksrepublik große Umsätze.

Doch vieles deutet darauf, dass das China-Engagement der deutschen Wirtschaft vor einem Wendepunkt steht. Die Corona-Lockdowns und der chinesische Fokus auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit machen das Land zunehmend unattraktiver.

Hinzu kommt die neue Furcht vor zu großen Abhängigkeiten: Dass Deutschland jahrelang massiv auf russisches Gas gesetzt hat, wird sich im Winter wohl in Form einer Rezession rächen. Vor diesem Hintergrund werden auch die engen Bindungen Deutschlands an China neu bewertet. Außenministerin Annalena Baerbock sagte jüngst, es sei ihr „sehr ernst“ mit der Reduzierung der Abhängigkeiten von China.

Globaler Marktanteil von 30 Prozent

Leicht wird das nicht. „Europas wirtschaftliche Verflechtungen mit China sind wesentlicher komplexer“ als jene mit Russland „und betreffen Sektoren mit einer tief verzweigten Wertschöpfungskette“, sagt Max Zenglein, Chefökonom beim China-Think-Tank Merics gegenüber China.Table.

Bei Seltenen Erden, Magnesium und anderen Rohstoffen gibt es gar kritische Abhängigkeiten (China.Table berichtete). Auch bei Industriegütern haben die Abhängigkeiten stark zugenommen. Laut Merics befinden sich die EU-Staaten in 103 Produktkategorien in einer „kritischen strategischen Abhängigkeit“ von China. Das heißt: Die Staaten importieren mindestens 50 Prozent eines bestimmten Produkts aus China. Zudem hat die Volksrepublik einen globalen Marktanteil von mindestens 30 Prozent. Dazu zählen beispielsweise pharmazeutische Produkte, Chemikalien und Elektronikteile wie bestimmte Leiterplatten, kleine Transformatoren oder Batteriezellen. Zahlreiche Branchen sind auf Vorleistungen aus China angewiesen.

Abhängigkeiten bei Vorleistungen aus China groß: Anteil deutscher Unternehmen, die auf Vorleistungen aus China angewiesen sind

Bei all diesen Produkten wäre es schwierig, kurzfristig andere Zulieferer zu finden. Einen Lieferstopp könnte die deutsche Wirtschaft kaum verkraften. Zenglein empfiehlt deshalb: „Es wäre durchaus hilfreich, wenn Politik und Wirtschaft Mechanismen ergreifen, um die Abhängigkeiten zu identifizieren und diese in kritischen Bereichen – beispielsweise bei erneuerbaren Energien, pharmazeutischen Grundstoffen oder Elektronikbauteilen  zu reduzieren.“

China verringert eigene Abhängigkeit vom Westen

China macht das schon. Peking hat es sich zum Ziel gesetzt, technologisch an die Weltspitze zu rücken und westliche Anbieter zu überholen. Chinas Unternehmen sollen innovativer werden und eine Tech-Dominanz aufbauen, die zukünftig für Wachstum sorgt. „Im Falle von geopolitischen Eskalationen“ wäre China dann besser gerüstet, sagt Zenglein.

Um technologisch aufzuholen, nutzt China auch ausländische Konzerne. Einige Forscher warnen deshalb, die deutsche Industrie dürfe nicht zu naiv agieren. „Ausländische Investoren müssen sich vergegenwärtigen, dass sie diesem Ziel dienen sollen“, sagt Rolf Langhammer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) gegenüber China.Table. Als warnendes Beispiel diene die Autoindustrie. Deutsche Unternehmen „haben chinesischen Firmen das nötige Know-how geliefert, um von diesen zukünftig ersetzt werden zu können“, sagt der Handelsexperte.

Was daraus folgt, zeigt eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW): „Deutschland hängt vor allem auf der Exportseite, aber auch importseitig, wesentlich stärker von China ab als umgekehrt.“ Und Chinas Importe werden in Zukunft weiter sinken, wie die Prognose zeigt. Der Grund ist in Peking zu finden. „Die chinesische Regierung will ihre Abhängigkeiten vom Ausland durch die Dual-Circulation-Strategie weiter abbauen“, schreibt der Autor der Studie, Jürgen Matthes.

Volksrepublik verliert an Attraktivität

Doch nicht alle Entwicklungen gehen auf eine aktive Entscheidung Pekings zurück. So verliert China in letzter Zeit als Absatzmarkt wie auch im täglichen Geschäft zunehmend an Attraktivität. Unternehmen und Verbände beklagen die strikte Null-Covid-Politik und die zahlreichen Lockdowns. Laut einer Umfrage der EU-Handelskammer in China überlegt ein immer größerer Teil der Unternehmen, Investitionen aus China abzuziehen (China.Table berichtete). Für 77 Prozent der befragten Unternehmen hat China als Investitionsziel an Attraktivität verloren.

Und auch Unternehmen in Deutschland wollen ihre China-Abhängigkeit verringern. Fast jedes zweite Industrieunternehmen, das Vorleistungen aus der Volksrepublik bezieht, will seine Importe aus China reduzieren, zeigt eine Ifo-Studie vom April. Ob dieser Stimmungsumschwung allerdings auch „einen grundsätzlichen Strategiewechsel bei den europäischen Unternehmen einleiten wird, bleibt noch abzuwarten“, sagt Zenglein.

Warum Industrieunternehmen ihre China-Abhängigkeiten senken wollen

Doch global stehen die Zeichen auf Entflechtung. „Die Globalisierung steht am Anfang einer Neu-Aufstellung“, sagt Zenglein. Risikofaktoren müssten in den Kalkulationen der Unternehmen in Zukunft eine größere Rolle spielen. Dabei gehe es nicht um eine Abkopplung. Vielmehr plädiert Zenglein für eine Diversifizierung. Das „wird Zeit und vor allem Geld in Anspruch nehmen“.

Rolf Langhammer gibt zu bedenken, dass der chinesische Markt derzeit noch zu wichtig sei. „Unternehmen werden die Fokussierung auf den chinesischen Markt, wenn überhaupt, nur sehr langsam abbauen können“, so der IfW-Forscher. Aber vor dem Hintergrund der neuen geopolitischen Realitäten „kann es noch kostspieliger werden, nicht zu reagieren„.

Wettbewerber könnten in Lücke vorstoßen

Genau hier könnte die größte Herausforderung liegen. Denn die Firmen setzen lieber auf kurzfristige Gewinne denn auf langfristige Sicherheit. Schließlich steht man im Wettbewerb. Es ist das klassische Gefangenen-Dilemma: Gibt ein Unternehmen die Umsätze in China auf, eröffnen sich Chancen für Wettbewerber, die in die Lücke vorstoßen können und dem Unternehmen Marktanteile abnehmen. Ähnliches gilt für den Einkauf günstiger Vorprodukte und Rohstoffe aus China. Doch ob dieses Vorgehen langfristig den größten Nutzen bringt, steht spätestens nach dem Russland-Debakel infrage.

Werden die deutsche Politik und die Wirtschaft die richtigen Lehren ziehen und sich auf die neue Globalisierung einstellen? Eine neue China-Strategie des Außenministeriums könnte bald Aufschluss geben. Außenministerin Baerbock sagte jüngst, weil China ein Systemrivale sei, müssten wir klarstellen, dass wir nicht erpressbar sind, so „wie wir es bei der russischen Gasabhängigkeit waren“. Und auch Robert Habeck will einen neuen Kurs einschlagen. „Wir diversifizieren uns stärker und verringern unsere Abhängigkeiten auch von China“, sagte der Wirtschaftsminister kürzlich. Die Regierung wird sich an diesen Aussagen messen lassen müssen.

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