USA: Die Moral der Chief Sustainability Officer ist am Boden

Für US-Unternehmen ist es zum Geschäftsrisiko geworden, öffentlich über Nachhaltigkeit zu sprechen. ESG-Manager versuchen deshalb, ihre Arbeit im Stillen fortzusetzen – häufig aber mit gekürzten Budgets.

KK
03. März 2026
US-Getränkehersteller PepsiCo: Nur eines von vielen Unternehmen, in denen ESG-Themen derzeit einen schweren Stand haben. (picture alliance / NurPhoto | Jakub Porzycki)
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„Sprecht nicht über eure Arbeit.“ Das ist die Devise, die in Zeiten von Donald Trump in den USA für Chief Sustainability Officer gilt. Trump hat der Nachhaltigkeit und generell ESG den Krieg erklärt, und das wirkt sich auch auf die Arbeit der Nachhaltigkeitsverantwortlichen aus.

Ihre Rolle steckt in den USA in einer schweren Krise. Vor 22 Jahre trat Linda Fisher beim Chemiekonzern DuPont als erster Chief Sustainability Officer bei einem börsennotierten Unternehmen an. Seitdem ist die Zahl deutlich gewachsen. Im vergangenen Jahr waren 215 bei einem Börsen-Konzern in den USA beschäftigt. Doch heute stehen die einst einflussreichen CSOs unter Beschuss.

„Nicht nur die Regierung droht: Wenn ihr die Stimme erhebt, gibt es Ärger. Auch die Rechtsabteilungen mahnen: Redet nicht über eure Arbeit, weil das ein Risiko ist“, sagt Ellen Weinreb. Sie ist die Gründerin der auf Nachhaltigkeitspositionen spezialisierten Recruiting-Firma Weinreb Group, die alle zwei Jahre den Chief Sustainability Officer (CSO) Report veröffentlicht.

Wie Weinreb berichtet, halten Rechtsabteilungen die CSOs an, nicht die Worte „Sustainability“ oder „ESG“ zu verwenden. Stattdessen sollten sie lieber über Wertschöpfung, Energiesparen, Risikominimierung und Stärkung der Lieferketten sprechen. „Der Fokus liegt heute auf Business Value und Regulierung“, sagt Weinreb.

Auch formal seien die Rollen der CSOs bei den meisten Unternehmen herabgestuft worden. Während sie noch bis vor einem Jahr direkt an ihren jeweiligen Vorstandschef berichteten, seien sie heute im Organigramm der Rechtsabteilung oder der Sparte Lieferketten untergeordnet. Außerdem seien ihre Teams heute wegen der Budgetkürzungen im Bereich Nachhaltigkeit eher mit jüngeren Mitarbeitern mit weniger Erfahrung besetzt. Auch das erschwere die Arbeit.

„Die Moral der CSOs liegt am Boden“, sagt Weinreb. Noch vor wenigen Jahren seien alle enthusiastisch gewesen. „Die CSOs waren überzeugt, dass ihre Rolle immer wichtiger wird. Schließlich ist der Klimawandel real. Jetzt wird ihnen gesagt, dass das, was sie machen, schlecht ist.“

Viele würden ihre Arbeit zwar fortsetzen, aber im Stillen. In Medien äußern will sich kaum jemand. Anfragen für Interviews oder Hintergrundgespräche von Table.Briefings wurden abgelehnt. Die CSOs hoffen, dass sich das Blatt irgendwann wenden wird, wenn Trump vielleicht nicht mehr an der Regierung ist, so Weinreb. Bis es soweit ist, wagen sich nur sehr wenige aus der Deckung.

Einer von ihnen ist Jim Andrew, seit 2020 CSO bei PepsiCo. Zuletzt hat der Getränke- und Snackhersteller auch den Super Bowl – das wichtige Football-Finale – gesponsort und dort auf nachhaltige Verpackungen gesetzt. „Ich war begeistert, beim Super Bowl dabei zu sein und unsere Bemühungen um nachhaltige Verpackungen während der gesamten Woche in Aktion zu sehen – von der Ausweitung unseres Pilotprojekts mit wiederverwendbaren Bechern im Stadion bis hin zum Einsatz von KI-Recycling-Einheiten, die den Fans helfen, Abfall zu reduzieren“, postete er auf Linkedin.

Aber nicht alle sehen das so positiv. Umweltschutzorganisationen wie „Oceana“ und „As you Sow“ kritisierten, dass das Unternehmen im Herbst seine Ziele für wiederverwertbare Verpackungen und den Gebrauch von Neuplastik reduziert beziehungsweise weiter in die Zukunft verschoben hat. Auch das Net-Zero-Ziel hat PepsiCo von 2040 auf 2050 verschoben.

Ein anderer ist Alastair Child, der kürzlich vom „Sustainability Magazine“ auf Platz eins der besten CSOs gewählt wurde. Sein Unternehmen, der Süßwaren- und Tierfutter-Produzent Mars, ist ein privates, verschwiegenes Unternehmen, das sich wenig um Moden der Aktionäre scheren muss. Und zur amtierenden Regierung hat sich auch Child nicht geäußert. Vor einem drohenden Klimakollaps warnt er aber trotzdem. „Bei unserem derzeitigen Kurs steuert die Welt auf katastrophale und irreversible Schäden für den Planeten und seine Bewohner zu“, sagte er anlässlich der Preisverleihung.

Aus europäischer Perspektive sind zudem die Ergebnisse von Ellen Weinrebs jüngster Umfrage interessant – auch wenn die Zahlen bereits vor Trumps Amtsantritt erhoben worden waren:

  • 90 Prozent der US-CSOs gaben an, mehr Zeit als noch zwei Jahre zuvor mit der Erfüllung der Auflagen durch die CSRD zu verbringen. Für Dreiviertel der Befragten bedeuten solche Regulierungen die deutlichste Veränderung für ihre Tätigkeit.

  • Die Regulierung führt dazu, dass die CSOs intensiver als zuvor mit ihren Anwaltsteams zusammenarbeiten müssen. Dieser Wert hat sich gegenüber 2023 verdoppelt. Auch die Finanzabteilungen werden häufiger eingebunden.

  • Und: 44 Prozent gaben an, dass ihre Nachhaltigkeitsstrategie zunehmend mit der Unternehmensstrategie verzahnt wird. Scope 3 gerate dabei immer häufiger in den Fokus.

Die Recruiterin Weinreb bleibt optimistisch, dass sich die Zeiten wieder ändern. Das dritte und vierte Quartal des vergangenen Jahres seien extrem ruhig gewesen, berichtet sie. „Aber jetzt klingelt das Telefon wieder.“ Die ersten offenen Stellen in den Nachhaltigkeitsabteilungen sollen offenbar wieder besetzt werden.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026