Fünfjahresplan: Wie China den Wasserstoff-Markt Europas erobern will

Mit dem neuen Fünfjahresplan will China auch den Wasserstoff-Hochlauf vorantreiben und bringt sich in Stellung, um die wachsende Nachfrage nach Wasserstoff-Derivaten in Europa zu decken. Auch die Industrie-Dekarbonisierung ist ein Fokus des Fünfjahresplans.

11. März 2026
China setzt im neuen Fünfjahresplan einen Fokus auf Wasserstoff und seine Derivate wie grüne Flugkraftstoffe. Im Bild: Ein Windenergie-Projekt zur netzunabhängigen Wasserstofferzeugung in der Provinz Liaoning
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Mit seinem neuen Fünfjahresplan zielt China auch auf neue Wachstumsmärkte und könnte ein wichtiger Lieferant für Wasserstoff-Derivate für Europa werden – zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachfrage rasant steigen könnte. Der Plan setzt auch einen neuen Fokus auf die Dekarbonisierung der Industrie. Beispielsweise will Peking 100 Netto-Null-Industrieparks aufbauen und Regionen für die Umsiedlung besonders klimaschädlicher Industrien in Landesteile mit mehr erneuerbaren Energien entschädigen. Weil unklar ist, wie sehr die Industrie-Dekarbonisierung Arbeitsplätze und Wachstum in Teilen des Landes gefährdet, setzt sich Peking keine harten Klimaziele, sondern behält sich Spielraum für Anpassungen vor.

China will mit seinem 15. Fünfjahresplan den Hochlauf der Wasserstoff-Wirtschaft weiter vorantreiben. Was an dem Fünfjahresplan besonders auffalle, sei „die ausdrückliche Ausweitung der Strategie für grünen Wasserstoff auf nachgelagerte Produkte wie Ammoniak, Methanol und nachhaltige Flugkraftstoffe“, sagt Ziqun Jia von der Forschungs- und Beratungsgruppe Perspectives Climate Group. Durch sein rasantes Wachstum bei erneuerbaren Energien ist China in einer idealen Position, um grünen Wasserstoff herzustellen.

China könnte dadurch in naher Zukunft ein wichtiger Lieferant für Europa werden. Regulierungen wie die „RefuelEU Aviation“-Vorschrift schüfen „eine strukturierte Nachfrage, die mit der derzeitigen globalen Produktionskapazität bei weitem nicht gedeckt werden kann“, so Ziqun Jia. China „scheint dasselbe industrielle Skalierungsmodell, das seine Dominanz bei Solarmodulen und Batterien vorangetrieben hat, auch auf diese nächste Kategorie von Produkten für saubere Energie anzuwenden – grüne Kraftstoffe.“ Um das voranzutreiben, will China beispielsweise einen „Fonds für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft“ aufsetzen. Details zu diesem Fonds wurden noch nicht veröffentlicht.

Der 15. Fünfjahresplan, zu dem ein offizieller Entwurf vorliegt, soll am heutigen Donnerstag verabschiedet werden. Er werde den „Druck auf die Industrie zur Dekarbonisierung“ erhöhen, meint die Beratungsagentur Trivium China. Die Volksrepublik will bis 2030 über 100 neue „Netto-Null-Industrieparks“ aufbauen. Ein Grund für den Aufbau ist auch der CBAM der EU. China will mit grüneren Produkten auch CO₂-Zölle seiner Handelspartner umgehen. Die in den Netto-Null-Industrieparks tätigen Unternehmen sollen direkt mit erneuerbaren Energien und grünem Wasserstoff beliefert werden. Diese neue Kategorie von Industrieparks unterscheiden sich laut Trivium von grünen Industrieparks, weil auch ein Augenmerk auf das Auffangen und Speichern von CO₂ (CCS) oder CO₂-Ausgleichsmechanismen („Offsets“) gelegt werden soll. Sie seien „eine wichtige Initiative, um den Energieverbrauch der Industrie zu dekarbonisieren“, so die Einschätzung des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA). Industrieparks machen laut Lauri Myllyvirta von CREA ein Drittel der gesamten CO₂-Emissionen Chinas aus.

Erstmals werden Ausgleichsmechanismen vorgeschlagen, um Regionen für die Umsiedlung CO₂-intensiver Industrien zu entschädigen. Der Fünfjahresplan sieht vor, CO₂-intensive Industrien in Regionen mit viel erneuerbaren Energien umzusiedeln, um die Elektrifizierung voranzutreiben und so die Emissionen zu senken. Indem die bisherigen Heimatprovinzen dieser Industrien entschädigt werden und beispielsweise weiterhin an den Steuereinnahmen beteiligt werden, könnte die Umsiedlung und somit die Dekarbonisierung leichter werden. Zudem verspricht der Fünfjahresplan, „alle Investitionsprojekte für Sachanlagen einer strengen Prüfung hinsichtlich Energieeinsparung und CO₂-Ausstoß“ zu unterziehen. Damit soll sichergestellt werden, dass neue emissionsintensive Industrieprojekte nicht zu weiteren Überkapazitäten beispielsweise in der Zement- oder Stahlproduktion führen.

Allerdings schreckt China vor allzu harten Maßnahmen zur Industrie-Dekarbonisierung zurück und schränkt beispielsweise die klimaschädliche Kohle-Chemie kaum ein. Das rasante Wachstum dieses Sektors hat in jüngster Zeit größere Fortschritte bei der Emissionsreduktion verhindert. Laut Fünfjahresplan sollen fossile Energien „sauberer und effizienter genutzt werden“. Laut CREA deutet das darauf hin, dass die Kohle-Chemie zwar effizienter werden soll. Weil sie aber weiter stark wachsen wird, werden wahrscheinlich auch die Emissionen des Sektors weiterwachsen.

Insgesamt setzt der neue Fünfjahresplan eher zurückhaltende Klimaziele. Laut Experten seien die leicht zu erreichenden Früchte schon größtenteils abgeerntet. Die Dekarbonisierung der Industrie hingegen könnte in einigen Landesteilen Arbeitsplätze und Wachstum kosten. Zwar erzielt China mittlerweile rund ein Drittel seines Wachstums mit grünen Technologien wie E-Autos, Batterien und Solaranlagen. Die Wertschöpfung des Sektors hat sich seit 2022 fast verdoppelt. Doch auch die klimaschädliche Schwerindustrie, der Kohlebergbau und der Chemiesektor beschäftigen dutzende Millionen Menschen und tragen in einigen Provinzen einen großen Teil des Steueraufkommens bei.

Um Arbeitsplätze und Wachstum abzusichern, behält sich die Volksrepublik bei den Klimazielen noch Spielraum für weiter steigende Emissionen vor. Im neuen Fünfjahresplan wird kein absolutes CO₂-Reduktionsziel gesetzt. Stattdessen soll die CO₂-Intensität der Wirtschaft bis 2030 um 17 Prozent verbessert werden. Bei einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent dürften die CO₂-Emissionen bis ins Jahr 2030 noch um circa drei Prozent zunehmen, rechnen die Experten des Climate Action Tracker vor.

Allerdings gibt es auch Anzeichen für größere Ambitionen. „Während die offiziellen Stellen weiterhin vorsichtig sind, einen frühen Höhepunkt [des CO₂-Ausstoßes] zu verkünden, verlagert sich die Debatte innerhalb Chinas von der Frage, wann die Emissionen ihren Höhepunkt erreichen werden, hin zu der Frage, wie schnell sie sinken sollten“, sagt Li Shuo, Klimaexperte des Thinktanks Asia Society. Der beschleunigte Ausbau der Wind- und Solarenergie sowie insbesondere von Stromspeichern könnte die Abhängigkeit von Kohle in den nächsten fünf Jahren weiter verringern, zeigt sich Li Shuo optimistisch.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026