„Wir müssen ChatGPT im Auge behalten“

Ein Jahr hat Astrid-Sabine Busse Zeit, um im Kreis der 16 Schulminister Reformen anzustoßen.

Ein Interview von Moritz Baumann und Christian Füller.

Frau Senatorin, kennen Sie ChatGPT?

Astrid-Sabine Busse: Nee. 

Das ist eine leicht zugängliche Künstliche Intelligenz…

… ach, doch! Das ist so wunderbar! Da sage ich: Schreib mir eine Rede für die KMK. Und, zack, da ist sie. Ich hab’s mir vorführen lassen und war fassungslos. Wir können ja, wenn das so leicht geht, Schülerinnen und Schülern gar keine schriftlichen Hausarbeiten mehr aufgeben. 

Sie sind eine der ersten Kultusministerinnen, welche die Dimension dieses Tools erfasst. 

Ich bin gelernte Lehrerin. Ich habe sofort gewusst, was das bedeutet. Und das ist erst der Anfang. Wir müssen das im Auge behalten und gucken, wie man das begleitet… und dann vielleicht noch einen Avatar als Lehrer? Das macht schon auch Angst. 

Wir haben ChatGPT gefragt: „Wer ist Astrid-Sabine Busse?“

Und?

Es kennt Sie nicht, sorry.  

Das System ist wohl nicht ausgereift. Aber gut, es macht mich auch ein bisschen froh, dass es doch noch nicht so gefährlich ist. 

„Ich bin nicht Katharina die Große“

Können Sie sich vorstellen, ChatGPT zu verbieten? 

Es ist faszinierend, was sich Leute so denken, was ich alles kann. Ich bin nicht Katharina die Große, sondern nur die Bildungssenatorin und seit Jahresbeginn auch die KMK-Präsidentin. Außerdem glaube ich kaum, dass wir solchen technischen Entwicklungen mit Verboten begegnen sollten. Die Frage muss doch eher sein, welche Kompetenzen braucht es, um Künstliche Intelligenz sinnvoll nutzen zu können. 

Und was macht die Senatorin nun mit der KI?

ChatGPT ist wirklich noch sehr neu, wie Sie selber sagen. Nun müssen wir erst mal abwarten. Aber das ist jetzt in meinem Fokus – ganz, ganz vorne. Denn es ist ganz klar, dass diese Entwicklungen Schule verändern werden. Ich würde den mündigen Umgang mit KI ganz klar als Ziel einer digitalen wie medialen Bildung sehen.

Können unsere Lehrer mit einer solch disruptiven Technologie überhaupt umgehen? Sind die dafür ausgebildet?

Rückfrage: Sind Sie, meine Herren, dafür ausgebildet? Seit wann kennen Sie dieses Programm?

Bei der Schuldigitalisierung will die Berliner Senatorin weg von befristeten Förderprogrammen.

Der Digitalpakt Schule ist eine wichtige Investition. Aber er läuft nicht gut. Wie wird die KMK-Präsidentin Busse diesen Pakt beschleunigen? 

Ich bin froh, dass wir überhaupt schon so weit sind. Die Pandemie hat hier ausnahmsweise Gutes bewirkt – nämlich beschleunigt. Dennoch hinkt Deutschland bei der Digitalisierung weit hinterher. 

Sie sind jetzt Präsidentin – und Chefin von dem Ganzen. Sie könnten sagen: Ich will, dass meine Schüler ab dem 15. Januar dieses oder jenes Tool benutzen können. 

Ich habe überhaupt erst am 16. Januar meine KMK-Inthronisierung, um einmal in Ihrem Sprachgebrauch zu bleiben. Aber dieses „Ich will dies“ und „Ich will jenes“ – so läuft es in einer Fachministerkonferenz nun einmal nicht. Wir leben schließlich in einem föderalen System. Ich kann als Bildungssenatorin sagen: In Berlin sind wir relativ weit. Nach den gut 34.000 Lehrkräften bekommen jetzt alle Referendarinnen und Referendare ein Endgerät, und zwar ein richtig Gutes.

Es soll sogar noch einen zweiten Digitalpakt geben. Was muss der aus Ihrer Sicht beinhalten? 

Es darf jedenfalls kein isoliertes Projekt mehr sein. So wie wir früher Kreide gekauft haben, muss heute die Digitalisierung dauerhaft finanziert werden. Das ist nicht billig.

Das heißt, Sie wollen weg von einzelnen Förderprogrammen, hin zu einer kontinuierlichen Finanzierung?

Ja.

„Das Wichtigste in der Schule ist und bleibt der Mensch“

Und das zahlt der Bund?

Wer immer das bezahlt: Digitalisierung muss so natürlich in unseren Schulen werden, wie es lange Zeit die Kreide war. Aber das Wichtigste in der Schule ist und bleibt der Mensch. Die Digitalisierung muss pädagogisch gerahmt und ausgestaltet werden.

Der Ganztag wird der Schwerpunkt Ihrer Präsidentschaft – und zwar die Qualität im Ganztag. Müsste man nicht in Wahrheit sagen: Sie können froh sein, wenn es bis 2026 überhaupt genügend Plätze gibt? 

Zunächst: Ich bin vom Ganztagskonzept sehr überzeugt. In Berlin haben wir einiges erreicht, wie allgemein im Osten des Landes. Als Präsidentin verhalte ich mich aber überparteilich. Essenziell ist für mich die Qualität der Ganztagsgrundschule: Ganztag heißt nicht, vormittags Unterricht, nachmittags Hort. Wir sollten rhythmisieren, wie die Fachleute sagen. 

Sie wollen also den gebundenen Ganztag als Modell durchsetzen? 

Nein. Ganztag heißt nicht zwingend gebundener Ganztag. Den wird man nicht in jeder kleinen Kommune umsetzen können.

Sie wollen mit den Ländern Qualitätsstandards vereinbaren. Was heißt das konkret? 

In Berlin gelten Qualitätsstandards, das ist richtig. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen der KMK möchte ich Empfehlungen zu einem qualitativ hochwertigen Ganztagsangebot erarbeiten. Für mich ist Ganztagsschule in erster Linie für die Kinder da, deren Akzeptanz des Angebots für seinen Erfolg entscheidend ist. Eine gute Ganztagsschule ist für mich ein Lebensraum mit einem rhythmisierten, abwechslungsreichen Tag, Anspannung und Entspannung. Wenn ich weiß, dass Musik gut ist für das mathematische Verständnis, muss ich den Tagesplan entsprechend gestalten. Und natürlich gehört zu einem guten Ganztag ein gesundes Mittagessen. In Berlin gibt es das übrigens für Eltern kostenfrei. 

Welche Qualifikationen müssen Mitarbeiter im Ganztag haben? 

Für mich heißt das Zauberwort: multiprofessionelle Teams. Wir haben in Berlin schon immer mit Lehrern und Erziehern gearbeitet. Dazu kommen noch Schulsozialarbeiter. Am Ende muss ich als Lehrerin keine Primaballerina sein. Ich kann aber als Schulleiterin für den Freizeitbereich eine Ballerina oder auch eine Taekwondo-Meisterin engagieren. Das sind die Bausteine eines guten Ganztags. 

Im Ganztag sind eigene Räume für Kinder psychologisch wichtig

Die Bauministerin aus NRW sagt zum Ausbau bis 2026: „Das schaffen wir nicht.“ Muss man aus Ihrer Sicht die Reißleine ziehen und den Rechtsanspruch aussetzen? 

Dieser Rechtsanspruch wurde nicht von Astrid-Sabine Busse geschaffen, sondern vom Bund und von allen Bundesländern in breiter Abstimmung. Wenn man sich derart geeinigt hat, kann ich den Anspruch nicht einfach kippen. Um aber Ängste zu nehmen: Man wird nicht über Nacht Ganztagsschule. Man beginnt in den Klassen eins und zwei. Im nächsten Jahr kommt die nächste Stufe dazu. Und so geht das Schritt für Schritt. Sie müssen in einer Schule auch Bereiche schaffen, die nur für den außerunterrichtlichen Bereich da sind. Psychologisch ist das ganz wichtig für die Kinder. 

Wir hören hier die erfahrene Schulleiterin. Wie aber werden Sie als Präsidentin der KMK regieren? Mit der Tat oder mit dem Wort? 

Das ist eine Einheit, Worte und Taten. 

Sie könnten, wenn Sie Ihre eigene Berliner Koalition ernst nehmen, das Problem des Lehrermangels entschlossen angehen – mit einem Staatsvertrag zur gemeinsamen Lehrerversorgung. 

Bis ein solcher Staatsvertrag fertig ist, werden sicherlich schon mehrere Präsidentinnen nach mir nicht mehr im Amt sein. 

Elf Parlamente reichen aus – wenn man Mehrheitsentscheide zulässt. So will es Ihr Thüringer Kollege Hemut Holter und wohl auch Ihr Koalitionsvertrag.

Nochmal: Ein Staatsvertrag ist kein falsches Instrument. Lange Wege und Herausforderungen werden uns aber nicht abhalten, sollte der Staatsvertrag sich als Mittel der Wahl herausstellen. Nur das geht nicht über Nacht. Den Fachkräftemangel müssen wir bekämpfen. Aber ich bin Realistin. Es wäre schön, wenn wir zügig eine Vereinbarung zwischen den Ländern hinbekommen: Dass wir so viele Lehrkräfte ausbilden, wie wir brauchen – und uns nicht weiter die Kollegen gegenseitig abjagen. Hier können wir auf die Ländervereinbarung vom Oktober 2020 aufsatteln.

Lehrermangel: In zehn Jahren ist die Talsohle durchschritten

Ihre Vorgängerin Karin Prien votierte für Mehrheitsentscheidungen – auch innerhalb der KMK. 

Ein möglichst breiter Konsens macht es immer einfacher. Aber ich kann die Leute nicht in einem Kämmerchen einsperren, bis sich alle einig sind. 

Die schlechte Lehrerversorgung ist eine Jahrhundertfrage… 

… ich gehe derzeit von zehn Jahren aus. Bis dahin haben wir die Talsohle durchschritten und es geht wieder aufwärts.

Frau Busse. Es könnte sein, dass Sie zusammen mit Ihrer Berliner Koalition im Februar abgewählt werden. Warum sollten wir Astrid-Sabine Busse wählen? 

… weil ich kompetent bin. Ich hatte hier nicht vom ersten Tag an die Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber meine jahrzehntelange pädagogische Erfahrung zählt etwas. Die setze ich ein. Und gerade in unseren Zeiten ist mir wichtig, dass Verwaltung und Menschen, die tagtäglich Bildung vor Ort gestalten und erfahren, miteinander im Gespräch sind.

Haben Sie schon eine Verabredung mit Bettina Stark-Watzinger? 

Wir führen noch im Januar ein Gespräch.

Mit dem Startchancen-Programm will die Ampel auch Schulsanierungen finanzieren. Zwei Milliarden Euro pro Jahr reichen da nicht, sagt Busse.

Da wird sicher das Startchancenprogramm Thema sein. Der Bund will Milliarden investieren. Nur soll es frühestens Mitte 2024 losgehen. Werden Kinder und Jugendliche schon wieder vergessen?

Nein, das möchte ich nicht und das ist auch nicht so. Wir haben in Berlin 95 Prozent der Stark-trotz-Corona-Mittel für Lernförderung eingesetzt. Das haben nicht alle Länder geschafft.

Das Startchancenprogramm ist umfassend: Förderung von Schulsanierungen, mehr Sozialarbeit und das so genannte Chancenbudget für insgesamt 4.000 Schulen. Wie viel Geld muss jährlich im Topf sein, Frau Präsidentin, damit dieses Programm wirkt? 

In den Verhandlungen sind gerade zwei Milliarden Euro pro Jahr im Gespräch. Das reicht aus meiner Sicht aber nicht, um damit Infrastruktur und Schulbaukomponenten zu finanzieren – nicht für die ganze Republik. 

„70 Prozent der Kosten können die Länder nicht stemmen“

Stimmt es, dass die Bundesbildungsministerin möchte, dass die Länder 70 Prozent der Finanzierung tragen?

Das müssen Sie zunächst den Bund fragen. Die Gespräche zwischen Bund und Ländern laufen.

Sie wollen weniger zahlen?

70 Prozent der Kosten könnten die Länder jedenfalls nicht stemmen. Es handelt sich schließlich um ein Bundesprogramm.

Können Sie sich vorstellen, einem Startchancen-Programm zuzustimmen, dessen Mittel nach dem Königsteiner Schlüssel über die Länder verteilt werden? Von dem also das prosperierende Bayern mehr profitiert als das strukturschwache Berlin?

In dem Fall erscheint mir der Königsteiner Schlüssel nicht sinnvoll. Das ist klar. Wir müssen, wenn wir 4.000 Schulen in prekären Lagen fördern wollen, wirklich nach Sozialdaten gehen. 

Haben Sie dazu schon eine Reaktion aus dem BMBF? 

Nein, aber in der KMK haben wir uns dazu ausgetauscht. Da war der klare Tenor, dass die Königsteiner Gießkanne beim Startchancen-Programm nicht das optimale Instrument ist.

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