Länder verstecken Daten über Lernlücken

Die Lernlücken von Schülern aus der Pandemie-Zeit sind das große Thema der Bildungspolitik. Allerdings weiß niemand, wo die Schülerinnen und Schüler genau stehen. Bislang gibt es kaum verlässliche Studien dazu. Jedenfalls nahm man das an. Nun haben Recherchen von Bildung.Table und der Open-Knowledge-Foundation ergeben, dass eine ganze Reihe von Bundesländern Kompetenztests bei Schülern auch während Corona durchgeführt hat – aber die Ergebnisse praktisch vor den Bürgern versteckt. Mehrere Kultusminister ließen auf Nachfrage mitteilen, dass sie die sogenannten „Vergleichsarbeiten“ (Vera) nicht veröffentlichen wollen. Vera-Tests sind Messungen der Kenntnisse von Dritt- und Achtklässlern, die Auskunft über deren Lernstand geben.

Die Diskussion über die Wissensdefizite hatte vergangene Woche eine Studie des Instituts für Pädagogische Psychologie an Frankfurts Goethe-Uni angeheizt. Andreas Frey will dabei herausgefunden haben, dass der Lernzuwachs beim digitalen Fernunterricht während Corona in etwa dem von Schülern in den Sommerferien entsprochen habe – also Stagnation oder gar Schrumpfung. Auch Frey hatte allerdings kaum empirisches Material aus Deutschland vorliegen. Recherchen von Bildung.Table zeigen nun, dass eine ganze Reihe von Ländern den sogenannten Vera-Vergleichstest sehr wohl durchgeführt hat – die Ergebnisse aber im Giftschrank behalten will. Einzig Baden-Württemberg, NRW, Schleswig-Holstein und Hamburg stellten die Vera-Ergebnisse sofort zur Verfügung. Die anderen Ländern teilten reihum mit, die Tests seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. 

„Erhebliche Lernrückstände entstanden“ 

Typisch war eine Aussage aus dem Saarland. „Wir können schon jetzt aber sagen, dass in der Krise teilweise erhebliche individuelle Lernrückstände entstanden sind“, teilte ein Sprecher mit. Woher er sein Wissen bezieht, bleibt freilich sein Geheimnis. Denn gleichzeitig hieß es aus demselben Ministerium, dass sich aus den aktuellen Vergleichsarbeiten im Saarland „keine Rückschlüsse auf mögliche Lernlücken ziehen lassen, die pandemiebedingt entstanden sein könnten.“ 

Auch Bayern weigerte sich, die Tabellen der Vergleichsarbeiten zur Einsicht freizugeben. „Weder eine Veröffentlichung von Vera-Ergebnissen einzelner Schulen noch ein Vergleich von Schulen ist vorgesehen“, schrieb ein Sprecher, „da dies dem Zweck der Vera-Testungen widerspricht.“ Kurz gesagt: alle Bundesländer haben die Röntgenapparate bereitstehen, um eventuelle Lernbrüche der Schüler zu messen und sichtbar zu machen. Die meisten vermeiden es aber tunlichst oder verbitten sich sogar, die Ergebnisse herauszurücken. 

„Die Vera-Daten gehören nicht den Ministerien“

So war das Kultusministerium in Rheinland-Pfalz auch auf Nachfrage nicht bereit, die landesweiten Ergebnisse der „Vera 8“-Studie zu offenbaren. „Die Ergebnisse der Vera-Untersuchungen werden in Rheinland-Pfalz den Schulen ausschließlich zur internen Evaluation zur Verfügung gestellt“, verweigerte sich ein Sprecher. Dabei musste Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) erst kürzlich auf eine Anfrage über „Frag-den-Staat“ die Resultate der Vera-Studien von 2009 bis 2019 bereitstellen. Die Open Knowledge Foundation (OKF) hat die Herausgabe von Vera-Studien auf diese Art erzwungen. Die Stiftung veröffentlicht sie heute auf der Homepage Wo-ist-Vera.de. „Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum die Kultusminister öffentliche Daten über öffentliche Einrichtungen geheim halten“, sagte Maximilian Voigt von der Stiftung zu Bildung.Table. „Diese Lernstandsdaten gehören nicht den Ministerien, sondern sie gehören in die Öffentlichkeit.“

Die Wissenschaft sieht das ähnlich. Befragte Forscher sagten, dass eine Verheimlichung der Daten nicht hinnehmbar sei. „Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten sollten zurückgemeldet und ausgewertet werden“, meinte etwa Axel Plünnecke vom Institut der Wirtschaft in Köln. „Die Aggregation der Daten ist wichtig, damit man auch für ein Bundesland in Gänze die Regionen ermitteln kann, in denen die Lücken am größten sind, um dort dann auch stärker unterstützen zu können.“ 

Die Vera-Tests sind qualitativ erstklassige Fragebögen, die das zentrale „Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“ (IQB) in Berlin entwickelt und an die Länder weiter gibt. Ein bundesweites Auswerten der erhobenen Daten ist dem IQB allerdings praktisch verboten. Das geht auf Beschlüsse der KMK aus den Jahren 2012 und 2018 zurück, die besagen, dass „die Vera-Daten weder für einen Ländervergleich noch für die Veröffentlichung landesinterner Vergleiche genutzt werden“. Hintergrund ist, dass die Kultusminister damals der dauernden Pein von Länder-Ranglisten entgehen wollten, die ihnen die berühmten Pisa-Studien beschert hatten. 

Vergleichsarbeiten werden nicht genutzt

Aber kann das auch in Zeiten der Pandemie und großer Ängste um Lernlücken gelten? Die Vera-Ergebnisse aus den Ländern könnten selbstverständlich auch für eine bundesweite Lernstandserhebung genutzt werden. So steht es sogar im KMK-Beschluss von 2018: „eine landesinterne Nutzung von Vera-Daten ist möglich“. Vor allem aber drängen Forscher auf die Freigabe der Daten. Dies sei angesichts der Frage, wie groß die Lernlücken tatsächlich sind, dringend nötig. „Wir haben Vergleichsarbeiten, aber nutzen diese nicht, um systematisch genau hinzusehen“, beklagte sich Plünnecke. Auf Ergebnisse aus den beiden maßgeblichen Messinstituten in Deutschland, dem IQB in Berlin und dem Institut für Bildungsverläufe in Bamberg, muss die Nation noch warten. Die Institute werden eigene Lernstandserhebungen erst im Jahr 2022 veröffentlichen, ließen sie wissen. Sie sind derzeit in der Phase der Erhebung. Das Leibniz-Institut etwa testet gerade ein Sample von 2.500 Schülern in Mathe

Sieht man sich die Vera-Daten an, die entweder auf Anfrage oder mittels einer Frag-den-Staat-Initiative der OKF öffentlich wurden, so ist folgendes festzustellen: Lernlücken lassen sich aus den – bislang – verstreuten Untersuchungen nicht ableiten, eher sind dort im Jahr 2020 höhere Kompetenzwerte als im Vorjahr abzulesen. In Hamburg etwa wurden zum Teil kleine Lernsprünge gemessen. Eine Studie in Baden-Württemberg hat ergeben, „dass die Fünftklässler/innen im September 2020 Lernrückstände von etwa einem Monat im Vergleich zu den Jahrgängen 2017-2019“ hatten. Bei Vera 8 lässt sich sogar ein deutlicher Zuwachs der oberen Kompetenzgruppen im Südwesten ablesen: 2020 lag 65 Prozent der Schüler auf oder oberhalb der Kompetenzstufe 3. Im Jahr 2019 waren dies nur 56 Prozent. In Schleswig-Holstein war es ähnlich: die Kompetenzwerte von 2020 im Lesen liegen deutlich über denen von 2019.

Bildungspolitik in der Blackbox 

Wie ist ein solches Ergebnis zu interpretieren? Wurden bei den freiwilligen Vera-Tests eventuell überproportional viele bessere Schüler gemessen? Wie fällt der Vergleich zu anderen Bundesländern aus? Dazu lässt sich derzeit praktisch nichts sagen – obwohl in den Ländern fertige und vergleichbare Ergebnislisten vorliegen. Eine Sprecherin von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ermunterte die Kultusminister denn auch, die Daten freizugeben: „Wir begrüßen eine umfassendere Datenlage und unterstützen deshalb gern Bestrebungen, die dazu aus den Ländern kommen.“ 

Maximilian Voigt von der Open Knowledge Foundation findet die Blockade vieler Länder grundfalsch. „Das Zurückhalten dieser Daten ist undemokratisch, denn es nimmt Bürger*innen die Möglichkeit, Bildungspolitik zu bewerten“. Das Fazit der OKF: „In Deutschland wird Bildungspolitik in einer Blackbox gemacht“. 

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