44 Prozent brechen Lehramtsstudium ab – die Ursachen dafür sind vielfältig

Nicht alle Lehramtsstudierenden schaffen den Sprung vom Studium ins Klassenzimmer. Studienabbrüche geben Hinweise, wie die Lehrerbildung optimiert werden muss.

19. Dezember 2023
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Der Weg zum Lehrerberuf sollte nicht nur einladender, sondern auch professioneller gestaltet werden. Das schwingt bei den Empfehlungen des Gutachtens der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) mit. Doch mehr Studienanfänger allein können den Personalmangel an Schulen kaum lösen. Denn auf dem Weg zum Lehrer gehen – statistisch gesehen – viele verloren. Die Datenlage ist, wie die SWK selbst bemängelt, lückenhaft. Dennoch lassen sich aus den verfügbaren Zahlen und den bekannten Gründen für Studienabbrüche bereits Schlüsse ableiten, wie die Lehrerbildung verbessert werden kann.

Mehr als 50.000 Studentinnen und Studenten beginnen in Deutschland durchschnittlich jedes Jahr ein Lehramtsstudium. Bis zum Ende des Referendariats gelangen jedoch lediglich rund 28.000, wie eine Berechnung des Stifterverbands zeigt. Das entspricht einem Schwund von rund 44 Prozent. Im Detail lässt sich aus diesen Durchschnittswerten verschiedener Jahrgänge nicht herauslesen, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Zahl Studierende ihr Lehramtsstudium abbrechen. Dennoch verdeutlicht dieser Wert, wie groß die Mitverantwortung der Unis ist, das Lehrkräftedefizit aufzulösen.

Lückenhafte Datenlage zu Studienverlauf

Hochschulen erheben diese Zahlen zu Studienabbrüchen allerdings nur für interne Steuerungszwecke. Meist geht daraus aber nicht hervor, ob ein Student das Studium abbricht oder nur das Fach oder den Standort wechselt. Die Länder haben keine Einblicke in diese Statistiken, wie eine Umfrage von Table.Media ergab. Bereits 2016 ist ein Gesetz in Kraft getreten, das dazu verpflichtet, genauere Daten zu den Studienverläufen zu erheben. Das Statistische Bundesamt will diese Zahlen künftig in seiner Studienverlaufsstatistik aufführen. Die KMK rechnet allerdings erst ab 2025 mit Ergebnissen, wie Table.Media berichtete.

Lediglich die Zahl der Lehramtsstudierenden insgesamt liegt konkret vor. Diese ist in den vergangenen fünf Jahren in einigen Bundesländern stetig gestiegen. In Bremen, Hessen, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Saarland gab es dagegen im Wintersemester 2022/23 weniger Studierende als noch vor fünf Jahren. Das geht aus den Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor, die Table.Media exklusiv vorliegt. Bei den Studienanfängern gab es ebenfalls einen Rückgang.

Forscher können Abbruchquote nur schätzen

Ulrich Heublein kann aufgrund dieser fehlenden Daten nur mit Schätzungen arbeiten. Er forscht am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zum Umfang und zu den Motiven von Studienabbrüchen. In seinen Modellen vergleicht er die Zahl der Studienanfänger mit denen der Exmatrikulation einige Semester später. Für den Bachelor ergibt sich daraus eine Abbruchquote von rund zehn Prozent, für den Master von rund 16 Prozent. Bei Lehramtsstudenten im Bachelor liegt die Zahl der Abbrüche damit unter dem Durchschnitt von 28 Prozent, im Master seien 15 bis 20 Prozent Abbruchquote auch in anderen Studiengängen normal.

Den reellen Schwund an Lehramtsstudierenden drücken diese Abbruchquoten allerdings nicht aus. Denn in dieser Statistik zählt nur als Abbrecher, wer die Uni ganz ohne Abschluss verlässt, sagt Heublein. Wenn etwa eine Mathe-Lehramtsstudentin zu einem Bachelor in Maschinenbau wechselt, zählt sie nicht als Abbrecherin.

Gründe für den Studienabbruch

Sechs Motive, warum sie die Universität verlassen, nannten Studienabbrecher aus Lehramtsstudiengängen in repräsentativen Befragungen des DZHW. Am häufigsten (etwa 25 Prozent) brechen junge Erwachsene Heublein zufolge ihr Studium ab, weil sie Schwierigkeiten haben, die Studienanforderungen zu erfüllen. Jeder Fünfte beendet das Studium, weil er sich in der akademischen Welt nicht wohlfühlt und sich nach einer praktischen Tätigkeit sehnt.

Ähnlich häufig führt aber auch mangelnde Studienmotivation zu einem Abbruch.„Für diese Studenten ist bezeichnend, dass ihre Studienerwartungen in hohem Maße enttäuscht wurden oder ihr Fachinteresse nachgelassen hat“, sagt Heublein. Motivationsprobleme spielen besonders bei den geisteswissenschaftlichen Fächern eine große Rolle; bei den MINT-Fächern geben Studierende dagegen häufiger wegen Leistungsproblemen auf.

Diese Gründe finden sich bei Studenten anderer Disziplinen ähnlich oft. Interessant ist jedoch, dass die Studienbedingungen von Lehramtsstudierenden laut Heublein „überproportional häufig“ (etwa zehn Prozent) als entscheidend für den Abbruch genannt wurden. Das liegt insbesondere an einer unzureichenden Studienorganisation an den Hochschulen, sagt Heublein. Bei bestimmten Lehramtskombinationen seien die Fächer oft an verschiedenen Fakultäten angesiedelt und zu wenig koordiniert. Weitere wichtige Motive für den Studienabbruch seien entweder persönliche Gründe wie Krankheit oder Geldsorgen.

Studienabbruch ist ein Passungsproblem

Damit mehr Studierende ihr Studium erfolgreich beenden, sollte man deshalb zum einen bei den Studierenden und zum anderen beim Studium ansetzen. „Studienabbrüche sind vor allem ein Problem fehlender Passung“, sagt Heublein. Die Diskrepanz sei zu groß zwischen individueller Studienvorbereitung und Studienverhalten auf der einen Seite und den institutionellen Bedingungen und Studienanforderungen auf der anderen Seite.

Heublein plädiert für Self-Assessments vor dem Studium, die nicht selektieren, sondern vor allem der besseren Selbsteinschätzung der Studierenden dienen sollen. „Der beste Studienabbruch ist der, der bereits vor dem Studium passiert.“ Außerdem könnten verpflichtende Beratungsangebote während des Studiums zur Selbstreflexion des eigenen Studienverhaltens und mehr Studienmotivation führen.

Organisation und Struktur des Studiums verbessern

Ein besseres Erwartungsmanagement ist folglich wichtig. Teils seien die Erwartungen der Studierenden aber vollkommen berechtigt, und es ist die Gestaltung des Studiums, die man anpassen muss, sagt Bettina Jorzik. Sie ist Programmleiterin für die Bereiche Hochschullehre, Lehrkräftebildung und Diversität beim Stifterverband und hat kürzlich 75 Maßnahmen vorgeschlagen, um die Lehrerbildung zu verbessern.

„Die Klage über unzureichenden Praxisbezug ist notorisch“, so Jorzik. Zwar habe sich der Praxisanteil in den vergangenen Jahrzehnten stark erhöht hat, aber er sei zu wenig verknüpft mit den theoretischen Studieninhalten. Statt Praxis und Theorie gegeneinander auszuspielen, müsse man das Fachwissen so komponieren, dass es Studierenden als Fundament für den Schulalltag dient. Außerdem müsse die Lehrerbildung durchlässiger werden und eine breitere Zielgruppe ansprechen.

Die Verantwortung liegt somit nicht bei den Universitäten allein, sondern umfasst die gesamte Lehrerbildung. Denn selbst ein Fünftel derjenigen, die das Lehramtsstudium beendet haben, beginnt nicht direkt das Referendariat, wie eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe zeigt.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026