Besserung erst 2025: schlechte Datenlage bei Lehramtsstudierenden

Die Zahl klingt besorgniserregend: Von 9 auf 16 Prozent stieg die Abbrecherquote im Masterstudium Lehramt. Es ist ein grober Schätzwert, den die Statistiker des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus ihren Modellen ableiten. Einfach gesagt: Vorne geben sie die Zahl der Studienanfänger eines Jahrgangs hinein, hinten vergleichen sie diese mit den Exmatrikulationen vier Semester später. Dabei ist die Bildungspolitik, gerade in Zeiten des Lehrkräftemangels, auf genaue statistische Prognosen angewiesen. Wer bricht das Lehramtsstudium ab? Wer wechselt das Fach, die Schulform, die Uni, das Bundesland? All das sind Daten, die in einer Zeit von Lochkarte und Rechenschieber schwer zu bekommen waren. Heutzutage, wo Hochschulverwaltungen ihre Daten digital speichern, wäre es ein Leichtes, sie auszuwerten.

Grafik zu Abbruchquoten im Lehramtsstudium
Grob geschätzt: Abbrecher im Lehramtsstudium nach DZHW

Doch zunächst zur aktuell gemeldeten Zahl. „Die Abbrecherquoten im Lehramt normalisieren sich gerade“, sagt der Projektleiter im DZHW, Ulrich Heublein. 15 bis 20 Prozent Abbruchquote sei in anderen Studiengängen normal, so allmählich auch im Lehramt. Dort herrschten jahrelang geringere Quoten. Im Bachelor bricht mittlerweile jeder fünfte Student sein Studium ab. Diese Zahl halbiert sich jedoch, wenn man den längeren Studienverbleib berücksichtigt. Im Sommersemester 2020, als Covid-19 viele Universitäten lahmlegte, entschlossen sich viele, ihren Abschluss zu verschieben und die Prüfungen nicht online während einer nie dagewesenen Krise abzulegen.

Heublein sieht ein Forschungsfeld vor sich, das sträflich vernachlässigt wurde. „Wir wissen über das Studium im Lehramt herzlich wenig.“ Denn bisher gibt es wenig Empirie zu den Gründen, warum Studierende das Lehramtsstudium abbrechen. Im Bachelor würden Studierende über zu wenig Praxisbezug im Studium klagen. So merken einige erst spät, dass die Schule nicht der richtige Ort für sie ist. Heubleins Forschungen weisen darauf hin, dass für den Studienabbruch im Masterstudium finanziellen und familiären Aspekten eine weitaus größere Bedeutung zukommt als im Bachelorstudium „Ich halte nichts davon, dass Studienabbruch skandalisiert wird“, sagt Heublein. Nur müsse er möglichst früh im Studium geschehen.

Rostock macht vor, wie es geht

Studienabbruch ist das eine, Schwund das andere. Diesen Begriff hat ein Forscherteam an der Universität Rostock maßgeblich geprägt. Die Hochschulen im nordöstlichen Bundesland sind die wohl mutigsten der Republik. Sie machen, wozu theoretisch jede Hochschule in der Lage ist: Sie stellen den Forschenden aus den Univerwaltungen enorme Datenmengen über Lehramtsstudierende zur Verfügung. Daraus lassen sich detaillierte Studienverläufe nachbilden. Die Erkenntnis: Was in groben Statistiken als Abbruch erscheint, ist in Wahrheit ein Schwund. Denn viele Lehramtsstudierende wechseln innerhalb des Studiums das Fach, die Schulart – oder das Bundesland.

Wie groß das Problem in Mecklenburg-Vorpommern ist, erklärt Falk Radisch, Professor für Schulpädagogik und Teamleiter an der Universität Rostock: „In den vergangenen fünf Jahren hat das Land nur fünf Physiklehrer erfolgreich ausgebildet.“ Dabei würden sie gerade in den sogenannten regionalen Schulen, früher Real- und Hauptschulen, dringend gebraucht. „35 Physiklehrer müssten wir Jahr für Jahr für die regionalen Schulen ausbilden!“ Die Schwundquote variiere von Fach zu Fach stark. Besonders betroffen: die MINT-Fächer. Hier würden 40 bis 70 Prozent eines Studienjahrgangs nicht in einer Schule in Mecklenburg-Vorpommern landen. Ob sie in anderen deutschen Klassenräumen unterrichten? So weit reichen die Daten nicht.

Datenschatz im Statistischen Bundesamt

Das BMBF fördert seit vergangenem Jahr die Rostocker Forscher. Sie möchten herausfinden, was den Studienerfolg im Lehramtsstudium Informatik und Mathematik erhöht. Dafür analysieren sie Daten von drei Hochschulen in drei Bundesländern. Es soll ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, durch das Statistiker stochern. Denn wechselt ein Student das Bundesland, gilt er in dem Bundesland als Abbrecher. Wechselt er das Lehramt, bleibt aber im Bundesland, gibt es kaum Wege, dass das Bildungsministerium diese Entscheidung für die Planung des Lehrkräftebedarfs mitbekommt. Die Statistik hinkt im föderalen System hinterher; eine denkbar schlechte Bedingung in Zeiten des Lehrkräftemangels.

Dass die Datenlage zu Studienverläufen, nicht nur im Lehramt, ungenügend ist, hat das Europäische Parlament vor bald zehn Jahren erkannt. Seither müssen die EU-Staaten genauere Daten über Studienverläufe erheben. Das entsprechende Gesetz trat in Deutschland 2016 in Kraft, ein Jahr später begann das Statistische Bundesamt detaillierte Daten zu erheben.

Mit den zuvor erhobenen Daten kann die Bundesbehörde keine Aussagen über Studienerfolg und -abbruch treffen. Das soll sich nun ändern. Daten aus acht Semester stehen inzwischen zur Verfügung. Masterstudiengänge könne man mit dem Material inzwischen anfangen, auszuwerten. Im kommenden Jahr erwarte man erste Ergebnisse, heißt es aus der Behörde. Mit Spannung dürften die Stakeholder, neben dem Ausschuss für Hochschulstatistik und dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung auch die KMK, auf die Ergebnisse warten.

KMK erwartet Zahlen 2025

Die KMK geht von einem noch langsameren Tempo aus. Erst 2023 würden die Daten und erst 2025 die Ergebnisse zur Verfügung stehen, sagt ein Sprecher gegenüber Bildung.Table. Doch wenn die DZHW-Daten darauf hindeuten, dass mehr Lehramtsanwärter im Master ihr Studium abbrechen: Warum lässt man die Statistiker des Bundes nicht schneller rechnen, um politisch adäquat reagieren zu können? Die KMK verweist auf ihre jüngste Sitzung im Juni. Dort habe man die Ständige Wissenschaftliche Kommission beauftragt, Empfehlungen zur „Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung und -gewinnung“ zu erarbeiten. Dabei gehe es auch um die Erhöhung der Studienerfolgsquote. Es bleibt die Erkenntnis: Die Bildungsforschung und -politik ist im 21. Jahrhundert auf bessere Daten zu Erfolg und Abbruch im Lehramtsstudium angewiesen. Der Datenschatz im Statistischen Bundesamt, er wird eine wichtige Rolle spielen – und sollte bald gehoben werden.

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