Hightech-Agenda im Check: Was im Bereich Quantentechnologie geplant ist und wie es vorangeht

Deutschland zählt in der Quantenforschung zur Weltspitze. Table.Briefings beleuchtet mit Daten von Elsevier und Beiträgen von Experten, wie die Hightech-Agenda dazu beitragen kann, auch in der Anwendung führend zu werden.

29. April 2026
Ein im Aufbau befindlicher Quantencomputer von IQM Germany. Das Start-up baut den europäischen Quantenrechner Euro-Q-Exa für das Leibniz-Rechenzentrum (LRZ).

Was sieht die Hightech-Agenda (HTA) vor?

Deutschland soll bis 2030 zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer auf europäischem Spitzenniveau vorweisen können. Dafür sind ein Hardware-Wettbewerb und Förderprogramme für Software-Schnittstellen vorgesehen. Da offen ist, welche Plattform sich durchsetzt – Supraleiter, Ionenfallen oder neutrale Atome –, will das BMFTR technologieoffen fördern. Forschungseinrichtungen und Rechenzentren sollen beim Kauf von Quantencomputern unterstützt werden. Zudem will das Ministerium den Transfer stärken – etwa durch Pilotlinien, Testzentren, Anwenderplattformen und Dienstleistungen zur Qualifizierung von Komponenten. Hinzu kommen Initiativen in den Bereichen Quantensensorik, etwa für Medizin, Mobilität und Raumfahrt, sowie Quantenkommunikation mit Blick auf Cybersicherheit.

Wie viel Geld investiert das BMFTR in den Bereich Quantentechnologien der HTA?

Für die laufende Legislaturperiode, also 2025 bis 2029, fördert das BMFTR Quantentechnologien mit rund 2,2 Milliarden Euro, teilt es auf Anfrage mit.

Wie weit ist der Roadmap-Prozess?

Am 21. Januar fand der erste Partnerdialog zur Hardware im Quantencomputing statt (Übersicht Partnerdialoge), bis März folgten drei weitere Gespräche zu Software, Sensorik und Kommunikation. Die Roadmap soll bei den HTA-Tagen vom 18. bis 22. Mai mit denen der anderen Schlüsseltechnologien vorgestellt werden. Spätestens im Juni will das Ministerium die Agenda mit Schwerpunkt Quantentechnologien in Brüssel bei EU-Kommission und Europäischem Parlament präsentieren, um die Verzahnung mit dem geplanten European Quantum Act und weiteren EU-Maßnahmen zu diskutieren. Aus den Partnerdialogen nimmt das BMFTR laut einer Sprecherin Impulse zur gemeinsamen Entwicklung von Software und Hardware im Quantencomputing sowie einer stärkeren Ausrichtung der Quantensensorik an konkreten Anwendungen mit. Für die Quantenkommunikation habe die Community zudem Anregungen zur langreichweitigen Kommunikation über Glasfaser und Satellit sowie zu Grundlagen eines künftigen Quanteninternets eingebracht.

Wie ist der Umsetzungsstand?

Mit der Quantum Computing Competition (QCC) wurde Anfang April die erste Flaggschiffmaßnahme mit einem Fördervolumen von 500 Millionen Euro veröffentlicht. Sie soll dazu beitragen, bis 2030 zwei Quantencomputer auf europäischem Spitzenniveau zu realisieren. Im Bereich Quantenkommunikation wurde im Rahmen der Qube-Initiative bereits 2025 ein erster deutscher Forschungskleinstsatellit in Betrieb genommen. In der Qunet-Initiative wurde die Vernetzung einer fliegenden Quantenkommunikationsplattform mit einer mobilen Bodenstation demonstriert. Im Juli sollen erste Projekte unter der Fachkräfteagenda „Quantum Future Professionals“ starten, teilt das BMFTR mit.

Wie bewertet die Community die bisherigen Maßnahmen?

Aus Gesprächen mit Akteuren ergibt sich ein gemischtes Bild. Die QCC wird für ihren wettbewerblichen Charakter und die ambitionierten Ziele gelobt. Kritisiert wird aber auch, dass sie einer klassischen Förderlogik folgt. Das sei für notwendige Grundlagenforschung sinnvoll, helfe im industriellen Wettbewerb aber nur begrenzt. Robert Axmann, Leiter der DLR Quantencomputing-Initiative, gibt zu bedenken: „Zur Frage, welches Vergabeinstrument der Markt braucht, gibt uns die Industrie eine klare Antwort: Sie braucht Aufträge.“ Andreas Tünnermann, Leiter des Fraunhofer IOF, hält die Ziele des HTA-Kapitels Quantentechnologien für richtig. Man fördere Forschung und Entwicklung mit hohem Potenzial für Wirtschaft, Gesellschaft und technologische Souveränität. „Deutschland und Europa müssen bei Schlüsseltechnologien unabhängiger werden“, sagt Tünnermann. Wichtig sei, aber nicht bei der Förderung von Forschung und Entwicklung aufhören, sondern auch Transfer, Ökosysteme sowie Bildung und Fachkräfteaufbau zu stärken.

Setzt die Bundesregierung die richtigen Schwerpunkte?

Jens Eisert, Quantenforscher an der FU-Berlin, bewertet positiv, dass das BMFTR in seiner Strategie Quantentechnologien als Zukunftsfeld priorisiert. Deutschland sei wissenschaftlich stark aufgestellt und habe gute Chancen, international vorne mitzuspielen. „Konstruktiv kritisch“ sieht Eisert jedoch die starke Fokussierung auf schnelle Skalierung, hohe Qubit-Zahlen und große Demonstratoren. „Wichtiger als ein Wettbewerb der Standorte ist ein Wettbewerb der Ideen“, betont er. Entscheidend seien nicht allein Größe und Hardware, sondern funktionierende, fehlerkorrigierte Systeme sowie das Zusammenspiel von Theorie, Experiment, Informatik und Mathematik. Gerade darin liege eine besondere Stärke Deutschlands: kreative Ideen, exzellente Grundlagenforschung und enge Kooperationen. Wenn Förderprogramme zu stark auf wenige Plattformen oder regionale Konkurrenz setzten, könne dieses Potenzial geschwächt werden. Auch beim Technologietransfer sieht Eisert Fortschritte, warnt aber davor, Grundlagenforschung zugunsten kurzfristiger Verwertungslogik zu vernachlässigen.

Wo steht Deutschland international?

Bei der Zahl wissenschaftlicher Publikationen liegt Deutschland je nach Auswertung hinter den USA und China auf Rang drei (Elsevier Mittelwert 2020–2024, siehe Grafik Quantentechnologie) oder hinter Großbritannien auf Rang vier (EFI-Bericht, Mittelwert 2021–2023). Die Elsevier-Analyse zeigt, dass die Quantenforschung in Deutschland einen überdurchschnittlich hohen Anteil an der Gesamtforschung hat (siehe Grafik RAI). Die EU-27 zusammen liegen bei Publikationen vor China und den USA. Beim Transfer zeigt sich ein anderes Bild: Bei Patenten liegen die USA deutlich vor Europa und China. Deutschland befindet sich immerhin in den Top 5 (siehe Grafik Quantentechnologie unten).

Wer sind die wichtigsten Akteure?

Die Studie „Wachstumspfade“ von Boston Consulting Group und UnternehmerTUM sowie eine Auswertung von Elsevier zu einschlägigen Publikationen zeigen, dass die deutsche Szene von starken Clustern geprägt ist: Munich Quantum Valley mit TUM und LMU, Quantum Valley Lower Saxony mit den Universitäten Hannover und Braunschweig, das Forschungszentrum Jülich und die RWTH Aachen, die DLR Quantum Computing Initiative in Hamburg und Ulm sowie Qunet mit der FAU Erlangen-Nürnberg. Darüber hinaus spielen Universitäten in Berlin, Stuttgart und Jena sowie einige MPG- und Fraunhofer-Institute eine wichtige Rolle. Zu den wichtigsten Wirtschaftsakteuren zählen Technologieunternehmen wie Menlo Systems und Trumpf als Lieferanten zentraler Komponenten. Dynamik kommt vor allem von jungen Unternehmen wie Planqc, Eleqtron, Qudora, HQS, Kiutra, IQM und Quantum Diamonds.

Wo liegen Chancen und Risiken?

Das Hauptziel des Kapitels – zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer bis 2030 – halten Experten nicht für ausgeschlossen, aber für sehr ambitioniert. Zwar sei der Bedarf an physikalischen Qubits durch bessere Fehlerkorrektur zuletzt stark gesunken – was funktionsfähige Systeme realistischer mache. Zugleich gebe es aber noch Hürden und bei einem reinen Fokus auf Hardware-Skalierung große Konkurrenz unter anderem von den US-Techgiganten wie Alphabet und IBM. Die Experten der bcg und TUM sehen den Engpass vor allem in der Skalierung. Es fehlen Wachstumskapital, industrielle Pilotlinien und schnellere Förderverfahren. Empfohlen werden wettbewerbliche Testumgebungen, meilensteinbasierte Förderung und staatliche Ankerkunden. Diese Einschätzung passt zu einem aktuellen Bericht der Beratungsfirma McKinsey & Company, die dem Quantencomputing einen kommerziellen Wendepunkt bescheinigt. Chancen sieht die EFI vor allem wegen starker Forschung, hoher Kompetenz in Photonik, Präzisionstechnik und industriellen Zulieferketten. Risiken liegen aus ihrer Sicht bei Kommerzialisierung, dem Fachkräftemangel und der Konkurrenz aus den USA und China. Ohne schnellere Umsetzung drohe ein Verlust technologischer Souveränität.

Letzte Aktualisierung: 07. Mai 2026