Der Industrial Accelerator Act darf nicht zum leeren Versprechen werden

Wenn der IAA wirklich für EU-Freihandelspartner geöffnet wird, droht Konkurrenz von chinesisch kontrollierten Produzenten in Vietnam oder Südkorea. Die Öffnung sollte auf enge Verbündete beschränkt werden, und der IAA schon 2027 wirksam werden – auch aus sicherheitspolitischen Gründen.

CP
16. April 2026
Christoph Podewils vom ESMC
Christoph Podewils fordert einem ambitionierten Industrial Accelerator Act. (ESMC/Rolf Schulten)

Mit dem Net-Zero Industry Act hat die EU 2024 das Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 30 Gigawatt Solarfertigungskapazität in Europa aufzubauen. Genug, um 40 Prozent des jährlichen europäischen Solarausbaus aus eigener Produktion zu decken. Der jetzt von der Europäischen Kommission vorgelegte Industrial Accelerator Act (IAA) könnte dieses Ziel mit Leben füllen.

Stattdessen droht eine krachende Zielverfehlung: Der Kommissionsvorschlag vom 4. März 2026 ist zu schwach und zu langsam – er läuft Gefahr, das strategische Versprechen des NZIA zu entwerten. Dabei könnte der IAA eine billige Versicherung gegen steigende Energiepreise und geopolitische Abhängigkeiten sein.

Der IAA sollte ambitionierter als der NZIA sein – nicht umgekehrt. So bemerkenswert es ist, dass die EU erstmals „Made in Europe“-Anforderungen für bestimmte Marktsegmente (hauptsächlich öffentliche Ausschreibungen und Erneuerbare-Energien-Auktionen) einführen will, so wenig ambitioniert sind diese.

Für die Produktion von Solaranlagen soll „Made in Europe“ nur für zwei von acht Schlüsselkomponenten in der Wertschöpfungskette gelten: Solarzellen und Wechselrichter. Hersteller von Modulen, Wafern, Glas, Polysilizium oder Montagestrukturen gehen leer aus – obwohl gerade hier europäische Kapazitäten bestehen oder kurz vor der Investitionsentscheidung stehen. Mindestens drei Hauptkomponenten müssen daher ins Kriterium, mit einer klaren Roadmap für die schrittweise Einbeziehung der restlichen.

Unkontrollierbar ist die geplante geografische Öffnung für EU-Freihandelspartner: Sie würde chinesisch kontrollierten Produzenten in Vietnam, Ägypten oder Südkorea Tür und Tor öffnen – und das Reshoring-Ziel des NZIA direkt konterkarieren. Union Origin muss auf die EU und enge Verbündete wie Norwegen, die Schweiz und das Vereinigte Königreich beschränkt bleiben. Ansonsten würde aus dem IAA nur ein verwässerter und teurer NZIA – dieser verlangt heute schon, dass vier Hauptkomponenten aus anderen Ländern als China stammen, darunter Wechselrichter, Solarzelle und Modul.

Die Industrie kann nicht bis 2030 warten. Der IAA soll das „Made in Europe“-Kriterium erst 2030 inkraft setzen, also wenn das ursprüngliche NZIA-Ziel schon erreicht sein soll. Das ist ein Widerspruch in sich, der auch außerhalb der Solarindustrie wahrgenommen wird – und grundsätzliche Fragen zur Zuverlässigkeit von EU-Zielen aufwirft. Der IAA muss daher 2027 wirksam werden, und das Made-in-Europe-Kriterium direkt mit ihm.

Denn Solar ist kein Nischenthema mehr, sondern sicherheitspolitischer Kern. Eine verteilte Solararchitektur mit Millionen lokaler Stromquellen macht Europa strukturell weniger angreifbar. Die Photovoltaik wird gleichzeitig der wichtigste Hebel zur globalen Dekarbonisierung: Das sichert Ernährung, Wasser, geopolitische Stabilität. Es geht also nicht um Industriepolitik als Selbstzweck, sondern um Resilienz als Standortvorteil.

Die europäische Solarproduktion ist eine Versicherung – zu überraschend geringen Kosten. Denn während Europa beim Bau von Solarstromanlagen gut vorankommt, hat es mit seiner auf billige China-Solarmodule fokussierten Politik eine neue Energie-Abhängigkeit geschaffen. Solarmodule und Solarzellen kommen zu mehr als 90 Prozent aus China, Wechselrichter, das Gehirn der Anlagen, zu rund 80 Prozent. Dahinter stecken, von der OECD belegt, auch Dumping-Praktiken chinesischer Unternehmen.

Für die EU ist das nicht nur eine Handelsfrage, sondern auch ein Sicherheitsrisiko: Wer strategische Energieinfrastruktur in diesem Maße importiert, macht sich erpressbar. Dabei kostet die ambitionierte Produktion in Europa laut Europäischer Kommission nicht einmal ein Prozent mehr auf der Stromrechnung. Die Prämie für die Souveränitäts-Versicherung Solarindustrie ist also minimal – der Nutzen strategisch enorm.

Europa muss keine Industrie neu erfinden – es muss vorhandene Stärken skalieren. In Europa gibt es Hunderte von Unternehmen, die Maschinen, Module, Wechselrichter, Silizium oder Stromspeicher herstellen. Daneben warten zahlreiche Fertigungsprojekte auf Rahmenbedingungen, unter denen sich investieren lässt. Es ist Aufgabe des IAA, diese mit „Made in Europe“-Anforderungen zu schaffen und so das NZIA-Ziel bis 2030 erreichbar zu machen. Es ist jetzt an den Europaabgeordneten und den ambitionierten EU-Mitgliedstaaten, den Weg dorthin freizumachen.

Christoph Podewils ist Generalsekretär des Lobbyverbands European Solar Manufacturing Council (ESMC). Der in Brüssel ansässige Wirtschaftsverband vertritt mehr als 60 Unternehmen aus der Photovoltaik-Wertschöpfungskette.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 16. April 2026