Intel inside: Wie der US-Konzern den Chips Act beeinflusste

Pat Gelsinger sparte nicht an großen Worten: „Der EU Chips Act ist eine historische Chance, verlorenen Boden gutzumachen“, lobte der Intel-Chef. Das Vorhaben, vergangene Woche von der Europäischen Kommission präsentiert, erleichtere die Pläne des US-Chipkonzerns, seine Präsenz in Europa erheblich auszubauen. Intel sucht derzeit Standorte für zwei neue Mega-Chipfabriken.

Die deutsche Industrie reagiert weniger euphorisch auf den Kommissionsvorschlag. Autoindustrie, Maschinenbau und Elektronikindustrie warnen, nicht die Bedürfnisse der heimischen Industrien auszublenden. Die Verbände befürchten, dass die Kommission die geplante Förderung stark auf sogenannte Leading-Edge-Halbleiter ausrichten wird. Auf Chips also, die die Grenzen des technisch Machbaren in puncto Rechenleistung und Energieverbrauch immer weiter verschieben.

Der EU Chips Act eröffne „sehr klare Chancen“

Derzeit liegt diese Grenze in der Massenproduktion bei 5 Nanometer (nm) großen Strukturen auf den Chips, geforscht wird bereits an weniger als 2 nm. Für eben diesen Bereich der „technologischen Exzellenz“ eröffne der Chips Act „sehr klare Chancen“, sagte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton bei der Vorstellung. So sollen etwa das Design und das Testen solcher Chips in Pilotanlagen gefördert werden.

Die Kommission lege einen starken Fokus auf Forschung, Design und Produktion sehr kleiner Strukturgrößen, sagt Sven Baumann, Halbleiterexperte des Verbandes der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI). „Es ist aber wichtig, dass diese Förderung auch für größere Strukturgrößen und Testen neuer Chips zur Verfügung steht.“

Ähnlich argumentiert die Automobilindustrie: Auch in den nächsten zehn bis 15 Jahren werde die Branche einen wachsenden Bedarf an Halbleitern mit Strukturgrößen von mehr als 16 nm haben, sagt VDA-Geschäftsführer Joachim Damasky. „Die Kommission sollte den Mitgliedstaaten den Freiraum geben, auch diese Technologien zu fördern„, fordert er. Der EU Chips Act sei hier leider noch nicht eindeutig genug.

„Sehr gute Lobbyarbeit“ beim EU Chips Act

Dahinter steht ein Verteilungskampf um üppige, aber begrenzte Fördergelder, die Kommission und Mitgliedstaaten in den kommenden Jahren an die als strategisch wichtig eingeschätzte Brache ausreichen wollen. Europäische Hersteller sind im Leading-Edge-Bereich nicht mehr präsent. Der Markt wird von drei Unternehmen dominiert: TSMC aus Taiwan, Samsung aus Südkorea – und eben Intel.

Der US-Konzern will massiv in neue Fabriken mit der neuesten Technologie investieren. Gelsinger hatte daher intensiv vor und hinter den Kulissen dafür geworben, die kleinen Strukturgrößen in den Fokus des Chips Act zu rücken – und dafür massive Staatshilfen zu mobilisieren. Intel habe hier „sehr gute Lobbyarbeit geleistet“, heißt es bei der Konkurrenz.

Dabei ist völlig unklar, wie groß der Bedarf der europäischen Industrie nach solchen Mikroprozessoren überhaupt ist. Bislang werden diese vor allem in Smartphones oder Laptops verbaut, die in Europa gar nicht gefertigt werden. Hiesige Großkunden wie die Autoindustrie (mit Ausnahme von Tesla), Pharma oder Maschinenbau verbauen vor allem Mikrocontroller, Sensoren oder Leistungshalbleiter mit deutlich größeren Strukturen. Hier liegen auch die aktuellen Lieferengpässe, die der Industrie zu schaffen machen.

Unstrittig ist: Der Bedarf heimischen Abnehmer dürfte deutlich wachsen, je vernetzter Fahrzeuge und Maschinen werden. Wie sehr Künstliche Intelligenz und Edge Computing die Chipnachfrage hierzulande aber tatsächlich verändern, darüber gibt es kaum belastbare Prognosen.

Für viele Vorhaben in diesen Zukunftsfeldern seien „auf reine Leistung optimierte High-End-Chips nicht notwendig“, argumentiert etwa die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften (Acatech). Entscheidender seien oftmals niedrige Kosten, ein niedriger Energieverbrauch und eine lange Lebensdauer.

Auftragsstudie liefert Argumente

Ganz anders argumentiert die Unternehmensberatung Kearney in einer Studie aus dem vergangenen Herbst. Die Autoren wagen sogar eine konkrete Vorhersage für den europäischen Markt: Die Nachfrage nach Leading-Edge-Chips in Europa werde bis 2030 „in die Höhe schießen“, heißt es in der Studie, der Anteil an der Gesamtnachfrage von 19 auf 43 Prozent steigen. Ganz am Ende des Papiers findet sich der dezente Hinweis, wer die Studie in Auftrag gegeben hat: Intel.

Andere Experten halten derartige Wachstumsraten in diesem Bereich für unrealistisch. Die Denkfabrik Bruegel etwa argumentiert, für eine Mega-Fab mit diesen Strukturgrößen fehle in Europa die Nachfrage. Die Kommission aber übernimmt die Angaben aus der Kearney-Studie – ohne die eigentlich fällige Einordnung – in eigene Präsentationen.

Eine eigene Folgenabschätzung zum Chips Act ist die Behörde ebenso schuldig geblieben wie eine öffentliche Konsultation – „wegen des dringenden Handlungsbedarfs“, wie es im EU-Gesetzentwurf heißt. Eine Befragung der Stakeholder soll nun im Nachhinein Informationen sammeln, wie groß die aktuelle und künftige Chipnachfrage ist, und die gesammelten Daten in einem Staff Working Document im Laufe des Jahres veröffentlicht werden.

Jan-Peter Kleinhans, Chipexperte der Stiftung Neue Verantwortung, bemängelt die fehlende Informationsgrundlage. „Mit Blick auf die Fokussierung des Chips Act auf Fertigung modernster Chips wäre es wichtig, die zukünftige Nachfrage nach diesen im Verhältnis zu älteren Technologien für Europa einordnen zu können“, sagt er. „Bisher scheint die Datenlage in diesem Bereich sehr dünn.“

Kommission beschwichtigt

In Kommissionskreisen wird versucht, die Sorgen in der Industrie zu dämpfen. Man sei sich darüber bewusst, dass die Halbleiterindustrie auch in anderen Bereichen wie Sensoren oder Leistungshalbleitern einen steigenden Bedarf habe und wolle auch diese in den geplanten Programmen fördern, sagt ein EU-Beamter. Das beihilferechtliche Konzept der „First-of-a-kind facility“ (Europe.Table berichtete) erlaube den Mitgliedstaaten auch staatliche Hilfen für technische Fortschritte in reiferen Technologien und Strukturgrößen.

In der Kommission wird zudem auf weitere Studien verwiesen, die ebenfalls einen stark wachsenden Bedarf nach Leading-Edge-Halbleitern vorhersagten. Explizit genannt wird etwa eine Studie der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) vom vergangenen September. In der öffentlich zugänglichen Kurzfassung spricht sich die Agentur für den Bau einer Auftragsfabrik (Foundry) für 3nm-Halbleiter aus, um bei der Entwicklung von Technologien für das autonome Fahren oder der künstlichen Intelligenz nicht auf asiatische Hersteller angewiesen zu sein. Die Autoren warnen aber zugleich, „es sei schwierig vorherzusagen, wie groß der Bedarf der europäischen Industrie nach solchen High-end-Produktionstechnologien sei“.

In der Branche verursachte diese Empfehlung erheblichen Ärger. Es könne nicht sein, dass eine Bundesagentur für einen US-Konzern lobbyiere, heißt es in Industriekreisen. Andere berichten von einem „innigen Verhältnis“ von SPRIND und Intel. Auf Anfrage sagte ein SPRIND-Sprecher, man habe für die Studie „mit zahlreichen Marktteilnehmern gesprochen, unter anderem auch mit Intel“. Weitere Angaben zu den Teilnehmern oder zur Langfassung der Studie wollte der Sprecher unter Verweis auf Vertraulichkeitsvereinbarungen nicht machen. Ein Intel-Sprecher wollte sich nicht dazu äußern.

Auch in die Bundesregierung hat Intel beste Kontakte. Der neue Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) versucht derzeit, ebenso wie sein CDU-Vorgänger Peter Altmaier, den Konzern für eine Milliardeninvestition in Deutschland zu gewinnen. Gelsinger hat klargemacht, worauf es ihm dabei ankommt: „Wenn man im Wettbewerb mit asiatischen Konkurrenten steht, die vom Staat massiv bezuschusst werden, muss man das hier auch machen – oder man spielt nicht mehr mit“.

Die passenden Zahlen liefert hier erneut die Kearney-Studie: Demnach machen die fehlenden staatlichen Anreize rund 80 Prozent des Kostennachteils aus, den eine Leading-Edge-Fabrik in Europa gegenüber Ländern wie Südkorea oder Taiwan habe. Als Quelle für ihr Berechnungsmodell führen die Autoren allerdings einen Anbieter namens „Fab Economics“ an, über den nur eine wenig seriös wirkende Website ohne Ansprechpartner im Internet zu finden ist. Auf eine Nachfrage reagierten die Kearney-Autoren bis Reaktionsschluss nicht.

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