Iran: Gaspreis-Rallye gefährdet Speicherbefüllung

Die iranische Sperrung der Straße von Hormus hat zum Wochenbeginn die Preise von Gas, Öl und auch Strom für die nächsten Monate stark anziehen lassen. Die entscheidende Kennzahl für die Befüllung der europäischen Gasspeicher schlug ins Negative um.

02. März 2026
Handelsschiffe vor der  Küste der Vereinigten Arabischen Emirate aufgrund von Navigationsstörungen in der  Straße von Hormuz, Dubai, am 2. März 2026.
Handelsschiffe liegen vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate, nachdem Iran die Straße von Hormus gesperrt hat. (picture alliance / Anadolu / Waleed Zein)
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Die Preissprünge an den Energiemärkten bedrohen die Befüllung der europäischen Gasspeicher für den kommenden Winter. Aus dem Europaparlament gibt es erste Rufe nach Krisenmaßnahmen der EU-Kommission. Die Megawattstunde Erdgas für April verteuerte sich am Montag um bis zu 56 Prozent, der Preis stieg zeitweise auf 48,85 Euro. Nachdem die iranische Regierung am Wochenende die Durchfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus blockiert hatte, gab QatarEnergy am Montagmittag bekannt, das LNG-Exportterminal Ras Laffan zu schließen. Laut Bloomberg stellt es ein Fünftel des weltweiten Flüssiggas-Angebots.

Als Konsequenz der Preiskapriolen rutschte der Winter-Sommer-Spread für 2026/27 ins Negative. Am Nachmittag lag er 3,51 Euro im Minus. Vor 2022 lag der Spread fast immer im Plus, sodass Händler Gewinn machten, wenn sie die Erdgasspeicher im Sommer zu niedrigen Preisen befüllten und das Gas im Winter zu höheren Preisen verkauften. In der Diskussion um eine nationale Gasreserve hatte sich das Bundeswirtschaftsministerium vor einigen Wochen noch gegen staatliche Interventionen ausgesprochen, weil sich der Spread in diesem Jahr etwas erholt habe. Nun fehlen aber wieder marktliche Anreize, um die derzeit besonders stark entleerten Gasspeicher in Europa für den nächsten Winter aufzufüllen.

Die EVP-Fraktion im EU-Parlament fordert eine schnelle europäische Reaktion. Ein Energieschock schlage schnell in die Inflation durch, was den Spielraum für eine wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitik einengen würde, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher Markus Ferber (CSU). „Die Kommission sollte noch diese Woche einen Maßnahmenplan vorlegen, der energie-, handels- und finanzpolitische Aspekte zusammendenkt.“

Krisenmaßnahmen schloss die Kommission am Montagmittag zunächst aus. Für die Gasversorgungssicherheit gebe es keine unmittelbaren Sorgen, sagte eine Sprecherin. Europa habe seine Gasversorgung diversifiziert. Allerdings sollten bis zum Abend die 27 Mitgliedstaaten der Kommission eine Bewertung der energiepolitischen Lage schicken. Am Mittwoch wollen Experten der EU-Staaten über die Lage am Ölmarkt beraten. Montagabend kündigte die Kommission an, dass am Mittwoch auch die Koordinierungsgruppe Gas zusammenkommen werde. Nach der Tagung des Sicherheitskollegs wurde außerdem bekannt, dass diese Woche noch eine Energie-Arbeitsgruppe mit den Mitgliedstaaten und der Internationalen Energieagentur (IEA) erstmals tagen solle.

Für kommenden Freitag hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bereits eine Orientierungsdebatte zu den Energiepreisen angesetzt. Die Kommissare wollten ursprünglich über wettbewerbsfähige Strompreise beraten. Für das Treffen der Staats- und Regierungschefs hatte von der Leyen angekündigt, Optionen vorzulegen, wie eventuell das Marktdesign geändert werden könnte.

Die Strompreise zogen am Montag parallel zu den Gaspreisen stark an. Sogar für Juni stieg der Strompreis für Deutschland am Montag um über 20 Prozent auf bis zu 86,12 Euro pro Megawattstunde. Subventionen für Unternehmen wie der Industriestrompreis würden also deutlich teurer als geplant. Da auch der Ölpreis gestiegen ist, werde es die Industrie schwerer haben, Gas durch einen anderen Energieträger zu ersetzen, sagt Simone Tagliapietra vom Thinktank Bruegel. Als Folge werde wahrscheinlich wieder mehr Kohle verstromt und das Thema Energiesparen könne wieder auf die Tagesordnung kommen.

Viel hängt nun von der Dauer der Hormus-Blockade ab. Würde sie einen Monat lang anhalten, könnte der europäische Gaspreis am niederländischen Handelspunkt TTF auf 73 Euro pro Megawattstunde steigen, zitiert Bloomberg Berechnungen von Goldman Sachs vom Sonntag. Bei einem zweimonatigen Ausfall der Lieferungen könnte der Preis auch die 100-Euro-Marke übersteigen. Eine Studie des Oxford Institute for Energy Studies (OIES) von Juni 2025 sieht die langfristigen Preiseffekte etwas niedriger. Eine Untersuchung von Aurora Energy Research von November 2023 hält im Winter Preisspitzen von bis zu 180 Euro/MWh für möglich.

Derzeit erwartet Aurora allerdings nur eine kurzzeitige Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs in der Meerenge von Hormus. Das sagte eine Sprecherin am Montag zu Table.Briefings. Das OIES erinnert außerdem daran, dass Europa seine Gastransportleitungen inzwischen ausgebaut habe, sodass mittel- und osteuropäische Staaten keine so hohen Aufschläge wie im Krisenjahr 2022 mehr zahlen müssten.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026