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Energiekrise bedroht Lieferketten

In China rationiert mehr als die Hälfte aller Provinzen derzeit den Zugang zu Strom. Die Energiekrise betrifft Millionen Menschen, die mitunter stundenlang im Dunkeln sitzen und ihre Handys nicht laden können. In einigen Städten steckten Menschen in Aufzügen fest, Ampeln fielen aus.

Auch die Wirtschaft ächzt unter den Stromengpässen. Allein in der Industrie-Provinz Guangdong waren im September fast 150.000 Unternehmen von der Energiekrise betroffen. Unternehmen klagen, sie würden viel zu kurzfristig von den Abschaltungen erfahren. Teilweise erhalten sie erst abends per App die Nachricht, dass am nächsten Vormittag der Strom abgeschaltet wird. Durch die Energiekrise steht die Produktion regelmäßig still. Immer mehr Unternehmen befürchten Auswirkungen auf die Lieferketten. Und die Preise für das verarbeitende Gewerbe könnten in Zukunft noch stärker ansteigen.

Lieferketten zunehmend betroffen

Ioana Kraft von der EU-Handelskammer in Shanghai sagt China.Table, dass die „Just-In-Time“-Lieferketten einiger Unternehmen durch die Energiekrise unterbrochen wurden. Auch bei der Belieferung eigener Kunden gebe es Probleme. Aufgrund der Stromabschaltungen konnte eine französische Firma für Industriegase nicht ausreichend produzieren. Sie musste Lieferungen an die Chip-Industrie einschränken, berichtet Kraft.

Einige Unternehmen behelfen sich zwar mit Diesel-Generatoren, sagt Kraft, aber in bestimmten Bereichen sei das kaum ausreichend. Hinzu kommt: Die Behörden machen keinen Unterschied zwischen einzelnen Unternehmen. Energieeffiziente Unternehmen seien von den Stromabschaltungen ebenso betroffen wie Firmen, die weniger auf Nachhaltigkeit achten.

Andere Unternehmen könnten noch auf gelagerte Waren zurückgreifen. Für vier bis acht Wochen sei das ein gangbarer Weg, so Kraft. Dauert die Energiekrise jedoch weiter an, wovon viele Expertinnen und Experten ausgehen (China.Table berichtete), könnte es danach knapp werden. Dann könnten sich die Stromengpässe auch zunehmend auf internationale Lieferketten auswirken, erklärt Kraft.

Auch Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel befürchtet, dass es „in der nächsten Zeit weiter zu Produktionseinschränkungen kommen“ wird. Das könnte auch Auswirkungen auf das Weihnachtsgeschäft haben. Denn die Produktion würde in den kommenden Wochen normalerweise hochgefahren werden. Es sei wahrscheinlich, dass „die hohe Nachfrage aus dem Ausland nicht vollständig bedient werden kann“. Die Lieferengpässe für das verarbeitende Gewerbe in Europa könnten sich verschärfen.

Steigende Produzentenpreise

Die Energiekrise wirkt sich auch auf die Produzentenpreise aus. Schon im September nahmen die Preise für Energierohstoffe und Industrieerzeugnisse um mehr als zehn Prozent zu (China.Table berichtete). Da Industrien mit hohem Energieverbrauch gezwungen sind, ihre Produktion immer wieder einzuschränken, drohen die Rohstoffpreise weiter zu steigen. Stefan Gätzner, Chefrepräsentant des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) in Peking, befürchtet „Preiserhöhungen oder sogar Lieferengpässe von Rohstoffen„.

Hinzu kommt die Liberalisierung des Strompreises in China. Sie könnte sich zukünftig ebenfalls auf die Produzentenpreise auswirken. Kürzlich haben die Behörden beschlossen, dass die Preise für Kohlestrom um bis zu 20 Prozent über das staatlich festgelegte Grundniveau steigen dürfen. Vor der Reform durfte der Strompreis nur um zehn Prozent zunehmen. Kohlekraftwerke hatten ihre Produktion gedrosselt, weil sie aufgrund hoher Kohlepreise nicht wirtschaftlich arbeiten konnten. Die Preisreform soll dem entgegenwirken. Derzeit werden die Produzentenpreise noch nicht an die Konsumenten weitergegeben. Allerdings könnte das in naher Zukunft passieren, wenn die Kosten der Energiekrise sich aufsummieren.

Behörden erwägen staatliche Eingriffe beim Kohlepreis

Doch nicht nur die Strompreise steigen. Der Preis für Kohle ist in den letzten Wochen durch die Decke geschossen. Der Terminpreis für den Brennstoff an der Rohstoffbörse von Zhengzhou stieg am Dienstag zwischenzeitlich auf fast 2.000 Yuan (270 Euro) und erreichte einen neuen Höchststand. Nach Börsenschluss brach der Preis jedoch wieder um acht Prozent ein, nachdem die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) Maßnahmen angekündigt hatte, um den Preis zu senken.

Laut NDRC erlaubt Chinas Gesetzgebung staatliche Eingriffe beim Kohlepreis. „Der derzeitige Preisanstieg hat sich völlig von den Grundlagen von Angebot und Nachfrage entfernt“, so die NDRC. „Die Heizsaison rückt näher und der Preis zeigt immer noch einen weiteren irrationalen Aufwärtstrend.“ Seit Ende September stiegen die Preise um ein Drittel. Am Jahresanfang lagen sie noch unter 800 Yuan. Durch die hohen Kohlepreise könnte auch die Liberalisierung des Strompreises unwirksam werden.

Lauri Myllyvirta, Energieexperte vom Centre for Research on Energy and Clean Air sagt: Bei einem Kohlepreise von „1.500 Yuan pro Tonne liegen die Brennstoffkosten pro Kilowattstunde bei 0,6 bis 0,7 Yuan, während das Grundniveau des Preises bei 0,4 Yuan pro Einheit liegt“. Die von der Regierung überarbeitete, breitere Preisspanne sei Myllyvirta zufolge nur ein „bescheidenes Bonbon“ für die Kraftwerksbetreiber. Offen bleibt, ob es bald zu weiteren Anstiegen der Strompreise kommt.

Nach Berichten von Reuters steigt die Kohleproduktion in China langsam an. Im September wurden durchschnittlich 11,14 Millionen Tonnen am Tag gefördert. Am 18. Oktober sollen es nach Behördenangaben 11,6 Millionen Tonnen gewesen sein. Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission NDRC kündigte an, die Kohleproduktion weiter zu steigern. Dafür sollen 153 stillgelegte Kohleminen reaktiviert werden. Ziel sei es, mindestens zwölf Millionen Tonnen Kohle pro Tag zu fördern, so die NDRC

Die Provinzen reagieren sehr unterschiedlich auf die Energiekrise. In Jiangsu soll es bald häufiger wieder Strom geben. Auch im Nordosten um die Stadt Shenyang versichern die lokalen Behörden, dass sich die Situation im November entspannen werde. In Guangdong hingegen kündigte die Verwaltung an, dass die Rationierungen weitergehen könnten. Klaus Zenkel von der EU-Handelskammer sagt China.Table, dass die Provinzregierung in Guangdong zusätzliche Kapazitäten für die Stromerzeugung mittels Dieselgeneratoren bereitstellt. Die ansässigen Firmen hätten jedoch weiterhin Bedenken, ob Kunden abspringen. Unklar ist auch, wie sich Lieferverzögerungen auswirken.

Ein kalter Winter droht

Weiter verschärft werden könnte die Situation durch das Wetter. Laut Forschern der Wetter- und Ozeanografie­behörde der Vereinigten Staaten könnte es in den nächsten Monaten zu einem La-Niña-Ereignis kommen. Durch dieses Wetterphänomen sinken die Winter-Temperaturen auf der Nordhalbkugel. Schon in den vergangenen zehn Tagen lagen die Temperaturen in viele Regionen Zentral- und Ostchinas unter den für diese Jahreszeit üblichen Temperaturen. Chinesische Banken gehen dementsprechend von weiter steigenden Preisen für Kohle und Gas aus.

Viele Analysten sind sich daher einig: Die Energiekrise wird bis in den Winter dauern (China.Table berichtete). Je länger die Krise anhält, desto größer könnten die Folgen für internationale Lieferketten und die vernetzte Weltwirtschaft werden.

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