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Was bedeutet das EU-Indien-Freihandelsabkommen für die deutsche Wirtschaft?

Das EU‑Indien‑Abkommen erschließt einen der größten Wachstums‑ und Exportmärkte weltweit. Doch die komplexen Regeln könnten den Zugang für Unternehmen weiterhin erschweren.

VT
30. Januar 2026
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Gute Stimmung in Indien bei António Costa, Narendra Modi und Ursula von der Leyen (EU-Kommission)

Der Verhandlungsdurchbruch beim EU-Indien-Freihandelsabkommen ist einer der außenwirtschaftspolitisch bedeutendsten Schritte Europas in den vergangenen Jahren. Seit 2007 verhandelt und nun auf dem Wege der Ratifizierung, eröffnet dieses Abkommen eine neue Dimension ökonomischer Zusammenarbeit – mit Auswirkungen auf knapp zwei Milliarden Menschen.

Für die deutsche Wirtschaft ist Indien längst mehr als nur ein Zukunftsmarkt. Bereits heute ist Deutschland wichtigster EU-Handelspartner Indiens. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2024 einen Wert von rund 31 Milliarden Euro. Doch erst das Abkommen verspricht einen echten Durchbruch: Sowohl die EU als auch Indien werden über 90 Prozent der Zölle abschaffen oder deutlich senken. Dazu gehört auch ein drastischer Zollabbau bei Maschinen, Chemikalien, Autoteilen und industriellen Vorleistungen. Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Markteintrittsbarrieren verschwinden, Wettbewerbsfähigkeit steigt – jährlich könnten mehrere Milliarden Euro an Zöllen entfallen. Die EU-Kommission rechnet mit einer Verdopplung der Warenexporte der EU nach Indien bis zum Jahr 2032. Vor allem Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie sowie Pharmaindustrie und Medizintechnik würden von den Abkommen profitieren. In diesen Branchen sind deutsche Firmen auch bereits vor Ort stark vertreten.1.800 deutsche Unternehmen beschäftigen in Indien über 600.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Abkommen ist ein strategischer Hebel, um diese Präsenz, Produktion und Wertschöpfung weiter auszubauen.

Doch das Abkommen beseitigt nicht alle Hemmnisse. Indien hält weiterhin an einigen protektionistischen Positionen fest: Die öffentliche Beschaffung bleibt geschlossen, umfassende Investitionserleichterungen fehlen und die Ursprungsregeln und -nachweise, um die Zollpräferenzen zu erlangen, sind bürokratischer als in anderen Abkommen. Zudem bleiben zahlreiche nichttarifäre Handelshemmnisse bestehen – von komplexen Zertifizierungspflichten bis zu Lokalisierungsvorgaben und administrativer Bürokratie, die laut Umfragen der AHK Indien kontinuierlich über die Hälfte der deutschen Unternehmen vor Ort belasten.

Trotz dieser Herausforderungen ist die strategische Dimension des Abkommens immens. Indien ist ein junger, wachsender Markt mit enormer industrieller Dynamik und zugleich ein zentraler Partner, um Lieferketten zu diversifizieren und Abhängigkeiten zu reduzieren. In einer Welt wachsender geoökonomischer Spannungen stärkt das Abkommen Europas Handlungsfähigkeit – und eröffnet deutschen Unternehmen langfristige Perspektiven in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte der kommenden Jahrzehnte.

Für die deutsche Wirtschaft bleibt daher entscheidend: Die EU und die Bundesregierung müssen im Zuge der Ratifizierung gegenüber Indien weitere Erleichterungen einfordern – insbesondere damit auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) das Abkommen tatsächlich nutzen können. Die anstehende Zollreform in Indien ist eine gute Gelegenheit dafür. Das EU-Indien-Abkommen ist ein historischer Schritt. Jetzt gilt es, ihn zum Erfolg zu machen.

Volker Treier ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2014 Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK).

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Letzte Aktualisierung: 30. Januar 2026