Deutschlands Banken unter Druck – immer stärker auch im Firmenkundengeschäft

Neobanken gewinnen Millionen Kunden und greifen nun auch Firmenkunden an. Während Sparkassen und Großbanken digital aufrüsten, könnte KI den Etablierten helfen, im Kampf um Konten, Kredite und Geschäftskunden mitzuhalten.

Entwicklung der Neobanken in Deutschland - bitte Bilder-Download aktivieren!

Fast jedes zweite neu eröffnete Girokonto entfällt auf Neo- und Direktbanken. So steht es im McKinsey German Retail Banking Report 2025. Vor zehn Jahren waren es zwölf Prozent. Der Anteil der Neobanken stieg dabei von zwei auf 30 Prozent. Europaweit kamen diese laut Bearingpoint schon 2024 auf mehr als 160 Millionen Kunden, Tendenz steigend. In Deutschland belaufen sich die Schätzungen auf über zehn Millionen. Für etablierte Banken bedeute das einen „sukzessiven Abfluss“ von Kundengeschäftsvolumen – „und das merken diese Häuser jetzt auch“, beobachtet René Fischer, für Banken zuständiger Partner bei Oliver Wyman.

Der Markt öffnet sich besonders an der Schnittstelle zum Nutzer. Bei den Einlagen dominieren klassische Banken zwar weiter mit 84 Prozent Marktanteil. Dass Neobanken aber bei Neuabschlüssen aufholen, liegt am Produktangebot: Während 79 Prozent der Smartphone-Banken vollständig digitale Produktabschlüsse in ihren Apps anbieten, schaffen das nur 20 Prozent der traditionellen Institute. Ein Überflieger ist Revolut aus Großbritannien: 2025 hatte die Neobank nach eigenen Angaben fast 63 Millionen Privatkunden, ein Zuwachs von 30 Prozent zum Vorjahr.

Die Großen reagieren. Die Sparkassen bringen ein digitales Wertpapierangebot namens S-Neo auf den Markt, das an den Erfolg der Neobroker wie Trade Republic, Scalable und Revolut anknüpfen soll. „Wir sehen sehr deutlich, dass viele Menschen sich einen vereinfachten, direkteren Zugang zum Wertpapiergeschäft wünschen, worauf wir antworten“, so Ulrich Reuter, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, zu Table.Briefings.

Großbanken aus dem Ausland schicken „digital-only“ Angebote nach Deutschland. Der US-Finanzriese JP Morgan will noch im zweiten Quartal 2026 mit seiner Digitaltochter Chase hierzulande starten. Die französische Großbank Crédit Agricole kam gerade mit einer digitalen Plattform für Sparprodukte, die skandinavische Digitalbank Nordnet will in der zweiten Jahreshälfte mitmischen. Die aus Spanien stammende Großbank BBVA ist seit Sommer vergangenen Jahres mit einer 100-prozentigen Digitalbank für Privatkunden in Deutschland aktiv.

Während der Wettbewerb im Privatkundengeschäft schärfer wird, nehmen Neobanken auch Geschäftskunden ins Visier. Sie fokussieren sich auf Freiberufler sowie kleine und mittlere Unternehmen. Das Berliner Fintech Vivid, Mitte 2025 mit rund 50.000 Firmenkunden, rollt KI-Assistenten und ein Treasury-Konto aus, über das KMUs direkt in Geldmarktfonds oder ETFs investieren können. Klassische Banken haben hier noch wenig zu bieten, zeigt die ZEB-Firmenkundenstudie vom November 2025: 85 Prozent der Banken setzen demnach bei Großkunden auf eine persönliche Ansprechperson – aber nur 33 Prozent der Unternehmen wollen dieses Modell noch. Umgekehrt unterschätzen dieselben Banken laut Studie den Beratungsbedarf kleinerer Firmenkunden. Das schafft Raum, den Neobanken füllen.

Und auch hier hat Revolut vorgelegt: 800.000 Geschäftskunden hat das Unternehmen selbst gezählt. Die Zahl ist zwischen 2024 und 2025 um 56 Prozent gestiegen – oder wie das Unternehmen rechnet: jede Stunde um rund 31 neue Unternehmen. Die Sparte Revolut Business habe zuletzt 16 Prozent zum Gesamtumsatz beigetragen, bei einem Transaktionsvolumen von 323 Milliarden Euro. Wiktor Stopa, Revoluts Head of Growth, verweist auf Start-up-Vorteile: „Wir können neue Funktionen schnell entwickeln und direkt in die App integrieren, statt bestehende Systeme anzupassen.“

In einem Geschäftskundenbereich allerdings haben die etablierten Player die Nase vorn. „Das Kreditthema haben die Fintechs noch nicht vernünftig gelöst“, analysiert Wyman-Partner Philipp Bulis. KI könnte, richtig eingesetzt, den Großen ihren Vorsprung bewahren. Maik Taro Wehmeyer, Gründer des Fintechs Tactile, das eine KI für automatisiertes Risikomanagement entwickelt, prophezeite vergangene Woche auf der Fintech-Messe Fibe in Berlin: „Für Risk and Compliance wird man bald so gut wie keine Menschen mehr brauchen.“ Bis vor Kurzem seien die Bedenken bei Bankern groß gewesen. Inzwischen gäbe es Lösungen, die die Regulierer abnicken – und die den Banken Zeit und Personalkosten sparen.

Die Maßgabe ist: Kreditbewilligung in zehn Minuten. Bisher sei der Standard sieben Tage. Vorgelegt hat die Deutsche Bank mit Fyrst, einem digitalen Investitionsdarlehensangebot für Selbstständige, Freelancer und Gründer. Doch auch Neobanken schlafen nicht: Qonto hat Anfang 2026 seine erste Firmenkreditkarte mit flexiblen Kreditlinien bis 15.000 Euro gestartet. René Fischer meint: „Das wird die nächste Wette sein auf der Geschäftskundenseite.“

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Letzte Aktualisierung: 18. April 2026