Warum nicht mehr Wasserstoff produziert wird – und es dennoch Hoffnung gibt

Inmitten einer Energiekrise, die durch die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen mitverursacht wurde, ist der Bedarf nach Alternativen größer denn je. Wasserstoff gilt weiterhin als Hoffnungsträger, doch die Branche kämpft mit strukturellen Problemen.

23. Mai 2026
Eine Wasserstoff-Elektrolyse-Anlage zur Herstellung von grünem Wasserstoff. (IMAGO / Joerg Boethling)

Wasserstoff gilt als einer der Energieträger der Zukunft. Für all jene Anwendungen, in denen fossile Brennstoffe kaum ersetzbar sind, ist Wasserstoff der große Hoffnungsträger. Sei es für zahlreiche industrielle Anwendungen oder im Verkehr: Allein für Deutschland rechnet die Bundesregierung bis 2030 mit einem Wasserstoffbedarf von 95 bis 130 Terawattstunden, wovon etwa ein Drittel bis die Hälfte heimisch hergestellt werden soll. Das würde bedeuten, dass Deutschland seinen Wasserstoff-Verbrauch in den kommenden vier Jahren in etwa verdoppelt. Bis 2045 könnte der Bedarf auf 360 bis 500 TWh Wasserstoff sowie zusätzlich rund 200 TWh Wasserstoffderivate steigen.

Um diese Ziele zu erreichen, muss der Ausbau enorm beschleunigt werden. Die EU plant, bis 2030 Elektrolyseure mit mindestens 40 GW Leistung zu installieren, um jährlich 10 Millionen Tonnen grünen Wasserstoff zu produzieren. Deutschland will davon allein 10 GW Elektrolysekapazität aufbauen. Doch der Hochlauf ist längst ins Stocken geraten. Deutschland produziert von den jährlich etwa 12,5 Milliarden Kubikmetern eingesetzten Wasserstoffs nur rund ein Viertel. Grund dafür sind unsichere politische Rahmenbedingungen, finanzielle Risiken und hohe Kosten.

Die Bundesregierung will den Hochlauf von grünem Wasserstoff weiter fördern. Am Mittwoch erst hat die EU-Kommission ein deutsches Beihilfeprogramm in Höhe von 1,3 Milliarden Euro zur Förderung der Wasserstoffproduktion aus erneuerbaren Energien genehmigt. So sollen der Bau von Elektrolyseanlagen mit einer installierten Leistung von bis zu 1.000 MW sowie die Produktion von bis zu 10 Millionen Tonnen grünem Wasserstoff gefördert und bis zu 55 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden.

Auch die kürzlich beschlossene Treibhausgasminderungsquote soll den Wasserstoff fördern. Sie gibt eine Mindestverpflichtung für das Jahr 2030 von 1,5 Prozent grünem Wasserstoff im Verkehrssektor vor. Sunfire-CEO Nils Aldag hätte sich hier jedoch noch mehr Ambition gewünscht. Denn er ist überzeugt, er und seine Mitbewerber am Markt hätten das ursprüngliche Ziel von bis zu 10 GW an installierter Elektrolyseleistung bis 2030 schaffen können. Die THG-Quote sorge nun für etwa 5 GW bis 2032 – also zwei Jahre später die Hälfte des Volumens. „Und das ist faktisch einfach zu wenig“, sagt Aldag. Auch daran hapere der Hochlauf von grünem Wasserstoff.

Und dennoch: Die Branche verbreitet Zuversicht. Beim Wasserstoff-Gipfel im niederländischen Rotterdam in dieser Woche sahen sich sowohl europäische Energieriesen wie Shell als auch kleinere und größere Wasserstoff-Unternehmen wie Air Products keineswegs im Hintertreffen im Rennen mit der Konkurrenz aus China. Insbesondere die Elektrolyseur-Hersteller blickten optimistischer denn je in die Zukunft. „Wir sehen ganz klar, dass chinesische Hersteller keinen technologischen Vorsprung haben“, konstatiert Aldag im Table.Briefings-Interview. Der chinesische Markt sei aktuell „noch nicht größer oder weiterentwickelt als der europäische“.

Das Rennen ist also nicht verloren. Doch Aldag mahnt, aus den Fehlern der Vergangenheit und anderer Branchen zu lernen – beispielsweise der Solarwirtschaft. Habe man eine Industrie erst mal verloren, sei der Turnaround, um sie zurückzuholen, fast unmöglich. Es gelte daher, die Elektrolyse als „strategisch“ zu definieren, sagt Aldag, um sie in Deutschland und Europa zu schützen und dort die Arbeitsplätze zu schaffen. Das Dresdner Unternehmen Sunfire stellt industrielle Elektrolyseanlagen für die Erzeugung von grünem Wasserstoff her.

Um das zu erreichen, brauche es klare Kante und „Abschottung“ gegenüber China. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass deutsches oder europäisches Steuergeld zum Hochlauf der Produktionskapazitäten in China führt.“ Er spricht sich deshalb für noch deutlichere „Made in Europe“-Kriterien aus. Die Local-Content-Anforderungen des Industrial Accelerator Act der EU-Kommission gingen da nicht weit genug, sagt Aldag.

Andere EU-Vorgaben gingen dagegen zu weit. Aldag fordert Nachbesserungen eines delegierten Rechtsaktes der EU, der den Hochlauf von grünem Wasserstoff fördern soll. Einige der Vorgaben ergäben keinen Sinn, so der CEO. Damit mache man es Elektrolyseuren „unnötig schwer, indem man heute schon den Maßstab für in 25 Jahren anlegt, während die Industrie noch ganz klein ist und noch mit ganz anderen Baustellen zu kämpfen hat“.

Aldag kritisiert unter anderem die Regeln zur Zusätzlichkeit („additionality“) von erneuerbarem Strom bei der Wasserstoffproduktion. Nach dem delegierten Rechtsakt dürfen nur Anlagen, die maximal 36 Monate vor der Inbetriebnahme des Elektrolyseurs in Betrieb gegangen sind und keine Förderung erhalten haben, für die Stromproduktion für grünen Wasserstoff verwendet werden. Wenn aber ein Elektrolyseur den Strom voll bezahle, ihn auch noch flexibel abnehmen könne und keine Subventionen brauche, dann schaffe er vollbezahlte Nachfrage und somit zusätzliche Stromproduktionen, sagt Aldag. „Man stelle sich mal vor, ein E-Auto oder eine Wärmepumpe müsste nachweisen, dass sie nur mit zusätzlichem erneuerbarem Strom aus maximal drei Jahre alten Anlagen laufen.“ E-Autos und Wärmepumpen würden sich bis heute nicht lohnen, argumentiert er.

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Letzte Aktualisierung: 23. Mai 2026