Transformation in der Landwirtschaft braucht Strategiefähigkeit im Ministerium

20 Jahre lang hat der Agrarökonom Achim Spiller im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums mitgewirkt. Er warnt: Die strategischen Fähigkeiten des Staats erodieren zusehends. Damit wachsen auch die Risiken künftiger Konflikte.

AS
24. Februar 2026
Achim Spiller ist Agrarökonom an der Universität Göttingen. (Klein und Neumann KommunikationsDesign)
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20 Jahre Politikberatung liegen hinter mir, mit wechselnden Krisen und Koalitionen. Im wissenschaftlichen Beirat für Agrar- und Ernährungspolitik (WBAE) haben wir mit umfangreichen Gutachten Wissen für eine konsequente Nachhaltigkeitspolitik erarbeitet. Es gab politische Aufmerksamkeit, zum Beispiel für die großen Gutachten zum Tierwohl (WBA 2015), zur Ernährungspolitik (WBAE 2020) und zu Alternativprodukten (WBAE 2025). Und doch blieb die Umsetzung dürftig. Mein Fazit ist deshalb: Nicht der Mangel an Erkenntnis ist das Nadelöhr. Teilweise fehlt politischer Wille. Entscheidend ist jedoch der Mangel an Strategiefähigkeit im BMLEH.

Was hat der WBAE geliefert? Ein Dutzend Gutachten, oft hunderte Seiten stark. Der rote Faden war Prävention. Wer Grundwasser- und Klimaschutz, Biodiversitätsverluste und ernährungsbedingte Krankheitslasten früh adressiert, senkt Folgekosten, reduziert spätere Konflikte und schafft Planungssicherheit. Das ist keine romantische Öko-Agenda, sondern eine ökonomisch rationale Risiko- und Resilienzpolitik. Warum bleibt der Transfer in die Praxis trotzdem so begrenzt? Meine Quintessenz lässt sich in drei Beobachtungen bündeln.

Erstens: Verlust strategischer Kapazität. Das BMLEH verfügte vormals wohl über einen starken Planungsstab. Ministerien arbeiten heute zunehmend im Modus permanenter Tagespolitik. Der Krisenmodus ist zum Normalzustand geworden. Damit schrumpft der Raum für eine Politikarchitektur, die zu den komplexen Nachhaltigkeitsherausforderungen passt. Es bedarf klarer Zielpfade, abgestimmter Instrumentenpakete und einer lernenden Anpassung. Langfristige Transformation lässt sich nicht im Rhythmus von Nachrichtenzyklen steuern. Nachhaltigkeit benötigt institutionelle Geduld, Hartnäckigkeit und Routinen, die auch dann tragen, wenn die politische Aufmerksamkeit weiterzieht.

Zweitens: Kommunikation schlägt Analyse. Die Öffentlichkeitsarbeit im BMLEH wurde von allen Ministerinnen und Ministern der letzten Jahre weiter ausgebaut. Social Media und kurzfristige Symbolpolitik haben zugenommen, weil Politik in einer fragmentierten und polarisierten Medienöffentlichkeit um Aufmerksamkeit konkurriert. Präventionspolitik passt schlecht in diese Logik: Sie kostet heute, wirkt morgen, und ihr Erfolg zeigt sich als Nicht-Ereignis. Wenn weniger Nitrat im Grundwasser landet, wenn Treibhausgasemissionen sinken oder wenn sich die Ernährung langsam verbessert, bleibt der politische Ertrag unsichtbar. Das Präventionsparadoxon begünstigt eine Politik, die Risiken verwaltet, statt Ursachen zu verändern.

Drittens: Silos in den Ministerien statt Querschnittspolitik. Es gibt in den Fachabteilungen viel Expertise, oft auch hohe intrinsische Motivation. Aber die Durchlässigkeit nach oben ist begrenzt; die mit jeder neuen Regierung wechselnden Leitungsebenen sind stark taktisch gebunden. Zudem sind die interministeriellen Ressortgrenzen undurchlässig: Ressortabstimmung am Ende – statt ressortübergreifender Projekte am Anfang des Politikprozesses. Nachhaltigkeit ist Querschnittspolitik, die mehrere Ministerien betrifft. Agrar-, Umwelt-, Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik laufen immer noch nebeneinander. Nachhaltigkeit verlangt agiles Projektmanagement. Der Politikbetrieb in Berlin beherrscht das nicht wirklich, auch durch parteipolitische Logiken.

Besonders deutlich ist das in der Ernährungspolitik. Obwohl die Evidenz zu Zucker, Salz und ungesunden Ernährungsumgebungen seit Jahren klar ist, bleibt das Politikfeld institutionell unterentwickelt. Wir behandeln Ernährung weiterhin als individuelle Verantwortung: Bildungsrhetorik statt Rahmenbedingungen, Appelle statt Infrastruktur, Freiwilligkeit statt konsistenter Anreize. Märkte und Umwelten bleiben unverändert.

Diese Diagnose reicht über die Agrar- und Ernährungspolitik hinaus. Wir erleben eine Erosion strategischer Staatlichkeit: Analytische Kapazitäten und Evidenzorientierung müssten in den Ministerien ausgebaut werden. Und ja: Auch wir Wissenschaftler haben lange geglaubt, gute Argumente und belastbare Evidenz würden am Ende genügen. Das war naiv. Evidenz ist notwendig, aber nicht hinreichend, wenn die Organisation, die sie in Politik übersetzen soll, dafür zu wenig Zeit, Mandat und Struktur hat.

Daher lautet mein Appell: Nachhaltigkeit ist kein Erkenntnisproblem, sondern ist ein Organisationsproblem des Staates. Wer Transformation will, muss die strategische Handlungsfähigkeit der Ministerien stärken: mehr Raum und Ressourcen für Problemanalyse, Zielarchitekturen, Instrumentendesign und Evaluation; stärkere ressortübergreifende Steuerung; frühe Schnittstellen zu Wissenschaft und Praxis. Ohne starke Ministerien bleibt Nachhaltigkeitsrhetorik folgenlos. Die hohe Kompetenz und Motivation der Beamtinnen und Beamten müssen freigesetzt werden. Transformation beginnt nicht auf dem Feld, sondern im Organigramm.

Achim Spiller ist Professor für „Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte“ an der Universität Göttingen. Er war von 2006 bis 2026 Mitglied und in den letzten fünf Jahren Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des BMLEH für „Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz“. Er war unter anderem Mitglied und Co-Vorsitzender der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) und Mitglied im BMLEH-Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung („Borchert-Kommission“).

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026