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Wang Huiyao: „Es geht nicht mehr um: China gegen den Westen“

Der chinesische Analyst Wang Huiyao erläutert am Rande der Münchener Sicherheitskonferenz, was sich China vom Besuch des Bundeskanzlers in China erhofft. Und wie chinesische Fabriken bald in der ganzen Welt tätig werden könnten.

15. Februar 2026
Wang Huiyao
Wang Huiyao ist politischer Analyst und Gründer und Präsident des Center for China and Globalization.

Was erwarten Sie vom Besuch des Bundeskanzlers Friedrich Merz in China?

Bundeskanzler Merz kommt als einer der letzten westlichen Staats- und Regierungschefs. Wir hatten bereits die italienische Ministerpräsidentin, den französischen Präsidenten, den kanadischen Premierminister, den britischen Premierminister und den spanischen König zu Gast. Ich hoffe, dass sein Besuch dem gleichen Trend folgt und eher wirtschaftliche als ideologische Interessen in den Vordergrund stellt. Es geht nicht mehr um: China gegen den Westen. Ich denke, er kommt spät. Er ist jetzt seit fast einem Jahr im Amt. Angela Merkel und Olaf Scholz sind sehr viel früher gekommen. Ein Deutscher sollte sich stärker für die Stärkung der Beziehungen zu China einsetzen, da so viele deutsche Unternehmen Interessen in China haben.

Sie sagten nach dem Besuch des britischen Premiers Keir Starmer, dies sei ein Paradigmenwechsel gewesen.

Die Welt wird multipolar. Die USA drängen die EU aus den sogenannten traditionellen westlichen Bündnissen heraus. Jetzt suchen sie nach einem stabilen Anker.

Sie sagen, dass China zu einem Anker der wirtschaftlichen Stabilität wird. Deutsche Unternehmen haben aber große Probleme, Seltene Erden zu bekommen.

Einige sind mit China im Gespräch und haben eine Vereinbarung mit uns getroffen. Der Besuch von Merz aber wurde lange Zeit verschoben. Der deutsche Außenminister hat sich sehr negativ zu Taiwan geäußert, und am Ende wurde der Besuch abgesagt. Ein gutes Beispiel ist Kanada. Kanada folgte den USA und tat alles, um China zu sanktionieren. Plötzlich aber kommt Mark Carney und sagt: „Okay, vergessen Sie es, lassen Sie mich 49.000 Autos importieren.“ So wurden alle Probleme ein für alle Mal gelöst. Aber von Deutschland gab es bislang keine großen Schritte.

Was der deutsche Außenminister zu Taiwan sagte, war nicht viel anders als das, was Vorgänger von ihm geäußert haben. Warum hat es Peking so verärgert – weil er es in Japan gesagt hat?

Es gibt eine enorme Normalisierung in den Beziehungen zu Taiwan. Die neue Vorsitzende der KMT, Cheng Li-wun, hat selbst gesagt, dass sie sich als Chinesin sieht und Präsident Xi gerne hundert Mal treffen würde. Außerdem sieht man, dass sich US-Präsident Trump zu allen Fragen über Taiwan bedeckt hält.

Er hat die größte Waffenlieferung aller Zeiten an Taiwan gebilligt.

Er will Geld verdienen, aber er hat, anders als Biden, nicht gesagt, dass er Taiwan schützen wolle. Und in einem Konflikt wird es keinen großen Unterschied machen, ob man 100 Millionen, eine Milliarde oder zehn Milliarden an Waffen verkauft. Während des Busan-Gipfels hat Trump nichts zu Taiwan gesagt, was ein Signal dafür ist, dass es ihn nicht interessiert. Trump hat große Ambitionen, souveräne Staaten wie Kanada, Grönland, Panama und Venezuela zu annektieren. China nimmt jetzt eine sehr harte Haltung gegenüber jedem ein, der über Taiwan spricht.

Zurück zur wirtschaftlichen Stabilität. In Deutschland, in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt herrscht das Gefühl vor, dass chinesische Überkapazitäten die eigene industrielle Basis bedrohen.

Ausländische Länder haben oft prophezeit, dass China am Ende wäre. Aber China ist widerstandsfähig. Wir fertigen 70 Prozent der grünen Produktion weltweit, unsere KI ist in manchen Bereichen besser als die der USA, wir haben die beste Infrastruktur. Jedes Jahr fügen wir ein Wirtschaftswachstum der Größe des BIP von Indonesien hinzu. Multinationale Unternehmen verdienen noch immer viel Geld in China. 40 Prozent der Elektroauto-Exporte aus China werden von multinationalen Unternehmen hergestellt.

Aber das schafft Arbeitsplätze in China, nicht in Deutschland.

Mit dem Geld können sie ihre inländischen Aktivitäten unterstützen. China wird zum wettbewerbsfähigsten Markt der Welt. Wenn man die modernste Technologie haben will, muss man den chinesischen Markt erobern, bevor man den Rest der Welt erobert. Der Wettbewerbsvorteil Chinas drängt andere Länder dazu, das zu tun, was sie am besten können. In den USA sind das Innovation, KI, Silicon Valley. Europa könnte bei Dienstleistungen vorne liegen, bei seinen traditionellen Stärken muss es sich aber verbessern. Wenn es einen gesunden Wettbewerb gibt, muss man sich nicht abkoppeln, sondern verbessern.

Ist der Wettbewerb denn gesund?

Wir brauchen gute Beziehungen, damit China massiv in Europa investieren kann. 40 Prozent der chinesischen Investitionen in Europa fließen nach Ungarn, weil Ungarn gute Beziehungen zu China unterhält. Und jetzt fließt ein großer Teil davon nach Spanien. China könnte mehr in Deutschland investieren, aber aufgrund unserer schlechten Beziehungen haben Geschäftsleute Angst, hierherzukommen. China könnte wie Japan sein. In den 90er-Jahren haben sich alle über Japan beschwert. Später hat Japan Produktionsstätten in Europa und Afrika errichtet. Alle sind glücklich, denn es werden lokale Arbeitskräfte beschäftigt und lokale Steuern generiert. China könnte das auch tun.

Es liegt doch aber im deutschen Interesse, deutsche Unternehmen zu schützen.

Die Welt ist zu einem großen Dorf geworden. Wenn es eine Fabrik gibt, die gut läuft, kaufen alle dort ein. China könnte ein großer Lieferant sein. Das bedeutet aber nicht, dass China immer nur in China produziert. China kann in Deutschland, in Spanien und in Kanada produzieren, wenn das erlaubt ist. Joint Ventures wären eine Lösung. In den 80er- und 90er-Jahren hat China für China produziert. Dann wurde in China für die Welt produziert. Jetzt könnten chinesische Unternehmen überall investieren. In der Welt für die Welt.

Wang Huiyao ist politischer Analyst und Gründer und Präsident des Center for China and Globalization, eines in Peking ansässigen, unabhängigen Thinktanks, der zu den 100 führenden Denkfabriken weltweit zählt. Wang ist ehemaliger Berater des State Council sowie stellvertretender Vorsitzender der China Association for International Economic Cooperation unter dem chinesischen Handelsministerium. Zudem war er Direktor des Chinese People's Institute of Foreign Affairs und Dekan des Instituts für Entwicklung an der Southwestern University of Finance and Economics.

Letzte Aktualisierung: 16. Februar 2026