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Deutschland als Europas Mittler und Motor

von Laila Stenseng

Deutschland ist unser wichtigster Partner in Europa. Wenn norwegische Politiker auf Deutsche treffen, fällt dieser Satz regelmäßig. Ich wiederhole ihn ebenso gerne, denn er nutzt sich nie ab.

„Deutschland ist unser wichtigster Partner in Europa“ ist für Norwegen eine Zustandsbeschreibung. Sie ist auch mit Erwartungen verknüpft, und zwar nicht in erster Linie im Sinne von Ansprüchen, sondern vielmehr als gut begründete Erwartung, dass dies so bleiben wird, da Deutschland in Europa und damit auch global auf Dauer ein bedeutender Faktor ist. Und natürlich auch, weil gilt: Wir haben Vertrauen in Deutschland.

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas, das bevölkerungsreichste Land und liegt geografisch im Zentrum. Es hat seit der Wiedervereinigung sowohl mit Frankreich als auch mit Polen eine lange Grenze und verbindet, was einst durch den Eisernen Vorhang getrennt war: Ost- und Westeuropa. Auch als Mittler und Motor kommt Deutschland in Europa eine entscheidende Rolle zu.

Dass das so bleibt, ist nicht nur für Norwegen, sondern für den ganzen Kontinent wichtig. Als relativ kleines, Deutschland dafür umso stärker verbundenes Land arbeitet Norwegen tatkräftig daran mit. Das zeigt sich nicht zuletzt in der gemeinsamen Erklärung vom 21. Juli 2025 beim Besuch von Ministerpräsident Jonas Gahr Støre bei Bundeskanzler Friedrich Merz. Darin werden die enge Partnerschaft im Rahmen von NATO, EWR und UNO sowie die bilaterale Verbindung hervorgehoben und deren Ausbau angekündigt.

Die dunkle Vergangenheit der Besatzung Norwegens durch Nazi-Deutschland ist heute einer Partnerschaft gewichen, die geprägt ist von Vertrauen, gemeinsamen Werten und einer tiefen Verflechtung in europäischen und transatlantischen Strukturen. In einer Zeit globaler Umbrüche und sicherheitspolitischer Herausforderungen gewinnt diese Partnerschaft weiter an Bedeutung – auch global.

In der aktuellen Zeit ist es nur ehrlich, die Sicherheits- und verteidigungspolitische Komponente gleich zu Anfang zu nennen. Hier brauchen wir ein Deutschland, das vorangeht, das eint und Europa stark macht – sei es in Sachen Ukraine-Unterstützung, beim Einsatz für ein starkes globales Völkerrecht oder der generellen Verteidigungsbereitschaft.

Norwegen trägt dazu nach Kräften bei. Norwegen und Deutschland stehen zusammen für fast 50% der für 2026 angekündigten militärischen Unterstützung der Ukraine. Die gemeinsame Lieferung von Patriot-Luftverteidigungssystemen an die Ukraine im Wert von deutlich über einer halben Milliarde Euro ist ebenso Ausdruck dieses kollektiven Einsatzes für die Zukunft Europas wie der gemeinsame Bau von insgesamt zwölf U-Booten und die in der 21.-Juli-Erklärung angekündigte geplante Erweiterung der integrierten operativen Partnerschaft im Nordatlantik und in der Nordsee samt verstärktem Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur. Während der Münchner Sicherheitskonferenz wurde mit der Hansa-Vereinbarung eine entsprechende Sicherheitspartnerschaft unterzeichnet. Beide Länder gehören natürlich auch zu den Teilnehmern der NATO-Übung Cold Response, die diesen März in Norwegen stattfindet und die die Regierungschefs beider Länder im Rahmen der Norwegenreise von Friedrich Merz gemeinsam besuchen werden.

Auch im All zeigt sich, dass Deutschland ein entscheidender Faktor in und für Europa sein kann. Andøya Spaceport in Nordnorwegen ist Europas erster orbitaler Startplatz auf dem Festland und kann zivilen wie militärischen europäischen Belangen dienen. Isar Aerospace aus München nutzt diesen Standort für Satellitenstarts im Rahmen von ESA-Missionen und unlängst hat Rheinmetall größere Pläne für Andøya verkündet. Die Kooperationen rund um Andøya stärken Europas Unabhängigkeit in der Raumfahrt und zeigen, wie bilaterale Initiativen globale Wirkung entfalten können.

Vor dem Hintergrund des andauernden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der damit verbundenen Bedrohung der europäischen Sicherheit darf nicht vergessen werden, dass es weiterhin ein riesiges globales Problem gibt: den Klimawandel mit all seinen negativen Folgen.

Als Schwergewicht Europas kann Deutschland hier einen Unterschied machen. Forscher sind sich einig: Es ist unglaublich wichtig, CO2 zu vermeiden. Dort, wo das nicht geht, muss es abgefangen und eingelagert werden. Sonst sind die Pariser Klimaziele nicht zu erreichen. Norwegen macht das bereits seit Jahrzehnten und ist bereit, auch Deutschland klimaschädliches Gas abzunehmen und dauerhaft sicher einzulagern. Bei dem Thema hat sich in Deutschland zuletzt einiges bewegt. Dieses Thema ist auch Teil der Erklärung vom 21. Juli. Sollte die größte Volkswirtschaft Europas in dem Bereich weiter vorangehen, hat das Signalwirkung.

Bei all den Problemen, die uns derzeit plagen, dürfen wir das Schöne nicht vergessen. Auch Kunst und Kultur zeigen, wie eng unsere Länder verbunden sind. In den kommenden rund anderthalb Jahren gibt es in Deutschland allein vier Edvard-Munch-Ausstellungen. Der wohl bekannteste norwegische Maler hat seinen internationalen Durchbruch maßgeblich Deutschland zu verdanken und zeigt ebenso wie die zeitgenössische Kunst auch, dass die Auseinandersetzung mit Kunst weit mehr ist als ein Selbstzweck: Wer hat nicht bei der Betrachtung faszinierender, zugleich letztlich unbegreifbarer Werke wie Munchs Schrei oder der Fotocollagen von Frida Orupabo viel über das Leben, über die Menschen und nicht zuletzt über Menschlichkeit gelernt? Auch hier freuen wir uns, wenn Deutschland in Europa vorangeht und weiter dafür einsteht, dass Kunst und Kultur auch in Zukunft kritische Fragen stellen und Ambivalenzen thematisieren dürfen und nicht nur wie in dunkleren Zeiten der vorgeblichen Erbauung dienen sollen.

Autorin: Laila Stenseng ist seit 2023 Botschafterin des Königreichs Norwegen in Deutschland.

In einer Zeit globaler Umbrüche bitten wir Botschafterinnen und Botschafter um ihre Sicht auf Deutschlands zukünftige Rolle in der Welt. Was wird in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie in der Klima- und Handelspolitik von Berlin erwartet? Welche Impulse sollte Deutschland in internationalen Institutionen setzen – und wie lässt sich die bilaterale Zusammenarbeit weiterentwickeln?

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