Kritische Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft gehören zusammen

Von Rainer Buchholz und Daniel Quantz
Daniel Quantz (l.) ist Leiter Recht bei der Wirtschaftsvereinigung Metalle, Rainer Bucholz leitet den Leiter Bereich Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz.
Daniel Quantz (l.) ist Leiter Recht bei der Wirtschaftsvereinigung Metalle, Rainer Bucholz leitet den Leiter Bereich Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz.

Krisen und ihre Auswirkungen auf globale Lieferketten, der Krieg in der Ukraine und der Klimawandel hinterlassen ihre Spuren in den Wertschöpfungsketten der Grundstoffindustrie. Der Zugang zu den Rohstoffmärkten ist entscheidend für unsere Zukunft, aber auch das Know-how zur Verarbeitung. Der europäische Bedarf an Nichteisen(NE)-Metallen wird sich bis 2050 vervielfachen, gerade wegen des Green Deals und der fortschreitenden Digitalisierung.

Die Wichtigkeit einer verlässlichen und nachhaltigen Rohstoffversorgung hat die EU-Kommission erkannt. In ihrer Rede State of the European Union am Mittwoch hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein europäisches Rohstoffgesetz angekündigt

Der Krieg in der Ukraine hat erneut aufgezeigt, dass Abhängigkeiten von verschiedenen Rohstoffen ohne Diversifizierung zu erheblichen Problemen in den Lieferketten führen können. Neue Kooperationen mit verlässlichen internationalen Partnern sollen deshalb der Sicherung von Rohstoffen unter Einhaltung hoher Umwelt- und Sozialstandards initiiert werden. Hier sind Handelsabkommen mit Chile, Mexiko, Neuseeland und Australien zu nennen.

Im Zusammenhang damit bereitet die EU-Kommission einen Rechtsakt für kritische Rohstoffe vor, nach Vorbild der EU Batteries Alliance und des EU Chips Act. Der Critical Raw Materials Act soll Kriterien zur Identifizierung von Rohstoffen festlegen, die von besonderer strategischer Bedeutung für unseren Transformations- und Verteidigungsbedarf sind, einschließlich wirtschaftlicher Bedeutung, Versorgungskonzentration, strategischer Anwendungen und prognostizierter Versorgungslücken.

Nachfrage steigt rasant

Zusätzlich sollen widerstandsfähigere Lieferketten aufgebaut werden, indem Projekte unterstützt und mehr private Investitionen vom Bergbau über die Raffination und Verarbeitung bis hin zum Recycling gefördert werden. Die höchsten Sozial- und Umweltstandards (ESG) sollen trotzdem gewährleistet sein. Die Herstellung eines Level Playing Field ist für strategische Speicherkapazitäten und auch für die Förderung von Sekundärrundstoffen aus unserer Sicht unabdingbar.

Die Katholische Universität Leuven (KU Leuven) hat im April 2022 in einer Studie die durch den Green Deal ausgelöste, zusätzliche NE-Metallnachfrage berechnet. Dabei wurde berücksichtigt, dass NE-Metalle bei den durch den Green Deal geforderten Investitionen in innovative Energieerzeugungstechnologien (Solaranlagen, Windkraft, Wasserstroff) sowie in neue Produkte (Elektrifizierung von Automobilen, neue Batterien) eine wesentliche Rolle spielen. Diese Technologien sind in der Regel metallintensiver als herkömmliche Produkte und Technologien. Die zusätzliche Metallnachfrage, um die europäische Energieversorgung unabhängiger von russischen Energieimporten zu machen, wurde in der Studie noch nicht berücksichtigt.

Die Studie errechnet, dass allein der Green Deal bis 2050 die Nachfrage für Aluminium um 33 Prozent, für Kupfer um 35 Prozent, für Zink um 11 Prozent, für Nickel um 103 Prozent, für Kobalt um 331 Prozent und für Lithium sogar um 3535 Prozent steigern wird. Bei den Basismetallen Aluminium, Kupfer und Zink kann die gestiegene Nachfrage auch weiterhin nur teilweise (zu 45 – 65 Prozent) durch höhere Recyclinganstrengungen gedeckt werden.

Strategie braucht mehrere Säulen

Der Rest muss durch höhere Minenproduktion aufgefangen werden. Das liegt vor allem daran, dass Metalle meist langfristig in Anwendungen gebunden sind und erst nach und nach zum Recycling gelangen. Darüber hinaus geht ein erheblicher Teil an Metallschrotten ins Ausland und steht für die europäische Metallversorgung nicht mehr zur Verfügung. Im Vergleich zu anderen Materialien liegen NE-Metalle beim Recycling dennoch weit vorne: Der Recyclat-Anteil jeder in Deutschland produzierten Tonne NE-Metall liegt bei rund 50 Prozent.

Die europäische Rohstoffversorgung muss daher bis auf Weiteres auf mehrere Säulen setzen: Mehr Importe von Primär- und Sekundärrohstoffen aus Ländern mit nachhaltigen Standards, mehr heimische Minenproduktion und vor allem mehr heimisches Recycling, um die verbliebenen Recyclingpotenziale zu heben. Insbesondere die EU legt den politischen Fokus daher seit mehreren Jahren in ihrer Initiative „Circular Economy“ auf die Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen für das Recycling (z.B. mehr Design for Recycling).

Um den Beitrag von Sekundärrohstoffen für die Versorgungssicherheit mit metallischen Rohstoffen in Deutschland zu stärken, tritt die Bundesregierung auf Basis ihrer Rohstoffstrategie mit der betroffenen Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung in einen Dialog ein. Ziel des Dialogs ist es, bis 2023 konkrete Maßnahmen zu erarbeiten, die Barrieren zur Schließung von Rohstoffkreisläufen abbauen und die den Beitrag der metallischen Sekundärrohstoffe zur Rohstoffversorgung weiter zu erhöhen. (Lesen Sie hier ein Interview mit Wirtschaftsstaatssekretärin Franziska Brantner)

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat hierzu die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) mit der Leitung der „Dialogplattform Recyclingrohstoffe“ beauftragt. Die Wirtschaftsvereinigung Metalle engagiert sich in der Dialogplattform im AK Metalle und setzt sich dafür ein, die europäische Rohstoffpolitik gemeinsam mit der Kreislaufwirtschaft nach vorn zu bringen.

Mehr zum Thema

    What’s cooking in Brussels: Im Energiekarussell
    Schutz des Binnenmarktes erfordert Fingerspitzengefühl
    Italien nach der Wahl: Melonis Balanceakt
    Mit intermodalem Güterverkehr kann die EU ihre Klimaziele erreichen