Inflationsängste relativieren

Von Daniel Gros
Daniel Gros, Vorstandsmitglied und Distinguished Fellow des Centre for European Policy Studies, im Standpunkt über das Öl-Embargo gegen Russland.
Daniel Gros ist Distinguished Fellow und Mitglieds des Boards beim Centre for European Policy Studies.

Die Verbraucherpreisinflation in der Eurozone hat sich im September weiter beschleunigt. Sie liegt nun mit 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf dem höchsten Stand seit 13 Jahren, was eine Welle alarmierter Schlagzeilen ausgelöst hat. Die jährliche Inflation in den USA lag im August bei 5,3 Prozent. Wie besorgt sollten die politischen Entscheidungsträger in Europa und den USA also über einen möglichen lang anhaltenden Anstieg der Inflation sein?

In der Eurozone zumindest kommen die gegenwärtigen Inflationsschlagzeilen nicht unerwartet. Die Erfahrung legt nahe, dass eine Wirtschaftskrise zunächst zu Deflations- und dann zu Inflationsängsten führt. Nach der globalen Finanzkrise von 2008 folgte auf die deflationären Sorgen auf dem Tiefpunkt der anschließenden Rezession ein leichter Anstieg der Inflation während der dann folgenden Konjunkturerholung.

Ein ähnliches Muster zeichnet sich in der Covid-Krise ab. Im letzten Jahr fielen die Preise in der Eurozone zeitweise; damals war von anhaltenden deflationären Auswirkungen der Pandemie die Rede.

Man muss die Situation also etwas relativieren. Zunächst einmal beschreibt die gemeldete Inflation normalerweise den Anstieg des Verbraucherpreisindex im Vergleich zur Zeit von vor zwölf Monaten. Ungewöhnlich niedrige Vorjahrespreise verzerren die Zahl daher. Dieser Basiseffekt ist heute nicht bloß ein Faktor unter vielen, die den steigenden Inflationszahlen zugrunde liegen; er ist angesichts des Tiefpunktes im Vorjahr der Schlüssel zu ihrem Verständnis.

Deshalb bietet es sich an, die Inflation über die letzten 24 Monate hinweg statt über die letzten zwölf zu berechnen. Auf dieser Basis legen die jüngsten Zahlen aus der Eurozone keine starke Inflationsdynamik nahe: Die Gesamtinflationsrate (gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex) betrug im September 3,4 Prozent, doch ist der Index über die vergangenen zwei Jahre hinweg um bloße 1,5 Prozent jährlich gestiegen.

Hohe Energiepreise vorübergehendes Phänomen

Die Gesamtinflation wird zudem durch schwankungsanfällige Energiepreise beeinflusst. Es sollte daher nicht überraschen, dass die jährliche Kerninflation in der Eurozone (die die Energiepreise unberücksichtigt lässt) in den vergangene Jahren niedrig war und gemessen über Zweijahresintervalle in einem engen Korridor von rund 1 bis 1,5 Prozent verlief.

Doch gibt es klare transatlantische Unterschiede. In den USA weist die Zwei-Jahres-Inflation nach oben. Die amerikanischen Verbraucherpreise sind in den vergangenen 24 Monaten im Schnitt um 3,3 Prozent jährlich gestiegen. Selbst der Kernindex der persönlichen Konsumausgaben (PCE) liegt für die vergangenen zwei Jahre inzwischen bei über 2,5 Prozent und damit deutlich über dem Korridor von 1,5 bis 2 Prozent, der während des vergangenen Jahrzehnts die Regel war.

Ein weiterer Grund, warum einige fürchten, dass sich die Inflation gegenüber diesem relativ bescheidenen Niveau beschleunigen könnte, ist der starke Anstieg vieler Rohstoffpreise. Aber auch dieser war im Kontext einer globalen Konjunkturerholung zu erwarten.

Während die Preise für Rohöl-Futures auf dem Höhepunkt der pandemiebedingen Turbulenzen an den Finanzmärkten Anfang 2020 kurzzeitig in Negative drehten, wird Öl derzeit mit 70 bis 80 Dollar pro Barrel gehandelt. Eine ähnliche Achterbahnfahrt gab es nach der globalen Finanzkrise.

Die Preise für Gas-Futures sind in Europa zuletzt in die Höhe geschnellt, doch dürfte dieser Preisanstieg zwangsläufig vorübergehender Art sein. Da die Preise in den europäischen Handelszentren beim Fünffachen des US-Niveaus liegen, wird eine Arbitrage mit preisgünstigerem US-Schiefergas die europäischen Preise im Laufe der Zeit nach unten treiben. Die Preise für andere Rohstoffe – wie etwa Metalle – neigen ebenfalls dazu, bei einer Branchenerholung anzuziehen.

Höhere Rohstoffpreise steigern kurzfristig die Gesamtinflation, aber leiten nicht zwangsläufig eine Inflationsspirale ein. Zwar entwickelte sich eine derartige Inflationsspirale nach den Ölschocks der 1970er-Jahre. Doch lag dies daran, dass die Arbeitnehmer und Verbraucher in rohstoffimportierenden Regionen wie Europa und – im geringeren Umfang – in den USA sich weigerten, die aus der Energieverteuerung herrührenden Kaufkraftverluste zu akzeptieren, und höhere Löhne verlangten.

Lohn-Preis-Spirale wenig wahrscheinlich

Dass es heute zu einer derartigen Spirale kommt, ist deutlich unwahrscheinlicher. Schließlich folgte auf den Preisboom bei den Rohstoffen Anfang der 2000er-Jahre kein bleibender Anstieg der Inflation. Dies lag teilweise daran, dass sich die Energie- und Rohstoffintensität der hoch entwickelten Volkswirtschaften im Laufe der Zeit verringert hat. Die heutigen Preise für Öl und viele andere Rohstoffe erscheinen im Vergleich zum vergangenen Jahr hoch, aber liegen weiterhin unter ihrem Höchstwert des Jahres 2008.

Die Notenbanken fangen an, sich Sorgen zu machen, wenn eine erhöhte Inflation bei den Verbrauchern höhere Inflationserwartungen auslöst. Auch hier sind transatlantische Unterschiede zu verzeichnen. Verbrauchererhebungen der Europäischen Kommission zeigen, dass die Inflationserwartungen während der tiefen Rezession des Jahres 2020 fielen und inzwischen wieder steigen.

Doch ihr aktuelles Niveau legt nahe, dass die Verbraucher in der Eurozone den Aufwärtsdruck auf die Preise nicht für stärker halten als während der Erholung von der globalen Finanzkrise in den Jahren 2010 und 2011. Dagegen zeigt eine ähnliche Verbraucherbefragung der New York Federal Reserve, dass die mittelfristigen Inflationserwartungen in den USA inzwischen bei 4 Prozent liegen.

Die führenden Notenbanken ähneln heutzutage Schiffen, die durch den Covid-Schock gefährlich nah an deflationäre Klippen getrieben wurden. Nun dreht der Wind, und ihre Anti-Inflations-Anker geraten ins Rutschen. Für die Europäische Zentralbank könnte das – in Maßen – etwas Gutes sein, weil sie zuvor gefährlich nahe am Ufer geankert hatte. Doch die US-Federal-Reserve sollte womöglich anfangen, sich Sorgen zu machen, dass sie ins offene Meer abtreibt.

In Kooperation mit Project Syndicate

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