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ESG-Software: Wie sich der verkleinerte Markt neu sortiert

Ohne Daten und IT können Unternehmen kaum nachhaltiger werden. Durch den Nachhaltigkeits-Omnibus der Europäischen Union müssen jetzt aber viele Hersteller aufgeben. Worauf Kunden achten sollten.

03. Februar 2026
Serverraum: Digitale Infrastruktur ist weiter essenziell für Unternehmen, um nachhaltiger zu werden. (IMAGO / Zoonar)

Mitte Januar verkündete der Mannheimer ESG-Software-Anbieter Osapiens einen Meilenstein. Nach einer Series-C-Finanzierung habe er die Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar erreicht und sei nun ein „Einhorn“. Medien griffen die Meldung vielfach auf. Sie beweise, dass sich „mit Nachhaltigkeit noch Geld verdienen“ ließe, hieß es. Osapiens-CEO Alberto Zamora erklärte selbstbewusst: „Wir werden Marktführer, wenn wir keine Fehler machen. Wir haben jetzt die besten Karten von allen Firmen weltweit.“

Table.Briefings hat mit Marktbeobachtern gesprochen. Sie bescheinigen Osapiens, mit seinen Produkten für den Konkurrenzkampf gerüstet zu sein. Ob sich die Firma, die laut eigener Aussage mehr als 2.400 Kunden hat und 550 Mitarbeiter beschäftigt, am Ende aber tatsächlich durchsetzt, ist noch nicht ausgemacht. Nach dem Nachhaltigkeits-Omnibus der EU, der 90 Prozent weniger Unternehmen als geplant zu einem CSRD-Bericht verpflichtet, muss sich der Markt erst neu sortieren. Die einstige Aufbruchstimmung ist vielfach verflogen.

Vor wenigen Jahren sah es noch rosiger aus. Ermutigt durch die sich abzeichnende ESG-Regulierung in Europa wuchs die Zahl der Start-ups, Uni-Ausgründungen und Angebote einzelner Programmierer rasant. Sie witterten ein Geschäft und versprachen Unternehmen digitale Lösungen für deren CO2-Management, Lieferanten-Compliance und CSRD-Reporting. „Zum Teil meldeten sich täglich bis zu fünf neue Gründer bei uns, um ihre Software vorzustellen. Alle wollten auf den Zug aufspringen“, sagt Viola Möller, Partnerin Sustainability Services beim Wirtschaftsprüfer BDO. Der Markt war höchst unübersichtlich.

Inzwischen ist er wieder kleiner geworden. „Die EU-Regulierungen im Rahmen des Nachhaltigkeits-Omnibus haben den Markt deutlich unter Druck gesetzt“, sagt Gunther Dütsch, Partner bei PwC Deutschland. 2025 gab es eine Reihe von Übernahmen und Mergern. „Insbesondere kleinere Start-ups haben mit den veränderten Marktbedingungen zu kämpfen und geraten an ihre Grenzen.“ Auch Alexander Spahn von der Beratung CSR Tools, der vor allem Mittelständler beim Auswahlprozess begleitet, sagt: „Im aktuellen Umfeld ist es schwer, neue Finanzierungen aufzunehmen. Der Preisdruck steigt, es wird in diesem Jahr voraussichtlich weitere Konsolidierungen geben.“

Für Unternehmen, die jetzt eine ESG-Software anschaffen wollen, bedeutet das: genauer hinschauen und Risiken abwägen. „Man sollte prüfen, wie wirtschaftlich gesund der gewählte Anbieter ist, weil das entscheidend dafür ist, ob er in zwei, drei Jahren überhaupt noch existiert“, sagt Spahn. Kleinere Anbieter haben es in diesem Umfeld aktuell schwerer. Konzerne wie SAP dürften in dieser Umbruchphase allein schon durch ihre Größe mehr Verlässlichkeit versprechen. Aber: „Es gibt auch kleinere, die solide arbeiten und gute Produkte anbieten.“

Eine digitale Infrastruktur ist weiter essenziell für Unternehmen, um nachhaltiger zu werden. Ob Produktion, Emissionen, soziale Kennziffern oder die CO2-Bilanzierung – überall werden Daten und IT benötigt, um Transparenz herstellen und die jeweiligen Stellschrauben drehen zu können. Und das lässt sich nicht alleine mit Excel-Tabellen bewältigen, auch wenn diese immer noch weit verbreitet sind in deutschen Unternehmen, wie Dütsch beobachtet. „Das ist von Digitalisierung noch weit entfernt“, sagt er. „Unternehmen erkennen aber zunehmend, dass die digitale mit der nachhaltigen Transformation einhergeht.“

Wer derzeit eine ESG-Software für sein Unternehmen sucht, sollte erst analysieren, welche IT-Strategie man verfolgen will und welche IT-Lösungen man bereits installiert hat, rät Dütsch. Häufig existieren bereits verschiedene, teils selbst entwickelte Lösungen nebeneinander. „Diese haben das Problem, dass sie nicht oder kaum miteinander kommunizieren können“, sagt Viola Möller.

Firmen, die nicht zur Veröffentlichung eines CSRD-Berichts verpflichtet sind, können mitunter auf den Softwarekauf verzichten. Sie können für ihr freiwilliges Reporting den VSME-Standard nutzen – und benötigen nicht zwingend eine spezialisierte ESG-Anwendung. Aber: „Schon für die CO2-Bilanzierung kann so ein Programm sinnvoll sein“, so Alexander Spahn. „Es macht vieles einfacher und dokumentiert alle Angaben für spätere eventuelle Prüfungen.“

Mittelfristig muss es allerdings um noch mehr gehen – nämlich um einen wesentlichen Beitrag zur Steuerung von Unternehmen, wie ein Investor im Gespräch mit Table.Briefings sagt. Während heute noch viele Softwarelösungen auf Compliance und Reporting abzielten, hätten künftig die Hersteller die besten Karten, die die verschiedensten Nachhaltigkeitsdaten eines Unternehmens miteinander in Bezug setzen oder mit der Branchenkonkurrenz vergleichbar machen können. Das Ziel: Die Geschäftsführung soll steuerungsrelevante Informationen erhalten. Von einer ESG-Software, die als strategisches Tool einen tatsächlichen Mehrwert liefert, etwa in Form von Industrie-Benchmarks.

Wie das im Detail aussehen wird, darüber könne er vorerst nur spekulieren. Sicher seien aber zwei Dinge: Er glaubt, dass die Bedürfnisse der Wirtschaft mit der zunehmenden Datenerfassung wachsen werden. Und: „Software wird relevant bleiben – nicht zuletzt, weil die Regulatorik trotz des Omnibusses nicht vom Tisch ist.“

Das sieht auch Viola Möller von BDO so. „ESG-Daten bleiben höchst relevant für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen – auch wenn nicht alle in der Wirtschaft diese Meinung momentan teilen.“

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Letzte Aktualisierung: 03. Februar 2026