Gebäudemodernisierungsgesetz: So kann der Staat Voraussetzungen für die Wärmewende schaffen

Heizen ist Privatsache? Laufen sei es ja auch, schreibt die Gebäudeeffizienzexpertin Messari-Becker. Doch so, wie der Staat die Straßen baue, müsse er auch die Voraussetzungen für eine freie Wahl beim Heizen schaffen – und dadurch Klimaschutz mit sozialer Akzeptanz ermöglichen.

LM
02. April 2026
Lamia Messari-Becker, Professorin für Energieeffiziente Gebäudetechnik am Karlsruher Institut für Technologie. (Noori / privat)

Das Gebäudeenergiegesetz hat Vertrauen in die Klimapolitik verspielt. Das Klimaschutzprogramm lässt offen, wie die angestrebte Emissionsminderung im Gebäudesektor erreicht werden soll. Das Gebäudemodernisierungsgesetz kann Vertrauen zurückgewinnen – aber nur, wenn die Bundesregierung Heizen nicht ausschließlich als Privatsache behandelt. So sehr die kurzfristige Einführung der früheren 65-Prozent-Regel Menschen überforderte, so sehr muss es nun um sozial sensibles Agieren gehen – und nicht um bloßes Delegieren an private Akteurinnen und Akteure.

Ökologisches Wohnen und Heizen darf kein Elitenprojekt sein. Klimaschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Ihre höchste Währung ist soziale Akzeptanz.

Nötig ist ein Paradigmenwechsel: Wir sollten Klimaschutz ermöglichen, statt ihn vorzuschreiben. Das kann zum Beispiel über Quartiersansätze, bezahlbare Energie, Akzeptanz für unterschiedliche Wege, intelligente Förderkorridore und kluge Kombinationen verschiedener Instrumente gelingen. Es gibt eben nicht die eine Lösung, die für alle Menschen und Anwendungsfälle gleich gut funktioniert. Und natürlich wird es schwierige Konstellationen geben: etwa schwer sanierbare Gebäude, oder Gebiete, in denen nur beigemischte grüne Gase Fortschritte im Klimaschutz bringen können. Es kommt auf das Gesamtergebnis an.

Quartiersansätze sind dabei erfolgversprechender als Lösungen für Einzelgebäude. Im Altbau können etwa die technischen Voraussetzungen oder schlicht die Kosten die Sanierung einzelner Gebäude erschweren. Sanierungsprojekte für ganze Quartiere sind kosten- und umwelteffizienter:

  • Serielles Sanieren steigert die Sanierungsrate.

  • Gewinnung, Nutzung und Speicherung erneuerbarer Energien gelingen im Quartier besser.

  • Blockheizkraftwerke, große solarthermische Speicher, große geothermische Anlagen, Abwasserwärme und Groß-Wärmepumpen lohnen sich erst im Quartier.

  • Quartiere haben eine soziale Kraft, fördern Mitmacheffekte, sind Keimzellen urbanen Wandels.

Unsere Ziele sind von morgen, das Baurecht von gestern. Letzteres ist mit 3.800 Verordnungen nicht in der Lage, den Wandel zu begleiten. Hier gehören Verhinderungsstrukturen abgebaut. Quartiersansätze dürfen beispielsweise nicht am Datenschutz scheitern. Gemeinsame Energieversorgung in der gleichen Wohnstraße muss erlaubt sein. Wärmepumpen müssen nicht auf baurechtlich abgenommenen Fundamenten stehen – in Polen reichen dicke Plastikmatten aus. In Japan sind behördlich geprüfte Fundamente wegen der Erdbebengefahr und der üblichen Holzbauweise sinnvoll, in Deutschland braucht man sie nicht.

Klimaschutz braucht nicht weniger, sondern mehr Wege und Technologien. Erst diese Offenheit schafft viele Möglichkeiten. Zwei Beispiele:

  • Wenn Bestandsquartiere mit Fernwärme versorgt werden, sind die Rücklauftemperaturen in den Leitungen oft hoch – für die Versorgung naher Neubauten durch Wärmepumpen schafft das neue Möglichkeiten.

  • Erzeugen Neubauten einen Überschuss an PV-Strom, lässt sich hieraus Wasserstoff für ein nahes Gewerbegebiet gewinnen.

Wenn wir offen dafür sind, verschiedene Energieträger und Technologien, unterschiedliche Ebenen (Einzelgebäude und Quartier) und Systemgrenzen (Neubau und Bestand) zusammen zu denken, bestehen enorme Potenziale, klimafreundliche Lösungen zu finden.

Maßvolles Sanieren ist kosten- und klimaeffizienter. Unsere Effizienzstandards sind zu aufwendig. Dabei zeigen Studien, dass ein Mittelweg kosten- und CO₂-effizienter sein kann, etwa wenn man Kosten, Energieverbrauch und CO₂-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes und seiner Baumaterialien bilanziert. Ab einer bestimmten Dämmdicke kosten zusätzliche Zentimeter mehr, bringen aber kaum mehr Energie- oder CO₂-Einsparung. Dafür könnte ein Gebäude-Ressourcenausweis sensibilisieren.

Gesellschaftlich akzeptiertes Sanieren ist nachhaltiger und durch intelligentere Förderpolitik auch möglich. Sanierungsfahrpläne ermöglichen es Menschen, in ihrem Tempo Maßnahmen durchzuführen. Wird ein Dach energetisch saniert und aufgestockt, entsteht Wohnraum, und Fläche wird gespart. Eine CO₂-orientierte Förderung wäre hier effizienter als bisherige Förderrichtlinien – und mit Emissionshandel und Klimageld kohärent. Kredite sollte es auch für Menschen im Rentenalter geben. Sie machen ein Drittel der Wohnungseigentümer aus.

Klimafreundliche Technologien brauchen Hilfe. Dazu gehören niedrige Anschaffungs- und Einbaukosten, niedrige Energiepreise – ob für Wärmepumpen, Fernwärme oder Bio-Fuels – und mehr Handwerker. Solange aber eine Wärmepumpe samt Systemintegration teils dreimal teurer ist als eine Gastherme, und Strom dreimal teurer als Gas, ist ein Durchbruch schwer, trotz Förderung. Heizen mag Privatsache sein. Aber es liegt an der Regierung, dafür zu sorgen, dass die freie Wahl von Heizungen sowie Bau- und Sanierungsstandards eine Wärmewende tatsächlich voranbringt.

Lamia Messari-Becker ist Professorin für Energieeffiziente Gebäudetechnik am Karlsruher Institut für Technologie.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 02. April 2026