Handel: Wie sich Chinas Exportkontrollen im Kontext strategischer Anpassungen ändern

China nutzt zunehmend Exportkontrollen als geoökonomisches Werkzeug, besonders seit 2020. Die Maßnahmen sind vor allem reaktiver Natur und werden als taktisches Element im US-China-Konflikt eingesetzt.

JL
MH
24. Februar 2026
Jack Lee und Markus Hermann Chen von der China Macro Group.

Viele China-Beobachter argumentieren zunehmend, dass das Land der Mitte eine Form von „economic statecraft“ praktiziert und Exportkontrollen als Hebel in geopolitischen Auseinandersetzungen nutzt. Besonders in Europa hat sich diese Debatte zugespitzt, da politische Entscheidungsträger und Unternehmen sich vermehrt als Ziel chinesischer Maßnahmen sehen. Unabhängig davon, ob man diese Zuschreibung teilt, ist die Wahrnehmung weit verbreitet. Sie prägt, wie chinesische Politik interpretiert wird und wie Regierungen sowie internationale Unternehmen reagieren.

Bevor wir urteilen, sollten wir Pekings eigene Begründung für seine Exportkontroll-Governance verstehen und sie in den breiteren strategischen Kontext einordnen. Insbesondere Chinas Entwicklungsstrategie und das externe Umfeld müssen betrachtet werden. Als 1994 erste handelsrechtliche Bestimmungen mit Bezug zu Exportkontrollen eingeführt wurden und 1997 die erste konkrete Maßnahme folgte, verstand sich Peking noch weitgehend als „Werkbank der Welt“. Diese Identität wurzelte in Deng Xiaopings „Reform und Öffnung“ und beruhte auf einem Wachstumsmodell tiefer Integration in globale Märkte.

Die Exportkontroll-Governance zielte daher zunächst vor allem auf die Unterstützung der bestehenden globalen Sicherheits- und Handelsarchitektur: Angleichung an internationale Normen, Management sensibler Güter im Einklang mit globalen Regimen und die Beruhigung externer Partner, dass Chinas Integration berechenbar und regelgebunden verlaufen würde. Zwar markierte die globale Finanzkrise 2007/2008 einen frühen Wendepunkt und führte zu einer sicherheitsorientierteren Bewertung des externen Umfelds. Doch die Kernfunktion der Exportkontrollen blieb weitgehend stabil und geoökonomisch moderat.

Diese Logik begann erst 2019–2020 zu erodieren. Covid-19 war ein unmittelbarer Auslöser, entscheidender war jedoch die Verschlechterung des externen Umfelds: ein turbulenteres geopolitisches Klima und die beschleunigte Instrumentalisierung geoökonomischer Werkzeuge durch den Westen, vor allem die USA.

Vor diesem Hintergrund führte Peking die Strategie der „Dual Circulation“ ein und hob „De-Risking“ im 14. Fünfjahresplan auf höchste Priorität. Geoökonomische Instrumente wie Exportkontrollen werden seither stärker als Teil eines Risikomanagements gegenüber externem Druck und zum Aufbau geoökonomischer Kapazitäten verstanden. Unsere Analyse zeigt drei konkrete Entwicklungen:

Erstens verzeichnet China einen beispiellosen Anstieg von Exportkontrollmaßnahmen. Allein von 2020 bis 2025 führte Peking ungefähr so viele Maßnahmen ein wie im gesamten Zeitraum 1997–2020 und verdoppelte damit faktisch das Tempo.

Zweitens ist das Design der Kontrollen präziser und multidimensionaler geworden. Peking kontrolliert nicht mehr nur, was exportiert wird und wie es verwendet wird. Seit 2024 kommen zusätzliche Dimensionen hinzu, etwa territoriale Beschränkungen, gezielte Maßnahmen gegen einzelne Akteure sowie Regeln für Re-Exporte und Transfers ins Ausland.

Drittens – und entscheidend – erhielten Exportkontrollen erst nach 2020 einen klar geoökonomischen Charakter. Zuvor dominierten Kategorien wie Marktsteuerung oder Erfüllung internationaler Verpflichtungen. Die ausdrücklich geoökonomischen Kategorien fehlen im Zeitraum 1997–2020 weitgehend und treten erst danach deutlich hervor. Der folgenreichste Typus, die „Aktivierung eines globalen Engpasses“, war 2025 bereits dominant und machte mehr als die Hälfte der Maßnahmen aus.

Wichtig ist jedoch die Einordnung: Die neuen Kontrolldimensionen und geoökonomischen Maßnahmen sind überwiegend reaktiv beziehungsweise vergeltend. Timing und Zielrichtung korrelieren eng mit Strafmaßnahmen, vor allem der USA – insbesondere gegenüber Chinas Halbleiterindustrie, den „Liberation Day“-Zöllen sowie der extraterritorialen Ausweitung der US-Kontrollen durch die sogenannte Affiliates Rules.

Vor diesem Hintergrund sind Pekings folgenreichste Schritte – insbesondere die Kontrolle vorgelagerter Güter, bei denen China die Lieferkette dominiert, etwa bei Seltenen Erden – am besten als taktisches Element eines breiteren Reaktionsinstrumentariums auf „Trump 2.0“ zu verstehen, nicht als abgeschlossene Großstrategie. Besonders deutlich wurde dies im April 2025, als Peking Seltene-Erden-Kontrollen einsetzte, um Washington nach den „Liberation Day“-Zöllen an den Verhandlungstisch zu bewegen. Durch die Demonstration unmittelbarer Kosten legte China die Grenzen des US-Instrumentariums offen und beeinflusste die Dynamik hin zu Sondierungsgesprächen, sichtbar etwa in der „Busan-Deeskalation“.

All dies bedeutet jedoch keinen grundlegenden Wandel von Chinas strategischen Zielen. Pekings langfristige Ausrichtung bleibt im Kern stabil: eine aktivere Rolle in einer multipolaren Ordnung, vertiefte Orientierung auf den Globalen Süden – wie im 4. Plenum bekräftigt – und die Aufrechterhaltung eines von China getragenen Modells wirtschaftlicher Globalisierung.

Die größere Bedeutung liegt im Demonstrationseffekt. Bestätigt sich die Wirksamkeit der Engpass-Strategie, könnte aus der taktischen Reaktion eine routinierte Option niedriger Eskalationsstufe werden – zur Verteidigung zentraler Interessen, etwa in Taiwan-bezogenen Fragen oder bei weiteren westlichen Technologiebeschränkungen. Zugleich verhärtet sich die US-China-Beziehung zu einem langfristigen Wettbewerb. Da in Washington zunehmend die Einsicht wächst, dass China weder leicht zu nötigen noch entscheidend zu besiegen ist, haben beide Seiten stärkere Anreize, unterhalb militärischer Schwellen auf geoökonomische Instrumente zurückzugreifen.

Was bedeutet das für Unternehmen? Erstens ist ein schrittweiser Übergang zu genehmigungsbasierten Regimen zu erwarten, die ein wachsendes Spektrum an Zukunftstechnologien erfassen. Zweitens dürften chinesische Gegenmaßnahmen zeitlich befristet, mit geringer Vorwarnung und gezielt gegen bestimmte Unternehmen, Branchen oder Rechtsräume verhängt werden – als Reaktion auf Schritte zentraler Akteure wie USA, EU, Vereinigtes Königreich oder Japan.

Die Schlussfolgerung ist klar: Exportkontrollen bleiben ein strukturelles Risiko. Unternehmen benötigen daher nicht nur robuste Compliance, sondern auch operative Resilienz gegen plötzliche Störungen, die sich nicht allein über Genehmigungen managen lassen. Entscheidend ist vor allem eine interne Verständigung über das „große Ganze“ von Chinas Entwicklungspfad, damit langfristige Entscheidungen strategisch kohärent und nicht rein reaktiv getroffen werden.

Dieser Beitrag entsteht im Rahmen der Veranstaltungsreihe ,Global China Conversation“ des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Am Donnerstag (26.02.2026, 11.00 Uhr MEZ) diskutieren Markus Herrmann Chen und Jack Lee, China Macro Group, und Niclas Frederic Poitiers, Bruegel, über das Thema „Lieferketten unter Druck: Wie lassen sich Chinas sich wandelnde Exportkontrollen verstehen und darauf reagieren?“. Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt. China.Table ist der Medienpartner dieser Veranstaltungsreihe.

Hinweis der Redaktion: Über China zu diskutieren heißt heute mehr denn je: kontrovers debattieren. Wir möchten die Vielfalt der Standpunkte abbilden, damit Sie einen Einblick in die Breite der Debatte gewinnen können. Standpunkte spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 25. Februar 2026