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Die Dürre zeigt die Gefahren des Klimawandels für die Landwirtschaft

Von Dr. Michaela Böhme
Dr. Michaela Böhme, Expertin für Agrar-und Lebensmittelstudien China am Deutsch-Chinesischen Agrarzentrum in Peking - hier schreibt sie über die Dürre in China als Folge des Klimawandels und wie sich China auf mehr Dürren vorbereitet.
Dr. Michaela Böhme, Expertin für Agrar-und Lebensmittelstudien China am Deutsch-Chinesischen Agrarzentrum in Peking

Eine Hitzewelle historischen Ausmaßes sucht aktuell den Süden und Südwesten Chinas heim. Seit Wochen machen Temperaturen oberhalb der 40-Grad-Marke Mensch und Natur in den zentralchinesischen und südlichen Provinzen entlang des Jangtse-Flusses zu schaffen. Hinzu kommt gravierender Wassermangel in der an sich niederschlagsreichen Region. Es ist die schlimmste Dürre seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1961. Der längste Fluss Jangtse führt Niedrigwasser, Zuflüsse wie der Jialing in der Millionenmetropole Chongqing sind trockengefallen – und Chinas größter Süßwassersee, der Poyang in der südchinesischen Provinz Jiangxi, auf ein Viertel seiner Größe geschrumpft.

Die Landwirtschaft leidet besonders unter den Folgen der aktuellen Dürre. 2,2 Millionen Hektar Ackerland in neun Provinzen entlang des Jangtse sind laut aktuellen Medienberichten von Ernteausfällen betroffen. Besonders die diesjährige Reisernte ist gefährdet. 45 Prozent der jährlichen Reisproduktion des Landes entfallen auf die von der Dürre betroffenen Provinzen, so eine statistische Auswertung von Geografieprofessor Gregory Veeck und Kollegen.

Doch auch der Anbau von frischen und hochwertigen Agrarprodukten wie Gemüse, Tee oder Erdnüssen ist durch die hohen Temperaturen und den Mangel an Niederschlag beeinträchtigt. Selbst für den Eigenverbrauch kann aktuell nicht genug angebaut werden, wie uns Bauern aus Zigong und Guangyuan in der Provinz Sichuan erzählen. Frische Nahrungsmittel bekämen sie aktuell, wenn überhaupt, nicht vom eigenen Feld, sondern aus dem Handel.

Geopolitische Spannungen erhöhen Druck zur Selbstversorgung

Auch mit indirekten Folgen für die Landwirtschaft ist zu rechnen. Ein starker Rückgang der Energiegewinnung aus Wasserkraft in Provinzen wie Sichuan beeinträchtigt bereits jetzt die energieintensive Produktion von Düngemitteln und wird absehbar die Kosten für landwirtschaftliche Betriebsmittel weiter in die Höhe treiben. Auch viele andere Bereiche der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette sind von einer zuverlässigen Energieversorgung abhängig. So erregte unlängst das Video einer Hühnerzüchterin aus Sichuan Aufmerksamkeit, das tausende tote, in der Hitze verendete Tiere zeigt. Stromengpässe hätten zum Ausfall der Klimaanlagen in den Stallungen geführt, so die verzweifelte Bäuerin.

Die Dürre kommt zu einem für die chinesische Führung schwierigen Zeitpunkt. Eine größtmögliche Eigenversorgung des Landes mit Nahrungsmitteln ist angesichts geopolitischer Spannungen und den damit einhergehenden Verwerfungen auf den internationalen Agrar-Märkten wichtiger denn je. Zwar importiert China große Mengen an Ölsaaten und Getreide, die zumeist zu Tierfutter verarbeitet werden. Doch besonders bei Kulturen für den menschlichen Verzehr sowie bei der Produktion von Fleisch, Obst und Gemüse strebt das Land einen hohen Grad an Selbstversorgung an.

Eine Reaktion der Politik ließ daher auch nicht lange auf sich warten. Nach einer Notfallsitzung am 22. August verkündeten die Vertreter vierer Ministerien ein umfangreiches Maßnahmenpaket, um Ausfälle bei der Herbsternte zu minimieren. Neben der sofortigen Auszahlung von Hilfen in Höhe von 300 Millionen RMB sollen in die betroffenen Provinzen entsandte Expertenteams Landwirte vor Ort bei der Rettung ihrer Ernten unterstützen.

Weckruf für die Folgen des Klimawandels

Dabei liegt das Augenmerk vor allem auf der gezielten Bewässerung betroffener landwirtschaftlicher Flächen. Denn viele Betriebe der Region verfügen aufgrund der ansonsten hohen Niederschlagsmengen im Sommer über keinerlei professionelle Systeme zur Bewässerung der Ackerflächen. Viele Bauern mussten somit hilflos dabei zuschauen, wie ihre Ernten auf den Feldern vertrockneten. Auch Methoden zur Reduzierung von Wasserverdunstung und die Bekämpfung von Schädlingen bei den von der Hitze geschwächten Pflanzen stehen bei den aktuellen Maßnahmen im Vordergrund.

Dennoch sind die unmittelbaren Auswirkungen der Dürre auf Chinas Ernährungssicherheit eher gering einzuschätzen. Der hohen Bedeutung für die Reisernte zum Trotz machen die von der Dürre betroffenen Flächen entlang des Jangtse nur rund zwei Prozent der Gesamtanbaufläche aus. Besonders auf den riesigen landwirtschaftlichen Flächen im Norden und Nordosten des Landes zeichnen sich dieses Jahr gute Erträge bei der Weizen-, Soja- und Maisernte ab – wobei letztere Kulturen vor allem als Futtermittel bei der Fleischproduktion eine Rolle spielen.

Während kurzfristige Preissteigerungen bei frischen Nahrungsmitteln wie Obst und Gemüse wohl unvermeidlich sind, ließen sich zumindest mögliche Engpässe bei der Versorgung mit Reis mit Hilfe der riesigen chinesischen Lebensmittelreserven abfedern. So lagern in chinesischen Speichern Schätzungen zufolge mehr als die Hälfte der weltweiten Getreide- und Reisreserven.

Für China ist die aktuelle Dürre somit weniger der Auftakt einer unmittelbaren Ernährungskrise als vielmehr ein Weckruf, die mittelfristigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft ernst zu nehmen. Denn in einem sind sich die Experten einig: extreme Wetterlagen wie diese sind kein Einzelereignis, sondern werden in Zukunft immer häufiger auftreten.

Neue Reissorten sollen Abhilfe schaffen

Die chinesische Regierung ist sich der Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft sehr wohl bewusst, wie aus der im Juni diesen Jahres verkündeten Nationalen Strategie zur Anpassung an den Klimawandel 2035 hervorgeht. So wird zum Beispiel mit Nachdruck an neuen Sorten geforscht, die besser mit Hitze und Trockenheit umgehen können. Erste Erfolge bei der Züchtung hitzeresistenter Reissorten wurden hierbei bereits vermeldet. Durch den Einsatz von „Smart Agriculture“-Technologien könnte zudem der Einsatz von klimaschädlichen Düngemitteln und Pestiziden reduziert werden, während bessere Frühwarnsysteme Ernteschäden minimieren sollen. Auch die Ausweitung des Versicherungssystems, um Landwirte gegen oftmals sehr lokal auftretende Schäden durch extreme Wetterereignisse abzusichern, spielt eine wichtige Rolle.

Doch noch fehlt es an konkreten Maßnahmenpaketen, mit denen diese Ziele umgesetzt werden können. Auch finanzielle Probleme stehen aktuell der Umsetzung von Anpassungsstrategien in der Landwirtschaft im Weg. Und nicht zuletzt ist es der heilige Gral der Ernährungssicherung selbst, der die Transformation hin zu einer klimaresilienten und -freundlichen Landwirtschaft zum Drahtseilakt macht. Denn für die chinesische Regierung ist klar: Klimamaßnahmen dürfen nicht auf Kosten der hohen Produktionsziele gehen.

Chinas Landwirtschaft ist mit den aktuellen Herausforderungen durch den Klimawandel nicht allein. Andere Länder sind mit sehr ähnlichen Problemen konfrontiert, wie zum Beispiel der deutsche Erntebericht 2022 zeigt. So kann die aktuelle Krise auch als eine Chance für mehr Kooperation im Kampf gegen den Klimawandel begriffen werden.

Michaela Böhme ist Expertin am Deutsch-Chinesischen Agrarzentrum (DCZ) tätig. Ihre Arbeit befasst sich mit dem Wandel der chinesischen Agrarpolitik im Kontext globaler Agri-Food-Systeme. Sie promovierte an der Universität Leipzig mit einer Arbeit zu Chinas transnationalen Landakquisitionen.

Das Deutsch-Chinesische Agrarzentrum (DCZ) wurde im März 2015 als zentrale Kontakt- und Informationsstelle sowie zur Koordination der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China im Agrar- und Ernährungssektor gegründet. Es fördert den Austausch zwischen deutschen und chinesischen Vertretern und Vertreterinnen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft für eine nachhaltige Transformation der Landwirtschaft. Das DCZ ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) der Bundesrepublik Deutschland und des Ministeriums für Landwirtschaft und Ländliche Angelegenheiten (MARA) der Volksrepublik China. Auf deutscher Seite wird das DCZ von IAK Agrar Consulting GmbH Leipzig durchgeführt.

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