Souveränität, Wohlstand, Stabilität: Warum echte Konservative die Energiewende beschleunigen

Die Energiedebatte ist ideologisch verhärtet: Zwischen „Ende der Energiewende“ und grüner Überhöhung geht der Blick auf Fakten verloren. Thomas Heilmann, CDU-Politiker und Vorsitzender der KlimaUnion, sieht Deutschlands Zukunft in Elektrifizierung, Souveränität und pragmatischem Netzausbau statt fossiler Nostalgie.

TH
08. Mai 2026
Thomas Heilmann (picture alliance / IPON | Stefan Boness)

In der Energiepolitik dominieren immer mehr ideologische Grabenkämpfe. Leider. Die einen schreien bei jeder Kurskorrektur „Ende der Energiewende!“ und mobilisieren mit Petitionen und Kampagnen. Die anderen stilisieren sie zum grünen Masterplan, der unsere Industrie ruiniert und an allem Übel schuld sei. Letzteres ist vor allem russische Propaganda – in Deutschland von der AfD willig verbreitet –, denn Putin muss jede Abkehr von fossilen Brennstoffen fürchten. Doch bei Licht betrachtet – und davon haben wir dank Photovoltaik immer mehr – ist das Gegenteil der Fall: Die Abkehr von fossilen Brennstoffen ist keine ökologische Ideologie, sondern das Gebot marktwirtschaftlicher Vernunft, nationaler Souveränität, konservativer Vorsorge und langfristiger Kostensenkung. Wer das Gegenteil behauptet, schafft eine illusionäre Hoffnung auf ein Bremsen der Erneuerbaren, das letztlich zu höheren Kosten und enttäuschten Wählern führen wird.

Während wir in Deutschland oft so debattieren, als sei die Energiewende ein nationaler Alleingang, zeigt die globale Realität ein völlig anderes Bild. Es gibt einen simplen Grund, warum weltweit die meisten neu gebauten Energiegewinnungsanlagen erneuerbar sind: Sie sind schlicht am günstigsten. Im Jahr 2025 waren weltweit rund 85,6 Prozent der neu gebauten Stromerzeugungskapazitäten erneuerbar. Lediglich 14,4 Prozent entfielen auf fossile Träger und Kernenergie, wobei Kohle und Erdgas den Löwenanteil der nicht-erneuerbaren Quellen ausmachten. Dieser globale Trend ist kein Ergebnis grüner Ideologie, sondern kalter wirtschaftlicher Kalkulation. Auch im tief konservativen Texas haben PV, Speicher und Windkraft 96 Prozent der zugebauten Kapazitäten im Jahr 2025 ausgemacht.

Ein oft gehörtes Argument der Skeptiker lautet: Erneuerbare decken angeblich nur ein Fünftel (circa 20 Prozent) unseres Energiebedarfs ab. Doch diese Zahl ist eine statistische Nebelkerze, da sie die sogenannte Primärenergie misst und damit den „Auspuff“ mitzählt. Fossile Systeme sind gigantische Verschwender: Ein Verbrennungsmotor verliert 75 Prozent der Energie als Hitze, ein Kohlekraftwerk verpufft zwei Drittel ungenutzt. Wer Primärenergie als Maßstab nimmt, misst die fossile Verschwendung, nicht den zukünftigen Bedarf. Ein elektrifiziertes System, auch im Verkehrs- und Wärmebereich, ist dabei deutlich effizienter. Doch genau hier hinkt Deutschland hinterher: Unser Land nutzt nur 21 Prozent seiner Energie aus Strom, der Rest sind weiterhin fossile Moleküle. Damit schneiden wir schlechter ab als unsere härtesten Konkurrenten: Die USA (23 Prozent), China (29 Prozent) und der gesamte OECD-Durchschnitt liegen bei der Elektrifizierung bereits vor uns. Und ja, auch in der Zukunft werden „grüne“ Moleküle als Ergänzung benötigt. Wer aber den Ausbau der Erneuerbaren verlangsamt, handelt grob fahrlässig, da er Deutschland in einer ineffizienten, teuren Vergangenheit festschreibt.

Die wichtigsten Energie-Kapitäne der deutschen Wirtschaft sehen das Risiko klar. E.ON-Chef Leo Birnbaum betont: „Die Energiewende ist das größte De-Risking-Projekt für Europa“. Sie senkt dauerhaft Importabhängigkeiten und sichert Preisperspektiven. RWE-Chef Markus Krebber schlägt in dieselbe Kerbe: „Elektrifiziere überall, wo es ökonomisch und technisch machbar ist“, Resilienz – also Widerstandsfähigkeit – wird heute durch Strom angetrieben. Auch die Energieminister von 15 Bundesländern äußern sich klar, dass „der Ausbau der erneuerbaren Energien eine wichtige Maßnahme bleibt, um die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffimporten zu verringern und damit Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit der Energieversorgung in Deutschland und Europa zu erhöhen. Ihr Ausbau … sichert Industriestandorte, trägt zu einer regionalen Wertschöpfung bei und schafft Arbeitsplätze.“

Es ist ein hartnäckiger Mythos, dass die Erneuerbaren die Strompreise nach oben treiben. Die Fakten zeigen: Deutschland hat ein Gasproblem, kein Stromproblem. Die Gaspreise liegen hierzulande fünfmal über dem US-Niveau, während die Strompreise für die Industrie durch Kompensationen oft bei wettbewerbsfähigen fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde (kWh) liegen.

Dass Strom zeitweise teuer ist, liegt am Marktmechanismus der „Merit-Order“: Das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Last gerade noch gebraucht wird, bestimmt den Preis für alle – und das ist meist ein Gaskraftwerk. Das Vorbild Spanien zeigt, wie es anders geht: Durch einen hohen Anteil an Wind und Sonne bestimmen Gaskraftwerke dort nur noch in 15 Prozent der Stunden den Preis (in Italien sind es 89 Prozent). Ergebnis: Spanischer Großhandelsstrom kostet oft nur die Hälfte des italienischen. Auch wenn es bei den Energiepreisen noch Verbesserungsbedarf gibt, kann ein besseres Strommarktdesign eben eine Weiterentwicklung der Energiewende, nicht aber ihr Ende darstellen. Der aktuelle OECD-Bericht „Foundations for Growth and Competitiveness“ zeigt allerdings, dass Deutschlands zentrale Standortprobleme woanders liegen. Er benennt folgende sechs Reformprioritäten: Infrastruktur beschleunigen, Bürokratie abbauen, Wettbewerbshürden senken, Lohnnebenkosten senken, Bildung stärken, Fachkräfte sichern.

Die oft zitierten „Systemkosten“ der Energiewende – gerne mit Milliardenbeträgen untermalt – sind bei nüchterner Betrachtung weit weniger dramatisch als behauptet. Wer diese Zahlen unreflektiert als Beleg für das Scheitern der Energiewende anführt, vermischt betriebswirtschaftliche Buchungsposten mit tatsächlichen volkswirtschaftlichen Verlusten. Besonders deutlich wird das bei den viel zitierten Redispatch-Kosten von rund drei Milliarden Euro pro Jahr.

Redispatch ist ein technischer Eingriff zur Wahrung der Netzstabilität: Bei Überlastung werden Kraftwerke auf der einen Seite eines Engpasses herunter- und auf der anderen hochgefahren. Das ist keine Verschwendung, sondern alltägliches Netzmanagement. Entscheidend: Es handelt sich nicht um ein Markt-, sondern um ein reines Transportproblem – der Strom kommt nicht beim Verbraucher an, weil die Leitung fehlt. Und entgegen dem Narrativ, hier würden nur Windräder „abgeschaltet und trotzdem bezahlt“, zeigen die Daten der Bundesnetzagentur: Rund 40 Prozent aller Redispatch-Maßnahmen betreffen fossile Kraftwerke. Das Abregelungsproblem ist ein Infrastrukturproblem aller Erzeugungsarten.

Was bedeuten die drei Milliarden Euro nun tatsächlich volkswirtschaftlich? Ein erheblicher Teil sind haushaltsneutrale Umbuchungen zwischen Systemtöpfen. Wird ein Windrad im Norden abgeregelt, entfällt die EEG-Förderung aus dem Bundeshaushalt. Stattdessen erhält der Betreiber eine Kompensation über die Netzentgelte. Geld fließt von einem Topf in den anderen – die volkswirtschaftliche Bilanz bleibt neutral. Nur ein Bruchteil stellt einen echten Wohlfahrtsverlust dar – etwa wenn fossile Kraftwerke hochgefahren werden müssen und vermeidbare Brennstoffkosten entstehen. Wer pauschal „drei Milliarden Verschwendung“ in den Raum stellt, betreibt keine seriöse Kostenanalyse, sondern politische Stimmungsmache.

Dass dieser Prozess bereits Früchte trägt, belegt die Korrektur der Netzbetreiber, die ihre Kostenschätzungen für die kommenden Jahre aufgrund der nun in Betrieb gehenden Nord-Süd-Leitungen bereits um fast vier Milliarden Euro nach unten korrigiert haben. Ein konkreter Beleg dafür, dass sich Netzinvestitionen zeitnah rechnen. Zudem sinken die Kosten für Abschaltungen und Reservekraftwerke seit Jahren; am höchsten lagen sie 2022, als extrem verteuertes Gas den Preis trieb. Dem steht ein deutlicher Nettogewinn gegenüber: Laut Fraunhofer ISE senken Erneuerbare die Stromkosten um durchschnittlich 1,5 Cent/kWh – die oft kritisierten drei Milliarden Euro für Redispatch schlagen dagegen mit gerade einmal 0,25 Cent/kWh zu Buche. Unter dem Strich ein klares Plus. Das wahre ökonomische Risiko liegt nicht in diesen notwendigen Investitionen, sondern in der Fortführung einer fossilen Abhängigkeit, welche die EZB explizit als Risiko für die Preisstabilität identifiziert: Wer den Umstieg bremst, zementiert die „Fossilflation“ und setzt den Standort Deutschland dauerhaft instabilen geopolitischen Preisschocks aus.

Vor diesem Hintergrund folgt das Argument, wir müssten den Ausbau der Erneuerbaren drosseln, solange die Netze nicht fertig sind, einer betriebswirtschaftlichen Geisterlogik. Infrastrukturelle Engpässe werden nicht dadurch gelöst, dass man den Fortschritt bremst, sondern indem man die Umsetzung beschleunigt. Die oft zitierten „zehn Jahre Planungszeit“ für eine Stromleitung sind kein unumstößliches Naturgesetz, sondern das Ergebnis von bürokratischen Hürden und fehlender politischer Priorisierung; Länder wie Dänemark zeigen, dass mit dem entsprechenden Willen Zeiträume von drei bis fünf Jahren realistisch sind. Und ja, natürlich könnten wir günstiger bauen. Das müssten wir wollen, etwa durch mehr Freileitungen statt teurer Erdkabel oder der Verbesserung der Kreditfinanzierungskonditionen für Verteilnetzbetreiber oder durch lokale Preissignale.

Ein künstliches Ausbremsen der Erneuerbaren löst kein einziges Problem, sondern verlängert lediglich die Phase der fossilen Importabhängigkeit und zementiert die strukturelle Verwundbarkeit unseres Standorts. Wahre Wirtschaftspolitik bedeutet daher nicht Rückzug in die Komfortzone des Abwartens, sondern die konsequente Synchronisierung und Beschleunigung von Netz- und Anlagenbau, um die ökonomischen Vorteile der Energiewende so schnell wie möglich zu ernten. Wer bremst, verliert den Anschluss im globalen Wettbewerb; wer beschleunigt, investiert in die Souveränität Deutschlands.

Jedes Jahr überweist Europa fast 400 Milliarden Euro für fossile Importe an teils autokratische Regime. Dieses Geld verlässt den Kontinent unwiederbringlich und finanziert keine heimischen Arbeitsplätze. Erneuerbare Energien hingegen sind „Heimatenergien“. Einmal investiert, liefern Wind und Sonne über Jahrzehnte Energie zu Grenzkosten. Und die sind niedriger, wenn die Finanzierungskosten niedriger bleiben – die EEG Vergütung, die übrigens zu einem Drittel in Biogas, zu einem zweiten Drittel an Altlasten im Zusammenhang mit dem Ausstieg vom Atomausstieg 2010/11 herrühren und zum letzten Drittel an Sonnen- und Windanlagen geht, schafft also noch niedrigere Gestehungskosten.

Die Stilllegung der letzten drei größtenteils abgeschriebenen AKWs in der Energiekrise war ökonomisch ein Fehler. Wer heute allerdings nach neuen Kernkraftwerken ruft, ignoriert die Zeitachsen. Neue herkömmliche AKWs bräuchten in Deutschland 15 bis 20 Jahre Bauzeit – in der EU schwanken die letzten Bauzeiten sogar zwischen 17 und 39 Jahren. Und SMRs sind bisher deutlich teurer als herkömmliche AKWs. Die Kernfusion hat das Potenzial, den Energiemarkt zu revolutionieren, und die Forschung und Skalierung sollte vorangebracht werden – aber auch sie hilft aktuell nicht gegen den akuten Preisschock der Industrie heute, denn ihre Entwicklung verharrt noch im Labor. Unternehmen wie die Salzgitter AG und Heidelberg Materials haben bereits Milliarden in wasserstofffähige Stahlproduktion und CCS investiert; ein politischer Kurswechsel entzieht diesen Investitionen die Grundlage und gefährdet dort Arbeitsplätze. Es gibt allerdings Dinge, die wir stattdessen heute schon machen können: Mit Freileitungen statt Erdverkabelung, pragmatischer Überbauung, netzdienlicher EE-Vergütung, regional und zeitlich differenzierten dynamischen Netzentgelten, einem kosteneffizienten Kapazitätsmechanismus, digitalen Verteilnetzen und einem schnelleren Smart-Meter-Rollout können die Preise gesenkt und Unternehmen und Haushalte wirklich entlastet werden.

Die Wähler sind in dieser Frage oft weiter als die Polemik: 75 Prozent der Deutschen (und 81 Prozent der Unionswähler) sehen die Energiewende als wichtig für Deutschland an. 80 Prozent der Deutschen (und 91 Prozent der Unionswähler) befürworten den Ausbau der Erneuerbaren, um unsere Unabhängigkeit zu stärken. Und selbst unter Unionsanhängern lehnen 61 Prozent unnötige Gaskraftwerke ab. Wahre Wirtschaftspolitik bedeutet, die Realität anzuerkennen und die Elektrifizierung zu beschleunigen. Erneuerbare Energien sind kein grünes Dogma, sondern das Fundament für einen starken, unabhängigen Industriestandort Deutschland. Es ist Zeit, den Blick von der fossilen Abhängigkeit von gestern auf die ökonomische Vernunft von morgen zu lenken, also eine konservative Energiewende, die Stabilität, Nachhaltigkeit und Wohlstand vereint.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

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Letzte Aktualisierung: 08. Mai 2026