CEO.Table – Ausgabe 69

Was die deutsche Konjunktur wirklich bremst + SAP-CEO im Interview + Hilfsorganisation als VC

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Was die deutsche Konjunktur wirklich bremst

Wenn Deutschland in diesem Jahr nicht wächst, dann liegt das nach Ansicht von Ökonomen weniger am Ölpreisschock, sondern daran, dass die Gelder aus dem Sondervermögen nicht zu höheren Investitionen führen. Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING, sagte Table.Briefings: „Einen stagflationären Schock mit vier Quartalen ohne Wachstum sehe ich derzeit nicht. Das Geld aus dem Sondervermögen ist weiterhin im System und entscheidend ist, ob es schnell und zielgerichtet in Investitionen fließt.“

Ob das Sondervermögen tatsächlich zu höheren Investitionen führt, darüber stritten in dieser Woche zwei Wirtschaftsforschungsinstitute und das Finanzministerium öffentlich. Das IW sieht 2025 zusätzliche Investitionen von rund zwei Milliarden Euro, das ifo kommt sogar nur auf 1,3 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr. Das Finanzministerium dagegen verweist auf ein Plus von 12,3 Milliarden Euro gegenüber 2024, weil es finanzielle Transaktionen wie Darlehen und Beteiligungserwerbe als Investitionen verbucht. Entscheidend ist, dass sich der Mittelabfluss in diesem Jahr beschleunigt: ifo‑Präsident Clemens Fuest appellierte an die Politik, das Sondervermögen künftig ausschließlich für zusätzliche wachstumsfördernde Investitionen auszugeben.

Gleichzeitig bleibt die Konjunktur aufgrund der höheren Energiepreise unter Druck, wenn auch nicht in einem Ausmaß wie im Jahr 2022. Der Anstieg der Energiepreise bremst zwar das deutsche Wachstum, ein großer Inflationsschock zeichnet sich jedoch nicht ab. „Höhere Energiepreise sieht man sofort an der Tankstelle und das dämpft auch den Konsum. Aber eine Wiederholung eines so starken Inflationsanstiegs wie 2022 ist derzeit nicht zu erwarten“, so Brzeski.

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Bei der Europäischen Zentralbank ist man auf eine Energiekrise vorbereitet, ohne Alarmismus zu verbreiten. Die EZB ließ am Donnerstag die drei Leitzinsen unverändert und betonte den datenabhängigen Ansatz angesichts höherer Energiepreise und erhöhter Unsicherheit. EZB‑Präsidentin Christine Lagarde sagte auf der Pressekonferenz: „Wir beobachten die Lage genau, und unser datenabhängiger Ansatz wird uns dabei helfen, die Geldpolitik angemessen festzulegen.“ Für Experten ist das ein Hinweis auf eine straffere Ausrichtung, aber: „Wir legen uns nicht auf einen bestimmten Zinspfad fest“, so Lagarde.

Die Märkte rechnen inzwischen mit ein bis zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr. „Die Markterwartungen haben sich gedreht: Statt Zinssenkungen rechnet der Markt inzwischen wieder mit ein bis zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr“, sagte Vonovia‑CFO Philip Grosse Table.Briefings. Das hat direkte Folgen: „Dadurch sind unsere Refinanzierungskosten um rund 30 Basispunkte gestiegen – das liegt noch in der üblichen Volatilität.“

Zur Einordnung: Kapitalmarktzinsen reagieren früh auf den erwarteten Kurs der Geldpolitik und laufen den EZB‑Leitzinsen in der Regel voraus. Die Zinswende ist dort daher bereits eingepreist. Brzeski von der ING präzisiert diese Perspektive: „Bei den Kapitalmarktzinsen gehe ich davon aus, dass wir ein Plateau erreicht haben. Aus heutiger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit für Senkungen größer als für weitere Erhöhungen.“ Er rät Unternehmen, Investitionsentscheidungen nicht von wenigen Basispunkten abhängig zu machen.

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CEO.Talk

So grundlegend verändert KI das Geschäftsmodell von SAP

Will SAP wieder zu den wertvollsten Softwarefirmen der Welt aufschließen, muss der größte Umbau der Firmengeschichte zügig gelingen. CEO Christian Klein steht vor zentralen Aufgaben: Er stellt die Führung neu auf, auch weil Produktvorstand Muhammad Alam geht. Er muss eine tiefgreifende KI-Modernisierung des Produktportfolios vorantreiben. Und er muss sich immer intensiver gegen neue Anbieter wie Anthropic aus den USA behaupten, die massiv in den Enterprise-Markt drängen. Nachdem SAP zuletzt aus den globalen Top 50 gerutscht ist und das Unternehmen an einem einzelnen Börsentag rund 30 Milliarden Euro an Wert eingebüßt hat, entscheidet nun vor allem, ob Kunden die KI-Strategie mittragen – Gleiches gilt für das Ökosystem von IT-Dienstleistern und Beratern. Klein macht das Thema KI deshalb zur Chefsache, die Zuständigkeit für den Vertrieb hat er unlängst abgegeben.

Zwei Drittel aller neuen SAP-Verträge enthalten KI-Komponenten – und SAP-Chef Christian Klein kündigt an, das Geschäftsmodell des wertvollsten deutschen Konzerns mit Blick auf KI grundlegend umzubauen. Statt wie bisher pro Nutzer abzurechnen, soll der Umsatz künftig „Outcome-basiert“ fließen: Je schneller ein KI-Agent den Quartalsabschluss erledigt, desto mehr zahlt der Kunde. „Unser Geschäftsmodell wird sich sehr stark ändern“, sagt Klein im Gespräch mit Table.Briefings. Der Wandel birgt ein Risiko: Nur wenn die Kunden den Wert der einzelnen Agenten sehen, sind sie zahlungsbereit.

SAP soll eine Plattform sein, auf der alle großen KI-Modelle laufen. Von Anthropic bis Mistral können SAP-Kunden unterschiedliche KIs nutzen, beschreibt Klein den Ansatz. Den entscheidenden Unterschied sieht er in den Unternehmensdaten: Ein KI-Agent könne zwar Finanzdokumente auslesen. „Aber er wird nie eine Ertragsrechnung simulieren können, weil er die Daten gar nicht hat.“ SAP bringe die strukturierten Geschäftsdaten mit der Leistung der großen Sprachmodelle zusammen – und liefere die Prozesslogik, die kein externes Modell kenne.

Der Kurssturz der vergangenen Monate beunruhigt Klein nicht. „Vor fünf Jahren war es ähnlich, als wir die Cloud-Transformation gestartet haben“, sagt Klein. Damals sei der Kurs um 30 Prozent eingebrochen. Bei der Hausmesse Sapphire in wenigen Wochen will er neue KI-Produkte vorstellen und damit die nächste Wachstumsphase einleiten.

Dass SAP teuer ist, weiß Klein – und verweist auf sein Cloud-Modell als Lösung. Telekom-Chef Tim Höttges hatte sich öffentlich über die Kosten beschwert. Kleins Entgegnung: Nicht SAP sei teuer, sondern die regelmäßigen Upgrade-Zyklen für eigens betriebene Systems, bei denen Großkonzerne Hunderte Millionen Euro zahlen müssten. In der Cloud entfielen diese Kosten – noch immer ist in der Wirtschaft allerdings zu hören, dass SAP-Kunden den Wechsel auf die Cloud scheuten. Immerhin: KI-Tools könnten Datenmigrationen künftig zusätzlich beschleunigen, sagt Klein.

In der deutschen Souveränitätsdebatte hält Klein dagegen. Deutschland habe „die souveränste Cloud, die wir jemals auf der Welt gebaut haben“ – souveräner als alles, was SAP in den USA oder Asien betreibe. Sein Unternehmen sei selbst auf die Infrastruktur der US-Hyperscaler angewiesen und ist dort teilweise „sogar der größte Kunde“. Die Diskussion über digitale Unabhängigkeit sei teilweise „religiös“. Statt über Hardware-Herkunft zu streiten, müsse Europa darüber reden, „wie wir wieder Innovation liefern.“

Während Regierungen europäische Souveränität fordern, eröffnen Ministerpräsidenten schlagzeilenträchtig Rechenzentren mit Amazon, Microsoft oder Google. Den Widerspruch zwischen politischem Anspruch und Realität sieht auch Klein. Entscheidend sei aber nicht, wo das „Blech“ stehe, sondern dass niemand den Stecker ziehe und Geschäftsdaten vor fremdem Zugriff geschützt seien – etwa vor dem US Cloud Act.

Was Christian Klein über die größte verpasste Chance in der SAP-Geschichte sagt, wie er Bürokratie im eigenen Konzern bekämpft und worüber er mit deutschen Start-ups wie Parloa oder n8n spricht, hören Sie im Podcast Table.Today.

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CEO.News

Isar Aerospace: Neuer Start am Montag

Vor knapp einem Jahr startete die erste Rakete des Münchner Start-ups Isar Aerospace vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya. Ihr Flug war nach 30 Sekunden vorbei. Die zweite Reise der Spectrum Rakete soll nun länger und weiter gehen. Einmal musste der Starttermin verschoben werden, am Montag könnte es jetzt soweit sein.

Einen anderen Meilenstein soll das Münchner Start-up hingegen bereits letzte Woche hinter sich gebracht haben: So berichtet das Handelsblatt, dass das Unternehmen eine Finanzierungsrunde über 250 Millionen Euro abgeschlossen haben soll.

Der Wert des Unternehmens soll dabei auf mehr als zwei Milliarden Euro gestiegen sein. Gelingt es kommende Woche, eine Rakete in All zu schien, könne dieser Wert schlagartig noch mal deutlich steigen. Treiber dieser Entwicklung sind neben technischen Fortschritten vor allem das generell gestiegene Investoreninteresse an der Raumfahrtbranche. Und das wiederum ist befeuert von großen Erwartungen rund um einen möglichen Börsengang von Elon Musks Raketen-Firma SpaceX.

Mit dem frischen Kapital will Isar Aerospace seine Produktion massiv ausbauen und eine neue Fabrik nahe München fertigstellen. Langfristig plant das Unternehmen eine Serienproduktion von bis zu 40 Raketen pro Jahr und positioniert sich damit als möglicher Schlüsselpartner für staatliche und kommerzielle Raumfahrtprojekte – auch in Deutschland, wo milliardenschwere Investitionen in Satellitenprogramme geplant sind.

Zu den ersten Investoren des 2018 gegründeten Start-ups zählt der VC Fonds Early Bird. Im Gespräch mit Table.Briefings berichtet dessen Mitgründer Hendrik Brandis, warum er das Risiko eingegangen ist, ausgerechnet in die Raketenforschung zu investieren und was er sich in Zukunft von dieser Sparte verspricht. Nina Anika Klotz

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Krisenplan der Internationalen Energieagentur: Homeoffice, Fahrverbote und Tempolimits

Die Internationale Energieagentur (IEA) legte einen Krisenplan vor und schlägt darin Maßnahmen zur Bewältigung der Öl-Krise vor. Eine Reduktion der Nachfrage sei das wirksamstes Mittel zur Entlastung der Märkte, heißt es darin. Die Freigabe strategischer Ölreserven könne die Lage zwar kurzfristig stabilisieren, reiche aber allein nicht aus.

Im Fokus der vorgeschlagenen Maßnahmen steht folglich der Verkehrssektor, der 45 Prozent des Ölverbrauchs ausmacht. Vorgeschlagen werden unter anderem:

  • Optimierungen im Güter- und Lieferverkehr

  • mehr Homeoffice für Mitarbeitende

  • Tempolimits

  • Fahrbeschränkungen in Städten

  • Förderung einer stärkeren Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Carsharing-Angebote

Die EU will unterdessen mit Anpassungen im CO₂-Emissionshandel auf die steigenden Öl- und Gaspreise reagieren. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte Pläne zur Senkung der CO₂-Preis an. Was diese genau vorsehen, lesen Sie in einem ausführlichen Bericht dazu in unserem Europe.Table. Nina Anika Klotz

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Deutsche Zulieferer: Bruch mit der automobilen Vergangenheit

Die deutsche Automobilzulieferindustrie steht unter starkem Druck, weil ihr Kernmarkt stagniert und durch internationale Konkurrenz an Dynamik verliert. Viele Unternehmen orientieren sich daher neu und setzen verstärkt auf Zukunftsfelder wie Robotik und Raumfahrt. Besonders humanoide Roboter gelten als Markt mit großem Wachstumspotenzial. Dank ihrer Stärken in Präzisionstechnik, Aktuatorik und Fertigung hat die deutsche Industrie gute Voraussetzungen, in diesem Segment eine wichtige Rolle einzunehmen.

Allerdings verschärfen schnelle Skalierung und hohe Investitionen weltweit den Wettbewerb. Zwar sind viele Robotersysteme bei komplexen Aufgaben noch nicht voll ausgereift, doch deutsche Zulieferer müssen schnell handeln, um langfristig in globalen Wertschöpfungsketten relevant zu bleiben. Dafür braucht es einen grundlegenden Wandel: weg von der auf Masse ausgelegten Produktion für die Autoindustrie hin zu langfristigen, innovationsgetriebenen Kooperationen mit wenigen, strategisch ausgewählten Partnern.Neben der Robotik bietet auch die Raumfahrt neue Chancen: Sinkende Startkosten und neue Technologien eröffnen zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten. Was Deutschland jetzt tun muss, lesen Sie im China.Table.Christian Domke Seidel

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CEO.Presseschau

Bloomberg

Konsumgüter: Unilever prüft Abspaltung der Lebensmittelsparte

Der Konsumgüterkonzern Unilever prüft eine Abspaltung seiner Lebensmittelsparte mit Marken wie Knorr und Hellmann’s, um sich stärker auf Beauty, Körperpflege und Gesundheit zu fokussieren. Eine Transaktion gilt frühestens ab 2027 als realistisch. Die Sparte könnte mit mehreren zehn Milliarden Dollar bewertet werden. Unilever hat sich nicht zu den Plänen geäußert.
The Economist

Wie Kriege Ihre Flüge um Stunden verlängern

Konflikte wie der Ukraine-Krieg und Spannungen im Nahen Osten stören den globalen Flugverkehr massiv. Fluggesellschaften meiden die Lufträume Russlands und des Persischen Golfs, was zu erheblichen Umwegen führt. Die Flugzeit von London nach Tokio verlängert sich dadurch um fast zwei Stunden. Der nutzbare Luftraum für Ost-West-Verbindungen schrumpft, was den Verkehr in enge Korridore zwingt.
Financial Times

Goldman-Chef warnt, dass Risiken bei Privatkrediten zeigen, der Zyklus sei 'nicht aufgehoben'

David Solomon, CEO von Goldman Sachs, warnt in einem Aktionärsbrief, dass die jüngsten Bedenken im Bereich der Privatkredite eine Erinnerung daran sind, dass der Kreditzyklus fortbesteht. Insbesondere die Kreditqualität und die Exposition gegenüber von KI betroffenen Softwareunternehmen seien Risiken. Dennoch sieht er für 2026 ein konstruktiveres Umfeld für Geschäftsabschlüsse.
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CEO.Personnel

Reuters

Deutsche Bank beruft Marie-Jeanne Deverdun und Stefan Hoops in den Vorstand

Die Deutsche Bank hat Marie-Jeanne Deverdun und Stefan Hoops in den Vorstand berufen. Hoops ist CEO des Vermögensverwalters DWS; seine Berufung soll die Bedeutung des Asset Managements unterstreichen. Deverdun wird Chief Technology, Data and Innovation Officer. Zudem wird Fabrizio Campelli ab dem 1. Juli neuer Präsident und löst James von Moltke ab.
manager magazin

Neuer Chef bei Krones – Vertriebsvorstand rückt auf

Der Abfüllanlagenbauer Krones bekommt nach über zehn Jahren einen neuen Vorstandschef. Nach der Hauptversammlung am 10. Juni wird der bisherige Vertriebsvorstand Thomas Ricker den Posten von Christoph Klenk übernehmen. Der Vorstand wird zudem zum 1. Juli von fünf auf sechs Mitglieder erweitert und weitere Posten werden neu besetzt.
eletric-vehicles.com

Nio entlässt Deutschland-Chef nach Einbruch der monatlichen Verkaufszahlen auf ein einziges Fahrzeug

Der chinesische Elektroautohersteller Nio hat seinen Deutschland-Chef David Sultzer entlassen, nachdem die Verkäufe im Januar 2026 auf ein einziges Fahrzeug fielen. Das Unternehmen meldete für 2023 einen Nettoverlust von über 58 Millionen Euro. Die Verkaufszahlen sind seit 2023 stark rückläufig. Sultzer ist der vierte Deutschland-Chef seit dem Marktstart im Oktober 2022.
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CEO.Finance

Kommt jetzt die Inflation zurück?

Steigende Ölpreise nach dem Kriegsbeginn zwischen USA und Iran wecken neue Inflationssorgen. Die EZB signalisiert Wachsamkeit, während Experten vor möglichen Lohn-Preis-Spiralen warnen.

Inflation bezeichnet den anhaltenden Anstieg des allgemeinen Preisniveaus von Waren und Dienstleistungen. Sie wird üblicherweise von den statistischen Ämtern mit Hilfe von Konsumenten- oder Verbraucherpreisindizes gemessen. Kraftstoffe haben am Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes (VPI) einen Anteil von 3,1 Prozent. Strom, Gas und andere Brennstoffe für das Wohnen, deren Preise möglicherweise auch bald steigen werden, haben einen Anteil von 4,4 Prozent. Die Bedeutung der Energie für die Kaufkraft scheint also begrenzt.

Doch die Lebensmittelpreise sind mit den Energiepreisen verbunden, weil Lebensmittel inzwischen ein Input für die Energieerzeugung sind. Die Weizenpreise haben auf den Spotmärkten bereits stark angezogen. Zudem gibt es Zweitrundeneffekte. Öl, Gas und Strom, welcher oft mit Gas erzeugt wird, sind ein wichtiger Input für Lebensmittel sowie alle anderen Waren und Dienstleistungen.

Wenn die Preise auf breiter Front steigen, fordern die Gewerkschaften höhere Löhne. Höhere Lohnkosten zwingen die Unternehmen dazu, die Preise anzuheben. Es entstehen „Lohn-Preis-Spiralen“. Die Preise mancher Güter – wie Wohnungen – sind an die Inflation gebunden. Das ist insbesondere in ehemaligen Hochinflationsländern wie Spanien der Fall.

Da diese Effekte aber verzögert sind, ist auf die kurze Frist durch steigende Öl- und Gaspreise zwar eine Veränderung der relativen Preise zwischen Gütern und Dienstleistungen, aber kein Preisanstieg auf breiter Front zu erwarten. Denn steigen die Preise an der Zapfsäule an, dann werden die Autofahrer zum Sparen gezwungen. Der geplante Restaurantbesuch oder der Wochenendtrip an die Ostsee fallen aus. Der Rückgang der Nachfrage dämpft den Preisanstieg bei anderen Gütern und Dienstleistungen.

Im Konsumentenpreisindex werden steigende Preise für Öl und Gas durch fallende Preise in anderen Wirtschaftsbereichen ausgeglichen. Das gilt insbesondere dann, wenn die Zentralbank der Inflation vorausschauend durch Zinserhöhungen entgegenwirkt. Die Inflation wird dann durch eine sinkende Nachfrage gedämpft. Doch die resultierende Kaufzurückhaltung dämpft die Konjunktur. Es kann zu Einbrüchen auf den Finanzmärkten kommen. Wenn Zentralbanken deshalb die Zinsen senken, um die Konjunktur zu stützen, dann kommt mehr Geld in den Umlauf, so dass die Preise auf breiter Front steigen können.

Die Regierungen tragen zur Inflation bei, wenn sie wie in der Corona-Krise mit schuldenfinanzierten Zuwendungen die Unternehmen und Konsumenten „retten“. Die Freude der Konsumenten hält aber nicht lange an, weil die staatlich aufgeputschte Kaufkraft auf die gleiche Menge Güter und Dienstleistungen trifft – weshalb die Preise steigen. Es wird sich zeigen, ob sich die EZB und die Regierungen im Euroland der reizvollen Rolle der Inflationsretter widerstehen können.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

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CEO.Standpunkt

Wie die Bürokratie den Wohnungsbau ausbremst

In seinem Gastbeitrag beschreibt Thomas Bader, CEO eines mittelständischen Baustoffherstellers, wie überbordende Bürokratie den Neubau lähmt – und welche Schritte Bauen schneller und bezahlbarer machen könnten.

Hohe Baukosten sind kein abstraktes Problem der Bauwirtschaft, sondern eine zentrale soziale Frage und ein wachsender Brennpunkt unserer Gesellschaft. Wenn Bauen immer teurer wird, verschwindet bezahlbarer Wohnraum. Sofern überhaupt noch gebaut wird. Trotz politischer Ankündigungen eines „Bau-Boosters“ scheitern weiterhin viele Bauvorhaben an der Komplexität der Bürokratie.

Wir erleben das seit Jahren und können einige Beispiele benennen:

  • Unterschiedliche Landesbauordnungen: Abweichende Regelungen in den Landesbauordnungen und Bebauungspläne mit zu hoher Detailtiefe verhindern Skaleneffekte. Das verhindert standardisiertes, serielles und modulares und damit kosteneffizientes Bauen.

  • Überhöhte technische Anforderungen: Vorgaben aus GEG, EEWärmeG, BImSchV sowie aus dem Schall- und Lärmschutz addieren sich zu einem komplexen Regelungs- und Zuständigkeitsgeflecht. Das macht wirtschaftliches Bauen zunehmend schwierig.

  • Überzogener Umwelt- und Naturschutz: Ob beim Abriss von Gebäuden oder der Abfuhr natürlich gewachsener Böden aus Baugruben: Unverhältnismäßige Umweltvorschriften bremsen Bauprojekte aus, schon bevor der Grundstein gelegt wurde.

  • Vollzugsdefizit und Strukturversagen der Verwaltung: Genehmigungsbehörden wurden vielerorts zur Verhinderungsbehörde. Komplexe Bauvorhaben werden oft von Sachbearbeitern allein bearbeitet. Teilzeitmodelle ohne Vertretungsmodelle führen zu Verzögerungen. Zuständigkeiten sind unklar, Bearbeitungsstände schwer nachvollziehbar. Dies führt zu Zeitverzögerungen entlang der gesamten Projektkette.

  • Strengere Regularien für Banken: Verschärfte Vorgaben führen zu restriktiveren Kreditentscheidungen. Investitionen werden verzögert oder ganz aufgegeben, obwohl politisch mehr gebaut werden soll.

Erkenntnis allein reicht nicht, entscheidend ist Umsetzung. Deswegen meine Impulse für schnelleres und bezahlbareres Bauen:

  • Mentalitätswandel in der Verwaltung: Bauämter müssen wieder als Genehmigungsbehörde agieren. Es bedarf einer echten Veränderung hin zu mehr Bürger- und Serviceorientiertheit. Ein Bauverfahren muss mindestens von zwei Sachbearbeitern betreut und Arbeitszeitmodelle müssen an die Anforderungen einer kontinuierlichen Sachbearbeitung angepasst werden.

  • Digitalisierung der Verwaltung: Ein echter digitaler Zugang zu allen Behörden bedarf einer einheitlichen Digital-Plattform mit transparenten Prozessen.

  • Ausweitung und Stärkung der Genehmigungsfiktion: Genehmigungsfiktionen müssen gestärkt und konsequenter verankert werden. Das bekannte Verzögerungsmodell schrittweiser Nachforderung muss unterbunden werden.

  • Mehr Verhältnismäßigkeit im Naturschutzrecht: Verhinderungsmöglichkeiten durch Naturschutzbehörden müssen eingeschränkt werden. Einmal genehmigte Bauvorhaben sollten nicht nachträglich blockiert werden können.

  • Harmonisierung der Bauordnungen: Landesbauordnungen sowie Nebengesetze und Verordnungen sollten bundesweit vereinheitlicht werden, um Komplexität und Kosten zu reduzieren.

  • Sicherstellung der Versorgung mit Baumaterial: Entlastung heimischer Hersteller von Baustoffen, zum Beispiel durch einfachere Genehmigungen für die regionale Rohstoffgewinnung oder die Erleichterung des Einsatzes von Recyclingbaustoffen.

  • Mehr Innovationen: Musterbauvorhaben sollten gezielt gefördert, Nachweiserteilungen und Zulassungen vereinfacht und beschleunigt werden. Mit Experimentierklauseln können innerhalb der Bürokratie die erforderlichen Freiräume geschaffen werden.

Gute Projektideen und Investitionsbereitschaft reichen nicht aus. Die Bauwirtschaft will ihren Beitrag zur Lösung der Wohnungsproblematik leisten. Hierfür müssen die bürokratischen Rahmenbedingungen und politische Ziele mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen und Zielen Schritt halten. Die notwendigen Ideen sind bekannt. Jetzt kommt es auf Umsetzung und Priorisierung an.

Thomas Bader ist geschäftsführender Gesellschafter von Leipfinger‑Bader, einem familiengeführten mittelständischen Baustoffhersteller.

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CEO.Success

Till Wahnbaeck, Gründer von Impacc

Spenden – aber so, dass es auch Business-Menschen überzeugt

Mit Anfang vierzig fragte sich Till Wahnbaeck, damals Konzernmanager bei Procter & Gamble, nach einer steilen Karriere und messbaren Erfolgen in der Tasche: Ist es das, was er will – oder fehlt seinem Schaffen Sinn? Wenig später wechselte er den Job, wurde CEO der Welthungerhilfe.

Aber Sinn allein macht auch nicht den Unterschied, stellte er fest. Auch die Mittel müssen gut sein: In der klassischen Entwicklungshilfe fehlten ihm Werkzeuge, Entwicklung und Wachstum anzuregen – solche, die ihn als Top-Manager aus der Privatwirtschaft und alle, die ähnlich ticken, überzeugen.

Was wäre, wenn man junge Unternehmen und Gründer unterstützt – statt Brunnen zu bohren und Schulen zu bauen? Meine Zukunftsvision für afrikanische Länder ist ein kleinteiliges Wachstum“, erklärt er. Große Investitionen in Solarparks oder Wasserstoffproduktion würden das Problem nicht lösen, dass Menschen Jobs brauchen, um in Würde zu leben. „Jobs werden weniger von Großprojekten geschaffen, als von vielen kleinen Start-ups.“

2019 gründete er Impacc. „Eine Hilfsorganisation, die Armut bekämpft, aber wie eine Venture-Capital-Bude funktioniert“, sagt Wahnbaeck. Er hat einen Investmentfonds aufgeleht und investiert aus diesem in ostafrikanische Startups, gibt Geld und bekommt dafür Unternehmensanteile – tatsächlich wie ein VC, ein Wagniskapitalgeber.

Das Geld, das Impacc investiert, aber sind Spenden. Das ist anders als beim Venture-Capital-Geschäft. Statt Fondsinvestoren, die auf einen Return on Investment hoffen, gibt es Spender – staatliche Institutionen, klassische Hilfsorganisationen, aber auch Family Offices und Unternehmer, die wie Wahnbaeck einst Sinn suchen und Gutes tun wollen. Dieses Modell ist ein Novum: Wer Spendenbescheinigungen ausstellt, darf nur begrenzt geschäftstätig sein. Impacc war das erste deutsche Unternehmen mit dem Recht, Spenden zu investieren.

Dennoch will Impacc Rendite erwirtschaften – wie ein VC. Die Start-ups sollen wachsen und ihren Unternehmenswert steigern. Aber das ist für Impacc nicht der einzige Gewinn: Anders als für klassische VCs ist ein zentrales Impacc-Investmentkriterium auch, dass die unterstützten Jungunternehmen Arbeitsplätze schaffen.

Mehr als 1,2 Millionen Euro hat Impacc nach eigenen Aussagen bisher in zwölf afrikanische Firmen investiert und dabei 2.809 Jobs geschaffen. Und es gab auch schon Exits, Impacc hat einige seiner Beteilungunen schon wieder verkauft. Kein 10x, keine Fundreturner – und doch immer ein Gewinn: Denn selbst wenn Impacc beim Verkauf seiner Unternehmensanteile nach einer gewissen Zeit nur das eingesetzte Kapital zurückbekommt, kann der Quasi-VC die gleiche Spende noch mal investieren, in das nächste Start-up.

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