CEO.Table – Ausgabe 59

Wie Platzmangel den Ausbau des Stromnetzes bremst + Exklusiv: Bund plant Neubesetzung im DB-Aufsichtsrat + Joachim Nagel zum Digitalen Euro

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Executive.Summary

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Wie Platzmangel den Ausbau des Stromnetzes bremst – und damit auch die Wirtschaft

Deutschlands Stromnetz stößt an physische Grenzen – vor allem wegen fehlender Flächen. Im Raum Frankfurt etwa sucht Amprion zehn Hektar für eine Umspannanlage zur Versorgung der Industrie. „Die sind einfach nicht zu bekommen“, sagt Christoph Müller, CEO des Übertragungsnetzbetreibers, im Gespräch mit Table.Briefings. Das Problem: „Deutschlands Flächen sind schon jetzt gut verplant, besonders in den dicht besiedelten Regionen.“

Die Nachfrage nach Netzanschlüssen übersteigt die Kapazitäten um das Dreifache. „Amprion hat heute ein Netz mit einer Last von 27 Gigawatt. Wir haben bereits für 70 Gigawatt neue Netzanschlüsse zugesagt“, erklärt Müller. Von den Zusagen entfallen mehr als 20 Gigawatt auf Batteriespeicher. Bis 2029 rechnet Amprion damit, dass knapp die Hälfte der Zusagen tatsächlich angeschlossen werden.

Um spekulative Anfragen auszusortieren, verlangt Amprion wie auch 50 Hertz und andere Betreiber eine Bearbeitungsgebühr von 50.000 Euro. „65 Prozent der Projekte wurden daraufhin nicht weiter verfolgt“, sagt Müller. Das räume Ressourcen für ernsthafte Anträge frei. Dennoch bleibe das Unternehmen „komplett überlaufen“. Müller plädiert dafür, vom bisherigen Windhund-Prinzip wegzukommen und stattdessen Kriterien wie Grundstücksverfügbarkeit oder Finanzierungszusagen einzuführen.

Verschärft wird die Lage durch den Wegfall konventioneller Kraftwerkskapazitäten. „Es gibt sechs Gigawatt Braunkohle im Rheinischen Revier, die sollen bis 2030 stillgelegt werden. Die wandern nicht in die Netzreserve. Die sind einfach weg“, warnt Müller. Zudem seien bestehende Reservekraftwerke im Schnitt 44 Jahre alt. „Daran hängt unsere Versorgungssicherheit. Wir brauchen also dringend neue Kraftwerkskapazitäten.“

Der Platzmangel und die resultierenden Versorgungseinschränkungen werden auch in der breiten Wirtschaft zum wichtigen Faktor. An einigen Orten sei der Raum für neue Rechenzentren bereits „zu“ – doch der große Ansturm durch KI-Investitionen steht erst noch bevor. „Die Rechenzentren, die aktuell gebaut werden, sind größtenteils für Cloud-Anwendungen geplant. Die KI-Investitionen sind in der Masse noch gar nicht am Start“, sagt Andreas Feicht, CEO der Rheinenergie, zu Table.Briefings. Die kommende Welle werde den Bedarf an Netzanschlusskapazitäten drastisch erhöhen.

Deutschland kämpft mit strukturellen Nachteilen im Wettbewerb um Rechenzentren. „Unsere Energie- und Strompreise sind mit am höchsten“, erklärt Feicht. Hinzu komme die deutsche Goldplating-Regulierung: Anders als in anderen EU-Ländern müssen hierzulande ab 2028 zwingend 20 Prozent der Abwärme verwendet werden – eine Hürde, die Standorte ohne nahegelegene Wärmesenken nahezu unbaubar mache.

Die hohen Systemkosten haben ihre Ursache auch im extremen Debundling des Energiegeschäfts. „Die Kosten für das Gesamtsystem laufen aus dem Ruder, weil sich die Akteure innerhalb der regulatorisch gesetzten Grenzen optimieren“, kritisiert Feicht. Eine Optimierung des Gesamtsystems finde nicht statt und müsse von der Politik geleistet werden – was aber nur unzureichend klappe.

Besonders problematisch: die Entsolidarisierung bei den Netzkosten durch dezentrale PV-Anlagen. „Viele dezentrale PV-Anlagen sind deswegen wirtschaftlich, weil der produzierte Strom selbst verbraucht wird, aber dennoch Netzentgelte vermieden werden – während gleichzeitig Versorgungssicherheit in Anspruch genommen wird“, so Feicht.

Die Kosten müssten dann von denen mitgetragen werden, die nicht selbst einspeisen können. Amprion-Chef Müller rechnet konkret vor: „In der Amprion-Regelzone haben wir einen Verbrauch von ungefähr 200 Terawattstunden. Was wird aus unserem Netz entnommen? 100 Terawattstunden.“ Die andere Hälfte werde dezentral eingespeist. Alle Netzkosten würden aber nur auf die 100 entnommenen Terawattstunden umgelegt. Gleichzeitig entstehen massive Aufwendungen: Alleine die Redispatch-Kosten, die entstehen, wenn Netzbetreiber zur Vermeidung von Netzüberlastungen kurzfristig die Stromerzeugung von Kraftwerken ändern müssen, belaufen sich auf 2,7 Milliarden Euro im Jahr.

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CEO.Talk

Warum internationales Kapital jetzt nach Europa fließt – und worauf es KKR nun ankommt

Internationale Investoren richten ihren Blick derzeit verstärkt auf Europa – und dabei besonders auf Deutschland, wo sich die Kapitalströme laut der globalen Investmentgesellschaft KKR deutlich beschleunigen. Vincent Policard, Partner und Co‑Leiter des europäischen Infrastrukturgeschäfts von KKR, erklärt im Gespräch mit Table.Briefings: „Die europäischen Märkte bieten derzeit bessere Risiko‑Rendite‑Profile und potenziell geringere politische Risiken als die USA.“

Bereits im vergangenen Jahr zog KKR seine Aktivität in Europa an: So hat die Investmentgesellschaft zwischen 2020 und 2024 im Schnitt rund zwölf Milliarden US‑Dollar pro Jahr in Europa investiert – 2025 waren es bereits etwa 25 Milliarden US-Dollar.

Der wachsende Fokus internationaler Investoren trifft auf einen enormen Kapitalbedarf im Infrastruktursektor. Allein der Ausbau der europäischen Stromübertragungsnetze wird bis 2050 rund 800 Milliarden Euro kosten. Damit dieses Kapital mobilisiert werden kann, müsse der Zugang zu Projekten erleichtert werden, so Policard.

Er verweist darauf, dass Investoren vor allem Verlässlichkeit im politischen und regulatorischen Umfeld sowie effizientere Verfahren erwarten. „Es braucht stabilere, verlässlichere Rahmenbedingungen und vor allem schnellere, planbare Genehmigungsverfahren“, sagt Policard. Investoren achten auf solche ökonomischen Faktoren, „weil sie am Ende darüber entscheiden, ob Projekte finanzierbar und umsetzbar sind.“

Wie solche Investitionen aussehen können, zeigt ein Beispiel aus Großbritannien: Dort haben der Energieversorger RWE und KKR jüngst eine 50:50‑Partnerschaft für die Offshore‑Windprojekte „Norfolk Vanguard East“ und „Norfolk West“ geschlossen, die zusammen auf eine geplante Leistung von rund drei Gigawatt kommen. Für Policard zeigt dieses Modell, dass privates Kapital grundsätzlich bereitsteht, sobald die politischen und regulatorischen Voraussetzungen stimmen.

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CEO.News

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Neubesetzung DB-Aufsichtsrat: Birgit Bohle zieht ein

Am Mittwoch plant der Bund im Kabinett eine Neubesetzung des Aufsichtsrats der Deutschen Bahn. Nach Informationen von Table.Briefings wird Birgit Bohle, Personalvorständin der Deutschen Telekom und bis Ende 2018 Vorstandsvorsitzende der DB Fernverkehr AG, in das Kontrollgremium der Bahn einziehen. Neben Bohle sollen auch Christoph Franz, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Lufthansa und langjähriger Verwaltungsratspräsident des Schweizer Pharmakonzerns Roche, sowie die Juristin Elisabeth Lepique neu in den Aufsichtsrat berufen werden.

Werner Gatzer soll Vorsitzender des Aufsichtsrats bleiben. Erst im vergangenen Jahr wurde sein Vertrag um fünf Jahre verlängert. In diesem Jahr wird es keine Veränderung an der Spitze geben. Ob Gatzer seine gesamte Amtszeit über das Kontrollgremium führen wird, gilt allerdings als offen. Das Manager Magazin berichtet, dass Franz Gatzer langfristig ablösen soll. Mit den anstehenden Personalentscheidungen gilt der Umbau der Deutschen Bahn als abgeschlossen. Michael Bröcker, Alexander Wiedmann,

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Digitaler Euro: Bundesbankpräsident sieht wachsendes Interesse

Die politische Debatte um den digitalen Euro nimmt Fahrt auf. „Der digitale Euro ist ein zentrales Projekt für die europäische Souveränität im Zahlungsverkehr. In Davos ist noch einmal sehr deutlich geworden, wie wichtig diese europäische Handlungsfähigkeit ist“, sagte Bundesbankpräsident Joachim Nagel im Gespräch mit Table.Briefings. Mehrere Kabinettsmitglieder beschäftigen sich intensiv mit dem Thema und drängen auf eine schnelle Umsetzung. Die Unberechenbarkeit von Donald Trump und Europas Abhängigkeit von US-amerikanischen Zahlungsdienstleistern wie Mastercard, Visa und Paypal setzen Europa zusätzlich unter Druck.

Der digitale Euro wird von der Europäischen Zentralbank als staatlich garantiertes digitales Pendant zum Bargeld vorbereitet. Ziel ist es, den Zahlungsverkehr widerstandsfähiger zu machen und Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern zu reduzieren. Die EZB befindet sich derzeit in der Vorbereitungsphase und arbeitet an technischen Anforderungen, Sicherheitsstandards und einem Modell, wie Privatbanken und Handel den digitalen Euro in ihre Systeme integrieren können. Die Bundesbank bewertet den bisherigen Fortschritt positiv.

Kritiker aus der Finanzwirtschaft wie Sparkassen-Präsident Ulrich Reuter warnen jedoch vor dem digitalen Euro in seiner derzeit geplanten Form. Payment sei ein Hochleistungsmarkt, kein Verwaltungsakt, argumentiert er. Die EZB sei kein Marktakteur und habe keine Kundenerfahrung. Zudem drohe ein milliardenschweres Projekt der Zentralbank über Jahre, die Entwicklungskapazitäten europäischer Anbieter zu blockieren. Als marktorientierte europäische Alternative wird in der Branche die gemeinsame Lösung „Wero“ genannt.

Nagel verteidigte hingegen die geplante Rolle der EZB. „Beim Zahlungsverkehr geht es um kritische Infrastruktur. Diese Aufgabe kann nicht allein dem Markt überlassen werden“, sagte er. Private Anbieter seien innovativ, unterlägen aber Geschäfts- und Ausfallrisiken. „Gerade deshalb braucht es beim digitalen Euro eine verlässliche Grundlage durch die Zentralbank.“

Weitere Überzeugungsarbeit ist jedoch notwendig. Zu dem im Ausschuss für Wirtschaft und Währung des EU-Parlaments (ECON) vorgelegten Entwurf des Berichterstatters Fernando Navarrete Rojas gingen nach Angaben von Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz rund 1.600 Änderungsanträge ein. Focus Online berichtete zuerst darüber. Der Wirtschafts- und Währungsausschuss soll am 5. Mai über das Gesetz zum digitalen Euro abstimmen, der Ausgang gilt als offen. Anschließend muss auch das EU‑Parlament zustimmen. Nur dann kann die EZB ihr Projekt wie geplant bis 2029 umsetzen. Alexander Wiedmann

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IfW-Studie: Wie Deutschland wieder wachsen kann

8,3 Prozent mehr Bruttoinlandsprodukt innerhalb von zehn Jahren: Dieses Wachstum wäre möglich, wenn Deutschland seine Bürokratie auf das Niveau Schwedens senken würde. Das zeigt die Studie „Wachstumseffekte und Wachstumshebel“ des IfW Kiel im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Für das Jahr 2040 entspräche dies einer zusätzlichen Wirtschaftsleistung von rund 400 Milliarden Euro oder etwa 3.980 Euro je Einwohner. „Die größten Effekte sind von einem umfassenden Bürokratieabbau zu erwarten“, sagt Studienautor Stefan Kooths im Podcast Table.Today. Regulierung binde Arbeitskräfte und Kapital in unproduktiven Tätigkeiten, verzögere Investitionen und bremse Innovation.

Außerdem zeigt die Studie, dass hohe Steuern und Sozialabgaben auf Arbeit die Beschäftigung bremsen. Ein Anstieg der Sozialabgaben um einen Prozentpunkt senkt das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen langfristig um rund 0,4 Prozent und das Bruttoinlandsprodukt um etwa 0,3 Prozent. Umgekehrt könnten Entlastungen bei Steuern und Sozialbeiträgen das Arbeitsangebot erhöhen, insbesondere bei Zweitverdienern und älteren Beschäftigten.

Auch der Wohnungsmarkt beeinflusst das Wachstum. Strenge Regulierung, lange Genehmigungsverfahren und hohe Baukosten schränken die Arbeitsmobilität ein. Studien, auf die sich das IfW stützt, zeigen, dass Mietregulierung die Umzugswahrscheinlichkeit von Haushalten um zehn bis 20 Prozent senkt. In Deutschland ziehen jährlich rund neun Prozent der Bevölkerung um, in den USA sind es etwa 13 Prozent. Eine geringere Mobilität verschlechtert das Matching auf dem Arbeitsmarkt und dämpft die gesamtwirtschaftliche Leistung. Laut Studie könnte eine Lockerung der Wohnungsmarktregulierung das Bruttoinlandsprodukt um bis zu ein Prozent erhöhen. Alexander Wiedmann

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Wirtschaft: Innovationsausgaben so hoch wie nie

Unternehmen in Deutschland haben im Jahr 2024 rund 213 Milliarden Euro für Innovationen ausgegeben, im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 4,9 Prozent und die bisher höchste Summe. Das berichtet das ZEW Mannheim in seiner „Innovationserhebung 2025“, die jährlich im Auftrag des Bundesforschungsministeriums erfolgt.

Die Innovationstätigkeit verschiebt sich in Richtung Dienstleistungssektor. In der Industrie stiegen die entsprechenden Ausgaben weniger stark an. ZEW-Forscher Christian Rammer wertet das als gutes Zeichen. „Die künftigen Wachstumsperspektiven der deutschen Wirtschaft liegen im Dienstleistungsbereich“, erläutert er auf Anfrage.

Positive Signale aus den KMUs. Auch die deutlich wachsende Zahl an kleinen und mittleren Unternehmen, die kontinuierlich Forschung und Entwicklung betreiben, sei ein positives Signal, sagt Rammer. Insgesamt betreiben inzwischen 47.000 Unternehmen in Deutschland kontinuierlich FuE. „Lange Zeit gingen wir davon aus, dass 40.000 eine Art Obergrenze sind – die ist also bereits übertroffen.“ Ob sich die gestiegenen Investitionen bereits in Innovationserfolgen niederschlagen, lesen Sie im Research.Table. Anne Brüning

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Kampfdrohnen-Beschaffung: Zwei deutsche Start-ups vor Vertragsabschluss

Die Bundeswehr plant die Beschaffung von Kampfdrohnen – profitieren sollen davon Helsing und Stark Defence. Die Verträge mit den beiden Start-ups sollen Ende Februar zur Abstimmung in den Haushaltsausschuss des Bundestages kommen. Anders als bisher angenommen soll auch Rheinmetall noch im Rennen um einen Auftrag für sogenannte "loiterung munition" (lungernde Munition) sein, berichtete Business Insider zuletzt. Insgesamt könnte das Bundesverteidigungsministerium bis zu 900 Millionen Euro ausgeben, um die Kamikaze-Drohnen der drei Hersteller zu beschaffen.

Zuletzt gab es kritische Berichte über Kampfdrohnen von Helsing. Das Münchner Unternehmen widerspricht der Darstellung von technischen Problemen seiner HX-2-Drohnen in der Ukraine jedoch. Es verweist auf über 600 interne und militärische Tests mit hohen Trefferquoten. Das Start-up passe die Technik laufend an russische Störmaßnahmen an. Laut der ukrainischen NGO Aerorozvidka, die Drohneneinsätze analysiert, kämpfen alle westlichen Hersteller mit Herausforderungen an der Front. Welche Probleme die Drohnenhersteller im Kampfgeschehen haben und wie sie darauf reagieren, lesen Sie im Security.Table. Viktor Funk, Robert Wallenhauer

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Einladung. 10. Februar 2026, 15:30 Uhr. Bundesministerin Reem Alabali Radovan stellt die aktuelle Strategie der Bundesregierung in der Entwicklungszusammenarbeit vor.

CEO.Standpunkt

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Was bedeutet das EU-Indien-Freihandelsabkommen für die deutsche Wirtschaft?

Das EU‑Indien‑Abkommen erschließt einen der größten Wachstums‑ und Exportmärkte weltweit. Doch die komplexen Regeln könnten den Zugang für Unternehmen weiterhin erschweren.

Der Verhandlungsdurchbruch beim EU-Indien-Freihandelsabkommen ist einer der außenwirtschaftspolitisch bedeutendsten Schritte Europas in den vergangenen Jahren. Seit 2007 verhandelt und nun auf dem Wege der Ratifizierung, eröffnet dieses Abkommen eine neue Dimension ökonomischer Zusammenarbeit – mit Auswirkungen auf knapp zwei Milliarden Menschen.

Für die deutsche Wirtschaft ist Indien längst mehr als nur ein Zukunftsmarkt. Bereits heute ist Deutschland wichtigster EU-Handelspartner Indiens. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2024 einen Wert von rund 31 Milliarden Euro. Doch erst das Abkommen verspricht einen echten Durchbruch: Sowohl die EU als auch Indien werden über 90 Prozent der Zölle abschaffen oder deutlich senken. Dazu gehört auch ein drastischer Zollabbau bei Maschinen, Chemikalien, Autoteilen und industriellen Vorleistungen. Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Markteintrittsbarrieren verschwinden, Wettbewerbsfähigkeit steigt – jährlich könnten mehrere Milliarden Euro an Zöllen entfallen. Die EU-Kommission rechnet mit einer Verdopplung der Warenexporte der EU nach Indien bis zum Jahr 2032. Vor allem Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie sowie Pharmaindustrie und Medizintechnik würden von den Abkommen profitieren. In diesen Branchen sind deutsche Firmen auch bereits vor Ort stark vertreten.1.800 deutsche Unternehmen beschäftigen in Indien über 600.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Abkommen ist ein strategischer Hebel, um diese Präsenz, Produktion und Wertschöpfung weiter auszubauen.

Doch das Abkommen beseitigt nicht alle Hemmnisse. Indien hält weiterhin an einigen protektionistischen Positionen fest: Die öffentliche Beschaffung bleibt geschlossen, umfassende Investitionserleichterungen fehlen und die Ursprungsregeln und -nachweise, um die Zollpräferenzen zu erlangen, sind bürokratischer als in anderen Abkommen. Zudem bleiben zahlreiche nichttarifäre Handelshemmnisse bestehen – von komplexen Zertifizierungspflichten bis zu Lokalisierungsvorgaben und administrativer Bürokratie, die laut Umfragen der AHK Indien kontinuierlich über die Hälfte der deutschen Unternehmen vor Ort belasten.

Trotz dieser Herausforderungen ist die strategische Dimension des Abkommens immens. Indien ist ein junger, wachsender Markt mit enormer industrieller Dynamik und zugleich ein zentraler Partner, um Lieferketten zu diversifizieren und Abhängigkeiten zu reduzieren. In einer Welt wachsender geoökonomischer Spannungen stärkt das Abkommen Europas Handlungsfähigkeit – und eröffnet deutschen Unternehmen langfristige Perspektiven in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte der kommenden Jahrzehnte.

Für die deutsche Wirtschaft bleibt daher entscheidend: Die EU und die Bundesregierung müssen im Zuge der Ratifizierung gegenüber Indien weitere Erleichterungen einfordern – insbesondere damit auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) das Abkommen tatsächlich nutzen können. Die anstehende Zollreform in Indien ist eine gute Gelegenheit dafür. Das EU-Indien-Abkommen ist ein historischer Schritt. Jetzt gilt es, ihn zum Erfolg zu machen.

Volker Treier ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2014 Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK).

Hinweis: Standpunkte spiegeln die Meinung des Autors wider.

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CEO.Presseschau

manager magazin

Was der Einstieg von Anta Sports für Puma bedeutet

Der chinesische Konzern Anta Sports übernimmt für 1,5 Mrd. Euro den 29-Prozent-Anteil der Familie Pinault an Puma. Anta strebt keine Komplettübernahme an, will aber mit der Marke in Europa expandieren. Der amtierende Puma-CEO Arthur Hoeld, der eine Turnaround-Strategie verfolgt, bleibt im Amt und holt dafür zahlreiche ehemalige Topmanager von Adidas, was intern für Misstrauen sorgt.
WirtschaftsWoche

Canyon: Wie die Fahrradkrise selbst das deutsche Vorzeigeunternehmen trifft

Der Fahrradhersteller Canyon streicht bis zu 320 Stellen in Deutschland, etwa ein Viertel der Belegschaft. Grund ist die Krise der Fahrradbranche nach dem Corona-Boom, die auch das Vorzeigeunternehmen trifft. Trotz Umsatzwachstum in den Vorjahren verzeichnete Canyon operative Verluste. Gründer Roman Arnold ist als CEO zurückgekehrt und plant, verstärkt auf E-Bikes zu setzen.
FAZ

Razzia und Rekordzahlen: Schatten über der Deutschen Bank

Die Deutsche Bank hat 2025 mit 7,1 Milliarden Euro ein Rekordergebnis erzielt und sieht ihre Transformation als abgeschlossen an. Die positive Bilanz wird jedoch von einer Razzia des Bundeskriminalamts wegen Geldwäscheverdachts überschattet. CEO Christian Sewing versichert die volle Kooperation mit den Behörden.
The Wall Street Journal

Amazon in Gesprächen über eine Investition von bis zu 50 Milliarden Dollar in OpenAI

Amazon.com befindet sich in Gesprächen über eine Investition von bis zu 50 Milliarden US-Dollar in OpenAI. Das KI-Startup sucht bis zu 100 Milliarden US-Dollar an neuem Kapital, was das Unternehmen mit bis zu 830 Milliarden US-Dollar bewerten könnte. Amazon-CEO Andy Jassy führt laut mit der Angelegenheit vertrauten Personen die Verhandlungen mit OpenAI-CEO Sam Altman.
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Beitrag von Dr. Daniel Steiners über die Bedeutung von Innovationshubs und guten Rahmenbedingungen für die Zukunft von Biotechnologie und Hightech in Deutschland

CEO.Personnel

Financial Times

Kevin Warsh, der durch die Finanzkrise 2008 geprägte Kandidat für den Fed-Vorsitz

Donald Trump hat Kevin Warsh als Nachfolger von Jay Powell für den Vorsitz der US-Notenbank Fed nominiert. Warsh, der während der Finanzkrise 2008 Fed-Gouverneur war, wird als erfahrener Kenner der Wall Street beschrieben. Er vertritt die Ansicht, dass durch KI-gesteigerte Produktivität Wachstum ohne Inflation möglich sei, was weitere Zinssenkungen erlauben könnte, und strebt eine Reform der Fed an.
FAZ

Neuer Chef für Frankfurter Buchmesse

Joachim Kaufmann, bisheriger Geschäftsführer des Carlsen Verlags, wird ab dem 1. September neuer Direktor der Frankfurter Buchmesse. Der 53-jährige Verlagsmanager löst den langjährigen Chef Juergen Boos ab, der nach der Buchmesse im Oktober nach über 20 Jahren in den Ruhestand geht. Kaufmann gilt als international bestens vernetzter Experte der Buchbranche.
DVZ

Lars-Erik Poths wird neuer CEO der Nagel-Group

Lars-Erik Poths wird am 1. Februar neuer CEO der Nagel-Group und folgt auf Carsten Taucke, der in eine beratende Funktion wechselt. Der 41-jährige Poths kommt von Logwin, wo er als Finanzchef für das Luft- und Seegeschäft zuständig war. Der Wechsel an der Spitze des Lebensmittellogistikers ist Teil einer langfristig geplanten Nachfolgeregelung.
manager magazin

Porsche: Neuer CEO Michael Leiters holt neuen Designchef

Der neue Porsche-CEO Michael Leiters ersetzt den langjährigen Designchef Michael Mauer durch Tobias Sühlmann. Sühlmann arbeitete bereits bei McLaren für Leiters und soll den Posten zum 1. Februar antreten. Mauer bleibt weiterhin Designchef für den gesamten VW-Konzern. Der Wechsel gilt als Signal für einen Generationswechsel und eine neue strategische Ausrichtung bei Porsche.
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CEO.Finance

Mit Finanzmärkten als Waffe spielt man nicht!

Staaten erwägen US-Staatsanleihen als geopolitische Waffe einzusetzen. Unser Kolumnist Gunther Schnabl warnt jedoch vor globalen Finanzfolgen und Kettenreaktionen.

Die geopolitische Lage ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und der Wahl von US‑Präsident Donald Trump angespannt. Insbesondere Trumps wiederholte Zolldrohungen haben weltweit für erhebliche Unruhe gesorgt. Wenn andere Staaten versuchen, die Europäische Union zur Durchsetzung politischer Ziele wirtschaftlich unter Druck zu setzen, kann sich die EU mit ihrem Anti‑Coercion‑Instrument – auch als „Handels‑Bazooka“ bezeichnet – etwa durch die Erhebung von Zöllen zur Wehr setzen.

Im Zuge des Streits um Grönland ist darüber hinaus die Idee aufgekommen, die USA durch den gezielten Verkauf von US‑Staatsanleihen unter Druck zu setzen. In diesem Zusammenhang kündigte jüngst auch ein dänischer Pensionsfonds an, seinen gesamten Bestand an US‑Treasuries veräußern zu wollen.

Die USA profitieren seit Jahrzehnten davon, dass der Dollar die Weltleitwährung ist. US‑amerikanische Staatsanleihen gelten deshalb als besonders sichere und liquide Anlage und werden in großem Umfang von Zentralbanken weltweit gehalten. Senkt die US‑Notenbank Fed die Zinsen, fließt Kapital häufig ins Ausland. Dort geraten die lokalen Währungen unter Aufwertungsdruck. Um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Exporte zu sichern, kaufen viele ausländische Zentralbanken dann Dollar und US‑Staatsanleihen.

Dieses sogenannte „exorbitante Privileg“, mit dem die USA andere Länder indirekt an der Finanzierung ihrer Staatsausgaben beteiligen, hat hohe Defizite ermöglicht. Es war zugleich eine wichtige Voraussetzung für die großen Militärausgaben, mit denen die USA ihre geopolitische Führungsrolle abgesichert haben. Von den insgesamt rund 30,8 Billionen Dollar ausstehenden marktfähigen US‑Staatsanleihen werden etwa 9,4 Billionen im Ausland gehalten. Europa ist mit rund 3,6 Billionen Dollar ein bedeutender Gläubiger. Russland hat seine US‑Anleihebestände bereits vor dem Ukraine‑Krieg vollständig abgestoßen, während China seine umfangreichen Bestände seit Jahren schrittweise reduziert.

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Sollte nun auch Europa in größerem Umfang US‑Staatsanleihen verkaufen, könnten deren Kurse deutlich fallen und die Renditen entsprechend steigen. Die jährlichen Zinsausgaben der USA liegen bereits heute bei über einer Billion Dollar und damit über den Militärausgaben. Das potenzielle Druckmittel ist also nicht zu unterschätzen.

Gleichzeitig sind die USA jedoch das Zentrum der internationalen Finanzmärkte. US‑Staatsanleihen bilden als wichtigste sichere und liquide Anlageklasse das Fundament des globalen Finanzsystems. Sie spielen eine zentrale Rolle in den Bilanzen von Banken und werden häufig als bevorzugte Sicherheiten akzeptiert.

Da Finanzinstitute weltweit eng miteinander verflochten sind, können selbst einzelne Zahlungsausfälle oder Marktverwerfungen dramatische Kettenreaktionen auslösen – weit über nationale Grenzen hinaus. Die US‑Staatsverschuldung liegt derzeit bei rund 122 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für ein Land mit Weltleitwährung ist das zwar hoch, aber noch nicht unmittelbar kritisch. Ein massiver Schock am US‑Anleihemarkt hingegen könnte eine globale Finanzkrise auslösen. Müsste die Fed in einem solchen Szenario eingreifen, würde dies vermutlich den Dollar deutlich unter Druck setzen. Die wirtschaftlichen und finanziellen Folgewirkungen wären weltweit spürbar. Es ist daher ein Spiel mit dem Feuer, US‑Treasuries als geopolitische Waffe gegen einen Finanzriesen einzusetzen. Darauf hat zuletzt auch US‑Finanzminister Scott Bessent im Gespräch mit der Deutschen Bank hingewiesen.

Hinzu kommt, dass selbst große Länder ihre Bestände nicht kurzfristig und vollständig verkaufen können. Für derart große Volumina fehlt eine ausreichende Zahl an Käufern. Bereits bei den ersten Verkaufswellen würden die Kurse fallen, sodass der verbleibende Bestand erhebliche Buchverluste erleiden würde.

Finanzmärkte sollten nicht als Waffe genutzt werden. Stattdessen sollten die Industrieländer ihre Staatsverschuldung konsequent reduzieren, um die Risiken für die internationale Finanzmarktstabilität dauerhaft zu verringern.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

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Grafik der Woche

Die USA haben ihren Vorsprung bei der Stundenproduktivität gegenüber Deutschland seit Mitte der 1990er‑Jahre deutlich ausgebaut – und diesen Trend seit der Pandemie nochmals beschleunigt. Das zeigt eine neue Studie des IfW Kiel. Demnach ist das preis-, saison- und kalenderbereinigte Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde in den USA seit 1995 um insgesamt rund 39 Prozent stärker gestiegen als in Deutschland

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CEO.Picks

Werden Sie 2026 CEO?

Nach einem Dämpfer im Jahr 2024 ist die CEO-Fluktuation in den größten US-Unternehmen 2025 wieder deutlich gestiegen. Die annualisierte Nachfolgequote im S&P 500 lag im Oktober bei 12,5 Prozent, nach 9,8 im Vorjahr. Getrieben wird diese Dynamik durch Investorendruck, volatile Märkte und neue Anforderungen an Führung.

Wenn sich diese Entwicklung zeitversetzt auch außerhalb der USA fortsetzt, könnte sich 2026 für viele Führungskräfte ein entscheidendes Zeitfenster öffnen. Entscheidend ist dann nicht nur Leistung, sondern Verbreitung. Fünf Punkte nach Mark Thompson und Byron Loflin, die Sie angehen sollten, bevor das Rennen überhaupt beginnt:

  • Erstens: Verstehen Sie den tatsächlichen Entscheidungsprozess. Nicht Organigramme entscheiden, sondern informelle Macht, Einfluss und unausgesprochene Kriterien. Wer prägt die Entscheidung wirklich und warum?

  • Zweitens: Lassen Sie nicht zu, dass Sie in Ihrer aktuellen Rolle festgeschrieben werden. Sorgen Sie dafür, als „bereit für mehr“ wahrgenommen zu werden.

  • Drittens: Zeigen Sie Charakterstärke, nicht nur Performance. CEOs müssen Ambiguität aushalten, schwierige Entscheidungen treffen und andere konsequent in Verantwortung nehmen. Beliebtheit ersetzt keine Führungsreife.

  • Viertens: Arbeiten Sie an Ihren Blind Spots. Organisieren Sie ehrliches Feedback von Menschen, die Ihnen nicht gefallen wollen, sondern die Wahrheit sagen, und handeln Sie danach.

  • Fünftens: Schaffen Sie Vertrauen in Ihre Führung. Entscheidend sind sichtbare, erinnerungswürdige Situationen, die das Bild Ihrer Führung bei den relevanten Entscheidungsträgern prägen.

Der Job des CEOs wird nicht gewonnen, sondern vergeben. Sorgen Sie dafür, dass 2026 niemand mehr an Ihnen vorbeikommt.

Nora Grasselli ist Dozentin in Leadership und Program Director Executive Education an der ESMT Berlin. Die CEO.Picks sind eine Kooperation zwischen der ESMT und Table.Briefings.

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