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Never waste a good crisis - aber wie?

von Dr. Daniel Steiners

Mitte der siebziger Jahre, zwischen Vietnamkrieg und Ölkrise, ereignete sich in einem kalifornischen Labor etwas, das die Welt veränderte. Inmitten globaler Verunsicherungen saßen zwei Wissenschaftler - Herbert Boyer und Stanley Cohen - über Molekülen gebeugt und ließen sich nicht von den Krisen beirren. Sie erfanden ein neues Handwerk: Rekombinante DNA, um menschliche Proteine wie Insulin in Mikroorganismen zu produzieren. Die Geburtsstunde der Biotechnologie.

Dann betrat ein Dritter die Szene - ein junger Unternehmer: Robert Swanson. Er hörte von dieser neuen Technik und tat, was einen Unternehmer und Venture Capitalist seit jeher auszeichnet: Er verlor keine Zeit und griff direkt zum Telefon. Kein Antrag, kein Gremium. Ein Anruf, in dem er um ein Treffen bat. Boyer gewährte ihm zehn Minuten - daraus wurden drei Stunden: Swanson besaß den unbeirrbaren Glauben, dass aus “Erkenntnis” erfolgreich ein Produkt werden kann; und aus einem Produkt wiederum eine Industrie. Eine Industrie, die Patientinnen und Patienten weltweit hilft, in Standorte investiert, Arbeitsplätze schafft und Wohlstand stiftet.

Am Ende dieses Gesprächs standen eine gemeinsame Zukunftsvision und ein neues Unternehmen mitten im kalifornischen Biotech-Cluster: Genentech (heute Teil der Roche-Gruppe). Ein Unternehmen, das später selbst zum Gravitationszentrum wurde für Talente, Kapital, Infrastruktur und Ideen. Der Urknall einer ganzen Industrie.

Was hier geschah, war kein Zufall. Die Bay Area war - und ist weiterhin - ein Verdichtungsraum aus Spitzenforschung, Unternehmertum und Risikokapital. Stanford, University of California San Francisco, junge Start-ups, wagemutige Investoren. Innovations-Cluster sind weltweit ein entscheidender Produktivitätsfaktor und Beschleuniger für Wissenstransfer, Skalierung und Markteintritt.

Und Deutschland? Wir haben durchaus Inseln der Exzellenz. Doch oft fehlt die kritische Masse, die Vernetzung, die Translation - und der Mut zur Skalierung. Deutschlands Innovationskraft stagniert.

Laut dem Global Innovation Index der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO), zählt die

Bundesrepublik seit 2025 nicht mehr zu den zehn innovationsstärksten Volkswirtschaften der Welt. Besonders ausgeprägt sind die Defizite in den digitalen Technologien und der entsprechenden Infrastruktur sowie bei den institutionellen Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen. Auch der Innovationsindikator 2025 (u. a. vom Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. getragen) zeichnet kein günstigeres Bild: Mit Rang zwölf verharrt Deutschland auf der Stelle, belastet durch Schwächen bei digitaler Vernetzung, digitaler Hardware und in der Biotechnologie. Jene Zukunftsfelder, die über Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und nationale Sicherheit mitentscheiden, werden somit zunehmend andernorts in der Welt besetzt.

Deutschland muss deshalb jetzt handeln, und zwar nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern schnell, gezielt und präzise, um eine echte Wucht erzeugen zu können. Hier lohnt es, auf Prof. Dr. Maike Sander zu hören, Wissenschaftliche Vorständin und Vorstandsvorsitzende des Max-Delbrück-Center für Molekulare Medizin, und prägende Stimme des “Exzellenzgedanken”. Die Politik muss Raum schaffen für innovative, exzellente Cluster und Hubs, in denen das Neue gewagt werden kann - anstatt sich in Programme und Subventionsspiralen nach dem Gießkannenprinzip zu stürzen.

Unter Hubs sind dichte Innovationsökosysteme zu verstehen, in denen exzellente akademische Forschung, unternehmerische Talente, Kapital für Ausgründungen und eine vor Ort präsente Industrie - unter innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen - zusammenkommen. Kurzum: Eine kritische Masse, die gegenseitiges Lernen ermöglicht, sektorübergreifende Karrierewege schafft und den Transfer in die Anwendung beschleunigt.

In einem Brief an die Koalitionsabgeordneten hat Bundeskanzler Friedrich Merz im Januar 2026 die Wirtschaftslage in Deutschland in drastischen Worten beschrieben. Die Lage sei in einigen Wirtschaftsbereichen „sehr kritisch”. Mit der neuen “Hightech-Agenda” setzt die

Bundesregierung auf Fokus, Flaggschiffe und sechs Schlüsseltechnologien, die für den Standort Deutschland entscheidend sind - darunter Biotechnologie und Künstliche Intelligenz. Das ist richtig. Aber es ist nur der Anfang. Denn Innovation und Zukunftsfähigkeit brauchen zusätzlich:

  • Märkte, die Neues belohnen und Innovationen angemessen honorieren.

  • Kapital, das Risiko nicht scheut.

  • Regulierungen und Bürokratie, die ermöglichen - statt zu verhindern und sich im Klein-Klein zu verirren.

  • Eine aktive Industriepolitik, die genau diese Zusammenhänge versteht und die Schlüsselindustrien hierzulande stärkt - anstatt sie zu schwächen.

Wir stehen an einem Scheideweg - ich bleibe optimistisch: Noch ist das Rennen offen. Oder, um es mit dem Motto des Table.Forums im Dezember 2025 zu sagen: Never waste a good crisis. Krisen sind keine Einladung zur Resignation, sondern zur Entscheidung und zum Handeln. Die industrielle Gesundheitswirtschaft will in Deutschland investieren, hier innovieren und unsere Hightech-Zukunft vorantreiben. Die Uhr tickt.

Autor: Dr. Daniel Steiners ist Vorstand der Roche Pharma AG.

„Never waste a good crisis“ versteht Krise nicht als Ausnahmezustand, sondern als Moment der Entscheidung. Das Table.Forum fragt, wie sich die aktuelle Lage nutzen lässt, um in der Gesundheit schneller vom Wissen zum Tun zu kommen – mit mehr Mut zur Kooperation, zu neuen Strukturen und zu gezielter Standort- und Innovationspolitik.

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