Der Skandal beginnt mit der Rechtfertigung

Wirtschaftsskandale entstehen oft nicht durch bewusste Regelbrüche, sondern durch schrittweise Verschiebung moralischer Grenzen im Team. Unternehmen sollten alarmiert sein, wenn Rechtfertigungen wie "alle machen das" zur Norm werden.

US
15. April 2026
Die Enstehung von Unternehmesskandalen ist laut Ulf Schäfer ein Prozess, der lange vor einem Fehltritt beginnt. (ESMT Berlin)

Der Fall Signa erinnert daran, dass Wirtschaftsskandale selten mit dem ersten klaren Regelbruch beginnen. Sie beginnen früher – in Meetings, in denen aus „das dürfen wir nicht“ langsam „so schlimm ist es nicht“ wird. Noch bevor Juristen, Aufsicht oder Öffentlichkeit reagieren, verschiebt sich intern oft der Maßstab dessen, was als vertretbar gilt. Der eigentliche Kipppunkt liegt oft nicht in der Tat, sondern in der kollektiven moralischen Entkopplung („collective moral disengagement“): Wenn Teams anfangen, Regeln sprachlich zu verkleinern, Verantwortung zu verteilen und Risiken wegzuerklären, wird aus einer roten Linie schrittweise eine verhandelbare Grauzone.

Unsere Forschung zeigt: Solche Prozesse entstehen häufig vor dem Verstoß. Sie folgen oft einer Dynamik aus individuellem Grübeln, dem ersten vorsichtigen Aussprechen und anschließender gemeinsamer Sinnstiftung im Team. Besonders gefährlich wird es, wenn drei Dinge zusammenkommen: plausible Rechtfertigungen, stilles Einverständnis vieler und einflussreiche Fürsprecher, deren Haltung als Signal gelesen wird. Dann kippt ein Kollektiv oft schneller, als jedes Compliance-Handbuch reagieren kann.

Für CEOs heißt das: Achten Sie nicht nur auf Fehlverhalten, sondern auf die Sprache davor. Alarmzeichen sind Rationalisierungen wie „alle machen das“, „anders ist das Ziel nicht zu schaffen“ oder „am Ende nützt es doch dem Unternehmen“. Bauen Sie in kritische Entscheidungen einen kurzen Rechtfertigungs-Check ein: Welche Regel reden wir gerade klein? An wen verschieben wir unsere Verantwortung? Prüfen Sie Anreizsysteme auf Zielkonflikte und geben Sie Widerspruch sichtbar Status. Wer früh hört, wie im Unternehmen Regeln umgedeutet werden, verhindert nicht nur Fehlverhalten, sondern schützt auch Strategie, Kultur und Reputation.

Ulf Schäfer ist Senior Lecturer in Strategy an der ESMT Berlin. Die CEO.Picks sind eine Kooperation zwischen der ESMT und Table.Briefings.

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Letzte Aktualisierung: 15. April 2026