ChatGPT – „Verbot wird nicht funktionieren“

Meidinger
KI kann Kreativität abtöten, statt anregen, findet Heinz-Peter Meidinger.

Derzeit überschlagen sich die Meldungen, Einschätzungen und Prognosen, was die angeblich enormen Auswirkungen der neuen Super-KI Chat-GPT3 anbetrifft. Von einer Bildungsrevolution ist die Rede, davon, dass Hausaufgaben nunmehr der Vergangenheit angehörten, bisherige Lern- und Prüfungsformate komplett ausgedient hätten.

Wenn man etwas älter ist, so wie ich, dann hat man solchen Hype schon öfters in seiner Berufslaufbahn erlebt. Ich erinnere mich an die später schwer enttäuschten Hoffnungen, die man in den 70er-Jahren an den „Programmierten Unterricht“ knüpfte oder an die vor 20 Jahren formulierte Erwartung, dass das Internet und die Google-Suche Schule entwerten und überflüssig machen würde.

Und es ist ja auch nicht so, als ob jetzt plötzlich Schülerinnen und Schüler erstmals die Möglichkeit haben, Hausaufgaben oder Referate nicht selbst zu produzieren, sondern von fremden Produzenten zu übernehmen. Jetzt – nach über 50 Jahren – muss ich gestehen, dass es in meiner eigenen Schulzeit Schuljahre gab, in denen ich die Mehrzahl der Hausaufgaben auf der Schultoilette abgeschrieben habe. Und selbstverständlich wissen Lehrkräfte, dass bei zu Hause vorbereiteten Aufgaben immer auch darauf geachtet werden muss, ob sie auf eigenen Leistungen beruhen und inwieweit ordnungsgemäß die Quellen angegeben worden sind.

ChatGPT wird in Schulen gewichtige Rolle spielen

Das soll nicht heißen, dass ChatGPT3 – und das ist ja nur der Vorbote des angekündigten noch mächtigeren GPT4 – nicht das Zeug dazu hat, zu einem mächtigen Instrument und Faktor zu werden, das auch an Schulen und Universitäten in Zukunft eine gewichtige Rolle spielen wird. Daran glaube ich fest. Neu ist bei diesem „large language model“ die Unmenge der verwendeten Informationen und Parameter, die flexible Dialogform mit der Ausgabe wohlformulierter strukturierter Antworten, ein Programm als lernendes System. Das macht es enorm attraktiv für individuelle Fragestellungen und eine äußerst differenzierte und flexible Nutzung.

Dabei ist es völlig illusorisch zu glauben, so etwas wie ChatGPT3 könne man aus Universitäten und Schulen verbannen. New York hat übrigens – anders als vielfach berichtet – nicht ChatGPT3 verboten, sondern nur den Zugang zur KI innerhalb der Schulnetzwerke unterbunden. Ein Verbot wird nicht funktionieren.

Insofern werden Schulen und Lehrkräfte damit umzugehen lernen müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass hierzulande im Unterricht der Zugang zu solcher KI in bestimmten Unterrichtsphasen ermöglicht, in anderen aber unterbunden wird. Wenn es beispielsweise im Deutschunterricht darum geht, Kinder zum Verfassen eigener Gedichte anzuregen, wäre es kontraproduktiv, dazu KI zu benutzen. Das könnte die Kreativität abtöten, statt anregen.

Bot bevorzugt linksliberale Ideen

ChatGPT3 birgt Risiken und Chancen. Risiken entstehen, wenn Lernende meinen, die Nutzung von KI könne den eigenen Lernprozess abkürzen bzw. ersetzen und sich dadurch selbst betrügen, was ihren eigentlichen Kompetenz- und Leistungsstand angeht. Spätestens beim anstehenden Test in der Schule wird diese Selbsttäuschung offenkundig werden.

Chancen entstehen aber gleichzeitig dadurch, dass bei der selbstständigen Bearbeitung von Aufgabenstellungen bzw. der Aneignung von neuen Stoffgebieten ChatGPT3, richtig befragt und genutzt, unzählige Anregungen für Gliederung, Ideen, Konzepte und Reflexion liefern kann.

In höheren Jahrgangsstufen kann ChatGPT3 auch dafür verwendet werden, die grundsätzlichen Grenzen und die Fehleranfälligkeit von KI sichtbar zu machen. Dass beispielsweise Quellenbelege teilweise erfunden werden, sich Fakenews unter viele zutreffende Informationen mischen sowie, dass ChatGPT3 auch vorgegebenen politischen und ethischen Vorgaben folgt, die eher im linksliberalen Spektrum zu verorten sind, wie der Forscher David Rozado herausgefunden hat.

KI rührt nicht an Kern erfolgreicher Bildungsprozesse

Wenn heute behauptet wird, dass Ergebnisse von ChatGPT3 nicht als Übernahme in schulischen Arbeiten erkannt werden könnten und die bisherige Plagiatssoftware dauerhaft versagt, wäre ich vorsichtig. In den USA wurde bereits ein Prüfwerkzeug entwickelt (GPT-Zero), das mit einer erheblichen Wahrscheinlichkeit Texte dahingehend einordnen kann, ob zu ihrer Erstellung Open-AI-Technologie verwendet wurde. Auch da wird es noch Entwicklungen geben.

Was kann ChatGPT3 nicht? Es kann nicht, was den Kern erfolgreicher Bildungsprozesse ausmacht! Das Internetportal Buzzfeed hat den Bot zu seinen Grenzen selbst befragt und folgende Antworten erhalten: „Sie können in vielen Bereichen nützlich sein, aber sie sind kein Ersatz für menschliches Denken und Lernen. Sie können Aufsätze schreiben, aber sie können nicht die Art von tiefgründigen Analysen und Einsichten liefern, die von Schülern und Studenten erwartet werden.“ Da hat der Bot wohl recht …

Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und war lange Schulleiter.

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