Das Ende der Kultusbürokratie

KMK Gutachten digitale Bildung
Präsidentin einer Organisation, die die Herrschaft über die Daten verliert: KMK-Präsidentin Karin Prien

189 Seiten. Von dieser imposanten Länge ist das neue Papier zu digitaler Bildung. Verfasst hat es die „Ständige Wissenschaftliche Kommission“ der Kultusminister, kurz SWK. Darin fordern die Wissenschaftler, neben etwa einem Pflichtfach Informatik, die dauerhafte Einrichtung von Zentren für digitale Bildung. Deren Aufgabe soll es sein, digitale Lernmaterialien zu prüfen – und für gut zu befinden. Oder eben abzulehnen. Eine zentrale Agentur Metternich’schen Zuschnitts also. Die hypertrophe Verwendung der Worte ständig und dauerhaft zeigt wohl eher, wie vergänglich die KMK inzwischen ist. Der pädagogisch-kultusbürokratische Komplex, gegründet 1947, noch bevor das Grundgesetz entstand, scheint am Ende: Er hat das deutsche Schulsystem in eine prekäre Lage manövriert.

1. Die SWK schreibt übers Digitale, denkt aber analog.

Was die Forscher im Papier fordern, ist klug und kompliziert formuliert – aber auch nicht wahnsinnig neu. Das meiste davon gibt es längst. So atmet das Gutachten den Geist der KMK: Erstens möchte die Kommission, dass Bildung staatlich organisiert bleibt. „Die medien- und fachdidaktische Qualitätssicherung [digitaler Medien, Red.] kann nicht Lehrkräften oder dem freien Markt allein überlassen werden“, steht da. Und das, obwohl es ja der Staat ist, der ein ungerechtes Bildungssystem errichtet hat, das kaum zukunftsfähig scheint. Zweitens möchte die SWK, kurz gesagt, dass der Staat die Kontrolle behält. Es geht ihr um die Bereitstellung und Prüfung „effektiver digitaler Lehr-Lernmaterialien„. Aber wie, bitte, soll das gehen?

Bis die Zentralagentur zur Begutachtung digitalen Medienmaterials überhaupt erst entstanden ist, werden weitere Abermillionen digitaler Bildungs- und Unbildungsfitzelchen über die Schüler und auch über die Schulen geschwappt sein. Wer soll dieser gigantischen Skalierung Herr werden, wenn er jedes einzelne dieser Wissensbytes kontrollieren und zulassen will?

2. Der pädagogisch-kultusbürokratische Komplex verteidigt seine Pfründe.

Die ständige Kommission, gegründet inmitten von Corona, war von Anfang an eine Brandmauer für die Kultusminister. Es ging darum, sich kritische Erkenntnisse vom Leibe zu halten.

Beispiel Luftfilter: Es gab gute Gründe, Kinder nicht allein über das Aufreißen von Fenstern vor Infektionen zu schützen, sondern mit Luftfiltern. Die KMK hat sich solcher wissenschaftliche Ratschläge entledigt, teils durch Schwindelei. Warum? Weil sie viel Geld gekostet hätten. Und die Kultusminister der Länder möchten gerne alles Mögliche – aber kein eigenes Geld ausgeben. Dafür ist der Bund da.

Beispiel Wohlbefinden der Schüler: So achtsam wie in Coronazeiten hat man Kultusminister selten reden hören. Schulpsychologen waren jahrzehntelang kaum Thema für sie. In der Pandemie aber machten sie sich plötzlich Sorgen um die Psyche von Kindern. Und um die sexuelle Integrität von Kindern in Risikofamilien. Es gab allerdings kein eigenständiges Gespräch der Kultusminister mit Missbrauchsexperten. Eine 24/7-Chat-Hotline für Schüler wandte sich mehrfach an die Kultusminister, wurde aber nicht vorgelassen. Daran gab es heftige Kritik. Um dem Vorwurf der Wissenschaftsfeindlichkeit zu begegnen, richtete die KMK die Ständige Kommission ein. So konnte sie stets sagen: Wir lassen uns ja wissenschaftlich beraten! Nur sind ständige Einrichtungen Teil des Systems. Sie sind konstruktiv – nicht kritisch.

3. Die Kultusminister haben ein dysfunktionales Schulsystem zu verantworten.

Die deutsche Schulpolitik steht im Jahr 2022 vor einem Scherbenhaufen. Es ist richtig, dass die amtierenden Kultusminister daran nicht allein schuld haben. Sie haben nicht das Coronavirus verbreitet oder die Ukraine angegriffen. Aber sie haben in jedem dieser Fälle spät gehandelt, zu spät. Viel schwerer wiegt freilich, dass die Kultusminister strukturell versagt haben.

Sie haben, erstens, einen historischen Lehrermangel produziert, der inzwischen zu interessanten Lösungsvorschlägen führt. Etwa dem aus Sachsen-Anhalt, nur noch vier Tage Unterricht anzubieten (Bildung.Table berichtete). Diese Groteske wird nun in diversen Kultusministerien ernsthaft diskutiert. Dieser Lehrermangel zeichnet sich dadurch aus, dass er praktisch nicht zu bekämpfen ist. Und dafür sind allein Kultusminister verantwortlich. Sie haben über 20 Jahre zu wenig junge und neue Lehrkräfte eingestellt. Jeder Personalchef weiß: Wer so lange keinen Nachwuchs integriert, der ruiniert sein Produkt. Und sein Unternehmen.

Die Kultusminister haben, zweitens, die Digitalisierung verschlafen. 2016 wagte sich Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, einseitig in der Bild am Sonntag einen Digitalpakt anzukündigen. Das haben ihr die Länder nie verziehen. Es dauerte drei Jahre, bis ein unterschriftsreifes Papier verabschiedet war. Und weitere quälende Monate, bis 16 Länderverordnungen fertig waren. Nicht einmal Corona mit seinen Schulschließungen schaffte es, dass die 5 Milliarden Euro umstandslos an die Schulen kamen. Die Crux dieses Digitalpakts ist nicht etwa, dass finstere Zeitgenossen ihn durch Tricks und Gemeinheiten verzögerten. Nein, er funktioniert dann nicht, wenn sich alle an die Regeln halten. Das bedeutet: Das System ist kaputt.

Das dritte, gravierendste Problem aber ist die fehlende Chancengleichheit. Vor 20 Jahren bekam das deutsche Schulsystem mit Pisa ein miserables Zeugnis ausgestellt: wenig leistungsfähig, produziert massenhaft Bildungsarmut, total ungerecht. Zwischendurch wurde es besser. Aber jetzt, im Jahr 2022, sind wir keinen Schritt weiter. Der neueste Bildungstrend für Grundschulen zeigt das alte Problem: Ein Viertel der Schüler wird abgehängt. Ihre Fähigkeit zu lesen und zu schreiben ist so rückständig, dass sie diese Lernlücken kaum werden aufholen können. In anderen Staaten müssen failed schools schließen. Die deutsche Schule aber ist so.

4. KMK und SWK haben die Hoheit über die Daten verloren.

Als der Bildungstrend der Grundschule im Juli erneut eine Sechs in Chancengleichheit erteilte, war das ein Schock. Aber es war auch eine Schande. Warum musste man bis zum Jahr 2022, also über zwei Jahre nach Corona warten, ehe man diese Diagnose bekam? Relativ früh in der Coronakrise hatte das Start-up Simpleclub dem Bildungsministerium ein Angebot gemacht: Lasst uns darüber reden, wie wir schnell und möglichst repräsentativ eine Lernstandsanalyse in der Coronazeit erstellen können. Das BMBF winkte ab. Leider. Sonst hätte man nämlich sehen können, dass man mithilfe der bei der KMK verpönten Start-ups eine Heatmap der Kompetenzen in der Bundesrepublik erstellen kann. Und das blitzschnell.

Nach jedem Bundesligaspiel werden digitale Instrumente genutzt, um dem Zuschauer zu zeigen, wo die gefährlichen Zonen des Spiels lagen. Fußballspiele sind transparent – aber das deutsche Schulsystem bleibt eine Blackbox. Nur in großen Abständen erfahren wir von den Kultusministern, wo die roten Zonen der Bildungsarmut sind und welche Schule eine Unterschichtsfabrik ist. Aber Bettermarks kann sagen, welcher Schüler im Jahr 2015 an welcher Rechenoperation hängen geblieben ist. Und Simpleclub optimiert seine Lernvideos, weil es anhand der Daten weiß, wo wie viele Schüler aussteigen.

Das ist datenschutztechnisch durchaus interessant. Aber es ist zugleich das Wesen von Digitalisierung. Richtig eingesetzt, kann die Bildungsrepublik erfahren, in welcher pädagogischen Provinz, an welcher Schule, in welcher Klasse, in welchem Fach Probleme herrschen. Und was macht die KMK? Die Kultusministerien haben einander vertraglich zugesichert, dass sie solche Erkenntnisse nicht haben wollen, nicht veröffentlichen und nicht vergleichen werden.

In dem Papier der SWK kommen Start-ups wie Bettermarks, Sofatutor, Simpleclub oder Tutory gar nicht vor. Auch „Mundo„, „Wir lernen online“ oder „Vidis“ sucht man vergeblich – obwohl es wichtige existierende Institutionen digitalen Lernens sind. Nur in der Parallelwelt der SWK gibt es sie nicht. Die Forscher, die hier beteiligt sind, sind offensichtlich genauso weit weg von der digitalen Realität wie die Minister.

Es wird Zeit, dass der pädagogisch-kultusbürokratische Komplex versteht: Ohne die Daten des privaten Bildungssektors geht im Jahr 2022 nichts mehr. Auch wenn manch private Anbieter pädagogisch noch unterentwickelt sein mag.

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