Lagos: Wie die Mega-City unter ihrem Wachstum leidet

Im Jahr 2100 wird Lagos voraussichtlich die größte Stadt der Welt sein. Bis dahin muss die Metropole jedoch erst eine ganze Reihe städteplanerischer Probleme lösen.

05. August 2025
Ein 2024 aufgenommenes Drohnenfoto zeigt eine Stadtansicht von Lagos, dem wirtschaftlichen Zentrum Nigerias. (picture alliance / Xinhua News Agency | Han Xu)
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Nigerias Wirtschaftshauptstadt Lagos zählt schon heute zu den größten Metropolen des Kontinents. Wie viele Menschen dort leben, weiß niemand so genau, doch Schätzungen zufolge liegt die Einwohnerzahl zwischen 17 und 22 Millionen. Die Wirtschaftsleistung des Bundesstaats Lagos ist schon heute größer als jene von Äthiopien, Kenia oder Angola. Wäre Lagos ein Land, so hätte es die sechstgrößte Volkswirtschaft des Kontinents. Und die Stadt wächst rapide weiter. Zum Ende des Jahrhunderts wird Lagos Prognosen des Global Cities Institute zufolge mit 88 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Welt sein, gefolgt von Kinshasa und Daressalam.

Das rasante Wachstum stellt Lagos jedoch schon jetzt vor große Herausforderungen: In der Stadt mangelt es an günstigem Wohnraum und einer angemessenen Abfallentsorgung, der Verkehr ist undurchdringlich und die Infrastruktur zum Schutz vor Überflutungen unzureichend. Nach Angaben der Weltbank haben nur 35 Prozent der Bevölkerung Zugang zur öffentlichen Wasserversorgung, nur 14 Prozent der Haushalte werden zuverlässig mit Strom versorgt, und nur einer von 20 Lagosianern ist an das öffentliche Abwassersystem angeschlossen. „Jeder Bewohner der Stadt sieht diese sich überschneidenden Probleme tagtäglich“, sagte Taibat Lawanson, Professorin für Stadtmanagement und Governance an der University of Lagos, zu Table.Briefings. „Einige von ihnen werden durch die sozioökonomische Ungleichheit noch verschärft.“ Laut Economist Intelligence Unit steht Lagos an vierter Stelle der am wenigsten lebenswerten Großstädte der Welt.

Die Behörden sind schwer bemüht, die Probleme der Stadt zu lösen. In den Entwicklungsplänen für 2012 bis 2025 sowie 2022 bis 2052 werden entsprechende Vorhaben formuliert, darunter Infrastrukturprojekte und die Reduktion von Armut. So soll beispielsweise die Lagos State Urban Renewal Agency die Zahl der informellen Siedlungen um jährlich fünf Prozent reduzieren. Die Behörden streben auch eine Modernisierung der Landverwaltung und Stadtentwicklung durch ihren „Enterprise Geographic Information Service“ (e-GIS) an. Das Ziel: Automatisierung und digitale Integration wichtiger Behörden wie der Landnutzungsbehörde und dem Büro des Generalvermessungsamtes. Auf dem Lagos Physical Planning Summit beraten Städteplaner und Stakeholder über das Vorgehen. Zu den Empfehlungen des vergangenen Jahres zählen die Straffung von Baugenehmigungsverfahren, die Überprüfung von Grundbesitz- und Umweltgesetzen und die Einführung digitaler Instrumente für die Stadtverwaltung. Aber: „Es gibt eine Kluft zwischen dem, was im Plan steht, und dem, was vor Ort geschieht“, bemängelt Lawanson. „Es gibt nicht genügend Stadtplaner, um einige dieser Pläne umzusetzen.“

Gerade mit Blick auf den Verkehr steht die Stadt vor großen Aufgaben. Laut Numbeo Traffic Index ist Lagos die Stadt mit dem weltweit schlimmsten Verkehr. Nach Angaben des nigerianischen Danne Institute for Research gibt es in Lagos 264 Autos pro Straßenkilometer – im weltweiten Durchschnitt sind es nur elf Fahrzeuge pro Kilometer. Pendler verbringen demnach durchschnittlich 2,2 Stunden pro Tag im Stau. Auch die Luftqualität in der Stadt leidet unter dem Verkehr.

Ein neues Metro-Netz soll Abhilfe schaffen. Zwei Linien, gebaut von einem chinesischen Konzern, sind bereits in Betrieb, insgesamt sieben sind bislang geplant. Sie ergänzen das Schnellbussystem und die vielen Fähren der Stadt. Die Metro kommt bei der Bevölkerung gut an: Seit ihrer Eröffnung im September 2023 hat die „Blue Line“ mehr als zwei Millionen Passagiere befördert. Eine weitere Maßnahme gegen den Verkehr sind Radwege. Einmal jährlich gibt es in Lagos auch einen autofreien Sonntag, den die Regionalregierung gemeinsam mit der NGO Lagos Urban Development Initiative ausrichtet.

Auch der Flutschutz ist eine große Herausforderung für die Stadtverwaltung. In vielen gefährdeten Gebieten sind informelle Siedlungen entstanden, was die Anfälligkeit der Bevölkerung erhöht. Zwar werden diese von der Stadt von Zeit zu Zeit abgerissen. Aufgrund des Wohnungsmangels bleibt den Anwohnern aber meist nichts anderes übrig, als ihre Häuser an gleicher Stelle wiederaufzubauen. Ähnlich verhält es sich mit der Infrastruktur zur Entwässerung: Obwohl die Behörden immer wieder die Händler vertreiben, die dort ihre Waren anbieten, kehren diese zurück, denn sie sind auf diese Flächen angewiesen.

Die tiefe Lage von Lagos direkt am Atlantik macht die Stadt anfällig für den steigenden Meeresspiegel, Sturmfluten und übermäßige Regenfälle. So wurden im Jahr 2012 durch eine schwere Überschwemmung schätzungsweise zwei Millionen Menschen vertrieben. Die veralteten Entwässerungssysteme der Stadt können die Abflussmengen bei starken Regenfällen nicht bewältigen. Die hohe Rate der Verdichtung mit Beton und Asphalt schränkt den natürlichen Abfluss zusätzlich ein. Aufgrund der unzureichenden Abfallwirtschaft gelangt auch Müll in das Abwassersystem. Dies trägt zu Aufstauungen bei und schafft so einen Nährboden für Krankheitserreger.

Nigeria zählt zu den größten Müllproduzenten auf dem Kontinent. Nur ein geringer Teil des Abfalls wird verwertet, der Großteil landet auf Deponien. Die Olusosun-Deponie in Lagos ist die größte des Landes und das ganze Jahr über rund um die Uhr in Betrieb. Laut der Lagoser Behörde für Abfallmanagement entfällt mehr als die Hälfte allen Mülls im Bundesstaat Lagos auf diese Deponie. Doch eine erhebliche Menge landet auch auf den Straßen. Nun könnten ein deutsches und ein österreichisches Unternehmen Abhilfe schaffen: Die Faun-Gruppe mit Sitz in Osterholz-Scharmbeck und Fima Industries mit Sitz in der Steiermark sollen die Abfallwirtschaft in Lagos modernisieren.

Das staatliche Engagement bleibt hinter den Anforderungen der Stadt zurück. „Es geschehen gute Dinge, aber sie passieren nicht schnell genug“, sagt Lawanson. „Das Ausmaß und die Intensität der Maßnahmen werden der Bevölkerungszahl und der hohen Migrationsrate nicht gerecht.“ Zudem wünscht sie sich mehr staatliche Unterstützung für vielversprechende zivilgesellschaftliche Initiativen. „Einige Maßnahmen sind zu sehr von oben diktiert und nicht integrativ“, beklagt sie.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026