CEO.Table – Ausgabe 62

So stark beeinflussen US-Investoren die deutsche Wirtschaft + Helsing-CEO zu Souveränität und Wettbewerb + Eurobonds: Das Für und Wider

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Executive.Summary

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So groß ist der Einfluss US-amerikanischer Investoren auf die deutsche Wirtschaft

Wenn in Deutschland über „De-Risking“ gesprochen wird, richtet sich der Blick meist nach China. Die Angst vor einseitigen Abhängigkeiten in geopolitischen und wirtschaftlichen Fragen ist in den Unternehmenszentralen und in der Politk groß. Doch auch gegenüber den USA besteht eine enge wirtschaftliche und finanzielle Verflechtung – über Portfolio-Beteiligungen am Aktienmarkt, über Direktinvestitionen und in einzelnen Fällen auch über operative Kontrolle von Unternehmen. Nach Angaben von Eurostat standen 2023 rund 4.799 Unternehmen in Deutschland unter US-Mehrheitskontrolle (siehe Grafik).

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Wie stark US-Investoren am deutschen Kapitalmarkt präsent sind, zeigen konkrete Zahlen. „US-Investoren halten mehr als 40 Prozent des institutionellen Streubesitzes im DAX, heimische Investoren hingegen nur etwas über zehn Prozent“, sagt Felix Schmidt, leitender Volkswirt der Berenberg-Bank, Table.Briefings. Als Streubesitz gilt der Anteil der ausstehenden Aktien, der sich nicht in festen Händen von Großaktionären oder dem Unternehmen selbst befindet und frei am Markt gehandelt werden kann.

Zwei US-Namen dominieren die deutschen Aktionärslisten. „Die beiden größten institutionellen Investoren im DAX sind die amerikanischen Unternehmen Vanguard und BlackRock mit einem Anteil von jeweils mehr als fünf Prozent des Streubesitzes“, so Schmidt.

Ein Blick auf einzelne Unternehmen verdeutlicht die Dimension:

  • Bei Rheinmetall lag der Anteil nordamerikanischer institutioneller Investoren 2022 noch bei 40 Prozent, 2024 waren es 28 Prozent.

  • Bei SAP befinden sich rund 25 Prozent der ausstehenden Aktien im Besitz institutioneller Investoren aus den USA.

  • Bei der Deutschen Telekom entfallen im Streubesitz nach Regionen 28,9 Prozent auf die USA und Kanada.

Auch als Investitionsstandort gewinnt Deutschland für US-Investoren wieder an Attraktivität. „In unsicheren Zeiten werden das stabile politische System und die Rechtssicherheit in Deutschland als Standortvorteil wahrgenommen“, so Schmidt. US-amerikanische Private-Equity-Gesellschaften zielten hierzulande häufig auf kleine und mittelständische Unternehmen. Bei Fusionen und Übernahmen waren die USA 2025 erneut die wichtigste ausländische Investorengruppe in Deutschland. US-Unternehmen standen für rund ein Fünftel der Transaktionen und etwa ein Drittel des Dealvolumens ausländischer Investoren.

Eine international geprägte Eigentümerstruktur hat aus ökonomischer Sicht nicht nur Risiken, sondern auch Vorteile. „Langfristig ist es grundsätzlich positiv, wenn Unternehmen international diversifizierte Investoren haben. Das spricht für offene Kapitalmärkte und eine funktionierende Unternehmenskultur. Sensibel kann es jedoch werden, wenn Stimmrechte stark bei einem einzelnen Investor gebündelt sind“, erklärt Florian Heider, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung, im Gespräch mit Table.Briefings. „Entscheidend ist dabei weniger die bloße Anzahl der Stimmen als die Frage, wie aktivistisch ein Investor auftritt.“

Das größere Risiko für Deutschland liegt nicht in einzelnen US‑Investoren, sondern in der tiefen transatlantischen wirtschaftlichen Verflechtung: Nach Angaben der Deutschen Bundesbank beliefen sich die US-Investitionen in Deutschland im dritten Quartal 2025 auf insgesamt 10,59 Billionen Euro. Rund elf Prozent der weltweiten US-Auslandspositionen entfallen damit auf Deutschland (siehe Grafik). „Wenn die US-Wirtschaft ins Stocken gerät oder es Turbulenzen am amerikanischen Kapitalmarkt gibt, spüren wir das unmittelbar. Insofern ist die transatlantische Verflechtung das größere Thema als einzelne Beteiligungen amerikanischer Investoren“, so Heider.

Das Dilemma: Kapital ist in Europa durchaus vorhanden, es wird jedoch zu einem erheblichen Teil in den USA angelegt und zu wenig auf dem eigenen Kontinent investiert. „Jedes Jahr verlassen rund 300 Milliarden Euro an Spareinlagen Europa und fließen in die USA“, sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing im Podcast Table.Today. Hinzu kommen Dividenden in Milliardenhöhe. Den Anlegern könne man das kaum vorwerfen, denn der europäische Kapitalmarkt sei nicht tief genug und biete zu wenige geeignete Anlageoptionen. Mit einer funktionierenden, mehrstufigen Kapitalmarktarchitektur ließe sich dieses Kapital besser mobilisieren und für Wachstum in Europa einsetzen.

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CEO.Talk

„Investiert wird in alles, was aussieht wie Verteidigung“ – Helsing-CEO Torsten Reil über Souveränität, Blasen und den eigentlichen Wettbewerb

In Europa können Defense-Champions entstehen, aber nur wenn der Staat Aufträge auch an junge Firmen vergibt, statt die etablierten Konzerne zu bevorzugen. „Das ist mit Abstand der beste Hebel, den der Staat hat“, sagt Torsten Reil, Co-CEO und Mitgründer von Helsing im Podcast Table.Today. Das bayerische Start-up entwickelt Waffensysteme von der Software ausgehend – entstehen soll ein vernetztes Arsenal größtenteils autonomer Drohnen – in der Luft, unter Wasser oder im All.

Die staatlichen Aufträge seien wichtig, denn das strukturelle Problem bleibt: Wachstumskapital ist in Europa knapp. „Es ist oft so, dass man in die USA gehen muss“, sagt Reil – erst bei späten Runden sei die Anteilsabgabe aufgrund der höheren Bewertung aber gut kontrollierbar. „Diese Sequenz, anzufangen mit europäischen Investoren und dann langsam aufzumachen für amerikanische, hat gut für uns funktioniert.“ Das Rüstungs-KI-Start-up gilt mit einer Bewertung von zwölf Milliarden Euro als wertvollstes deutsches Start-up; zuletzt sammelten Reil und sein Co-CEO Gundbert Scherf 600 Millionen Euro ein, unter anderem von Spotify-Gründer Daniel Ek und dem US-Fonds General Catalyst.

Im Vergleich zu dem US-Wettbewerber Anduril wirkt Helsing dennoch klein. Das kalifornische Unternehmen wird mit 30,5 Milliarden US-Dollar bewertet und kann mit zweistelligen Milliardenaufträgen der US Army punkten. „Ähnliches wird auch in Europa möglich sein.“ Entscheidend sei insbesondere das Verteidigungsbudget – und das wächst: von 52 Milliarden Euro im Vorjahr auf 153 Milliarden Euro im Jahr 2029.

Helsing drückt bei seinem Vorzeigeprojekt, dem autonomen Kampfflugzeug CA-1, aufs Tempo. Gerade wurde eine enge Kooperation mit dem Verteidigungskonzern Hensoldt angekündigt. Was dabei auffällt: Dem Start-up gelingt, woran viele scheitern – es zieht einen etablierten Rüstungskonzern in sein Ökosystem, nicht umgekehrt. Der Erstflug ist für 2027 geplant, operativ einsatzfähig soll die Jet-Drohne dann 2029 sein, wie Reil im Gespräch konkretisiert.

Die eigentlichen Antreiber seien dabei nicht US-Wettbewerber wie Anduril, sondern vielmehr das vergleichbare CCA-Projekt des US-Militärs und vor allem geopolitische Entwicklungen. „Russland ist mittlerweile sehr gut, Systeme in sehr großen Zahlen herstellen zu können“, sagt Reil – und das werde von vielen unterschätzt. Die entscheidende Frage laute, wer autonome Systeme massenhaft produzieren, mit Künstlicher Intelligenz ausstatten und im Konfliktfall schnell hochskalieren kann. Helsings autonomes Kampfflugzeug CA-1 soll 2027 erstmals fliegen, 2029 operativ sein – es ist ein ambitionierter Zeitplan. „Die geopolitische Lage bestimmt den Druck, weniger der Wettbewerb.“

Bekannt wurde Helsing nicht zuletzt durch seine Kamikaze-Drohnen für die Ukraine, zu denen es zuletzt allerdings negative Berichte gab. Dass in der Ukraine auch Fehler passiert sind, räumt Reil offen ein. Systeme, die Tests in Deutschland mit 100 Prozent Trefferquote bestanden haben, zeigten im Fronteinsatz „Kinderkrankheiten“. Der Kampfeinsatz sei eine Lernkurve, auf der man sich befinde.

80 Prozent der heutigen Defense-Start-ups werden nicht überleben, glaubt Reil. Seine Diagnose ist eindeutig: „Mittlerweile wird teilweise wahllos investiert in alles, was aussieht wie Verteidigung.“ Die Blase sehe er weniger bei großen Firmen wie seiner eigenen, sondern bei der Investitionslogik dahinter: Viele VCs ohne Verteidigungserfahrung investierten nur in Einzelprodukte, die interessant aussehen.

Der Knackpunkt sei aber nicht das Produkt, sondern der Marktzugang. Viele Venture-Capital-Geber unterschätzten, was im Verteidigungsmarkt wirklich zählt: Beschaffungslogik, länderspezifischer Marktzugang, Skalierbarkeit. „Product Market Fit ist nur ein kleiner Teil von dem, was wirklich notwendig ist“, sagt Reil.

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CEO.News

Digitale Souveränität: SAP und Sopra Steria schließen strategische Allianz

Der Softwarekonzern SAP und das Technologie- und Beratungsunternehmen Sopra Steria haben auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine Partnerschaft vereinbart, um digitale Souveränität in Europa voranzutreiben. Die Allianz schafft eine europäische Option für den Betrieb geschäfts- und sicherheitskritischer Systeme.

SAP investiert dafür 20 Milliarden Euro in souveräne Cloud- und KI‑Lösungen, während Sopra Steria die Umsetzung in sensiblen Umgebungen übernimmt – mit Fokus auf Datenhoheit, klare Zuständigkeiten und regulatorische Kontrollierbarkeit. SAP‑Manager Martin Merz und Sopra‑Steria‑Deutschland‑Chef Frédéric Munch hoben bei der Unterzeichnung hervor, dass souveräne Cloud‑Infrastrukturen zunehmend entscheidend für Europas technologische Handlungsfähigkeit werden. Alexander Wiedmann

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Chemieagenda 2045: So sollen Soforthilfe und Transformation vereinbar werden

In der „Chemieagenda 2045“ erarbeitet die Bundesregierung Wege, der Chemieindustrie aus der Krise zu helfen. Im Fokus stehen Wettbewerbsfähigkeit und der europäische Emissionshandel (ETS). Hohe Energiepreise, sinkende Exporte und Stellenabbau setzen die Branche stark unter Druck. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit verbinden und die freie Zuteilung von CO2-Zertifikaten fortführen.

Covestro-CEO Markus Steilemann fordert im Podcast Table.Today sofort wirksame Maßnahmen von der EU, darunter weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und strukturelle Reformen, anstatt sich auf mittel- und langfristige Ziele zu fokussieren. Experten wollen staatliche Unterstützung an verbindliche Transformationspläne knüpfen, etwa durch Investitionen in klimaneutrale Produktion, Wasserstoff und neue Leitmärkte. Nur wenn Akuthilfe und langfristige Dekarbonisierung zusammengedacht werden, könne die Branche dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben. Die ganze Analyse lesen Sie im Climate.Table. Nico Beckert

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Lidl fördert existenzsichernde Löhne für Kakao-Bauern

Lidl will ab März für seine Eigenmarken-Tafelschokoladen nur noch Kakao verwenden, für den die Bauern einen existenzsichernden Preis erhalten. Dazu nutzt das Unternehmen das von Fairtrade entwickelte Living-Income-Programm, das neben Mindestpreis und Fairtrade-Prämie einen zusätzlichen Aufschlag, den sogenannten Booster, vorsieht. Lidl zahlt je Tonne Kakao 276 Euro extra, um Einkommen dauerhaft zu steigern und Bauern Investitionen in Produktivität oder neue Anbauflächen zu ermöglichen. Der Einzelhändler verpflichtet sich für einen Zeitraum von fünf Jahren für die Zahlung des Preisaufschlags. Die höheren Preise sollen nach eigener Aussage nicht an die Verbraucher weitergegeben werden.

Andere deutsche Einzelhändler reagieren zurückhaltend. Aldi, Edeka und Rewe betonen die Notwendigkeit einer branchenweiten Lösung. Aber selbst, wenn sie sich alle auf das Programm einlassen würden, wäre dies nur für einen kleinen Teil der Bauern hilfreich: Um allen zu helfen, müsste jeder Abnehmer bereit sein, existenzsichernde Löhne zu zahlen. Warum das System des fairen Handels bei Kakao zusätzlich so schwer umzusetzen ist, lesen Sie im ESG.Table. Caspar Dohmen

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CEO.Presseschau

Handelsblatt

Supreme Court erklärt Trump-Zölle für rechtswidrig – der US-Präsident legt nach

Der Oberste Gerichtshof der USA hat einen Großteil der von Präsident Donald Trump verhängten Zölle für unrechtmäßig erklärt. Das Gericht entschied mit einer Mehrheit von sechs zu drei Stimmen, dass das zugrunde liegende Gesetz den Präsidenten nicht zur Erhebung der Zölle ermächtigt. Trump nannte das Urteil eine „Schande“ und kündigte einen neuen weltweiten Zoll von zehn Prozent auf anderer Rechtsgrundlage an.
WirtschaftsWoche

N26: Welche Konflikte der Neobank nach dem Abgang der Gründer drohen

Nach dem Rücktritt der Gründer kämpft die Neobank N26 mit internen Konflikten, die den Neustart erschweren. Streitpunkte sind eine verzögerte Investorenvereinbarung, die künftige Rolle von Gründer Valentin Stalf im Aufsichtsrat und Spannungen zwischen Management und Investoren. Dies behindert die Aufholjagd auf Konkurrenten wie Trade Republic und Revolut.
Spiegel Online

Hapag-Lloyd übernimmt israelischen Konkurrenten ZIM

Deutschlands größte Containerreederei Hapag-Lloyd übernimmt den israelischen Konkurrenten ZIM für rund 4,2 Milliarden Dollar. Durch den Zusammenschluss hätte Hapag-Lloyd eine Flotte von über 400 Schiffen und eine Kapazität von mehr als drei Millionen Standardcontainern. Der Vollzug der Transaktion steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Staates Israel und wird bis Ende 2026 erwartet.
Handelsblatt

Unternehmen: Wie der Red-Bull-Erbe den Konzern in die Zukunft steuert

Drei Jahre nach dem Tod von Gründer Dietrich Mateschitz steht Red Bull erfolgreicher da denn je. Sein Sohn und Erbe Mark Mateschitz, nun reichster Österreicher, führt den Konzern aus dem Hintergrund. Er setzt die Strategie seines Vaters fort, die auf aggressivem Marketing und Sport basiert, und meidet dabei konsequent die Öffentlichkeit, ähnlich wie sein Vater.
Süddeutsche Zeitung

Otto will knapp 460 Stellen abbauen

Der Onlinehändler Otto plant, fast 460 Vollzeitstellen abzubauen, vornehmlich am Standort Hamburg. Größere Veränderungen sind in den Bereichen Marketing, Controlling und Tech vorgesehen. Ziel ist es, interne Strukturen zu vereinfachen und Kosten bis zum Geschäftsjahr 2027/28 um 110 Millionen Euro zu senken. Der Personalabbau soll sozialverträglich gestaltet werden, mit Angeboten wie Altersteilzeit.
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CEO.Personnel

Handelsblatt

Infineon: Chiphersteller verlängert Vertrag von Hanebeck vorzeitig

Der Chiphersteller Infineon hat die Verträge von Konzernchef Jochen Hanebeck bis Ende März 2032 und von Finanzvorstand Sven Schneider bis April 2032 vorzeitig verlängert. Trotz schwächelnder Nachfrage aus der Automobilbranche boomt das Geschäft mit Leistungshalbleitern für KI-Rechenzentren. Als weiteres Wachstumsfeld sieht Infineon KI-gesteuerte, humanoide Roboter.
Financial Times

Christine Lagarde wird die EZB vor dem Ende ihrer 8-jährigen Amtszeit verlassen

Christine Lagarde wird voraussichtlich vor Ablauf ihrer Amtszeit als EZB-Präsidentin im Oktober 2027 zurücktreten. Sie wolle dem scheidenden französischen Präsidenten Macron und Friedrich Merz ermöglichen, noch vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich einen Nachfolger zu bestimmen. Die EZB teilte mit, Lagarde habe noch keine Entscheidung über das Ende ihrer Amtszeit getroffen.
FAZ

Neobank Revolut holt neuen Chef von JP Morgan

Jakub Fast, bisheriger Chef der Konsumentenbank Chase UK von J.P. Morgan, wird voraussichtlich neuer Vorstandschef der Neobank Revolut.
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Grafik der Woche

Deutschlands Abhängigkeit von chinesischer Green-Tech wächst rasant: In den vergangenen zwölf Monaten importierte die Bundesrepublik Batterien, E-Autos, Solaranlagen und weitere Schlüsseltechnologien im Wert von 18 Milliarden Euro direkt aus China. Eine Abhängigkeit, die verwundbar macht und die Debatte über De-Risking, Wettbewerbsfähigkeit und neue industriepolitische Leitplanken verschärft. Kurz vor seiner ersten China-Reise erwartet den Bundeskanzler Friedrich Merz eine Gradwanderung – mehr News dazu lesen Sie im Climate.Table und im China.Table.

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CEO.Finance

Alle wollen Eurobonds

Viele Spitzenpolitiker drängen auf neue EU-Schulden – von Verteidigung über Industriepolitik bis Ukraine-Hilfe. Doch mit jedem Ausnahmeinstrument wächst der Schuldenberg. Droht der EU ein finanzpolitischer Dammbruch?

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing haben im Interview mit Table.Briefings mehr EU-Schulden (Eurobonds) für eine gemeinsame Verteidigung befürwortet. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron, der finanziell mit dem Rücken zur Wand steht, hat erneut eine gemeinsame EU-Schuldenkapazität – diesmal als Schutzschild gegen Donald Trump – ins Gespräch gebracht. Zuletzt hat sogar Bundesbankpräsident Joachim Nagel einen Vorstoß für gemeinsame europäische Schulden gewagt, obwohl es in Art. 310 AEUV heißt: „Der Haushaltsplan ist in Einnahmen und Ausgaben auszugleichen.“

Für EU-Schulden spricht, dass die Kassen leer und viele EU-Länder hoch verschuldet sind. Gemeinsame europäische Ausgaben werden gemeinsam finanziert, ohne dass die nationalen Regierungen in Konflikt mit den europäischen Schuldengrenzen geraten. Hochverschuldete EU-Länder können zu günstigeren Zinsen gelangen, wenn die EU dank der guten Bonität niedrig verschuldeter EU-Länder niedrig verzinste Kredite aufnimmt und weiterreicht. EZB-Präsidentin Christine Lagarde meint, dass Eurobonds die Rolle des Euro als internationale Leitwährung stärken könnten, weil mehr sichere, in Euro denominierte Anlagen verfügbar wären.

Dagegen spricht das Subsidiaritätsprinzip. Ursprünglich sollten nur Verantwortungsbereiche auf die EU verlagert werden, welche die Mitgliedstaaten nicht allein lösen können. Nationale Behörden kennen die Bedürfnisse ihrer Bürgerinnen und Bürger besser als die Bürokratie in Brüssel. Es war eine Grundidee der EU-Verträge, die Vergemeinschaftung von Schulden zu vermeiden, damit kein Anreiz für eine zügellose Ausgabenpolitik entsteht. Mit Eurobonds wird das Haftungsprinzip aufgeweicht. Im Zuge der Europäischen Währungsunion sollten Staatsschulden begrenzt werden, damit kein Druck auf die Europäische Zentralbank entsteht, Staatsanleihen anzukaufen.

Trotzdem wurden in der europäischen Finanz- und Schuldenkrise die schuldenfinanzierten Stabilisierungsinstrumente EFSF (2010, 440 Milliarden Euro), EFSM (2010, 60 Milliarden Euro) und ESM (2012, 500 Milliarden Euro) geschaffen, um den Euro zu stabilisieren. In der Corona-Krise wurden 2020 das Arbeitsmarktprogramm SURE (100 Mrd. Euro) und der Wiederaufbaufonds NextGenerationEU (809 Mrd. Euro) aufgelegt, um den Zusammenhalt Europas (und damit des Euros) zu sichern. Mit dem Ukraine-Krieg wurden bisher EU-schuldenfinanzierte Ukraine-Hilfen in Höhe von 158 Milliarden Euro und die „Security Action for Europe“ (SAFE) in Höhe von 150 Milliarden Euro beschlossen.

Eine höhere Frequenz von Ausnahmen bei der Schuldenaufnahme hat zu einem deutlichen Anstieg der ausstehenden Schulden auf EU-Ebene auf geschätzt 1.260 Milliarden Euro geführt – einschließlich supranationaler „Schattenhaushalte“ wie dem Europäischen Stabilitätsmechanismus und der Europäischen Investitionsbank, die mit über 400 Milliarden Euro verschuldet ist. Der bereits geschaffene Verschuldungsspielraum liegt mit über 2.200 Milliarden Euro deutlich höher. Nach dem in Brüssel viel gelobten „Draghi-Plan“ sollte die EU zwischen 2025 und 2030 jährlich 750 bis 800 Milliarden Euro Schulden für „Investitionen“ aufnehmen können, was einem Dammbruch hin zu einer Verstetigung der EU-Schuldenaufnahme gleichkäme. Eine Schuldenkontrolle auf EU-Ebene hat hingegen noch kein Politiker angedacht.

Da die EZB bereits viele supranationale Anleihen in ihrer Bilanz hat, ist die Etablierung zentralbankfinanzierter EU-Staatsausgaben in vollem Gange. Auch bei zweckgebundener Verwendung bleibt die Frage, ob ein stetig wachsender öffentlicher Schuldenstand mit dem Stabilitätsversprechen des Euro vereinbar ist.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

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CEO.Economics

Europas Hebel: Warum der Kontinent stärker ist, als er glaubt

Eine Analyse der europäischen Verhandlungsposition gegenüber den USA.

Die gängige Vorstellung lautet, dass die USA die Supermacht und Europa der Bittsteller ist – doch diese Sicht verwechselt Macht mit Hebel. Macht beschreibt absolute Fähigkeiten, Hebel dagegen die Möglichkeit, einem Partner höhere Kosten aufzuerlegen, als man selbst erleidet. Genau hier zeigt sich, dass Europa stärker ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Europa hat mehr Hebel als gemeinhin angenommen.

Europa verfügt mit seinem 10‑Billionen‑Dollar‑Markt über einen zentralen strategischen Hebel. Europa und die USA sind die beiden größten Konsummärkte der Welt, und amerikanische Tech‑Konzerne bleiben auf europäisches Wachstum angewiesen. Angenommen, dass alle sieben großen US‑Technologiekonzerne – analog zu Meta – rund 23 Prozent ihres Umsatzes in Europa generieren, wäre der hiesige Markt gut 500 Milliarden US-Dollar jährlich wert. Ein Verlust dieses Zugangs würde nicht nur die Bilanz, sondern auch die Wachstumsnarrative der „Magnificent Seven“ infrage stellen. Die scharfen amerikanischen Reaktionen auf europäische Digitalregulierung unterstreichen diese Abhängigkeit.

In kritischen Lieferketten besitzt Europa zudem spezifische Produkthebel, insbesondere bei Uran und Turbinen. Rund 80 Prozent des niedrig angereicherten Urans, das für die geplante Ausweitung der amerikanischen Atomstromproduktion benötigt wird, stammt aus Europa – ein struktureller Engpass, der sich nicht kurzfristig schließen lässt. Auch im Segment der 40‑bis‑60‑MW‑Gasturbinen, die für neue KI‑Rechenzentren zunehmend unverzichtbar sind, dominiert Siemens Energy. Verzögerungen bei diesen Komponenten könnten für US‑Hyperscaler Kosten im zweistelligen Milliardenbereich verursachen und kritische Infrastrukturprojekte zeitlich zurückwerfen.

Auch der US‑Anleihemarkt, vermeintliche Säule amerikanischer Stärke, eröffnet Europa einen gewichtigen finanziellen Hebel. Die Käuferstruktur von Treasuries hat sich verschoben: Ausländische Zentralbanken treten kaum noch als stabilisierende Käufer auf, während gehebelte Hedgefonds dominieren, die sich in Stressphasen abrupt zurückziehen können. In solchen Phasen musste die Fed bereits massiv intervenieren; im Frühjahr 2025 stiegen die 30‑jährigen Renditen zeitweise über fünf Prozent, woraufhin Trump eine 90‑tägige Zollpause ankündigte. Europa – insbesondere London – spielt als globaler Handelsplatz für Treasuries eine zentrale Rolle. Strengere europäische Margin‑ oder Clearing‑Regeln könnten die Fondsnachfrage dämpfen und Renditen spürbar bewegen; schon 20 Basispunkte mehr kosten Washington rund 60 Milliarden Dollar pro Jahr.

Europas Problem ist nicht der Mangel an Hebeln – es ist die Schwierigkeit, sie als Union von Nationalstaaten koordiniert einzusetzen. Diese drei Maßnahmen sind zentral:

  1. Das Anti-Coercion-Instrument aktivierbar machen: Das ACI gibt der Kommission rechtliche Befugnisse für Gegenmaßnahmen. Doch solange unklar bleibt, ob es jemals aktiviert würde, weil die politischen Anreize nicht stimmen, fehlt ihm die Abschreckungswirkung. Kompensationsmechanismen für betroffene Mitgliedstaaten würden die Glaubwürdigkeit erhöhen.

  2. Priorisierungsrechte für strategische Güter ausbauen: Die EU sollte bei kritischen Produkten wie Turbinen europäische Abnehmer vorziehen können – analog zum US Defense Production Act.

  3. Finanzmärkte geopolitisch denken: Die veränderte Käuferstruktur bei US-Staatsanleihen und die Volatilität der Trump-Administration haben die Risiken im Treasury-Markt erhöht. Europäische Regulatoren und Investoren sollten diese geopolitischen Faktoren in ihre Risikobewertungen einbeziehen – und sich bewusst sein, dass London als Handelsknotenpunkt einen regulatorischen Hebel darstellt.

Keine dieser Maßnahmen wird die globalen Machtverhältnisse transformieren. Aber in einem fragilen Markt, in dem Trump die Renditen obsessiv beobachtet und 20 Basispunkte 60 Milliarden Dollar kosten, zählen auch marginale Verschiebungen.

Philippa Sigl-Glöckner ist Ökonomin und Gründungsdirektorin der Denkfabrik „Dezernat Zukunft – Institut für Makrofinanzen“.

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CEO.Picks

Mehr Top-Talent, weniger Teamleistung?

Im Leistungssport geht es bei Performance nicht nur um individuelle Fähigkeiten. Status und Interaktionsmuster prägen Ergebnisse mit klaren Parallelen für Führungskräfte in Unternehmen.

Forschung von Andrew Loignon und Kollegen zum Management von Talent in Fußballteams zeigt, dass das Hinzufügen von Starspielern Ergebnisse nicht automatisch verbessert. Teams mit mehreren Spielern mit hohem Status schneiden häufig schlechter ab, wenn die Zusammenarbeit schwach organisiert ist. Entscheidend ist, wie sie mit ihren Teamkollegen verbunden sind: Eng vernetzte und breit verteilte Interaktionsstrukturen lassen Talent wirksam werden, während stark zentralisierte oder fragmentierte Netzwerke seinen Wert mindern. Mehr Top- Talent kann mangelnde Koordination nicht ausgleichen.

Untersuchungen von Wei Jee Ong und Scott Reynolds zeigen, dass Status auch die Folgen von Regelverstößen verändert. Im Judo, im Fußball und in Experimenten zeigt sich: Wenn Akteure mit höherem Status Regeln brechen, schadet das ihrer eigenen Leistung stärker als bei Akteuren mit niedrigerem Status. Das liegt daran, dass sie Risiken eher unterschätzen, was zu schlechteren Entscheidungen führt. An der Spitze sind solche Fehleinschätzungen besonders kostspielig.

Für Führungskräfte bedeutet das: Stars und Teams mit hohem Status liefern nicht automatisch bessere Ergebnisse. Entscheidend ist, wie sie strukturell eingebettet sind und wie sie Risiken wahrnehmen. Das legt nahe, dass Unternehmen davon profitieren können, Strukturen der Zusammenarbeit und Anreizsysteme so zu gestalten, dass sie statusbedingte Dynamiken berücksichtigen.

Matthew S. Bothner ist Professor of Strategy an der ESMT Berlin und Inhaber des Deutsche-Telekom-Stiftungslehrstuhls für Leadership und HR Development. Die CEO.Picks sind eine Kooperation zwischen der ESMT und Table.Briefings.

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