Kakao: Lidl fördert existenzsichernde Löhne

Der Einzelhandelskonzern Lidl zahlt künftig einen Aufpreis auf Kakaobohnen. Das soll Bauern ein existenzsicherndes Einkommen bringen. Die Konkurrenz reagiert verhalten.

19. Februar 2026
Lidl Eigenmarke Schokolade Fin Carré
Kakao nur noch aus fairen Lohnbedingungen: Schokoladetafeln der Lidl-Eigenmarken Fin Carré, J.D. Gross und Vemondo. (IMAGO / Geisser)
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Der Einzelhändler Lidl will für seine Eigenmarken-Tafelschokoladen nur noch Kakao verarbeiten, für den Bauern einen existenzsichernden Preis erhalten. Ab März bezieht das Unternehmen den Rohstoff dafür nach dem von Fairtrade entwickelten Living-Income-Programm. Hier gibt es neben den beiden Grundbestandteilen des gewöhnlichen fairen Preises – dem Mindestpreis und der Fairtrade-Prämie – noch einen weiteren Aufpreis, den sogenannten Booster.

Damit sollen die beteiligten Bauern ihr Einkommen dauerhaft steigern können. Möglich werden soll das, indem sie ihre Produktivität erhöhen oder ihre Einkommensquellen diversifizieren und etwa in den Anbau anderer Pflanzen investieren. Lidl wird je Tonne Kakao zusätzlich 276 Euro zahlen. Das Unternehmen setze „einen neuen Branchenstandard“, erklärte Christoph Graf, Einkaufschef von Lidl in Deutschland.

„Lidl zeigt, dass faire Preise möglich sind. Nun müssen auch die anderen großen Supermärkte nachziehen.“ Dies fordert Evelyn Bahn von der NGO Inkota. Die Einzelhändler reagieren auf Anfrage von Table.Briefings verhalten.

  • Bei Aldi Nord heißt es: Man gehe nur dann „ein langfristiges Commitment ein, wenn dafür ein tragfähiger und verlässlicher Gesamtplan vorliegt. Daran arbeiten wir auf Gruppenebene“.

  • Aldi Süd sieht den „wichtigsten Hebel in einer gemeinsamen Initiative aller Händler und Herstellerinnen“.

  • Edeka verweist auf eigene Initiativen und Pilotprojekte.

  • Rewe erklärt: „Die Schließung von Einkommenslücken in globalen Wertschöpfungsketten ist nur durch enge Zusammenarbeit entlang der gesamten Lieferkette und abgestimmte Branchenlösungen zu erreichen.“

Beim Forum für nachhaltigen Kakao, in dem unter anderem die Einzelhändler und Hersteller vertreten sind, genießt das Thema hohe Priorität. Noch gibt es aber keine gemeinsame Lösung. Vor allem scheuen die Unternehmen langfristige Kostenverpflichtungen. Daran änderten bislang auch die offensichtlichen Probleme nichts. So hat der Kakaosektor aufgrund der unbefriedigenden Einkommenssituation der Bauern ein großes Nachwuchsproblem, was zu Lieferengpässen bei dem wichtigen Rohstoff führen dürfte. Lidl zahlt nach eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag in den nächsten fünf Jahren für die existenzsichernden Preise.

Armut und Kinderarbeit im Kakaosektor halten seit Jahrzehnten an. Besonders gravierend ist die Lage in den westafrikanischen Ländern, wo zwei bis drei Millionen Kleinbauern weniger hochwertigen Kakao anbauen. Die Situation ist für viele Kleinbauern katastrophal, unabhängig davon, ob die Weltmarktpreise für Kakao hoch oder niedrig sind.

Zuletzt sind sie deutlich gefallen. Lagen sie 2024 auf dem Allzeithoch von mehr als 12.000 US-Dollar je Tonne Kakao, sind sie seit Anfang 2025 um mehr als zwei Drittel auf rund 3.400 US-Dollar (rund 3.050 Euro) gesunken. Rund 90 Prozent der Kakaobauern leben unter dem Existenzminimum. Profitieren werden von der Entscheidung des Einzelhändlers Lidl zunächst Bauern in Westafrika, denn nur für Bauern in Ghana und der Elfenbeinküste hat der Faire Handel bislang die existenzsichernden Preise für Kakaobauern ermittelt, weitere Länder sollen folgen.

Möglicherweise könnte Lidls Schritt bis zu 10.000 Kakaobauern helfen. „Eine genaue Zahl gibt es aber noch nicht“, sagte Fairtrade-Vorständin Claudia Brück zu Table.Briefings. Sie verweist auf den laufenden Auswahlprozess der Kooperativen durch Fairtrade Africa. Angestrebt werde die Beteiligung von Bauern aus zehn Kooperativen.

Aber selbst, wenn sich alle deutschen Einzelhändler auf das Programm einlassen würden, wie Lidl es jetzt macht, wäre dies nur für einen kleinen Teil der Bauern hilfreich. Um allen zu helfen, müsste jeder Abnehmer bereit sein, existenzsichernde Löhne zu zahlen.

Am Beispiel von Kakao zeigen sich die Grenzen des bisherigen Systems des fairen Handels. Bislang konnte der Faire Handel beim Kakao keinen Mindestpreis durchsetzen, der gleichzeitig existenzsichernd wäre. Abhilfe schaffen soll hier das Programm, bei dem einzelne Unternehmen mehr bezahlen als andere, die fairen Kakao verarbeiten.

Die höheren Preise für die Bauern will Lidl nach eigener Aussage nicht an die Verbraucher weitergeben. Zudem verpflichtet sich das Unternehmen für einen Zeitraum von fünf Jahren für die Zahlung des Preisaufschlags und zahlt diesen unabhängig von Weltmarktschwankungen. Damit kann Lidl keinen schnellen Rückzieher machen, so wie seinerzeit bei Bananen. Nachdem Lidl im September 2018 damit begonnen hatte, nur noch fair gehandelte Bananen zu verkaufen, haben die Konkurrenten mit Schnäppchenbananen Marktanteile gewonnen. Lidl gab seine Idee nur wenige Monate später wieder auf.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026