Klimawandel: El Niño verschärft die Lage für die Landwirtschaft

In den kommenden Monaten beeinflusst das Klimaphänomen El Niño in weiten Teilen der Erde das Wetter. Das könnte Folgen für die globale Ernährungssicherheit haben.

28. Mai 2026
Die Palmölproduktion könnte sinken - während die Nachfrage aufgrund des Irankriegs steigt. (picture alliance / Zoonar | Fokke Baarssen)

Die Agrarwirtschaft steht weltweit wegen des Konfliktes in der Golfregion ohnehin vor großen Herausforderungen. Gestiegene Kosten für Düngemittel und Kraftstoff verteuern die Produktion. Die Preise für Ackerfrüchte sind dem bisher nur teilweise gefolgt, was die Erlöse schmälert und zu einer Einschränkung der Produktion führt. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) warnte in der vergangenen Woche wegen der Sperrung der Straße von Hormus vor einer schweren Agrar- und Ernährungskrise in den nächsten sechs bis zwölf Monaten und forderte die Regierungen dazu auf, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen. Nun droht eine weitere Gefahr für die Lebensmittelversorgung.

Einige Meteorologen erwarten 2026/27 den stärksten El Niño seit mehr als zehn Jahren. Andere Wissenschaftler sind mit ihren Prognosen zurückhaltender und verweisen auf die Ungenauigkeit der langfristigen Voraussagen in der Vergangenheit. In den vergangenen beiden Jahren wurden weltweit dank günstiger Witterungsbedingungen Rekordernten bei den wichtigsten Kulturpflanzen Weizen, Mais, Reis und Sojabohnen eingebracht. In den kommenden Monaten könnte das Wetter einen negativen Einfluss auf die Erträge haben, wobei die Länder und Regionen unterschiedlich betroffen sind.

Indien erwartet zum ersten Mal seit drei Jahren unterdurchschnittliche Monsunregenfälle. Dank der niederschlagsreichen Vorjahre sind die Speicherbecken zur Bewässerung der Felder aber gut gefüllt, was das erwartete Defizit zum Teil ausgleicht. Wegen der erwarteten Hitzewellen drohen dennoch kleinere Ernten bei Weizen und Reis. Die Düngemittelpreise sind dank staatlicher Subventionen in Indien dagegen kein bremsender Faktor. Wie sich die Flächen entwickeln, wird vor allem von der Wasserversorgung abhängen. Die Weizenaussaat beginnt erst im Oktober.

In Südostasien fallen unter El-Niño-Bedingungen weniger Niederschläge, was etwa in Indonesien, Thailand, Vietnam und Malaysia zu einem Rückgang der Reisproduktion führt. Auch in diesen Ländern leiden die Landwirte unter steigenden Kosten. Nach den sehr guten Ernten in den vergangenen beiden Jahren sind die globalen Lagerbestände für Reis zwar stark gestiegen, sodass genügend Reserven vorhanden wären, um Ertragseinbußen abzufedern.

Fraglich ist aber, ob diese Reserven auch auf den Markt kommen. Im Jahr 2008 führten Exportbeschränkungen der wichtigsten Lieferanten zu einer Verdopplung der Reispreise auf rund 1.000 US-Dollar pro Tonne, was in mehreren Ländern zu Unruhen führte. In den Jahren 2022 und 2023 führten Beschränkungen des größten Exporteurs Indien zu einem starken Preisanstieg.

Mit Palmöl ist ein weiterer global bedeutender Agrarrohstoff von El Niño betroffen. Fast 90 Prozent der globalen Produktion stammen aus Südostasien. Unterdurchschnittliche Niederschläge würden sich negativ auf die Erträge auswirken. Das kleinere Angebot trifft auf eine deutlich höhere Nachfrage. Indonesien und Thailand haben auf die gestiegenen Rohölpreise reagiert und die Beimischungsquote für Biodiesel deutlich angehoben. Der höhere Verbrauch im Inland verknappt das Angebot auf dem Weltmarkt, wo die Preise für Palmöl und andere Pflanzenöle deutlich höher sind als vor einem Jahr.

In Australien könnte El Niño zu einem ähnlichen Einbruch der Weizenproduktion führen wie in der Saison 2023/24. Auf eine Rekordernte von 40,5 Millionen Tonnen folgte eine deutlich schwächere Ernte von nur 26 Millionen Tonnen. Im vergangenen Jahr wurde unter neutralen Bedingungen eine Ernte von 36 Millionen Tonnen eingebracht.

In Südamerika hat El Niño positive und negative Einflüsse. In Argentinien und im Süden Brasiliens regnet es mehr, was zu höheren Erträgen bei Mais und Sojabohnen führen kann. Weizen profitiert auch, aber starke Niederschläge und Überschwemmungen während der Ernte haben in der Vergangenheit zu Qualitätseinbußen und Totalverlusten geführt.

In Argentinien und Australien säen die Landwirte gerade den Weizen aus, der zu Beginn des Jahres 2027 geerntet wird. Wegen der deutlich gestiegenen Kosten für Stickstoffdünger deutet sich ein Rückgang der Fläche an. Landwirte wechseln zu anderen Kulturen wie Sojabohnen, Gerste oder Hirse, die weniger Dünger benötigen. Wegen der hohen Preise für Ölsaaten wird in Australien auch mit einer deutlichen Verschiebung von Weizen zu Raps gerechnet.

Auf das Wetter in Europa hat ein normaler El Niño kaum Auswirkungen. Sollte er sehr stark ausfallen, können die Effekte aber bis nach Deutschland ausstrahlen. 2015/16 war der Winter in Mittel- und Westeuropa während eines starken El Niños ungewöhnlich warm, nass und stürmisch. Den bald beginnenden Sommer wird das Klimaphänomen noch nicht beeinflussen.

Letzte Aktualisierung: 29. Mai 2026