Wie die Raumfahrt neue Fachkräfte findet

Der Branche droht eine personelle Lücke. Um sie zu schließen, sollten Ausbildung und Studium forciert werden, sagen Experten. Aus dem Ausland dürften nur bedingt geeignete Fachleute nach Deutschland kommen.

CP
03. März 2026
Wachstum braucht fähiges Personal. Nicht nur bei der Entwicklung sondern auch beim Bau von Satelliten werden kompetente Fachleute benötigt.
Wachstum braucht fähiges Personal. Nicht nur bei der Entwicklung sondern auch beim Bau von Satelliten werden kompetente Fachleute benötigt. (picture alliance/dpa | Sina Schuldt)
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An der Oberfläche erscheint alles gut. Die Raumfahrtbranche hat Geld, Aufträge – und sogar Azubis. Im Jahr 2025 wurden alle Ausbildungsplätze besetzt, meldet der Bundesverband der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI). Wenn etwas im Argen liegt, alarmieren die Mitgliedsfirmen ihre Zentrale in Berlin. Nur: Manchmal kommt es zu Verzögerungen. Dass das beim Thema Fachkräfte gerade der Fall sein könnte, schließt der BDLI nicht aus. Braut sich da etwas zusammen?

Für Unternehmen ist Fachkräftemangel ein Riesenproblem, auch und gerade weil er sich in der Praxis nicht voraussehen lässt. Er baut sich kaum bemerkt auf. Wenn er offenkundig wird, ist es zu spät. Um die Lücke zu schließen, dauert es Jahre. „Die Wissenschaft plädiert grundsätzlich dafür, bei politischen Entscheidungen die Fachkräftesicherung mitzudenken“, sagt Jurek Tiedemann vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Er ist einer von denen, die unter die Oberfläche blicken können und aus den Statistiken zur Beschäftigtenlage in der Luft- und Raumfahrt jetzt schon herauslesen, was auf die Branche zukommt: ein veritabler Fachkräftemangel.

Auch wenn die Statistik auf Bachelor- und Masterniveau aktuell keine Fachkräftelücke zeigt, an einer Stelle reißt sie, und das in rasanter Geschwindigkeit: Fehlten 2023 in der Kategorie „Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung“ im Jahresdurchschnitt 70 Personen, hatte sich die Lücke 2025 mit 651 nahezu verzehnfacht. Für Tiedemann ist der Anstieg ein wesentlicher Indikator dafür, dass bei der Fachkräftesicherung etwas schief gegangen ist. Auch wenn er keine Prognose abgibt, so sieht er doch die Dynamik, die aktuell herrscht.

Die angekündigten 35 Milliarden Euro für Weltraumsicherheit haben die Branche beflügelt. Traditionsfirmen wie OHB expandieren, andere wie der Automobilzulieferer Brose satteln mit Hilfe von Forschungsinstituten um, Start-ups wie der Bremer Newcomer Polaris drängen in den Markt und auch Institutionen wachsen, wie der GovSatCom-Hub in Köln zeigt.

Alle brauchen qualifiziertes Personal – sofort. Die Recruiting-Ambitionen zeigen sich in Stellenportalen und sind selbst an etablierten Raumfahrtstandorten wie Bremen erkennbar. „Noch vor einigen Jahren hätte ich gesagt, dass wir kein Fachkräfteproblem in der Raumfahrt haben“, sagt Kristina Vogt (Die Linke), Senatorin für Raumfahrt in Bremen, zu Table.Briefings. „Der deutliche Schub durch zusätzliche öffentliche Mittel, auch aus dem Verteidigungsbereich, zwingt die Industrie jetzt zu einem schnellen Hochlauf.“ Entsprechend müsse beim Fachkräfteaufbau nachgelegt werden.

Dabei hat Bremen das getan, was Experten wie Tiedemann fordern. Der Stadtstaat dachte in seiner Raumfahrtpolitik die Fachkräfteentwicklung mit. Insgesamt rund 12.000 Beschäftige sind in Bremen heute in der Luft- und Raumfahrt tätig. 140 Unternehmen und 20 Institute erwirtschaften einen geschätzten Jahresumsatz von vier Milliarden Euro. Schon in der Schule wird das Interesse an dem Thema geweckt, um den Nachwuchs in Raumfahrt-Ausbildung und einschlägige Studiengänge zu lotsen.

Führend ist Bremen auch im Aufbau von Studiengängen. Von den insgesamt 39 Studiengängen, die die Hochschulen in einem bundesweiten Portal zum Thema Raumfahrt listen, sind 7 in Bremen. Das ist mehr, als München (4) und Berlin (3) haben. Zudem war die Uni Bremen im Exzellenzwettbewerb mit dem Clusterantrag „Die Marsperspektive“ erfolgreich und holte so zusätzliche Forschungsmillionen.

Solche Maßnahmen – von Marketing in Schulen bis zu Leuchtturmprojekten in Forschung und Entwicklung – empfiehlt auch Frank Schäfer. Bei der Fraunhofer-Gesellschaft leitet er das Geschäftsfeld Raumfahrt, lehrt an der Universität Freiburg und arbeitet mit Firmen zusammen, die den Ruck in der Branche spüren und nutzen wollen. „Für die Aufholjagd im All brauchen wir Talente aus verschiedenen ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen, wobei die Studierendenzahlen in diesem Bereich tendenziell zurückgehen“, sagt Schäfer.

Es bestehe auch die Gefahr, dass sich relevante Studiengänge gegenseitig kannibalisieren. In der Informatik beispielsweise wenden sich Studierende eher der Künstlichen Intelligenz zu, als Raumfahrtinformatik im Masterstudium zu wählen. Leuchtturmprojekte, bei denen Studierende oder sogar Schülerinnen und Schüler selbst kleinste Satelliten bauen können, helfen Schäfer zufolge mit, in einem frühen Stadium der Ausbildung eine nachhaltige Begeisterung für die Raumfahrt zu wecken.

Auf mittlere und längere Sicht gibt es für Schäfer nur einen Weg: „Wir müssen Kapazitäten in Ausbildung und Studium aufbauen, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen.“ Die Gewinnung von Talenten aus dem Ausland ist für ihn keine Option: „Die USA benötigen ihre Fachkräfte selbst und China, Indien und  viele andere Nationen bauen gerade große Kapazitäten auf, um im All voranzukommen.“ Um in der Raumfahrt nachhaltig Erfolg zu haben, müsse sich Deutschland auf sich selbst besinnen.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026