Angriffe auf Iran: Weshalb die Golfstaaten ins Visier von Teheran geraten

Irans Gegenschläge treffen neben Israel am härtesten die Golfstaaten. Ihr Erfolgsmodell beruht jedoch auf stabilen Verhältnissen in Nahost – was bei längerer Dauer des Konflikts zu Kritik an ihrem Verbündeten USA führen dürfte.

01. März 2026
Ziel iranischer Angriffe: Rauch über dem Industriegebiet von Scharjah, Vereinigte Arabische Emirate, am Sonntag. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Altaf Qadri)
Das Briefing für Geostrategie & Verteidigung. Jetzt Security.Table 30 Tage kostenlos testen!

Nach der Tötung von Irans Oberstem Führer Ajatollah Ali Chamenei hat Präsident Massud Pezeschkian weitere Vergeltungsschläge gegen die USA und Israel angedroht. Sein Land betrachte Rache als „Recht und legitime Pflicht“, sagte er am Sonntag in einer aufgezeichneten Fernsehansprache. Bis zur Ernennung eines Nachfolgers für den am Samstag bei einem israelischen Luftangriff getöteten 86 Jahre alten Chamenei steht ein dreiköpfiger Führungsrat an der Spitze des Landes – bestehend aus Pezeschkian, dem dem Wächterrat des Landes angehörenden Ajatollah Alireza Arafi und dem Vorsitzenden des Justizrats, Ajatollah Gholamhossein Mohseni-Ejei.

Die USA und Israel griffen am Sonntag erneut Dutzende Ziele im Iran am. US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, die Kämpfe würden „vier Wochen oder weniger“ andauern.

Ziel der iranischen Angriffe am Samstag und Sonntag waren vor allem Militärstützpunkte der USA in den arabischen Golfstaaten. Doch auch zivile Ziele wurden getroffen, so etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), wo es der Flugabwehr laut dem Verteidigungsministerium gelang, Dutzende ballistische Raketen und Hunderte Drohnen sowie zwei Marschflugkörper abzuwehren. Ein Pakistani, ein Bangladeschi und ein Nepalese kamen am Sonntag bei Drohneneinschlägen in einem Wohngebiet ums Leben. Auch Oman, das noch bis Donnerstag zwischen den USA und Iran im Atomkonflikt vermittelt hatte, wurde von iranischen Raketen getroffen: Beim Angriff auf den Hafen von Duqm wurden zwei Arbeiter verletzt.

Die iranischen Angriffe auf die Golfstaaten gefährden das Geschäftsmodell der US-Verbündeten in der Region. Das sagt Sebastian Sons, Nahostexperte beim Center for Applied Research in Partnership with the Orient (Carpo) in Bonn, zu Table.Brefings. „Die jetzige Situation stellt tatsächlich ein Albtraumszenario dar, was alle Golfstaaten vermeiden wollten.“ Schließlich hätten sich neben den VAE und Oman auch Kuweit, Katar und Saudi-Arabien „vehement dafür eingesetzt, dass US-Präsident Donald Trump diesen Angriff unterlässt“. Doch seit Samstag stehe man „nun selbst im Auge des Sturms“: „Das beschädigt die Reputation der Golfstaaten als sicherer Hafen für Investitionen, als attraktive Touristenndestination, als Drehscheibe des internationalen Handels und des Flugverkehrs. Und das hat nicht nur symbolische Auswirkungen, sondern eben auch Auswirkungen auf die eigene Stabilität.“

In den vergangenen Jahren hatten Saudi-Arabien und andere Mitgliedsstaaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) ihr Verhältnis zum Iran konzilianter als in der Vergangenheit gestaltet. Nicht mehr direkte Konfrontation, sondern interessensgeleitete Vorbeugung weiterer Eskalation war das Ziel. Obwohl sie ohne militärische Unterstützung der USA nicht verteidigungsfähig wären, setzten sie verstärkt auf Ausgleich mit Teheran. Auch weiteten Saudi-Arabien und die VAE zuletzt ihre politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland aus, um sich nicht allein auf die USA verlassen zu müssen. Und das, obwohl Iran und Russland im Zuge des Kriegs gegen die Ukraine ihre militärische Zusammenarbeit immer weiter verstärkt hatten. Auch in Syrien arbeiteten Wladimir Putin und Chamenei bis zum Sturz von Machthaber Baschar al-Assad im Dezember 2024 eng zusammen.

Trotz intensiver militärischer Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Iran hing die iranische Luftverteidigung zuletzt jedoch kaum noch von russischen Systemen ab. „Das einzige wichtige russische Element in Irans Luftverteidigung war S-300, aber soweit bekannt, waren die meisten Teile dieses Boden-Luft-Systems im 12-Tage-Krieg vernichtet worden“, sagt Nikita Smagin, Iran-Experte und ehemaliger Korrespondent der russischen Nachrichtenagentur Tass im Teheran. Die Informationen aus der Satellitenaufklärung, die Russland angeblich mit Teheran geteilt habe, seien „keine wirklich bedeutende Hilfe“ gewesen.

Auch vor diesem Hintergrund erscheint ein Abwenden der GCC-Staaten von Washington nicht plausibel. „Wir werden hier keine Entweder-oder-Haltung der Golfstaaten sehen, auch wenn das Verhalten von Trump in den Golfstaaten durchaus kritisch gesehen wird“, sagt Carpo-Experte Sons. Man werde in Riad, Abu Dhabi und Doha aber weiter darum bemüht sein, „auf Ausgleich, Ausbalancierung und Konfliktmanagement“ zu setzen, „um zu Deeskalation beizutragen“. Dazu würden alle Kommunikationskanäle genutzt, auch nach Teheran. Entscheidendes Argument für eine mögliche Mittlerrolle in den kommenden Wochen dürften aber die wirtschaftlichen Interessen der Golfstaaten bleiben, die eng mit denen Washingtons verknüpft sind – und von offenen Handelswegen über die vom Iran geschlossene Straße von Hormus kurzfristig ebenso abhängig sind wie von langfristig dauerhafter Stabilität.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026