Hat die Bahn sich erpressen lassen, Herr Seiler?
- Tischgespräch: Zivilschutz und Kriegsführung als Schulfach? Pro und Contra einer Bundeswehr-Präsenz in deutschen Schulen. Eine Analyse des Bildung.Table.
- Zu Gast am Runden Tisch: Der Personalvorstand der Deutschen Bahn Martin Seiler erklärt, warum sein Konzern nun doch vor der GDL eingeknickt zu sein scheint.
- Nachtisch: Jetzt schon olympischer Gewinner: Wie die Seine in Paris dank der Spiele zu einem der saubersten Großstadt-Flüsse Europas wird.
Monatelang waren Fahrgäste die Geiseln eines nicht enden wollenden Tarifstreits zwischen der Lokführer-Gewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn. Inzwischen ist die Einigung da. Die Bahn hat die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche akzeptiert. Hat sich der Konzern erpressen lassen? Wie sieht der Kompromiss aus Sicht der Bahn genau aus und was wird er den Konzern kosten? Diese Frage und auch die Frage, ob sich Tarifstreits wie dieser durch Automatisierung und Digitalisierung vielleicht viel schneller passé sein werden, als gedacht, bespricht der Bahn-Personalvorstand im Interview mit Michael Bröcker.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Herzlich willkommen zu Table Today, Ihrem Audio-Briefing von Table Media für einen erfrischenden Start in den Tag, als wäre es ein Sprung in die Seine. Darauf kommen wir später zurück. Jetzt geht es erstmal um die Bundeswehr. Das ist heute unser Thema. Aber nicht um die Kampfbereitschaft der Truppe, ihre Auslandseinsätze und die Munition. Es geht um die Frage, ob Offiziere der Bundeswehr eigentlich in die Schule kommen dürfen oder vielleicht sollen. Michael, vielleicht gehen die Meinungen bei uns da ja auch mal auseinander.
Sprecher 3: Ein bisschen Streit wäre bei uns auch mal schön und vor allem auch besonders.
Sprecher 2: Das stimmt, wir sind uns ja oft so einig. Andererseits gibt es schon so viel Streit auf der Welt. Ich bin ja auch ganz froh, dass wir hier so konstruktiv miteinander sprechen. Wer ja jetzt auch zueinander gefunden hat und sich von unserer Harmonie Michael ein bisschen was abgeguckt hat, sind ja, man glaubt es nicht, die Bahn und die Lokführer-Gewerkschaft GDL, die sich jetzt kurz vor Ostern geeinigt haben und damit die Geiselhaft von einer Million Fahrgäste beendet haben. Die Sorge hat nicht zur Schwiegermutter fahren zu können. Manche sehen es vielleicht auch anders, aber wir freuen uns doch, dass dieser Streit beendet ist. Und wir sprechen darüber mit dem Bahnpersonalvorstand Martin Seiler. Er kommt gleich zu uns an den Tisch. Auf geht's in diesen Mittwoch, den 27. März. Wir freuen uns, dass Sie dabei sind.
Sprecher 4: Ich bin Sebastian und arbeite seit drei Jahren als Jugendoffizier bei der Bundeswehr. Ich habe Staats- und Sozialwissenschaften studiert und war mit der Marine oft im Ausland. Meine persönlichen Erfahrungen gebe ich gerne weiter. Dazu gehört natürlich auch ein Blick hinter die Kulissen.
Sprecher 2: Michael, Zivilschutz und Kriegsführung als Unterrichtsfach, hättest du dir das in der Schule gewünscht?
Sprecher 3: Ich hätte es mir gewünscht bei manchen meiner sehr, sehr linken Lehrer, die alles haben durchgehen lassen. Aber okay, das ist eine Privatmeine.
Sprecher 2: Ja, und dich natürlich geprägt haben, weshalb du dich jetzt immer noch rächen musst zu weinen.
Sprecher 3: Es gibt Leute, die sagen, mir hätte es durchaus gut getan, mal in der Stube vier Monate Grundwehrdienst gemacht zu haben, aber gut.
Sprecher 2: Das kann ich als deine Zimmergenossin absolut unterstützen und wünsche dir, dass du wie Cem Özdemir einer dieser Schnellfortbildungslehrgänge machen kannst, die man als Prominenter, der du ja bist, mein Lieber, ja durchaus in Deutschland machen kann. Aber jetzt geht es um die Kinder, die an die Bundeswehr herangeführt werden sollen. So kann man es vielleicht sagen. Die Frage ist, ob Bundeswehrsoldaten im Klassenzimmer willkommen sind und sein sollten.
Sprecher 3: Ja, unbedingt. Natürlich. Warum denn nicht? Ich meine, die Bundeswehr ist ja, glaube ich, in dieser Verfassung fest verankert. Sie ist angeblich Teil unserer gesamten Friedensbewegung. Sie ist Teil der Demokratie. Warum sollte sie dann nicht auch in allen Gesellschaftsbereichen sich vorstellen dürfen? Also für mich ist das eine wirklich schwierige Debatte, die manche junge Grüne oder junge Sozis da führen.
Sprecher 2: Ja, Michael, du sagst es, die Grünen sind auf der Palme bei der Vorstellung, dass Offiziere in die Schulen kommen. Und die FDP sieht es wieder mal komplett anders, diesmal in Form ihrer Bundesbildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger, die es eigentlich schwer hat, weil in Deutschland ja Bildung Ländersache ist. Sie hat sich jetzt aber mit einem Vorschlag einen Namen gemacht und sagt, Zivilschutz soll an Schulen unterrichtet werden und vor allem sollen Jugendoffiziere der Bundeswehr präsenter an den Schulen sein. Jetzt hören wir aber mal, was die Grünen dazu sagen. Svenja Apun, die Sprecherin der Grünen Jugend. Zieht hier einen durchaus interessanten Vergleich.
Sprecher 5: Die Bundeswehr für Fragen von Krieg und Frieden einzuladen, das ist wie RWE über den Kohleausstieg referieren zu lassen. Deutsch bei Herrn Mayer, Mathe bei Frau Schmidt und in der dritten Stunde Krieg beim Jugendoffizier. Leider hat sich oft genug gezeigt, dass die Bundeswehr ihren Alltag vor Schulkindern wie ein großes Abenteuer darstellt. Auch Berufsberatung muss ohne Militarisierung funktionieren. Schulen jetzt für den Kriegsfall bereit machen zu wollen, das ist absurd, wenn sie nicht mal im Normalbetrieb wirklich funktionieren.
Sprecher 3: Ja, und das ist aus meiner Sicht so eine verquerte Wahrnehmung. Warum kann ich ein Jugendoffizier meinetwegen sogar mit einem Kritiker der Bundeswehr in den Dialog in die Schulen gehen und sowohl das eine als auch das andere vorstellen? Krieg ist ja nicht nur Mittel zum Zweck, weil man gerne Krieg führen will, sondern Krieg ist eben auch, wie wir jetzt mehr denn je wissen, eine Form der Friedensbewahrung. Also ich finde, dass die Jugendoffiziere in die Schulen gehen, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ich erinnere an den ehemaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der das sogar ausbauen wollte. Und uns sollte doch allmählich klar sein, wo Europa hier gerade im Krieg ist, dass die Sicherheit ein Thema ist, was gar nicht früh genug in den Schulen diskutiert werden könnte. Klammer auf, sonst kommt es über soziale Medien, aber ganz anders dann.
Sprecher 2: Ja, wir sind wieder natürlich hier beim Stichwort Zeitenwende. Der Blick auf die Bundeswehr, das sehen wir allen halben, hat sich verändert. Auch in linken Kreisen mittlerweile ist die Bundeswehr hat einen ganz anderen Ruf. Wir sehen, wie die Grünen auch über Rüstung und Verteidigung diskutieren.
Sprecher 3: Ja, und die FDP sieht es wirklich konträr. Auch die junge FDP, Nils Gründer zum Beispiel, Mitglied im Verteidigungsausschuss, 26 Jahre alt, einer der jüngsten Abgeordneten der Liberalen. Er sagt, Bundeswehr und Schule, das passt wunderbar zusammen. Ich finde den Vorschlag von Bettina Stark-Watzinger super, sagt er. Ich zitiere, die Bundeswehr war in den letzten Jahren nicht mehr in der Mitte der Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, dass sich Schülerinnen und Schüler mit der Bundeswehr und dem Thema Sicherheitspolitik auseinandersetzen. Recht hat er aus meiner Sicht, aber das kann man natürlich auch anders sehen.
Sprecher 2: Man kann es auch anders sehen. Überraschend ist es ja nicht, dass der junge Nils Gründer sich nicht mit der Bundesministerin Stark-Watzinger anlegt. Aber sei es drum. Wir schauen uns das Ganze jetzt nochmal tiefer an. Und da laden wir an unseren Tisch einen Maximilian Stascheit vom Bildungstable. Er ist tief in das Thema eingestiegen. Und sag uns erstmal, wie ist überhaupt der Stand heute? Können Jugendoffiziere, können Bundeswehrsoldaten heute in die Schulen kommen? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?
Sprecher 6: Ja, also es gibt kein Verbot dafür. Letztendlich entscheiden das derzeit die Schulen und dann die Lehrerinnen und Lehrer selbst, inwiefern sie Soldaten zu sich in den Unterricht einladen. Das Angebot, was die Bundeswehr dafür hat, sind die Jugendoffiziere. Davon gibt es derzeit insgesamt 86. Das sind Soldaten, die bei Erfahrung verfügen, auch Führungserfahrung haben müssen auf den Auslands. Einsätzen waren und speziell dafür ausgebildet sind, eben diese Informationsveranstaltungen für junge Menschen zu machen. Ich habe da bei der Bundeswehr mal nachgefragt. Im letzten Jahr waren das ungefähr 5500 Veranstaltungen, die diese Jugendoffiziere durchgeführt haben. Und damit haben sie, so sagt es die Bundeswehr, ungefähr 158.000 Teilnehmer erreicht.
Sprecher 2: Es gibt ja auch in einigen Bundesländern Kooperationsvereinbarungen zwischen den Landesbildungsministerien und der Bundeswehr. Wie ist es darum bestellt?
Sprecher 6: Also es gibt insgesamt neun Bundesländer, in denen es diese Kooperationsvereinbarungen gibt und darin sind so die groben Rahmenbedingungen festgelegt, wie diese Besuche von Jugendoffizieren in Schulen stattfinden sollen. Da wird zum Beispiel gesagt, es ist wichtig, dass die... Jugendoffiziere informieren, darstellen, wie das Berufsbild des Soldaten ist, auch Sicherheitspolitik erklären, aber nicht werben dürfen für den Beruf des Soldaten oder für die Bundeswehr als Arbeitgeber. Das ist, wenn dann möglich, im Rahmen von Berufsorientierungsveranstaltungen, wo auch andere Firmen dann zum Beispiel eingeladen werden, um für sich zu werben.
Sprecher 2: Kann man überhaupt... verhindern, dass das irgendwie einen Werbeaspekt hat?
Sprecher 6: Ja, darüber gibt es auch eine durchaus große Debatte. Die Bundeswehr selbst sagt, sie informieren bei diesen Veranstaltungen wirklich nur und machen das sachlich und neutral. Aber wenn man mit Lehrern oder auch Schülern spricht, die das schon erlebt haben, haben, wird auch teils wiedergegeben, dass es schon einen werbenden Charakter gehabt haben soll, dass mit schönen Bildern für die Bundeswehr geworben wird, es als Abenteuer zum Beispiel dargestellt wird. Und deswegen sagen unter anderem auch Lehrerverbände, dass sie keine Vertreter der Bundeswehr im Unterricht haben wollen, sondern dass das eben die Aufgabe von Lehrkräften sein soll, den Unterricht so zu gestalten, um da ausgeglichen darüber zu informieren.
Sprecher 2: Ja, Max, und dann gibt es auch noch den Beutelsbacher Konsens. Und für alle, die jetzt nicht sofort sagen, ah, genau, endlich sprechen sie über einen Beutelsbacher Konsens. Erklär uns doch mal, was ist das? Drei Punkte.
Sprecher 6: Ja, in den 70er Jahren ist der geschlossen worden zwischen den Bundesländern, in denen man festgelegt hat, wie politische Bildung eigentlich aussehen soll in der Schule. Und die drei wichtigsten Punkte sind einerseits, es gibt ein Überwältigungsverbot. Schüler sollen also nicht überfordert werden mit einer Masse von Informationen und in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Es ist wichtig, dass alles, was in der Wissenschaft und in der Politik umstritten ist, soll auch im Unterricht so abgebildet werden. Und die Schülerorientierung soll im Vordergrund stehen. Also durch die Informationen, die es in der Schule gibt, sollen die Schüler dazu befähigt werden, sich eine eigene Meinung zu bilden. Diese soll aber eben nicht vorgegeben werden. Und dieser Beutelsbacher Konsens, der ist festgeschrieben in allen Kooperationsvereinbarungen, die es gibt. Und auch in den Ländern, die eben diese Vereinbarung noch nicht haben, die haben, ich habe mich da umgehört, auch immer auf diesen Beutelsbacher Konsens. verwiesen, dass das quasi die Grundlage für die Besuche von Bundeswehrvertretern in den Schulen ist.
Sprecher 2: Für diejenigen, die das Thema noch tiefer beleuchten wollen, empfehlen wir die Lektüre des heutigen Bildungstable, in dem Max das ganze Thema nochmal ausführlicher ausgebreitet hat. Was ist das Gegenteil von einem Traumduo? Ein Albtraum-Duo vielleicht? Wenn man das so sagen würde, dann wären Martin Seiler und Klaus Wieselski, der Bahnpersonalvorstand und der GDL-Chef, wohl ein Albtraum-Duo. Der Stoff schlafloser Nächte, unzähliger Nicht-Schon-Wieder-Aufrufe und ja, auch Hassgefühle, wenn man regelmäßig Bahn fährt. Zwei Männer, keine Einigung, so ging das monatelang. Und jetzt ist Ruhe. Aber was ist der Preis? Hat die Bahn sich erpressen lassen? Ist es also wirklich am Ende ein Albtraum? Darüber spricht Michael Bröker jetzt mit dem Bahnpersonalvorstand Martin Seiler.
Sprecher 3: Einen schönen guten Tag, lieber Herr Seiler.
Sprecher 7: Herr Brücker, grüße Sie.
Sprecher 3: Wie erleichtert sind Sie nach der Einigung?
Sprecher 7: Nach fünf Monaten harten Verhandlungen, einigen Streiks, ist man am Ende schon froh, einen guten Kompromiss gefunden zu haben. Und ich glaube, wir haben hier wirklich eine gute Lösung.
Sprecher 3: Am Ende, so lese ich diesen Kompromiss, bekommt... Die Lokführer ab 2029, das, was sie doch als Bahnvorstand nie wollten, eine 35-Stunden-Woche. Haben sie sich doch erpressen lassen durch die Drohgebärden und die vielen Streiks?
Sprecher 7: Ja, das ist ja ein Teil. Das ist eine Option, die da drin liegt. Aber vielleicht, um es noch ein bisschen genauer zu gestalten, die Ausgangslage war eine stumpfe 35-Stunden-Woche. So war die Forderung ab 2025. Und da haben wir aus mehreren Gründen, auch in einer kurzen Stufe, war ja mal über drei Jahre die Rede, gesagt, das ist nicht möglich, weil wir in so kurzer Zeit nicht so viel Kapazität aufbauen können. Und mit dem Modell, was wir jetzt gefunden haben, ist ein Optionsmodell. Das heißt, es gibt die Option für Mitarbeitende, sie können frei entscheiden, in einem Korridor am Ende zwischen 35 und 40 Stunden, wie viele Wochenstunden sie arbeiten wollen. Und das ist viel intelligenter, viel moderner, als eine 35-Stunden-Woche einfach übergestülpt zu bekommen. Und wir wissen ja, dass Mitarbeitende immer mehr teilhaben wollen an den Entscheidungen. Insofern ist es doppelt gut, nämlich die Mitarbeitenden können entscheiden und wir können dadurch auch gerne zusätzliche Kapazitäten erreichen.
Sprecher 3: Aber wenn mir jemand anbietet, weniger zu arbeiten beim gleichen Gehalt, würde ich es ja wahrscheinlich machen. Wie groß ist Ihre Sorge, dass diese Option sehr oft von sehr vielen Lokführern gezogen wird?
Sprecher 7: Umgekehrt ist eine Option zu sagen, du kannst gerne auch mehr arbeiten und kriegst pro Stunde 2,7 Prozent mehr, auch attraktiv. Es wird sich jeder dann nach seinen Vorstellungen und was auch gerade in der Lebenssituation passt, entscheiden. Das wird differenziert sein, aber es geht eben nicht stumpf nur in eine Richtung.
Sprecher 3: Volle Kassen hat die Bahn ja nun nicht. Wie teuer kostet dieser Kompromiss?
Sprecher 7: Da muss man sicherlich da genauer hingucken. Und was vergleicht man mit was? Wir reden hier im Bereich der GDL von 18 Betrieben rund 10.000 Mitarbeitende. Die Bahn hat deutschlandweit 230.000 Mitarbeitende. Und deswegen gucke ich natürlich rechts und links auch ein bisschen, was haben wir mit der EVG verabschiedet, was kostet uns das insgesamt und ich kann sagen, im Mittelfristzeitraum liegt das in etwa auf der Höhe. Es sind unterschiedliche Elemente in den Abschlüssen drin. Die GDL hat mehr auf die Arbeitszeitfrage gesetzt, die EVG mehr auf strukturelle Gehaltsanpassungen. Also das geht in etwa gleich auf mit anderen Inhalten, aber passt in diese Linie.
Sprecher 3: Welche Höhe, von welcher Summe sprechen wir?
Sprecher 7: Wir reden jetzt in der Frage, wenn man Prozentsätze nimmt, ungefähr von 14 Prozent im Mittelfristzeitraum. Das ist vergleichbar mit der EVG. Es ist jetzt müßig, weil die Größenunterschiede sind natürlich sehr groß, wenn ich jetzt von Millionen spreche. Aber in etwa in der Größenordnung bewegt sich das.
Sprecher 3: Sie haben ja eine Klage laufen oder haben Sie die noch gegen die GDL, weil Sie die Tariffähigkeit dieser Gewerkschaft überhaupt anzweifeln. Werden Sie diese Klage jetzt fallen lassen?
Sprecher 7: Der Hintergrund ist, dass die GDL eine eigene Genossenschaft gegründet hat, die sich zur Aufgabe macht, Personal zu verleihen. Und in diesem Land muss man sich entscheiden, ob man Arbeitgeber sein will, nämlich eine Verleihfirma, oder ob man Gewerkschaftsleiter. Und es ist schwierig, wenn die gleichen Personen, die uns an einem Tag Personal verleihen wollen, am anderen Tag uns als Verhandlungen einer Gewerkschaft gegenüber sitzen. Wir haben klar gesagt, das ist in diesem Land nicht zulässig. Wir lassen das rechtlich prüfen. Die GDL hat sich jetzt bereit erklärt und verpflichtet, diese Genossenschaft zu entflechten zwischen GDL und Fährdrehen. Und das ist dann die Voraussetzung, wonach wir dann auch sagen, dann ist die Klage obsolete und lassen wir dann an diesem Kontext fallen. Die GDL hat bereits gestern begonnen mit der Entflechtung und wenn die abgeschlossen ist, werden wir auch die Klage zurückziehen.
Sprecher 3: Trotzdem war es für Sie als Arbeitgeber natürlich eine besondere Situation, die Verhandlungen mit zwei verschiedenen Gewerkschaften über den gleichen Job, die Tarifeinheit, ist in Gefahr. Viele Gewerkschaften haben sich ja auf die Seite von Ihnen gestellt, also des Arbeitgebers. Und die FDP hat schon angekündigt, sie ist der Meinung, wir brauchen trotz dieser Einigung die Debatte darüber, ob wir in dem Teilbereich kritische Infrastruktur ein neues Streikrecht benötigen. Ist das immer noch auch Ihre Haltung?
Sprecher 7: Also grundsätzlich ist es ja gut, dass wir in Deutschland solche Formen haben und das Streikrecht ist auch das Grundgesetz abgedeckt. Also es ist alles völlig in Ordnung. Wir müssen nur eines sehen, wenn wir es mit einer Form zu tun bekommen, wie hier Wellenstreiks, die enorme Auswirkungen nicht auf die Bahn, sondern auf die ganze Wirtschaft haben. Da muss man sich schon mal genauer angucken, was braucht es dafür. Ich bin überhaupt nicht beim Streikrecht, aber in ganz Europa, und das ist Deutschland eher ein Exot, gibt es... Es gibt Spielregeln, nenne ich das mal, über Ankündigungsfristen, über Abkühlungsfristen. Das gibt es in Frankreich, das gibt es in England, das gibt es in Italien, um mal einige Beispiele zu nennen. Und da wird man sich sicherlich mal hingucken müssen, weil es ist ja auch zu erheblichen Schäden außerhalb der Bahn gekommen. Ich glaube, da gibt es auch eine Gesamtverantwortung, die man auch in dem Zusammenhang betrachten muss, ohne, das will ich durchaus sagen, das Streikrecht als solches infrage zu stellen.
Sprecher 3: Also ich verstehe Sie richtig, es geht Ihnen um die Art und Weise, wie ein Streik angekündigt und am Ende durchgeführt wird und nicht, dass er erfolgt.
Sprecher 7: Ja, genau darum geht es. Wir haben jetzt in diesem Abschluss ja auch Elemente eingebaut. Wir haben ja jetzt zum Beispiel verabredet, dass nach der Laufzeit des Tarifvertrags eine sogenannte Verhandlungsphase kommt in Friedenspflicht. Und wir haben auch gesagt, wir wollen frühzeitig über Modalitäten an das Schlichtungsabkommen sprechen. Und genau darum geht es. Und das sind die Regeln, die man auch in anderen europäischen Ländern betrachten kann. Und das wird sicherlich auch im Weiteren zu diskutieren sein. Das meine ich, ohne dass das Streikrecht als solches infrage gestellt wird.
Sprecher 3: Sie sind Personalvorstand, Herr Seiler, und haben Verantwortung für knapp 340.000 Menschen im DB-Konzern und haben sich jetzt über Wochen, über Monate mit diesen 10.000 Lokführern auseinandersetzen müssen. Werden Sie das jetzt schneller versuchen umzusetzen, dass die Lok elektronisch automatisiert fährt, ohne Lokführer?
Sprecher 7: Ja, unbestritten war das natürlich eine anstrengende Phase. Es wird jetzt auch in nächster Zeit wieder viele meiner Alltagsaufgaben und Abläufe wieder sich normalisieren. Das ist gut so. Und das Thema, was Sie ansprechen, ja, das wird stärker in den Vordergrund rücken. Das Thema Automatisierung, Digitalisierung. Wir werden sehen, aus unterschiedlichen Gründen, aus Kostengründen, aber auch aus Arbeitsgründen, wie wir unsere Personalbedarfe in der Zukunft minimieren. Und da spielt eben Automatisierung und Digitalisierung in allen Bereichen eine große Rolle. Und da werden wir sicherlich immer noch stärker den Fokus drauf legen.
Sprecher 3: Ist das eine ferne Vision oder kann sowas in 10, 15 Jahren schon in Deutschland Alltag sein? Dass Züge ohne Personal im Lokführerstab fahren?
Sprecher 7: Zunächst müssen wir das insgesamt betrachten. Es gibt heute schon viele Bereiche, in denen wir Digitalisierung einsetzen können und das muss man auch dann nutzen. Wir werden sicherlich Etappen sehen, wo man dann teilautonomes Fahren auch sieht oder in Versuchstrecken auch autonomes Fahren. Das machen wir jetzt gerade beispielsweise erst mal in Hamburg mit einer Teilstrecke. Also das wird sich entwickeln. Das spielt natürlich auch eine Rolle, was die Infrastruktur hergibt in der digitalisierten Schiene. Aber es gibt auch viele Bereiche, wo wir heute schon Digitalisierung und Automatisierung einsetzen können. In der Werkstatt, aber auch im Personalbereich. Wir machen beispielsweise unsere Reisekostenabrechnung völlig digital und vollautomatisiert, sodass wir da weniger als 10 Prozent noch in die Hand nehmen müssen. Alles andere läuft über KI im Hintergrund. Und deswegen wird man das sukzessive hochfahren und überall dort, wo wir Chancen sehen, werden wir die auch noch stärker denn je nutzen.
Sprecher 3: Der Konflikt hat nicht nur Millionen Bahnpassagiere und die Volkswirtschaft insgesamt betroffen gemacht. Er war vor allem auch ein Konflikt zwischen Ihnen persönlich und Herrn Weselski. Der wurde zumindest immer wieder so hochstilisiert. Es gab gegenseitige Vorwürfe auch von Herrn Wenzelski. Wo würden Sie sagen, haben Sie selbst in den Verhandlungen Fehler gemacht? Was ist Ihr Learning aus diesem Konflikt?
Sprecher 7: Hier ging es um viel. Hier ging es um viel. Die Grundsatzfrage, laufen wir in eine Regelung rein, die wir gar nicht umsetzen können, nämlich eine plumpe Arbeitszeitverkürzung in kurzer Frist. Und dann muss man den Konflikt auch annehmen und der wird von meiner Seite nie persönlich geführt. Wir haben eine Rolle, wir haben große Verantwortung und daran muss man sich bewusst sein. Und deswegen habe ich immer wieder, und das sage ich auch gerne jetzt, ich begebe mich nicht auf das Spielfeld der persönlichen Auseinandersetzung. Dafür ist unsere Aufgabe viel zu groß und viel zu wichtig. Und deswegen ist an der Stelle auch die Rolle wichtig und das Verständnis wichtig. Dabei bleibe ich auch und da verlasse ich auch nicht meinen Stil.
Sprecher 3: Sind Sie trotzdem froh, dass die nächste Tarifauseinandersetzung nicht mehr mit Herrn Weselski passieren wird?
Sprecher 7: Ich nehme die Person und die Rolle an, die dann mir gegenüber sitzt. Und wenn es dann eine andere Person ist und wir haben dann eine andere Art der Verhandlung, dann ist gut. Wenn es nicht so ist, muss ich die genauso annehmen. Das ist mein Job und das gehört dazu. Ich werde natürlich alles daran setzen, dass wir hier auch mit vernünftigen Vorgehensweisen und mit vielleicht ein paar Spielregeln rechts und links dann hoffentlich beim nächsten Mal ohne so einen langen Konflikt durchkommen.
Sprecher 3: Herr Seiler, ich bedanke mich, dass Sie kurz nach der Einigung für uns ein paar Minuten Zeit übrig hatten. Viel Erfolg in Ihrem Unternehmen.
Sprecher 7: Sehr gerne, Herr Bröker. Ihnen auch gute Zeit. Danke.
Sprecher 2: Und jetzt kommen wir zurück auf den erfrischenden Sprung in den See, in den Fluss, in die Seine zum Beispiel. In unserem Nachtisch geht es um Sport, um Umweltschutz und um den Wunsch, mal ins kühle Nass einzutauchen. In Berlin wäre es die Spree, in Frankfurt am Main, der Main, wen wundert's, in Dresden die Elbe. Und wir denken natürlich an unsere Freundinnen und Freunde in Paris, die endlich wieder baden wollen. In knapp vier Monaten beginnen in Frankreich und auch in Paris die Olympischen Spiele und ein Dreh- und Angelpunkt soll einer der romantischsten Flüsse der Welt sein, eben die Seine. Baden ist in der Seine-Seite, Sie hören richtig, 1923 nicht mehr erlaubt. Das Wasser ist zu schmutzig, die Gesundheitsgefahren sind zu hoch. Nun wird die Seine aber wieder sauberer und soll auch wieder beschwimmbar sein, sozusagen. Dank Rückhaltebecken soll die Seine so sauber werden, dass in eben diesen vier Monaten Schwimmprofis ihre Bahnen durch die Seine ziehen können und ab dem kommenden Jahr dann alle Pariser. Zurück also zu alten Postkartenmotiven, badende Frauen mit Sonnenschirmen, Männer in gestreiften Ganzkörperanzügen und Flusskrebse, die man sogar essen konnte. Ein Traum in Sepia.
Sprecher 8: I wish I was a summer.
Sprecher 2: 20.000 Haushalte und Betriebe werden nun also an das Wassernetz angeschlossen, dass ihre Abwässer nicht länger in die Seine gelangen, sondern eben in diese Rückhaltebecken fließen. Sicher ist also, die Seine und damit auch die Pariserinnen und Pariser, die gerne in ihrer Seine schwimmen möchten, werden auf dem Treppchen sehr weit oben landen, denn Paris ist in dieser Hinsicht jetzt schon Olympengewinner. Und das wünschen wir natürlich auch allen in Berlin, Frankfurt, Dresden oder anderswo in deutschen Großstädten. Ob es dafür Olympia braucht, das lassen wir jetzt mal dahingestellt. Vielen Dank, dass Sie heute wieder dabei waren. Wenn es Ihnen gefallen hat, erzählen Sie es doch bitte mindestens einem Freund oder einem Kollegen. Wenn nicht oder wenn Ihnen etwas gefehlt hat, dann sagen Sie es uns unter podcast.table.media. Wir freuen uns auch über Ihr Abo in Ihrer Podcast-App, Ihr Like oder Ihren Kommentar. Wir hören uns morgen wieder. Für heute ist alles gesagt, wenn auch noch nicht von jedem. Ihre Helene Bobrowski.
Sprecher 9: Where to hold on? When to let go? Swing out. Get out of here. You'll never hit bottom. You'll never grow tired of this wonder you're under. I wish I was swimming I wish I was swimming I wish I was I wish I wish I wish I was swimming I wish I was swimming I wish I was swimming I wish I was Somewhere in the world kept secrets I'll never tell Where the rose swing is Somewhere in the well-kept secrets, you'll never tell where the rope swing is. Where to hold on, when to let go Swing out, give out a yell You'll never hit bottom You'll never grow tired Of this wonder You're underwater I wish I was swimming I wish I was swimming I wish I was I wish I wish I wish I was swimming I wish I was swimming I wish I was swimming I wish I was I wish I wish I wish I was