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Warum Effizienz im Stromnetzbetrieb ins Zentrum der Energiedebatte gehört

Tim Meyer

Mehr Effizienz tut not, auch bei der Energiewende. Zu lange ging es nur um das Tempo des Ausbaus erneuerbarer Energien. Die gleichzeitig notwendige Modernisierung des Energiesystems wurde kaum angepackt. Im Ergebnis kommt die Energiewende ins Schleudern: Marktwerte von Strom aus Wind und Sonne verfallen, weil dem gestiegenen Angebot zu wenig und zu unflexible Nachfrage gegenübersteht. Weil Netze nicht rechtzeitig modernisiert und ausgebaut wurden, geraten sie regional an reale oder vermutete Belastungsgrenzen sowohl beim Anschluss neuer Ladesäulen, Betriebe oder Rechenzentren als auch beim Anschluss von Erzeugungsanlagen und Speichern. Am gravierendsten aber: viele Verteilnetzbetreiber stecken in einer strukturellen Überforderung. Sie kommen weder beim gestiegenen Verkehrsaufkommen der Netzanfragen hinterher, noch beim Tempo des Netzausbaus, noch beim Schaffen des notwendigen Untergrundes für mehr eigene Leistungsfähigkeit und Effizienz: der Digitalisierung von Geschäfts- und Planungsprozessen sowie der Digitalisierung des Netzbetriebs selbst.

Das Ergebnis? Kosten steigen und Geschwindigkeit sinkt. Zum Leidwesen der meisten Netzkunden, vom Haushalt bis zum Großunternehmen – aber auch der Netzbetreiber selbst. Auch die Prognosen zukünftiger Entwicklung der Netzkosten lassen nichts Gutes ahnen: eine Verdopplung der Netzentgelte droht, so die Schlagzeilen. Also Tempo rausnehmen bei der Energiewende und dadurch Kosten senken?

An regional begrenzten Schlaglöchern das Tempo rauszunehmen, macht durchaus Sinn. Noch mehr Aufmerksamkeit und Kraft sollte man aber in die Behebung der Mängel stecken, im Fall der Energiewende also in die Modernisierung der Netzinfrastruktur. Doch genau hier hat die energiepolitische Debatte und haben Netzpaket und EEG-Entwurf der Bundesregierung einen gewaltigen blinden Fleck: mangelnde Effizienz, Tempoverlust und Kostensteigerungen liegen heute an der Art und Weise, wie wir in Deutschland den Betrieb unserer Verteilnetze managen. Wenn wir das nicht endlich ändern, fährt die Energiewende dauerhaft Schrittgeschwindigkeit. Und Deutschland wird im internationalen Wettbewerb mangels günstiger, sauberer und verlässlicher Energieversorgung abgehängt.

1. Effizienzsteigerung bei Organisations- und Managementstruktur

Heute sind 851 Unternehmen für den Betrieb der Verteilnetze auf Nieder-, Mittel- und Hochspannungsebene verantwortlich. Sie dürfen dafür eigene technische Standards festlegen, eigene Geschäftsprozesse und Formblätter. Sie betreiben eigene Strukturen und Softwaresysteme, schreiben kleinteilig die Beschaffung von Kabeln, Transformatoren und Schaltanlagen mit eigenen Vorgaben aus etc.

In jedem Markt hätte der Wettbewerb um Kosten und Leistungsfähigkeit solche Strukturen konsolidiert. Doch Netzbetrieb ist ein natürliches Monopol. Es braucht Regulierung, Durchsetzungskraft und klare wirtschaftliche Anreize, um einheitliche Standards zu setzen und Strukturen mit unterkritischer Größe zusammenzuführen. Denn erst mit solchen Standards und in größeren Einheiten sinken Kosten, funktioniert und skaliert Digitalisierung. Und erst mit Digitalisierung kann weitere Effizienz gehoben werden – im Netzbetrieb selbst, aber auch bei Netzkunden und deren Dienstleistern, Elektrikern, Projektentwicklern etc.

2. Effizienzsteigerung durch höhere Auslastung der Netze

Und die Effizienz bei der Nutzung der Hardware der Verteilnetze, also den hunderttausenden Transformatoren, Schaltanlagen und knapp 2 Millionen Kilometern Kabel? Für mehr als die Hälfte davon ist kaum etwas über deren Auslastung bekannt. Denn sie befinden sich auf Niederspannungsebene, wo auch heute noch viel mit Planungsannahmen und wenig mit Messdaten gearbeitet wird. Auch im Jahr 2026 verfügen erst knapp 4% aller Messstellen in Deutschland über einen Smart Meter. Die Optimierung eines Stromnetzes als „Black box“ ist aber unmöglich. Schon gar nicht können so die großen Flexibilitätspotentiale von Batteriespeichern, flexiblen Verbrauchern, Anwendungen wie Vehicle-to-Grid etc. netzdienlich erschlossen werden. Auch hier könnten deutsche Stromkunden viel Geld sparen, wenn lokale Preissignale Optimierungsaufgaben in Markt und Netz übernehmen würden.

3. Effizienzsteigerung in der Kapitalallokation

Warum passiert all dies nicht? Fehlt den Netzbetreibern das Geld? Die Antwort ist ein klares Jein. Mit der Energiewende sind die Investitionsbedarfe in Netzmodernisierung und -erweiterung tatsächlich deutlich gestiegen und stoßen Verteilnetzbetreiber auch an Grenzen. Zumal die Investitionsbedarfe durch die Mängel bei den genannten Punkten 1 und 2 unnötig hoch sind. Aber Netzbetreiber können gutes Geld verdienen – oftmals zu gutes sogar. Eigenkapitalrenditen sind hoch, trotz des geringen Risikos eines Monopols mit gesicherten Erlösen. Kapitalbeschaffung dürfte daher weniger das Problem sein als seine Allokation: heute bringen Investitionen in Kupfer, Trafos etc. höhere Renditen als Investitionen in Digitalisierung oder Konsolidierung von Strukturen. Die wirtschaftlichen Anreize sind falsch gesetzt. Nicht nur die hohen Renditen, auch die ineffiziente Kapitalallokation zahlen am Ende die Stromverbraucher.

In einer aktuellen Studie untersuchen wir die konkreten Potenziale dieser drei Effizienzhebel. Die Ergebnisse werden in wenigen Wochen vorliegen. So viel kann man aber heute schon sagen: im blinden Fleck schlummern mehrere Milliarden EUR jährlich an Effizienz- und Kostenpotential. Das erstaunliche: keiner redet darüber.

Fazit

Die aktuellen Schieflagen der Energiewende werden wir nicht los, indem wir wieder nur auf den Ausbau der erneuerbaren Energien fokussieren und diesen bremsen. Leistungsfähiger und effizienter wird unsere Infrastruktur dadurch nicht. Und sie genügt heute schon nicht mehr den Anforderungen eines modernen Industrielandes. Zugespitzt: Auf Kopfsteinpflaster kommen wir so oder so nicht in die Zukunft. Wir müssen die Organisation unserer Infrastruktur in Ordnung bringen. Dann können wir hohes Tempo gehen und gleichzeitig große Effizienzgewinne erzielen. Und die Zufriedenheit von Netzbetreibern und Netzkunden steigt gleichermaßen.

Autor: Dr. Tim Meyer ist unabhängiger Energieexperte, Autor und Speaker

Wie gelingt eine Effizienzwende, die Energie und Strom gezielt einspart und industrielle Prozesse deutlich effizienter macht? Dieses Table.Forum zeigt, warum Effizienz zu einem entscheidenden Hebel für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und die Modernisierung zentraler Infrastrukturen wird – und welche digitalen und strukturellen Ansätze den Wandel beschleunigen können.

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