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Energieeffizienz und Flexibilität: Das starke Duo für eine bezahlbare Energiewende

Von Marc Spieker

Die Energiewende ist längst Teil unseres Alltags: Immer mehr Menschen beziehen Ökostrom, fahren elektrisch oder erzeugen ihren eigenen Solarstrom. Doch mit dem Wandel wächst auch eine zentrale Frage: Wie gelingt eine Energiewende, die nicht nur klimafreundlich, sondern für alle bezahlbar bleibt? Zur Antwort zählt ein doppelter Ansatz: Energie möglichst effizient nutzen – und den Verbrauch intelligent steuern. Denn wer seinen Energiebedarf flexibel an Zeiten anpasst, in denen Strom reichlich und günstig verfügbar ist, entlastet nicht nur das eigene Budget, sondern auch das gesamte Energiesystem. So wird aus individuellem Vorteil ein gesellschaftlicher Gewinn.

Die günstigste Energie ist die, die wir gar nicht verbrauchen – das ist bekannt. Schon heute helfen smarte Apps vielen Kundinnen und Kunden, ihren Verbrauch transparent zu machen und Einsparpotenziale zu nutzen. Weniger bekannt ist jedoch ein viel größerer Effizienzhebel: die Elektrifizierung von Wärme, Mobilität und industriellen Prozessen. Denn bei Öl und Gas gehen rund ein Drittel der Energie schon bei der Umwandlung verloren – nur zwei Drittel kommen überhaupt beim Endverbraucher an. Wer sich also für eine Wärmepumpe, ein Elektroauto oder eine elektrische Industrieanlage entscheidet, spart nicht nur CO₂, sondern wählt zugleich die energieeffizienteste Lösung. Dazu kommt: Wer auf Elektrifizierung setzt, schafft sich gerade auch in unsicheren Zeiten zunehmend mehr Energiesicherheit.

Wenn wir Effizienz konsequent mit Flexibilität verbinden, entfaltet sich ihr maximales Potenzial. Zum Beispiel würde Europa ohne die Nutzung von Nachfrageflexibilität bis 2050 rund 240 Gigawatt zusätzliche Reservekapazität benötigen. Das entspräche Investitionen von 150 bis 200 Milliarden Euro, in etwa die gesamte Wirtschaftsleistung Ungarns. Das wäre nicht nur ineffizient, sondern auch teuer für alle, die das am Ende bezahlen müssen. Dabei ist die Nutzung von Flexibilität keine Zukunftsvision. Die technologischen Möglichkeiten bestehen bereits heute und eröffnen allen Kunden erhebliche Optimierungs- und Spareffekte.

Für die Menschen zuhause bedeutet Nachfrageflexibilität: Sie können bei insgesamt gleicher nachgefragter Menge von geringeren Kosten profitieren – wenn sie bereit sind, ihren Verbrauch flexibel in für sie sinnvollen und nachvollziehbaren zeitlichen Grenzen zu verschieben. Insbesondere der Stromverbrauch für Wärmepumpen, Elektroautos, Heimspeicher und Haushaltsgeräte bietet ein großes Flexibilitätspotenzial, allein Deutschland schon heute über 15 Terawattstunden. Flexible Lösungen wie bidirektionales Laden ermöglichen es zudem, selbst erzeugten Strom über die Zwischenspeicherung im E-Fahrzeug bei hohen Preisen ins Haus oder ins Stromnetz zurückzuführen. Voraussetzung für all das ist der Smart Meter, denn nur so machen wir aus passiven Verbrauchern aktive Akteure in einem intelligenten Gesamtsystem.

Für die deutsche Industrie ist Energieeffizienz und Flexibilität längst ein Wettbewerbsfaktor. Die Nutzung von Abwärme und Speicherlösungen, flexible Produktionsprozesse und Lastmanagement senken Betriebskosten und reduzieren Preisspitzen. Für Unternehmen ist intelligente Nachfragesteuerung kein Verzicht, sondern ein Produktivitätshebel – insbesondere in einem Umfeld steigender Energiepreise und wachsender wirtschaftlicher Herausforderungen.

Für Kommunen hingegen liegt ein besonders großer Hebel im Wärmesektor. Die Elektrifizierung der Wärmeversorgung sowie der Ausbau moderner Wärmenetze sind die Kernbestandteile einer zukunftsorientierten Wärmeplanung. Hier geht es darum, Erzeugung und Verbrauch im Sinne der Wärmeversorgung noch besser aufeinander abzustimmen. Wer vorausschauend plant, hat die Möglichkeit, Abwärme aus Industrie oder Rechenzentren systematisch in Wärmenetze einzubinden. Sektorübergreifende Lösungen, die den Strom- und Wärmesektor noch stärker koppeln, verbinden Flexibilität, Effizienz und regionale Wertschöpfung. Sie entlasten Netze und stabilisieren Preise. Diesen Hebel müssen wir unbedingt nutzen.

Das alles zeigt: Wir verfügen schon heute über die Möglichkeiten, um Flexibilitätsreserven und -potenziale zu nutzen. Was fehlt, sind einerseits klare rechtliche Leitplanken und Marktsignale, die Flexibilität konsequent belohnen – und eine umsetzbare Perspektive, wie in Deutschland Smart Meter bei jedem Kunden einfach und bezahlbar ausgerollt werden können. Damit wir die Potenziale von Flexibilität wirklich heben können, brauchen wir:

Erstens: eine technologieoffene Flexibilitätsagenda. Preis-, Netz- und Systemsignale sowie die Technik müssen so ausgestaltet sein, dass sich flexibles Verhalten lohnt. Ob Privatkunde oder Unternehmen: Wer das Energiesystem entlastet, muss auch wirtschaftlich profitieren.

Zweitens: eine bessere Integration erneuerbarer Energien. Strom aus dezentralen Anlagen muss einfacher in den Markt eingebunden werden können, etwa über zentrale Vermittler und digitale Plattformen. Die Direktvermarktung muss unbürokratischer werden und klare Anreize bieten, damit erneuerbare Energien effizient genutzt werden.

Drittens: ein technologieoffener Kapazitätsmarkt. Auktions- und Kapazitätsmechanismen müssen Flexibilität fair vergüten und Investitionen planbar machen – im Einklang mit einer langfristig tragfähigen Marktintegration. Denn Planbarkeit schafft Vertrauen und Vertrauen ist die Basis für Investitionen.

Energieeffizienz und Flexibilität sind als Doppel ein wirksamer Hebel, unsere Energieversorgung in Europa auch langfristig bezahlbar, wettbewerbsfähig und sicher zu gestalten. Damit aus technischem Potenzial wirtschaftliche Realität wird, ist entscheidend, jetzt die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Die Instrumente hierfür liegen auf dem Tisch.

Autor: Dr. Marc Spieker ist Chief Operating Officer – Commercial bei der E.ON SE.

Wie gelingt eine Effizienzwende, die Energie und Strom gezielt einspart und industrielle Prozesse deutlich effizienter macht? Dieses Table.Forum zeigt, warum Effizienz zu einem entscheidenden Hebel für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und die Modernisierung zentraler Infrastrukturen wird – und welche digitalen und strukturellen Ansätze den Wandel beschleunigen können.

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