Carbon Farming: Ein falsch aufgezäumtes Pferd

Von Sarah Wiener
Sarah Wiener ist Öko-Landwirtin, Köchin und Europaabgeordnete der österreichischen Grünen.

„Carbon Farming“ heißt das neue Schlagwort für eine angeblich klimaschützende Landwirtschaft. Im Rahmen der Farm to Fork-Strategie hatte die EU-Kommission dazu auch eine Initiative angekündigt. Diese wurde im Frühjahr 2022 veröffentlicht. Sie ist Teil der EU-Strategie für nachhaltige Kohlenstoffkreisläufe. Um das Ziel zu erreichen, bis 2050 mehr Klimagase zu speichern als ausgestoßen werden, soll CO2 jeweils zur Hälfte auf natürliche und technische Weise gespeichert werden.

Zu den „natürlichen Lösungen“ gehören das Wiedervernässen von Mooren und CO2-Zertifikate für die Speicherung von Kohlenstoff im Ackerbau. Der sehr technische Ansatz und die enge Fixierung auf die Speicherung, trotz der geringen Klimarelevanz bestimmter Praktiken, machen aus der zunächst gut klingenden Idee allerdings ein falsch aufgezäumtes Pferd.

Schwierigkeiten bei Messung und Vergütung

In ihrer Carbon Farming Initiative weist die EU-Kommission ausführlich auf die biologischen, technischen und juristischen Schwierigkeiten der Speicherung, Messung und Vergütung in der Landwirtschaft hin. Dennoch befürwortet sie dann genau das Instrument der Messung und Vergütung von gespeicherten Kohlenstoffmengen im Boden über CO2-Zertifikate – und bevorzugt dieses Instrument gegenüber der Honorierung nachhaltiger Landbewirtschaftungspraktiken, die neben dem Humusaufbau auch anderen Ökosystemdienstleistungen zugutekommen. Eine überzeugende Begründung dafür liefert die Kommission nicht.

Allerdings liest man in der ebenfalls 2022 vorgestellten Bodenschutzstrategie Folgendes: „Der Banken- und Finanzsektor ist zunehmend daran interessiert, in Landwirte zu investieren, die nachhaltige Praktiken anwenden und den Kohlenstoffgehalt im Boden erhöhen, und marktbasierte Anreize für die Kohlenstoffspeicherung zu schaffen“. Da weiß man doch, wo der Hase langläuft.

Wenn wir sichere Emissionsreduktionen auch in der Landwirtschaft erreichen wollen, dann müssen wir vor allem weg vom Einsatz synthetischen Düngers. Dadurch ließen sich die Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft wesentlich schneller und sicherer verringern als mit Carbon Farming, denn der größte Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel entsteht durch die extrem energieintensive Herstellung und Ausbringung von synthetischem Stickstoffdünger.

Reduktion des Tierbestands

Mit einer Reduktion des Tierbestandes, welcher an die Fläche und an Weidehaltung gebunden wird, könnte der zweitgrößte Anteil der Landwirtschaft am Klimawandel deutlich verbessert werden. Denn besonders die Weidehaltung trägt aufgrund des unter Grünland gespeicherten Humus‘ zum Klimaschutz bei. Abgesehen von Böden in Permafrostgebieten enthalten Moore und Grasland den größten Teil des im Boden gespeicherten Kohlenstoffs. Diese Biome zu schützen, muss daher erste Priorität haben.

Grasland ist neben Wald das größte Biom auf unserem Planeten und bedeckt etwa 40 Prozent der bewachsenen Landfläche. Doch für den Schutz des Grünlands braucht man Wiederkäuer, denn nur beweidetes Grünland bleibt auch bestehen und je regelmäßiger es beweidet wird, desto mehr Humus wird aufgebaut. Vor diesem Hintergrund müssen demnach auch die Wiederkäuer anders bewertet werden als nur nach ihrem Methanausstoß, denn auf der Weide sind sie aktive Klimaschützer.

Besonders fragwürdig im Zusammenhang mit der beabsichtigten Kohlenstoff-Speicherung im Boden ist der Einsatz von Pflanzenkohle: Eine Erhöhung des Kohlenstoffgehaltes im Boden über diesen Weg ist nicht gleichzusetzen mit einem nachhaltigen Landwirtschaftsmodell und dem Aufbau von qualitativ hochwertigem Humus. Wenn die Stabilität des Kohlenstoffs im Boden der Fokus ist, dann steht das im Widerspruch zur Förderung eines aktiven Bodenlebens. Dieses braucht zur Aufrechterhaltung der Bodenfunktionen dringend abbaubare Kohlestoff-Substrate. Ein aktives Bodenleben bedeutet Humusaufbau, aber immer auch Um- und Abbau.

Keine Bodenverbesserung durch Pflanzenkohle

Um einen Einfluss auf das Klima zu haben, müssten außerdem riesige Mengen an Pflanzenkohle eingesetzt werden: Um etwa ein Prozent des Treibhausgas-Reduktionsziels für Deutschland 2030 zu erreichen, müsste beispielsweise die gesamte verfügbare Biomasse Deutschlands zu Pflanzenkohle verarbeitet werden. Ein unrealistisches Szenario. Darüber hinaus werden unabhängig von den Ausgangsmaterialien im Verkohlungsprozess polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) gebildet, die krebserregend und erbgutverändernd sind – wahrlich kein Bodenverbesserungsmittel.

Auch der Verzicht auf den Pflug wird immer noch mit Kohlenstoff-Speicherung gleichgesetzt, obwohl das schon lange widerlegt ist (Zunahme nur nahe der Oberfläche und Abnahme im Unterboden). In der Studie „Greenwashing & viel Technik. Vermeintlich nachhaltige Lösungen für die Landwirtschaft“ wird das gut aufgedeckt.

Wir müssen eine nachhaltige, klimafreundliche Landwirtschaft systemisch angehen, anstatt Böden als Kohlenstofflagerstätten zu missbrauchen. Das geht über Kompostgaben und Agroforst, aber am wichtigsten sind die Wurzeln, sie sind die größten Humusbildner. Deshalb ist Vielfalt auf und im Boden das Wichtigste, sie fördert alle ökologischen Funktionen. Die einseitige Fokussierung auf die Kohlenstoff-Speicherung übersieht total, dass es beim Bodenmanagement um die Aufrechterhaltung der Ökosystemleistungen geht, um Biodiversität, Kreislaufwirtschaft, Wasserspeicherung, Wasserreinigung, Verdunstung, Kühlung, gesunde Pflanzen, gesunde Lebensmittel und vieles mehr.

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