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Sinologie in Deutschland: Zerrbilder bekämpfen

Von Björn Alpermann
Björn Alpermann ist Sinologe an der Uni Würzburg.

Seit geraumer Zeit tobt ein Meinungskampf um die Stellung der Sinologie und ihr Verhältnis zur Volksrepublik. Lange als Orchideenfach verstanden, tut sich die Disziplin in Teilen schwer mit der politischen Bedeutung, die ihr inzwischen zugemessen wird. Doch ist der Eindruck grundfalsch, die Sinologie als Ganzes habe sich von der immer autoritärer regierenden Kommunistischen Partei den Schneid abkaufen lassen.

Im Gegenteil melden sich immer mehr Sinologinnen und Sinologen öffentlich zu Wort und beteiligen sich rege an der notwendigen Debatte über die Neuausrichtung der deutschen und europäischen Chinapolitik. Dessen ungeachtet hält sich hartnäckig die Unterstellung, das Fach sei in Abhängigkeiten gegenüber China rettungslos verstrickt. Dies zeigte jüngst ein Kommentar in der Süddeutschen Zeitung zum Taiwanbesuch der Bundesbildungsministerin.

Hier ließ der Autor es so klingen, als reiste Bettina Stark-Watzinger primär dorthin, um „im Interesse der eigenen Hochschullandschaft […] alternative Informations- und Lehrinhalte im Bereich der Sinologie“ zu ermöglichen. Denn, so schreibt er weiter: „Die China-Expertise, die Lehrstühle und Institute hierzulande, sind inzwischen so sehr von Geld und Interessen der Volksrepublik durchzogen, dass mehr wissenschaftlicher Abstand geboten ist.“

Nahe einer Verleumdung

Belege für die vermeintliche Unterwanderung der deutschen Sinologie durch Geld und Einfluss der autoritären Volksrepublik fehlen. Dennoch wird ein ganzes Fachgebiet denunziert. Die Realität sieht jedoch anders aus: Wie jedes universitäre Fach werden die Sinologie und ihre Angestellten aus öffentlichen Mitteln – Landeshaushalten, DFG, BMBF, EU unter anderem Drittmittelgeber – finanziert. Die immer wieder genannten Konfuzius-Institute und zwei aus China kofinanzierte Sprachprofessuren spielen eine verschwindend geringe Rolle, sind teils ausgelaufen bzw. werden gerade abgewickelt. Finanzielle Abhängigkeiten lassen sich nicht konstatieren. Und nebenbei bemerkt haben alle im öffentlichen Dienst tätigen Chinawissenschaftler und -wissenschaftlerinnen ihren Amtseid auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung geleistet. Ihnen zu unterstellen, sie seien mehr den „Interessen der Volksrepublik“ dienlich, kommt einer Verleumdung nahe.

Ein kursorischer Blick auf Curricula und Kooperationspartner deutscher Sinologie-Institute reicht aus, um zu erkennen, dass Taiwan seit langem nicht nur in Lehre und Forschung berücksichtigt wird, sondern auch die enge Zusammenarbeit mit taiwanesischen Institutionen gang und gäbe ist. Sie beschäftigen Sprachlehrkräfte von dort, unterhalten Austauschprogramme und forschen gemeinsam mit taiwanesischen Kolleginnen und Kollegen.

Ein Schweigen der Sinologen wäre fatal

Stark-Watzinger ist keineswegs nach Taiwan gereist, weil die hiesige Sinologie diesbezüglich Nachhilfe benötigen würde, sondern um konkrete Vereinbarungen zur Forschungszusammenarbeit vor allem im Bereich Hochtechnologie zu verhandeln. Statt „der Sinologie“ zu misstrauen, baut das Bundesbildungsministerium gerade eine Reihe von Projekten auf, in denen sinologische Lehrstühle und andere Zentren der Chinaexpertise den Rest der Wissenschaftslandschaft in Deutschland mit Chinakompetenzen versorgen sollen. Denn wer versteht die Risiken der Zusammenarbeit mit China besser als die geschmähten Sinologinnen und Sinologen?

Die Diskussion um die Sinologie ist nur ein kleiner Teil der größeren Chinadebatte. Sie steht aber beispielhaft für das große Ganze. Denn sie zeigt, wie schwierig es ist, Zerrbilder zu bekämpfen, die sich aufgrund steter Wiederholung in vielen Köpfen festgesetzt haben. Dagegen hilft nur ein entschiedener Widerspruch. Statt Pauschalurteilen benötigen wir eine differenzierte Auseinandersetzung zu China – und die wird ohne die qualifizierten Beiträge von Sinologinnen und Sinologen nicht zu führen sein.

Wer sich aber mit Vorverurteilungen konfrontiert sieht, wird es sich genau überlegen, aktiv die Öffentlichkeit suchen zu wollen. Ein“Schweigen der Sinologen“ wäre jedoch fatal. Man stelle sich einmal vor, wie Deutschland durch die Corona-Pandemie gekommen wäre, wenn sämtliche Virologinnen und Virologen aufgrund des pauschalen Vorurteils, sie seien ohnehin alle von der Pharmaindustrie gekauft, sich nicht am öffentlichen Diskurs, der Aufklärung und der Politikberatung beteiligt hätten.

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