Themenschwerpunkte


Studie zu China-Berichterstattung ignoriert die politische Realität

Von Andreas Fulda
Andreas Fulda über die Studie zur China-Berichterstattung
Politikwissenschaftler und China-Experte an der Universität Nottingham

Ich halte den analytischen Ansatz der Autoren für praxisfern und herrschaftsunkritisch. Studien wie diese werden die Krise des öffentlichen Vertrauens in das professionelle Wissen von China-Wissenschaftlern noch weiter vertiefen. Während von deutschen Sinologen häufig mehr China-Kompetenz in Staat und Gesellschaft gefordert wird, stellt sich für mich vielmehr die Frage, was für eine Analyse der Volksrepublik China bislang betrieben wird.

Meine eigene Forschung zum Thema Wissenschaftsfreiheit und die Rolle Chinas hat ergeben, dass in der deutschen Wissenschaft die politische Zensur und die daraus resultierende Selbstzensur ein Tabuthema darstellt. Dies hat negative Auswirkungen auf den akademischen und öffentlichen China-Diskurs in Deutschland. Die vorliegende Studie ist ein Beispiel hierfür.

Die Praxisferne wird bereits im Vorwort deutlich. Es klagt über „unterkomplexe“ deutsche Medienberichte und über fehlende Nuancen. Politikentscheidungen würden zu selten aus chinesischer Logik heraus verständlich gemacht. Weiter heißt es: Beschreibungen, Verortungen und Definitionen schafften „Realitäten“, was besonders für die Auslandsberichterstattung gelte, „da wir in anderen Ländern selbst keine unmittelbaren Erfahrungen und Erlebnisse gemacht, dort keine Gespräche und Diskussionen geführt, keine eigenen Interessen und auch keine weitergehenden Kenntnisse über Geschichte, Kultur und spezifische Problemstellungen erworben haben, die wir mit einem massenmedial vermittelten Narrativ positiv oder negativ in Beziehung setzen könnten.“

Diese Formulierungen, die den Ausgangspunkt der Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung erläutern, verwundern schon sehr. Keine Gespräche und keine Diskussionen? Keine eigenen Interessen und auch keine weitergehenden Kenntnisse über Geschichte, Kultur und spezifische Problemstellungen? In diesem Vorwort wird so getan, als hätte es in den letzten vierzig Jahren kein praktisches westliches China-Engagement gegeben. Es entsteht der Eindruck, als seien für das Chinabild in Deutschland ausschließlich die Medien verantwortlich. Die Realität sieht allerdings völlig anders aus.

Journalisten gehören zu den besten China-Kennern

Unzählige deutsche Politiker, Wirtschaftslenker, Journalisten, Kulturschaffende, Akademiker und Studenten haben die Volksrepublik China seit dem Beginn der 1980er-Jahre besucht oder befinden sich in konstantem Austausch mit Partnern vor Ort. Viele Zehntausende deutsche Staatsbürger haben zudem lange in Festlandchina gelebt und gearbeitet. China auf politische beziehungsweise akademische Diskurse zu begrenzen, wird daher der Fülle an Erfahrungen auf deutscher Seite in keinster Weise gerecht.

Stattdessen wird von der Herausgeberin der Studie so getan, als bliebe die Volksrepublik China trotz des intensiven westlichen China-Engagements ein Buch mit sieben Siegeln, und die Medien würden das Land nun in die Rolle des Feindes pressen. Das ist zu kurz gedacht. Denn eben, weil wir zunehmend Erfahrungen sammeln im Umgang mit der Volksrepublik, spiegeln die Medien im Wesentlichen das wider, was sich an Erkenntnissen aus diesem Umgang ergibt.

Meiner Einschätzung nach gehören viele westliche Journalisten mit langer akademischer und praktischer China-Erfahrung sogar zu den besten China-Kennern. Viele besitzen einen hohen Grad an Empathie und Einfühlungsvermögen, viele sprechen gut, manche fließend Chinesisch. Sie kennen chinesische Binnenperspektiven besser als viele andere, die das Land kennengelernt haben oder dort leben.

Ich traue diesen Journalisten sehr wohl zu, den Einparteienstaat realistisch einzuschätzen. Sie sind sich bewusst, was passiert, wenn aufgrund von politischen Zensurvorgaben Informationsströme innerhalb Chinas versiegen.

Gerade zu Beginn der Covid-Pandemie konnten wir beobachten, wie innerhalb Chinas massive Konflikte um Meinungsfreiheit ausbrachen. Verantwortungsbewusste Mediziner wie Dr. Li Wenliang wurden daran gehindert, Kollegen vor dem Virus zu warnen. Chinesische Kritiker am Krisenmanagement Xi Jinpings wurden mundtot gemacht oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Mittlerweile wird chinesische Forschung zu Covid-19 vor ihrer Publikation von Regierungsbeamten nach politischen Kriterien geprüft. Wie sonst außer „kritisch“ bis „sehr kritisch“ sollte eine Berichterstattung in diesem Kontext aussehen? Doch die Studie liefert einen solchen Kontext nicht.

Studie liefert zu wenig Kontext

Die Opfer des Xi-Regimes spielen in der gesamten Einschätzung der Berichterstattung überhaupt keine Rolle. China wird stattdessen vorwiegend aus Sicht der Herrschenden analysiert. Und auch wenn es legitim ist, sich mit dem „offiziellen China“ analytisch auseinanderzusetzen, so sollte eine solche Befassung nicht auf Kosten des „inoffiziellen Chinas“ gehen.

Die Studie vermittelt den Eindruck, als gäbe es in Festlandchina kaum Kritiker an Xis Krisenmanagement, und deutsche Medien würden diese Harmonie im Land schlicht ignorieren, weil sie nicht in das Weltbild der Autoren passe, oder sie die öffentlichen Debatten nicht verfolgten. Es wird so getan, als würde es nur in Hongkong ein paar Aktivisten geben, und Medien nicht anerkennen wollen, dass es sich um eine „terroristische Bande“ handle, so zumindest die Lesart der chinesischen Regierung.

Die Studie ignoriert dabei die vielen Dissidenten im Land wie den Immobilien-Unternehmer Ren Zhiqiang, der für seine Kritik an der Staatsführung unter Vorwand der Korruption zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde. Die Autoren ignorieren auch die ehemalige Professorin an der Parteihochschule, Cai Xia, die in Folge ihrer Regime-Kritik aus der Partei ausgeschlossen wurde und keine Pension mehr erhält. Der chinesische Bürgerjournalist Chen Qiushi wird ebenfalls nicht erwähnt. In Folge seiner Berichterstattung in Wuhan verschwand er für 600 Tage von der Bildfläche. Die Bürgerjournalistin Zhang Zhan hingegen landete für ihr Engagement im Gefängnis. Sie ist derzeit in einem Hungerstreik. Ihr Gesundheitszustand gilt seit Monaten als kritisch.

Es ist unter diesen Umständen nicht nachvollziehbar, wenn die Autoren von „einem letztlich erfolgreichen Zusammenspiel politischen und gesellschaftlichen Handelns“ sprechen. Wenn in der Studie Vertreter des „inoffiziellen Chinas“ einmal benannt werden, so ist deren Position häufig nur einen kurzen Halbsatz wert, und ihr jeweiliges Engagement wird negativ konnotiert.

Xi-Regime ist personalisierte Diktatur

So wie das der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang, die für ihr Wuhan-Tagebuch von Nationalisten angegriffen wurde. In der Studie wird sie nur kurz dafür erwähnt, dass mit Bezug auf Fang Fang in der deutschen Berichterstattung das „Behördenversagen in der Frühphase angeprangert“ werde. Professor Xu Zhangrun, der im Zuge seiner Kritik an Xis Umgang mit Covid seinen Job an der Tsinghua University verlor, wird derweil nur zitiert, um mediale Kritik am autokratischen Führungsstil Xis infrage zu stellen.

Die Studie muss sich also selbst den Vorwurf fehlender Nuancen gefallen lassen, die sie der China-Berichterstattung vorwirft.

An der Person Xi Jinpings wird besonders deutlich, wie herrschaftsunkritisch die drei Autoren China analysieren. In der Studie sprechen sie von einem „Narrativ vom kommunistischen Diktator“. Aber es gibt natürlich auch so etwas wie politische Realität.

Xi Jinping hat in der historischen Wirklichkeit einen Personenkult geschaffen, die kollektive Führung im Ständigen Komitee des Politbüros beendet und mit dem Dokument Nr. 9 jeder Liberalisierung und Demokratisierung des Landes eine deutliche Absage erteilt. Aus politikwissenschaftlicher Sicht lässt sich das Xi-Regime als personalisierte Diktatur bezeichnen. Es ist daher völlig legitim, wenn deutsche Journalisten diesen Umstand in ihrer China-Berichterstattung auch so deutlich ansprechen.

Aufgrund der benannten Praxisferne sowie der mangelnden Herrschaftskritik halte ich die Studie für wenig gewinnbringend.

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