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Sexualaufklärung in China: Zwischen Scham und Selbstermächtigung

Aufklärung über Sexualität, Einvernehmlichkeit und Prävention steckt in China noch in den Kinderschuhen. Junge Menschen und vor allem Frauen brechen langsam mit alten Tabus. Eine chinesischsprachige Tour durch Berlins sexpositive Szene liefert ein Stimmungsbild der aktuellen Diskussionen.

14. Dezember 2025
Auf Tuchfühlung im BDSM-Studio: Rui Fang (Mitte) organisiert chinesischsprachige Touren durch die sexpositive Szene Berlins.

Der Fall um „Sister Hong“ und der sogenannte „Mask Park“-Skandal haben China erschüttert. „Sister Hong“ hatte sich online als Frau ausgegeben und heimlich Sextreffen gefilmt, im „Mask Park“-Fall wurden in einer Telegram-Gruppe mit mehr als 100.000 Mitgliedern voyeuristische Videos und Fotos von Frauen geteilt und kommentiert.

Die Fälle legten nicht nur rechtliche Grauzonen digitaler Übergriffe offen, sondern zeigten auch, wie mangelhaft das Wissen über Sexualität, Einvernehmlichkeit und Prävention noch immer ist. Die Regierung reagierte einmal mehr mit Zensur statt Aufklärung: Diskussionen wurden gelöscht, Opfer zum Schweigen gebracht. Fast gleichzeitig löste eine staatliche Zensurkampagne gegen sogenannte Danmei-Literatur – homoerotische Online-Fiktion – eine Welle der Repression gegen Autorinnen aus. Eine Doppelmoral, die vor allem unter jungen Menschen für Empörung sorgte.

„Ich wünsche mir, dass wir auf Chinesisch genauso offen und ehrlich über Körper, Lust und Beziehung sprechen können wie in anderen Sprachen“, sagt der aus Anhui stammende Rui Fang, der seit den Nullerjahren in Deutschland lebt und hier auch sein Coming-out hatte. Heute veranstaltet er in Berlin chinesischsprachige Touren durch die sexpositive Szene der Stadt. Seine rein pädagogisch angelegten Exkursionen führen chinesische Expats und Touristen in BDSM-Studios, Darkrooms oder Cruising-Bars.

„Viele Teilnehmer sind anfangs schockiert“, sagt Rui. Trotzdem sind die monatlichen Touren mit zehn bis 15 Teilnehmern fast immer ausgebucht. In den Gesprächen der Teilnehmer offenbart sich, wie Millennials und die Gen Z in China derzeit über Sexualität diskutieren und welche Tabus noch immer herrschen.

Eine Neurobiologin aus Tianjin wollte sich in einer Schwulen-Bar nicht einmal hinsetzen, aus Angst, sich mit einer Krankheit zu infizieren. Insgesamt überwögen bei seinen Touren aber die Neugier und die Aha-Erlebnisse, sagt Rui. „Am Ende merken viele: Sexualität ist nichts Gefährliches. Sie ist menschlich. Man muss sie nicht verstecken.“

Auf chinesischen Social-Media-Plattformen kann Rui seine Touren nur in verklausulierter Form ankündigen. „Wenn ich ‚Sex‘ schreibe, wird der Post nicht veröffentlicht. Also umschreibe ich etwa einen sexpositiven Space als ‚Raum für Erforschung des Verlangens‘ (欲望练习室).“ Für Rui steht das Thema Consent im Mittelpunkt: „In sexpositiven Clubs lernt man: Jede Berührung braucht vorheriges Einverständnis. Aber es ist auch eine neue Sprache, die man erst lernen muss.“

Diese Sprache der Zustimmung und der sexuellen Freiheit entdecken besonders junge Frauen neu. Xiao, eine 30 Jahre alte Teilnehmerin aus einer Kleinstadt in der Provinz Shandong, erzählt, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr für sie und ihre Freunde lange ein Tabu gewesen sei. „Als wir aufwuchsen, galt: Nur in der Ehe ist Sex sicher“, sagt die junge Frau, die in einem staatlichen Unternehmen arbeitete und jetzt in Berlin ihren Master in Jura macht.

Die konservative Prägung beginne in der Schule: Zwar gäbe es einige Unterrichtsstunden zum Thema Pubertät, aber darin würden hauptsächlich Anatomie und Physiologie verhandelt, sagt Xiao. Themen wie Verlangen oder sexuelle Triebe würden komplett ausgespart. „Gute Noten haben in China für Schulen und Schüler oberste Priorität. Kein Risiko, das die schulischen Leistungen beeinträchtigen könnte, wird toleriert“, erklärt sie.

Auch Xinhan Yang beschreibt eine Atmosphäre aus Angst und Ignoranz. „Früher schämten sich die Menschen, wegen Krankheiten – vor allem Geschlechtskrankheiten – in öffentliche Krankenhäuser zu gehen. Deshalb entstanden viele illegale Privatkliniken, die mit drastischen Botschaften warben“, erinnert sich die 35-Jährige, die im E-Commerce-Sektor tätig ist.

Man fand solche Plakate und Visitenkarten an Wänden, Straßenlaternen, Türschwellen und später dann auch im Netz, wenn man etwa zu sexuellen Themen recherchierte. „Manchmal wurden die Anzeigen mit Bildern von Eiter und Ausschlägen illustriert, die einem einredeten: Sex ist gleichbedeutend mit Krankheit und Ekel. Wir wussten nichts über Lust, nur über das Risiko dahinter.“

Zum Glück verändere sich etwas, sagt Yang. Vor allem unter den nach 1990 Geborenen. Auf sozialen Medien sprechen Influencerinnen und Ärztinnen neuerdings über weibliches Begehren, über Masturbation und Sexspielzeug. „Früher wurde so etwas sofort blockiert, jetzt lässt die Regierung etwas mehr zu“, so Yang. Warum sei das jetzt plötzlich möglich? „Weil die Regierung gemerkt hat: Ohne Lust keine Geburten.“ Sie lacht auf. „Erst hieß es: Kein Sex vor der Ehe. Jetzt: Drei Kinder, bitte! Wie soll das funktionieren ohne mehr Aufklärung?“

Für Jiaqi, der in Berlin lebt und mit einem Deutschen verheiratet ist, zeigt sich bei heterosexuellen Frauen zwar eine neue Offenheit. Für queere Menschen wie ihn gilt das jedoch nicht. Wohl auch, weil sie in der aktuellen Gesetzeslage nicht zum demografischen Wandel beitragen können – Adoption und Leihmutterschaft für gleichgeschlechtliche Paare sind verboten – ist Homosexualität wieder stigmatisierter als noch vor zehn Jahren.

Die Ignoranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Lebensrealität zeigt sich bereits im Gesundheitssystem, sagt der 29-Jährige. „Ich wollte in einem der modernsten Krankenhäuser Shanghais einen Test auf Geschlechtskrankheiten machen – inklusive Mund- und Analabstrich, wie ich es aus Deutschland kannte. Die Ärztin fragte mich entsetzt, warum ich das brauche. Im Computersystem gab es schlicht keine Möglichkeit, mehr als eine Probe einzutragen.“

Er lacht bitter. „Meine Generation hat das Internet. Wir denken, wir wissen alles – und das dachte ich auch, bis ich nach Europa kam. Ich war 27, als ich zum ersten Mal wirklich verstand, was PrEP ist.“ PrEP – die Abkürzung für Pre-Exposure Prophylaxis – ist ein Medikament, das HIV-Infektionen vorbeugen kann, wenn es regelmäßig eingenommen wird. Die Grundstoffe werden in China produziert, Teil des medizinischen Angebots wie in Deutschland sind sie jedoch nicht. „In China existiert keine offizielle oder vertrauenswürdige Plattform, um es zu bekommen, und es gibt immer noch ein Stigma darum, das oft mit moralischen Urteilen über Sexualität verbunden ist.“

Tourguide Rui sieht den Zweck seiner Touren aus all diesen Gründen als Aufklärung über die Grenzen hinweg. „Aufklärung bedeutet nicht, dass alle dieselben Erfahrungen machen sollen. Es bedeutet, dass man darüber reden darf. Ohne Scham, ohne Angst.“ In China, so sind sich alle einig, beginnt dieses Reden gerade erst. Wer es sich traut, riskiert leider noch immer viel.

Letzte Aktualisierung: 02. Januar 2026