China.Table Analyse Internet

Gesellschaft: Warum sich junge Menschen 2026 „chinesischer" fühlen wollen

Auf Social Media entdeckt eine jüngere Generation die Faszination für chinesische Kultur und Lifestyle. Der Trend spiegelt die Sehnsucht nach einer Alternative zum instabil wirkenden Westen wider. China-Projektion dieser Art hat eine lange Tradition.

28. Januar 2026
Bekannte und unbekannte internationale Influencer feiern den "Chinese way of life".

Auf Social Media-Plattformen wie Tiktok und Instagram erklären junge Menschen in vielen Ländern, dass sie sich in diesen Tagen „besonders chinesisch fühlen“. Sie filmen sich bei typisch „chinesischen Aktivitäten“ wie dem Essen von Hotpot oder dem Trinken von warmem Wasser. Die „Tang“-Jacke von Adidas ist das inoffizielle Outfit dieses „Chinamaxxing“-Trends, der mit seiner altbackenen Third-Tier-City-Ästhetik auf den ersten Blick ironisch wirkt, aber teils aufrichtige Ehrerbietung für alles Chinesische ausdrücken soll.

Das Phänomen deutet darauf hin, dass die Volksrepublik vor allem auf die Gen Z und die nachfolgende Generation Alpha eine nie dagewesene Faszination ausübt. Diese post-COVID-Digital-Natives beziehen einen Großteil ihrer Informationen aus sozialen Medien, wo seit zwei Jahren immer mehr positiver China-Content kursiert. Dazu gehören Videos weltbekannter Influencer wie iShowSpeed, die euphorisch China-Reisen streamen, oder Memes, die Städte wie Chongqing als Cyber-Punk-Metropolen feiern, in denen die Zukunft längst begonnen hat. Was offizielle Propaganda ist und was private Beweihräucherung, ist immer schwerer auseinanderzuhalten.

Das China-Momentum hat mit dem vermeintlich schlechten Zustand des US-zentrierten Westens zu tun. Dieser wird in den TikTok-Echokammern – Meinungsfreiheit sei Dank – vor allem als pathologischer Problemfall verhandelt. Und es hat ja auch eine gewisse Logik: Wer sollte Angst vor einem chinesischen Diktator haben, wenn der erratische US-Präsident nicht nur mit dem Säbel rasselt, sondern ganz real ausländische Regierungschefs kidnappen lässt? Und wer soll einen chinesischen Überwachungsstaat fürchten, wenn Elon Musks GROK in Sekundenschnelle KI-Nacktbilder von einem generieren kann, die dann per Messenger im Klassenraum kursieren?

In bestimmten Bereichen wie der Klimapolitik, einem besonderen Anliegen der Jüngeren, wirken die steifen Technokraten in Peking neben Trump geradezu progressiv. China, ein Fels in der Brandung in Zeiten wachsender Unsicherheit: Es sind stark vereinfachte Narrative, doch sie verfangen in der Tiktok-Sphäre, die weder für tiefgehende geopolitische Analysen Zeit hat noch auf viel historisches Vergleichswissen zurückgreifen kann.

Hinzukommt: Das Manga-Paradies Japan und die K-Pop-Supermacht Südkorea sind als Popkultur-Nationen längst Mainstream. China gut zu finden, hat dagegen noch subversive Qualität. Menschen, die in den 90er- und Nullerjahren vielleicht Free-Tibet-Konzerte besuchten oder die Umweltsünden des Drei-Schluchten-Damms im Erdkunde-Unterricht durchnahmen, kann man damit sogar schocken.

Der rebellische Gestus ist durchaus gewollt. So gesehen ist, was den Kommunen der 60er- und 70er die Mao-Bibel war, der Tiktok-Generation nun die App Xiaohongshu, zu deutsch „kleines rotes Buch“. Oder, wie Mark Twain es ausdrückte: Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich.

Wenn es zuhause schlecht läuft, hat das Herbeifantasieren eines besseren China eine lange Tradition. Schon im 17. Jahrhundert entwickelte sich bei Philosophen wie Leibniz die Vorstellung, China sei ein Reich der Weisheit und Moral, in dem Gelehrte das Sagen haben und nicht raffgierige und fanatische Kaiser und Könige, die 30-Jährige Kriege anzetteln.

Interessanterweise war es die europäische Aristokratie, die daraus einen Trend machte. Die sogenannte „Chinoserie“ prägte 100 Jahre lang Europas Ästhetik, vom Meissener Porzellan bis hin zu den mit kleinen Pagoden gesäumten Lustgärten in Versailles und Sanssouci. Der Orientalismus von heute malt sich halt keinen Phönix mehr aufs Tee-Service, er hängt sich einen Labubu an die Tasche und steckt sich eine Zigarette der Kader-Marke „Chunghwa“ in den Mund.

Dass China 2026 bei vielen Menschen noch stärker zur Projektionsfläche werden wird, ist höchst wahrscheinlich. Xi wird Trump die Rolle des despotischen Herrschers einstweilen gerne überlassen, während chinesische Apps wie Temu und Marken wie Popmart, Miniso und viele weitere noch tiefer in unseren Alltag einsickern. Eine gewisse „Chineseness“ könnte zur neuen Normalität werden, auch über die junge Online-Generation hinaus.

2026 muss deshalb noch lange nicht den endgültigen Beginn des chinesischen Jahrhunderts markieren. Aber das Symptom eines anderes Zeitalter scheint es doch zu sein, für das die jungen westlichen China-Fans in Anlehnung an die offizielle Lingo der KP bereits einen klingenden Namen erfunden haben: das „amerikanische Jahrhundert der Demütigung“.

Letzte Aktualisierung: 31. Januar 2026