CEO.Table – Ausgabe 71

E-Autos: Förderungen erhöhen Nachfrage + Deutschlands neues KI-Unicorn + Was der neue Haushalt bedeutet

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Executive.Summary

Elektroautos: Neuzulassungen in Deutschland steigen langsam. Bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings aktivieren.

E-Autos: Die Förderungen erhöhen die Nachfrage

Der jüngste starke Anstieg der Benzinpreise könnte der Elektromobilität in Deutschland neuen Schwung verleihen. „Ich kann mir vorstellen, dass die Aktualität im Moment den einen oder anderen darüber nachdenken lässt, wie das nächste Auto angetrieben sein soll“, sagt Opel‑CEO und Stellantis‑Deutschlandchef Florian Huettl im Podcast Table.Today.

Die neue Kaufprämie verleiht dem E‑Auto‑Markt Rückenwind. Huettl betont, dass die Reaktion auf die Förderung besonders stark ausfalle: „Die Reaktion auf die staatliche Unterstützung, die für kleine und mittlere Einkommen gezielt zur Verfügung steht, die ist sehr, sehr gut, wir haben eine hohe Nachfrage.“ Nach über zwei Jahren ohne Zuschuss hat die Bundesregierung ein neues Förderprogramm aufgelegt, das drei Milliarden Euro für sozial gestaffelte Zuschüsse von bis zu 6.000 Euro umfasst. Die vorherige Streichung des Umweltbonus im Dezember 2023 hatte zu massiven Einbrüchen bei den Neuzulassungen geführt.

Die aktuellen Zulassungszahlen bestätigen nun eine deutliche Erholung des Markts. Bei batterieelektrischen Pkw stiegen die Neuzulassungen nach Angaben des Kraftfahrt‑Bundesamts gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 43,2 Prozent. Mit 545.142 Fahrzeugen erreichten sie einen Marktanteil von 19,1 Prozent (siehe Grafik). Für 2026 erwartet Huettl einen weiteren Zuwachs: „Ich gehe davon aus, dass wir dieses Jahr in Richtung 25 Prozent Mix im Personenwagenbereich in Deutschland gehen werden.“

Die meisten Hersteller zweifeln nicht daran, dass sich der E-Antrieb durchsetzen wird. „Die Elektromobilität wird die überlegene Technologie sein“, sagt Volkswagen-CEO Oliver Blume. „Wir spüren das jetzt schon in der zweiten, dritten Generation – Reichweiten sind da, Ladezeiten werden immer kürzer. Es ist einfach die deutlich smartere Antriebsvariante.“

Ausschlaggebend für den Erfolg ist die Einführung günstigerer Modelle, die den Massenmarkt adressieren. Mit Blick auf die Frage nach dem Verbrenner-Aus fordert der VW-Chef Realismus statt Überregulierung. „Man kann nicht anordnen, welchen CO₂-Verbrauch ein Fahrzeug am Ende haben darf. Man muss realistisch auf die Märkte schauen“, so Blume beim FAZ-Kongress am Freitag. Es brauche Übergangszeiträume – etwa von 2028 bis 2032 – und motivierende Anreize: zum Beispiel „kleinere Elektrofahrzeuge, die erschwinglich sind […] und in Europa produziert werden“.

Tatsächlich gibt es Fortschritte bei bezahlbaren Modellen. Der Thinktank Transport & Environment erwartet, dass in immer mehr Fahrzeugsegmenten in Europa Preisparität erreicht wird. Der Durchschnittspreis neuer Elektroautos sank erstmals; 2025 lag er mit 42.700 Euro um 1.800 Euro beziehungsweise vier Prozent niedriger als im Vorjahr. Für die kommenden Jahre prognostiziert T&E weiter steigende Marktanteile: Für 2026 erwartet der Verband einen Elektroanteil von 23 Prozent, für 2027 von 28 Prozent.

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Neben erschwinglichen Preisen ist auch eine zuverlässige Ladeinfrastruktur entscheidend. „Beim Verbrenner haben wir über Jahrzehnte ein Tankstellennetz aufgebaut, jetzt geht es um die Ladeinfrastruktur, die mittlerweile sehr gut wird auf den Langstrecken. Es geht aber auch darum, Ladeinfrastruktur in die Städte zu bringen, in die regionalen Gebiete“, sagt Blume. Ein entscheidender Faktor seien dabei auch die Energiekosten. „Wenn das alles zusammen gegeben ist, braucht man keine Regulatorik mehr – dann funktioniert es.“ Laut aktuellen Zahlen der Bundesnetzagentur gab es im Februar in Deutschland 196.353 Ladepunkte – ein Anstieg von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dennoch fehlen insbesondere Ladestationen an Mietwohnungen und in dicht besiedelten Innenstädten, ein Bereich, der weiterhin als kritischer Engpass gilt.

Um diese Lücke zu schließen, setzt das Bundesverkehrsministerium nun stärker auf den Ausbau privater und wohnortnaher Ladepunkte. Das neue Förderprogramm „Ladeinfrastruktur in und an Mehrparteienhäusern“ stellt dafür bis zu 500 Millionen Euro bereit. Die Förderung umfasst Ladepunkte mit einer Leistung von bis zu 22 Kilowatt.

Parallel unternimmt die Politik Schritte, um die Auswirkungen der hohen Benzinpreise im Zusammenhang mit dem Irankrieg abzufedern. Am Donnerstag hat der Bundestag das Kraftstoffmaßnahmenpaket von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche beschlossen. Künftig dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich um 12 Uhr erhöhen, orientiert am österreichischen Modell. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro. Zudem wird die Beweislast im Kartellrecht umgekehrt, sodass Mineralölkonzerne bei Verdacht auf überhöhte Preise deren Rechtfertigung selbst liefern müssen. Die Bundesregierung behält sich weitere Maßnahmen vor: Eine Erhöhung der Pendlerpauschale und eine Senkung der Stromsteuer werden derzeit diskutiert.

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Miles-CEO: Bisherige Autobesitzer erreicht Carsharing kaum

Der Kampf um das Privatauto wird nicht bei derzeitigen Autobesitzern gewonnen. Das ist die zentrale Überzeugung von Oliver Mackprang, CEO von Miles, Deutschlands größtem konzernunabhängigen Carsharing-Anbieter. Wer bereits mehrere Leasingverträge hinter sich hat und regelmäßig zum Händler seines Vertrauens geht, den erreicht Carsharing kaum. Anders sieht es bei Menschen aus, die noch kein eigenes Auto besitzen – und die erstmals nüchtern durchrechnen, was ein Kleinwagen inklusive Zulassung, Versicherung und Wartung tatsächlich kostet: „Diese Menschen nehmen Abstand vom eigenen Auto“, sagt Mackprang im Gespräch mit Table.Today.

Das Potenzial dieser Gruppe ist groß – aber die Geduld muss es auch sein. Die durchschnittliche Haltedauer eines Pkw liegt bei sieben Jahren. Wer heute ein Auto kauft, kommt frühestens 2032 wieder an diesen Entscheidungspunkt. Bis dahin müsse vieles stimmen, erklärt Mackprang: „In den Städten muss auch der ÖPNV stark ausgebaut sein – diese Sachen müssen auch passen“, damit jemand in diesem Moment sagt, er erneuere nicht. Über 40 Millionen Pkw sind in Deutschland zugelassen.

Rund 26 Prozent aller Führerscheinbesitzer in Berlin nutzen Miles bereits jährlich. Das Unternehmen hat knapp 15.000 Fahrzeuge auf der Straße, will dieses Jahr im zweistelligen Prozentbereich wachsen und hat Anfang März 2.500 neue Opel-Hybride für die Flotte angekündigt. Abgerechnet wird nach Kilometern, nicht nach Minuten – was für jene gut ist, die langsam durch die Stadt fahren.

Dass E-Autos den Umstieg beschleunigen, glaubt Mackprang nicht – zumindest nicht kurzfristig. Bei Tagesmieten werden Elektrofahrzeuge bei Miles schlechter gebucht als Verbrenner. „Die Leute haben Angst – man möchte vielleicht nicht mit einem E-Auto an die Ostsee fahren, weil man nicht weiß, wo man laden kann“, beschreibt er das Nutzerverhalten. Die Preise hat Miles trotz gestiegener Benzinkosten bislang nicht angepasst – Mackprang schließt es aber nicht aus. Alex Hofmann

Wie Mackprang den Algorithmus hinter dem Geschäftsgebiet erklärt, warum E-Autos bei Tagesmieten schlechter laufen als Verbrenner und ob Miles auf dem Weg zur Profitabilität ist – hören Sie in der CEO-Edition des Podcasts Table.Today.

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CEO.Talk

Mirko Novakivic, Gründer Dash0

Deutschlands neustes KI-Unicorn: „Mal sehen, wie lange der Burggraben hält“

Das Start-up des Solingers Mirko Novakovic ist seit dieser Woche offiziell eine Milliarde US-Dollar Wert. Investoren wie der Londoner Wagniskapitalgeber Balderton Capital, Deutsche Telekom Capital Partners (DTCP) oder der US-amerikanische VC Accel haben 110 Millionen US-Dollar investiert und Dash0 (sprich: „Dash Zero“) zum „Unicorn“ gemacht, also mit einer Milliarde Dollar bewertet. Der Gründer gibt darauf nicht sehr viel: „Ich freue mich, aber eigentlich ist das einfach eine Finanzarithmetik und eine virtuelle Zahl. Die sollte man sich nicht zu Kopf steigen lassen.“

Doch was passiert, wenn OpenAI oder Anthropic auch in sein Segment einsteigen? Mit kühlem Kopf blickt Novacovic auf die Zukunft seines und anderer KI-Start-ups: Theoretisch könnten die großen KI-Firmen das. Dash0 ermöglicht Unternehmen, ihre gesamte Software-Landschaft zu überwachen, von Website über Backend bis zur Cloud – und zwar mittels einer KI. Trotz 600 zahlender Kunden, zehn Millionen Dollar an jährlich wiederkehrenden Erträgen und geplanter Umsatzverdopplung bleibt damit die Sorge vor übermächtigen Wettbewerbern. „Das sehe ich als eine reale Gefahr.“

40 Milliarden US-Dollar steckten in der Kategorie „Observability“ weltweit. Ein attraktiver Markt wäre es für Wettbewerber. „Wir haben einen ‚Moat‘“, sagt Novakovic und nutzt damit einen Begriff aus der Start-up-Welt, „eine Art Burggraben“. Grundlage für die Arbeit von Dash0 sind enorme Datenmengen. Beim größten Kunden Zalando beispielsweise seien es mehrere Milliarden Datenpunkte täglich. LLMs könnten damit bislang nicht so gut umgehen. „Wie lange der Burggraben hält, darüber wage ich keine Prognose.“

Skepsis einiger europäischer Unternehmen gegenüber US-Tech und der Wunsch nach digitaler Souveränität seien keine Burggräben. „Europäisch zu sein und Datenschutz zu können, hat noch nie Erfolg gebracht. Am Ende haben sich die Deutschen immer für das beste Produkt entschieden.“ US-Plattformen wie Salesforce, Amazon und Google hätten sich durchgesetzt. „Und es ist aus meiner Sicht undenkbar, von diesen Anbietern wegzukommen.“

Und was wäre, wenn OpenAI seine Firma kaufen würde? Ein Weg, mit einem übermächtigen Wettbewerber umzugehen, kann sein, ein attraktives Übernahmeziel zu werden. „Würde mir jemand ein außerordentlich gutes Angebot machen, müsste ich darüber nachdenken, das bin ich ja auch den Shareholdern schuldig.“ Aktuell plane er das aber nicht. Novakovic hat bereits ein Start-up verkauft: Instana ging 2020 für 500 Millionen US-Dollar an IBM.

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CEO.News

OpenClaw: Chinas nächstes KI-Rennen hat begonnen

In Chinas KI-Branche hat sich der Fokus verschoben: Statt reiner Chatbots steht nun der Wettbewerb um sogenannte KI-Agenten im Mittelpunkt. Das sind Programme, die eigenständig Aufgaben erledigen, etwa Dokumente bearbeiten oder Prozesse am Computer ausführen. Ausgelöst wurde dieser Trend durch den Open-Source-Agenten OpenClaw, der sich von einem Entwickler-Tool zu einem Massenphänomen entwickelte. Große Tech-Konzerne wie Alibaba, Baidu und Tencent treiben die Entwicklung mit eigenen Plattformen und Integration massiv voran. China könnte dabei einen Vorteil haben, weil digitale Ökosysteme dort bereits stark vernetzt sind und neue Technologien schnell im Alltag ankommen.

Gleichzeitig bringt der Boom neue Herausforderungen: KI-Agenten vebrauchen deutlich mehr Rechenleistung als Chatbots. Das führt zu steigenden Kosten und einer neuen „Token-Ökonomie“. Zwar steigen dadurch potenziell die Umsätze, doch auch die Investitionen in Infrastruktur wachsen stark - und die Rentabilität bleibt unklar, was Anleger skeptisch macht. Zudem gibt es politische Risiken: Behörden warnen vor Sicherheitsproblemen, schränken die Nutzung in sensiblen Bereichen ein und könnten künftig stärker regulierend eingreifen. Mehr dazu lesen Sie im China.Table. Jörn Petring

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Luftverkehrssteuersenkung zum 1. Juli: Airlines halten schnelle Umsetzung für möglich

Lufthansa und Condor halten eine rasche technische Umsetzung der geplanten Senkung der Luftverkehrsteuer für möglich. Das Bundeskabinett plant am 1. April über den Gesetzentwurf des Finanzministeriums entscheiden, der die Steuer ab 1. Juli auf das frühere Niveau zurückführen soll. Für Kurzstreckenflüge soll die Abgabe um 2,50 Euro auf 13,03 Euro sinken, für mittlere Strecken um 6,33 Euro auf 33,01 Euro und für Langstrecken um 11,40 Euro auf 59,43 Euro.

Lufthansa erklärt auf Anfrage von Table.Briefings, Steuern und Gebühren könnten „in recht kurzer Zeit“ angepasst werden. Die Airline weist jedoch darauf hin, dass für den Sommer bereits zahlreiche Tickets zum aktuellen Steuersatz verkauft wurden. Auch Condor betont, dass Ticketpreise stets den jeweils gültigen Steuersatz enthalten und Änderungen „zeitnah“ eingepreist werden. Externe Buchungssysteme (GDS) benötigen dafür allerdings üblicherweise bis zu einer Woche Vorlauf. Alexander Wiedmann

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Chemieagenda: Warum weder Unternehmen noch Klimaschützer zufrieden sind

Die Bundesregierung hat am Donnerstag eine Chemieagenda vorgestellt, die die Wettbewerbsfähigkeit und Transformation der Branche stärken soll, jedoch kaum neue konkrete Maßnahmen enthält. Geplant sind vor allem Prüfaufträge und die Wiederholung bestehender Instrumente, etwa zur Senkung der Energiekosten durch Industriestrompreis, Stromsteuerentlastung und Kompensation. Gleichzeitig gibt es Widersprüche zur Klimapolitik, etwa beim verlangsamten Netzausbau, der die Elektrifizierung behindern könnte. Auch bei zentralen Themen wie Wasserstoffförderung oder klaren Transformationsansreizen bleibt die Agenda vage. Positiv hervorgehoben wird die geplante Ausweitung von Klimaschutzverträgen und Förderprogrammen, etwa für industrielle Wärmeerzeugung.

Sowohl Industrie als auch Klimaschützer üben deutliche Kritik: Die Wirtschaft bemängelt fehlende Entlastungen, zu hohe Energiekosten und zu viel Bürokratie. Umweltorganisationen wiederum sehen unzureichende Rahmenbedingungen für die Transformation. Streitpunkte sind zudem kostenlose CO2-Zertifikate, mögliche Abschwächungen des Emissionshandels und unklare Förderstrategien. Insgesamt gilt die Agenda eher als erster Schritt ohne klare Richtung, dessen konkrete Ausgestaltung und Wirkung noch offen sind. Mehr dazu lesen Sie im ESG.Table. Nico Beckert

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Defense-Tech: Stark Defence entwickelt Drohnenabwehrsystem

Das Berliner Start-up Stark bestätigt die Entwicklung eines Drohnenabwehr-Systems gegenüber Table.Briefings. Das Unternehmen war bisher für Kampfdrohnen bekannt und würde mit dem neuen Produkt sein Portfolio erweitern. Der Markt für Drohnenabwehr wird zunehmend umkämpft: Das Interesse von Investoren und Militärs wächst – besonders stark seit dem Iran-Krieg. Start-ups wollen sich gegen die traditionellen Rüstungskonzerne durchsetzen. Welche Unternehmen aktuell bei der Drohnenabwehr mitmischen und was die Bundeswehr plant, lesen Sie im Security.Table. Robert Wallenhauer

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CEO.Economics

Es stehen große Einsparungen bevor

Warum Sie Stehvermögen brauchen – und es den großen Wurf nicht geben wird.

Ende April ist Showtime. Dann soll klar sein, wie viel Geld jedes Ministerium über die kommenden Jahre bekommt. Angesichts der großen Einsparbedarfe erwarten viele große Reformen. Für 2027 fehlen 34 Milliarden Euro laut Finanzplan, für 2028 und 2029 sind es mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Solche Summen lassen sich nicht mit Effizienzgewinnen einsparen.

Aber genau hier liegt das Problem: Die großen Reformen, die Milliarden bringen, sind deutlich rarer als gedacht. Beim Bürgergeld hat man es versucht. 30 Milliarden Euro Einsparpotenzial wurden prognostiziert. Maximal zweistellige Millionenbeträge pro Jahr dürften es werden. Eine Abschaffung der sogenannten „Rente mit 63" brächte laut der Beratung Prognos zehn Jahre später zwei Milliarden. Das ist auch logisch, wenn man darüber nachdenkt: Eine Abschaffung würde nichts an bestehenden Rechtsansprüchen ändern, sondern nur dafür sorgen, dass keine neuen dazukommen. Langfristig hilft eine solche Reform viel, kurzfristig stopft es keine eimergroßen Löcher.

Kurzfristig hilft anderes mehr. Kreative Buchführung zum Beispiel: Bisher sind zwar Verteidigungsschulden weitgehend von der Schuldenbremse ausgenommen, nicht aber die dafür anfallenden Zinszahlungen. Die könnte die Bundesregierung ebenfalls ausnehmen. Das ändert nichts an der Realität, reduziert aber das Finanzloch unter der Schuldenbremse deutlich.

Das Evergreen zur Stopfung kurzfristiger Haushaltslöcher ist die Mehrwertsteuererhöhung. Sieht man sich die Geschichte an, läuft es oft ähnlich: Man redet lange über Priorisierung und stellt am Ende überrascht fest, dass sich das Loch nur über die Mehrwertsteuer schließen lässt. Ein Prozentpunkt bringt ungefähr 15 Milliarden Euro, etwas weniger als die Hälfte davon geht an den Bund. Die Maßnahme ist kurzfristig effektiv, aber kontraproduktiv für die aktuelle Wirtschaftslage: Der Export schwächelt. Es bräuchte dringend mehr Binnenkonsum, um das Wachstum anzutreiben. Höhere Preise bewirken das Gegenteil.

Und dann ist da noch der Irankrieg. Was global katastrophale Auswirkungen entfalten könnte, könnte haushaltspolitisch zur Rettung werden: Sind die wirtschaftlichen Auswirkungen dramatisch genug, kann die Notlage der Schuldenregel aktiviert werden – die Ausnahme, unter der Wumms und Doppelwumms zusätzliche Ausgaben von 100 bzw. 200 Milliarden Euro möglich machten.

Stehvermögen und Rückgrat sind gefragt. Einfallsreiche Buchhaltung, wirtschaftlich unsinnige Steuererhöhungen und das Hoffen auf die Krise – das alles hört sich kaum nach nachhaltigen Finanzen an. Und das ist es auch nicht. Nachhaltige Konsolidierung, das zeigt unser am 31. März erscheinender Bundeshaushaltsmonitor, gelingt nicht innerhalb eines oder zweier Jahre.

Wer wirklich konsolidieren will, muss sich an die Strukturen herantrauen – an die der Wirtschaft und an die des Haushalts selbst: So fließen von 76 Milliarden Euro, die kurzfristig überhaupt disponibel – also nicht rechtlich gebunden – sind, knapp 40 Prozent in Energiesubventionen. Wer deutlich weniger für Subventionen ausgeben will, müsste einen Plan haben, wie bestimmte energieintensive Geschäftsmodelle, die sich dann nicht mehr lohnen, weiterentwickelt werden könnten.

Wer deutlich weniger Subventionen an Haushalte zahlen will, sollte darauf abzielen, Menschen in gut bezahlte Arbeit bringen. Es dürfte seinen Grund gehabt haben, dass Finanzminister Lars Klingbeil bei seiner Grundsatzrede letzten Mittwoch so viel über Beschäftigung gesprochen hat. Jeder, der sich selbst unterhalten kann und Steuern zahlt, wird von der Belastung zum Aktivposten für den Haushalt. Menschen in gut bezahlte Arbeit zu bringen, geht aber nicht per Dekret, sondern erfordert exzellente öffentliche Leistungen wie (Aus)bildungs- und Betreuungssysteme, Unternehmen, die einstellen, Wohnungen, an Orten, an denen sie gebraucht werden etc.

Beides – Subventionen für Unternehmen und für Haushalte zu reduzieren – dauert. Entgegen der weit verbreiteten Ungeduld ist das vielleicht auch in Ordnung. Immerhin betrifft der Bundeshaushalt mehr als 80 Millionen Menschen und spiegelt unsere Wirtschaft, Gesellschaft und Historie deutlich präziser wider, als sich das manch einer vorstellen mag. Von Kriegsfolgeschäden über Kosten für Atomendlager bis zur ausgeprägten KMU-Förderung bildet er dieses Land ab. Das schließt natürlich nicht aus, dass es auch fragwürdige Ausgaben gibt, wie eine wissenschaftliche Publikationsplattform auf der Blockchain.

Will man einen der großen Zusammenhänge ändern – deutlich mehr Frauen in die Erwerbsarbeit bringen, die Abhängigkeit des Wachstums von Chemieexporten reduzieren oder endlich wieder eine richtig beneidenswerte Wissensgesellschaft werden –, geht das alles mit Umbauten des Haushalts einher. Und umgekehrt bedeuten wirkliche Umbauten des Haushalts gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen.

Wenn einem das bewusst ist, klingt mittelfristige Finanzpolitik nicht mehr nach Ausrede, sondern nach dem einzig angemessenen Weg. Nachhaltige und disziplinierte Haushaltspolitik ist kein Trumpsches TV-Ereignis mit grand finale, sondern die konsequente Umsetzung einer wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Idee.

Philippa Sigl-Glöckner ist Ökonomin und Gründungsdirektorin der Denkfabrik „Dezernat Zukunft – Institut für Makrofinanzen“.

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CEO.Presseschau

Bloomberg

Schwenk zur Verteidigung bringt deutschem Motorenbauer Deutz Umsatzsprung

Der Motorenhersteller Deutz AG erwartet für 2026 ein Umsatzwachstum von rund einem Fünftel auf bis zu 2,5 Milliarden Euro. Grund ist die stärkere Ausrichtung auf das Verteidigungsgeschäft, um von der europäischen Aufrüstung zu profitieren. Das Unternehmen verhandelt über die Lieferung von Motoren für militärische Fahrzeuge und investiert in Rüstungs-Startups wie ARX Robotics. Seine Motoren werden bereits in Patriot-Systemen eingesetzt.
manager magazin

SAP-Betriebsrat: Frisch gewählte Betriebsrätin droht Rauswurf

Einer neu gewählten SAP-Betriebsrätin droht die Kündigung. Sie soll sich für eine Betriebsratssitzung krankgemeldet, aber stattdessen Wahlkampf an einem anderen Standort gemacht haben. Die Betroffene bestreitet dies. SAP bestätigt eine interne Prüfung des Vorfalls nach einer Whistleblowermeldung. Der Fall sorgt für weitere Unruhe im seit Längerem von Machtkämpfen geprägten Gremium.
tagesschau.de

Mehrwertsteuer erhöhen? Das würde Preise und Konsum treffen

Die Bundesregierung prüft eine Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent, um Steuersenkungen zu finanzieren. Dies könnte 32 Mrd. Euro Mehreinnahmen generieren. Ökonomen warnen jedoch vor steigenden Preisen, schwächerem Konsum und konjunkturellen Risiken. Die Maßnahme würde Geringverdienende überproportional belasten und könnte angesichts der aktuellen Wirtschaftslage die Inflation zusätzlich antreiben.
Handelsblatt

Online-Handel: EU führt neue Bearbeitungsgebühr für billige Online-Ware ein

Die EU führt ab 1. November eine neue Bearbeitungsgebühr für online bestellte Produkte aus Drittstaaten ein. Die Abgabe soll die steigenden Kosten durch die wachsende Zahl kleiner Sendungen von Händlern wie Shein oder Temu decken, etwa für Sichtung und Kontrolle. Die Höhe wird noch von der EU-Kommission festgelegt. Die Gebühr kommt zusätzlich zu geplanten neuen Zollgebühren.
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CEO.Personnel

NZZ

Gründer von On übernehmen Leitung – CEO tritt zurück

Bei der Laufschuhmarke On tritt CEO Martin Hoffmann nach 13 Jahren zurück. Die Mitgründer Caspar Coppetti und David Allemann übernehmen ab dem 1. Mai als Co-CEOs die operative Leitung. Sie hatten das Unternehmen 2010 zusammen mit Olivier Bernhard gegründet. Aktionäre reagieren beunruhigt auf den überraschenden Wechsel an der Spitze.
Handelsblatt

Schwarz-Chef verlässt Boschs Machtzentrale schon wieder

Gerd Chrzanowski, Chef der Schwarz-Gruppe, verlässt nach nur einem Jahr das Gesellschaftergremium der Robert Bosch Industrietreuhand KG (RBIK). Als Grund werden zunehmend überlappende Geschäftsaktivitäten und potenzielle Interessenkonflikte genannt. Sein Nachfolger wird Alexander Birken, Aufsichtsratschef der Otto Group.
touristik aktuell

TUI führt neue Vorstandsstruktur ein

Der Reisekonzern TUI ordnet seine Führungsstruktur ab 1. Mai neu. Die neu geschaffene Position des Chief Operating Officer (COO), die Marco Ciomperlik übernimmt, bündelt das operative Geschäft. Ziel ist eine stärkere Verzahnung der Segmente. Im Zuge dessen verlassen die Vorstandsmitglieder David Schelp und Peter Krueger den Konzern.
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CEO.Finance

Vom Iran-Krieg in die europäische Schuldenkrise?

Kriege waren oft Auslöser für Schuldenkrisen. Der aktuelle Iran-Krieg könnte den ohnehin verschuldeten Euroraum zusätzlich belasten und Inflation sowie Zinsen weiter antreiben.

Kriege waren immer wieder mit Staatsschuldenkrisen und Inflation verbunden. Der Siebenjährige Krieg und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg brachten Frankreich an den Rand des Staatsbankrotts. Die Revolution (1789), die Konfiszierung der Kirchengüter und der Assignaten-Handel führten zu Inflation.

Der Erste Weltkrieg und immense Reparationsforderungen brachten das ausgelaugte Deutsche Reich an den Rand des Bankrotts. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien löste eine Hyperinflation (1923) aus, die die deutsche Mittelschicht enteignete.

Der kostspielige Vietnam-Krieg der USA wurde mithilfe der Zentralbank finanziert, was in die Hochinflationsphase der 1970er-Jahre führte. Weil der Dollar im Zentrum des Weltwährungssystems stand, exportierten die USA die Inflation, die Stagnation nach sich zog.

Auch wenn der Iran-Krieg nur mit Luftangriffen geführt wird, sind die Kosten beträchtlich. US-Präsident Donald Trump will 200 Milliarden Dollar vom Kongress, obwohl die USA schon mit rund 39 Billionen Dollar verschuldet sind. Europa ist zwar nicht beteiligt, doch es hat hohe Lasten durch den Ukraine-Krieg. Allein die Hilfen der EU werden auf bisher über 200 Milliarden Euro geschätzt. Hinzu kommen wirtschaftliche Lasten aus den Sanktionen gegen Russland.

Nachdem der Ukraine-Krieg bereits 2022 einen dramatischen Anstieg der Inflation gebracht hat, steigen die Öl- und Gaspreise wieder. Da Energie ein wichtiger Input für alle anderen Güter und Dienstleistungen ist, droht ein Preisanstieg auf breiter Front.

Aus diesen Gründen steigen deshalb die Zinsen von Staatsanleihen:

Erstens gilt: Nominalzins ist gleich Realzins plus erwartete Inflation. Wenn die Inflationserwartungen steigen, dann ziehen auch die langfristigen Zinsen an.

Zweitens hatten viele Finanzmarktakteure auf konstante Zinsen gesetzt. Da plötzlich steigende Leitzinsen erwartet werden, fallen die Anleihekurse. Manche Anleger müssen Staatsanleihen verkaufen, was die Zinsen zusätzlich nach oben drückt.

Steigende Zinsen auf Staatsanleihen bedeuten für Regierungen höhere Zinslasten. Wegen höherer Ausfallrisiken müssen die Risikoaufschläge wachsen. Zuletzt ist der Zinsanstieg für hoch verschuldete Euroländer wie Italien und Frankreich besonders stark ausgefallen.

Die steigenden Zinsen werden die Strukturprobleme des Euroraums sichtbarer machen. Kostspielige Sozialsysteme schaffen hohe Abgaben- und Steuerlasten, die die Leistungsanreize und das Wachstum dämpfen.

Die Staatsverschuldung von Spanien, Frankreich und Italien liegt bei 100, 117 und 137 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, sodass das Ausfallrisiko hoch ist. Ein drohender Staatsbankrott in nur einem Euroland dürfte ausreichen, um den heterogenen Währungsraum wieder ins Wanken zu bringen. Das Risiko einer neuen Schuldenkrise in Europa könnte die EZB trotz steigender Inflation dazu zwingen, wieder Staatsanleihen zu kaufen und die Zinsen zu senken. Statt weniger, gäbe es mehr Inflationsdruck.

Irankrieg treibt Zinsen auf Staatsanleihen nach oben. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Der Iran-Krieg ist ein neuer Belastungstest für den Euroraum, weil er das ohnehin fragile Wachstum weiter bremst. In den bereits politisch stark polarisierten europäischen Gesellschaften schaffen steigende Energiepreise für die Menschen neue Lasten. Wenn die Europäische Zentralbank mit Zinssenkungen und möglichen neuen Staatsanleihekäufen eine neue Krise verhindern muss, dann wird das Vertrauen in den Euro weiter sinken.

Mit etwas Glück wird ein baldiger Waffenstillstand im Nahen Osten für Europa Linderung bringen. Doch der Iran-Schock sollte eine Mahnung sein, zügig die Staatsfinanzen durch ernsthafte Reformen unter Kontrolle zu bringen.

Gunther Schnabl ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Thinktanks Flossbach von Storch Research Institute. In seiner Kolumne beleuchtet er regelmäßig Themen rund um die internationalen Finanzmärkte.

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CEO.Nachtisch

Unser Tipp führt Sie heute zu einem Comic über Wirtschaft. Am 1. April erscheint nach fast 15 Jahren eine erweiterte Neuausgabe von Economix. Das Buch bietet in leicht zugänglicher Form eine Übersicht über Geschichte, Grundlagen und aktuelle Herausforderungen des Wirtschaftssystems. Behandelt wird auch die Klimakrise. Dazu kommen Kurzporträts von Ökonominnen und Ökonomen mit ihren Ideen, ein Glossar wichtiger Begriffe und viele Illustrationen. Okan Bellikli
Michael Goodwin/Dan E. Burr: Economix. Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht) | Jacoby & Stuart

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CEO.Quote

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