Mittelständler drängen ins Rüstungsgeschäft – aber nicht für alle geht der Plan auf

Immer mehr Mittelständler steigen in das Rüstungsgeschäft ein, angezogen von steigenden Verteidigungsausgaben. Experten warnen jedoch, dass der Sektor zu klein ist, um alle profitieren zu lassen.

11. April 2026
Autonome Kochrobotor-Conatiner - bitte Bilder Download erlauben
Moderne Technologie ersetzt Gulaschkanone: Autonomen Kochroboter der Circus Group bereiten Mahlzeiten in Kasernen zu – und wenn es sein muss auch nahe der Front. (Circus Group)

Der Mittelstand setzt verstärkt auf Rüstung. Im Februar 2025 zählte der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) 265 Mitglieder – heute sind es über 540. Vor der „Zeitenwende“, dem Angriff Russlands auf die Ukraine, hatte der Verband lediglich 120 Mitgliedsunternehmen, fast alle im Bereich Rüstung angesiedelt. Das hat sich geändert. Auf der Mitgliederliste des BDSV stehen Unternehmensberatungen, Rechtsanwaltskanzleien, Software- und Elektronikfirmen und Maschinenbauer. Von den 540 Mitgliedern seien rund 80 Prozent Mittelständler, heißt es vom Verband.

Unternehmen wie Heidelberg Druckmaschinen erschließen den Markt. Als Hersteller von großen Maschinen für Printmedien braucht das Unternehmen in einer digitalen Welt neue Perspektiven – und glaubt, sie gefunden zu haben: Die deutschen Verteidigungsausgaben sollen bis 2030 auf etwa 180 Milliarden Euro steigen, EU-weit wurden 2025 rund 381 Milliarden Euro ausgegeben. „Defense wird für uns ein planbares, margenstarkes Geschäftsfeld mit direkten technologischen Synergien zu unserem Kerngeschäft“, sagt CEO Jürgen Otto zu Table.Briefings.

Im kommenden Jahr wolle er den Umsatz der Sparte Industry, in der das Verteidigungsgeschäft liegt, auf 100 Millionen Euro verdoppeln. „Mittelfristig sollen die Bereiche Defense und kritische Infrastruktur zu einem signifikanten Umsatztreiber werden.“ Es handele sich aber, betont Otto, um einen „strukturellen Wachstumspfad – nicht um eine rein kompensatorische Maßnahme.“

Es könnten sich also neue Marktchancen ergeben, dennoch warnen einige vor der Goldgräberstimmung. „Ich sehe eine Art Verzweiflung, die da aus der Industrie spricht“, sagt Patrick Kaczmarczyk vom Lehr­stuhl für Makroökonomik und Wirtschafts­politik an der Universität Mannheim. Die Militarisierung der Wirtschaft sei eine risikoreiche Wette mit niedriger gesamtwirtschaft­licher Rendite, Impulse für wirtschaftliches Wachstum entstünden kaum, so das Ergebnis seiner Studie. „Das Geld fließt vor allem in höhere Preise für Rüstungsgüter und weniger in zusätzlichen industriellen Output.“

Volkswirtschaftlich betrachtet sei die Rüstungsbranche zu klein, erklärt Kaczmarczyk. Weder könnten verlorene Industriearbeitsplätze noch rückläufige Auftragsvolumina kompensiert werden. Der Ökonom stellt fest: „Für den Mittelstand wird eine Hinwendung zur Rüstungsproduktion nicht die Lösung aller Probleme sein.“ Zudem gehe die Wette speziell für KMUs nicht auf. Fast die Hälfte des Sondervermögens etwa floss an Rheinmetall. „Konzerne mit Nähe zur Politik profitieren, bei den Kleinen kommt insbesondere kurzfristig so gut wie gar nichts an.“

Entwicklung der Mitgliedzahlen Rüstungsverband. Zur Darstellung von Grafiken und Karten aktivieren Sie bitte den Bilderdownload in den Einstellungen oberhalb dieses Briefings.

Um überhaupt wahrgenommen zu werden, setzen viele Quereinsteiger auf eine Mitgliedschaft im Rüstungsverband. Das erklärt den starken Mitgliederzuwachs. Auch Technisat ist diesen Weg gegangen, berichtet Geschäftsführerin Evelyn von Hellfeld. Das Unternehmen, 1987 mit TV-Satelliten- und Digitalreceivern gestartet, entschied sich, mit seiner EMS-Sparte (Fertigungsdienstleitungen für Elektronik) in das Rüstungsfeld vorzudringen.

Früher produzierte Technisat vor allem für den Fernsehsektor. Nach Einbruch des TV-Marktes fertigte das Unternehmen für die Automobilbranche, Medizin- und Netzwerktechnik – und auch Platinen für Drohnenhersteller. Jetzt beliefert Technisat unterschiedliche Zulieferer, also nicht direkt die Bundeswehr, was den Einstieg in das Geschäft erleichtert habe. Doch der Wettbewerb nehme zu: „Man spürt, dass viele ehemalige Automotive-Hersteller freie Kapazitäten haben und alle in diese Branche schielen.“

Schwer bleibt insbesondere der Zugang zum Beschaffungs- und Vergabesystem der Bundeswehr. Etwa sei es nicht leicht herauszufinden, was die Streitkräfte gerade genau brauchen, speziell an innovativen Lösungen. Das werde oft nicht öffentlich kommuniziert, berichtet ein Branchenexperte. Man wolle ja nicht, „dass Russland weiß, an welcher Stellen aufgerüstet wird“. Ein Blick auf die e-Vergabe-Plattform der Bundeswehr zeigt gleichermaßen, dass nicht nur Bedarf an klassischen Rüstungsgütern besteht. Es finden sich Aufträge zur Lieferung von Gaszählern und 22 großen Boots-Fendern, zur Wartung von Rollläden und Sonnenblenden oder die Pacht einer Kasernen-Kantine.

Potenziale sehen daher auch Firmen aus Bereichen, in denen es keine direkte Konkurrenz mit den Rüstungskonzernen gibt. Seit 2021 baut das Start-up Circus Group von Nikolas Bullwinkel Kochroboter. Zielgruppen waren erst Supermärkte, Tankstellen, Flughäfen, Krankenhäuser oder Konzern-Kantinen. Jetzt sind die US-Army, die Bundeswehr, die litauische und die ukrainische Armee Kunden. Das Unternehmen entwickelte neben seiner Indoor-Linie einen autonomen Kochroboter in einem stabilen Outdoor-Container, der bis zu 2.500 Essen pro Befüllung zubereiten kann.

Aktuell mache der Defense-Bereich 20 Prozent des Neugeschäfts aus, berichtet Bullwinkel. „Ich gehe aber fest davon aus, dass es im nächsten Jahr Richtung 40 bis 50 Prozent geht“, denn wenn ein Kunde wie die Bundeswehr erstmal überzeugt ist, kaufe sie hunderte Geräte für ihre Kasernen. Die Aussicht auf Wiedereinführung der Wehrpflicht macht dem Kochroboter-Hersteller große Hoffnung.

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Letzte Aktualisierung: 11. April 2026